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Neue Lesefrüchte: Fjodor Dostojewskij – Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

14.01.2011 sm

Neulich sah ich mir zum wiederholten Male den Film “Die Frau mit den 5 Elefanten” von Vadim Jendreyko an, der das Leben von Swetlana Geier erzählt, der Übersetzerin von Fjodor Dostojewskij. Ich kenne kaum einen anderen Film, in dem so feinsinnig der Zusammenhang von Sprache und Wirklichkeit gezeigt wird, auch die Unvereinbarkeiten der beiden Sphären, auch die Inkompatibität der russischen und der deutschen Sprache. Wenn man an die Holzhammer-Bildmetaphern denkt, mit denen ständig in der “Tagesschau” und anderen Erzeugnissen des sogenannten öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf einen eingedroschen wird, weiß man die unglaublich subtile Verbildlichung selbst sehr komplexer Aussagen in diesem Film zu schätzen. “Die Frau mit den 5 Elefanten” ist als DVD verfügbar. Also: Ansehen. Punkt und Ausrufezeichen.

Inspiriert durch Swetlana Geier habe ich Dostojewskij hervorgeholt. Ein kleineres Werk von ihm: “Aufzeichnungen aus dem Kellerloch”. Friedrich Nietzsche soll dieses Buch, wie der Klappentext verkündet, “für einen Geniestreich der Psychologie” gehalten haben. Genau das ist es, und eine große Vernunftkritik auch und vieles mehr. Und jetzt ein paar Zeilen daraus:

“(..) Ich glaube sogar, die beste Definition des Menschen wäre die folgende: ein zweibeiniges undankbares Wesen. Aber das ist noch nicht alles; das ist noch nicht sein Hauptfehler; sein Hauptfehler ist seine beständige Unmanierlichkeit (…) Unmanierlichkeit, folglich auch Unvernunft; denn es ist längst bekannt, daß Unvernunft nicht anders entsteht als durch Unmanierlichkeit. Versuchen Sie es, werfen Sie einen Blick auf die Geschichte der Menschheit: nun, und was sehen Sie? (…) Man kann alles über die Weltgeschichte behaupten, alles, was dem krausesten Hirn einfallen mag. Nur eines kann man nicht behaupten, nämlich: daß sie vernünftig sei. (…) Jetzt frage ich Sie: Was kann man nun von dem Menschen erwarten, von einem Wesen, das mit solch sonderbaren Eigenschaften ausgestattet ist? Überschütten Sie ihn mit allen Erdengütern, ertränken ihn in Glück bis über beide Ohren, so daß an der Oberfläche des Glücks nur noch Bläschen aufsteigen, wie im Wasser, verschaffen Sie ihm einen solchen Wohlstand, daß ihm nichts anderes zu tun übrigbleibt, als zu schlafen, Pfefferkuchen zu knabbern und für den Fortgang der Weltgeschichte zu sorgen – so wird er Ihnen auch hier, dieser selbe Mensch, auch hier aus bloßer Undankbarkeit, aus Mutwillen einen Streich spielen. Er wird sogar die Pfefferkuchen aufs Spiel setzen und den verhängnisvollsten Unsinn wünschen, die unökonomischste Sinnlosigkeit, einzig, um in diese positive Vernünftigkeit sein eigenes, verhängnisvolles, phantastisches Element einfließen zu lassen.”

aus: Fjodor Dostojewskij – Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, übersetzt von Swetlana Geier, Frankfurt a. M. 2008 (Fischer Klassik), S. 34 ff.

Image of Aufzeichnungen aus dem Kellerloch


Beiläufig sei noch erwähnt, dass dieses Gedankengut auch in “Eduards Traum” von Wilhelm Busch aufblitzt.


Der Nonsinn-Adventskalender

08.12.2010 sm

Das Fensterchen zum 9. Dezember

Wilhelm Busch – Der Eispeter


Eine empfehlenswerte Buchausgabe:

Image of Und die Moral von der Geschicht: Sämtliche Werke I Und die Moral von der Geschicht - Sämtliche Werke II  Was beliebt ist auch erlaubt - Sämtliche ... der geschicht. Was beliebt ist auch erlaubt


Wilhelm Busch

09.01.2008 sm

Ein besonderes Jubiläum ist heute zu begehen, also – und hier spielen wir jetzt erst einmal einen Tusch ein, hauen auf die Pauke und lassen sämtliche verfügbaren Fanfaren erklingen: genau vor hundert Jahren starb Wilhelm Busch. Für Robert Gernhardt zählt er zu den Könnern seines Fachs und „nahm so ziemlich alles vorweg, was viel spätere Stilrichtungen und Künstler dem Menschenbild und der Welt der restlichen optischen Erscheinungen antun sollten. Busch hat nämlich den Jugendstil vorweggenommen

den Pointillismus
den Expressionismus
den Kubismus
den Kubismus, jawohl
den Futurismus
den Konstruktivismus
den Surrealismus
den Tachismus
den Tachismus, doch
die Op- bzw. Pop-Art und
die Neue Figuration.

Ferner nahm Busch eindeutig und zweifelsfrei folgende Künstler vorweg:
Salvador Dali und Claes Oldenburg
Henry Moore
Jean Dubuffet
Alberto Giaccometti
sowie Günter Uecker und
Georg Baselitz.”

Die Belege, die Gernhardt zu jeder dieser Behauptungen mit schlagender Beweiskraft hinzustellt, kann ich leider hier nicht abbilden. Der äußerst lesenswerte Aufsatz findet sich in Gernhardts noch lesenswerterem Buch „Der letzte Zeichner“, das nur von den lesens- und betrachtenswertestestesten Arbeiten des Meisters daselbst, also Busch, getoppt wird.

Und hier der ultimative Rat: auf keinen Fall eine Ausgabe von Buschs Werken kaufen, die nicht mindestens alles enthielte, sowieso.


Wörterbücher 2

01.10.2007 sm

Zunächst einmal möchte ich mich bei meinen Lesern entschuldigen für die mehrwöchige Vernachlässigung meines Blogs. Und natürlich freue ich mich, dass Schelmuffsky wahrgenommen und sogar gelesen wird.

Jetzt aber bin ich wieder da und will anknüpfen beim letzten Eintrag, zu dem es ein paar interessante Kommentare gab. Ja, Makaris habe ich inzwischen auch gelesen und eine gewisse Sympathie für den Wörterbücher studierenden Kommissar Kostas Charitos entwickelt. Ich selbst bin bei der Wörterbuchlektüre auf das irritierende Wort Haha gestoßen. Es ist ungefähr genauso aufschlussreich wie der Eintrag Baranetz , den man im von Günter Eich so geliebten Meyers Konversationslexikon (6. Auflage, 1906) im zweiten Band (Astibe bis Bismarck) findet:

„Baranetz (Barometz, Baronetz, Pflanzenschaf), nach einem Pelzhändlermärchen eine in den Steppen der Tarterei wachsende Pflanze von der Gestalt eines Schafes, dessen Nabel wie ein Stengel aus der Erde aufsteigt. Das Lamm weidet das Gras ab, soweit es die Nabelschnur erlaubt, und stirbt dann. Sein sehr feines Fell, in Wahrheit das zarte Fell ungeborener Lämmer, dessen Herkunft verdeckt werden sollte, dient zu Kopfbedeckungen, zum Verbrämen kostbarer Kleider und wird als Talisman getragen…“

Was lernen wir daraus? Das Verbrämen mit dem Pflanzenschaffell verbrämt gleichzeitig die Wahrheit. Die Wortschöpfung dient dem Vertuschen einer grausigen Handlungsweise von Pelztierzüchtern. Insofern ist das Baranetz Allegorie einer gesellschaftlichen Praxis, in der die brutalen Verhältnisse sprachlich aufgehübscht werden und es ist quasi der Archetyp des alljährlich gewählten Unwort des Jahres.

Was aber ist der oder das Haha? Gestolpert bin ich über Haha bei der Vorbereitung der Einführung zu einer Leseperformance mit dem Titel „Grüße aus dem Paradies“. Verbreitete Einstellung zum Paradies ist: Super, da wollte ich auch immer schon mal hin, z. B. gilt dies bei islamistischen Selbstmordattentätern. Hierzulande und heutzutage ist das Paradies profanisiert: Paradiescreme und Urlaubsparadiese usw. als Nachklang vom Garten Eden.

In den drei im vorderen Orient entstandenen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam wird das Paradies als Garten aufgefasst. Das Paradies als umschlossener Raum. Das Wort Garten kommt etymologisch von Hürde, Hof, Haus als umzäunter Besitz. In anderen Sprachen ist das ganz ähnlich, jardin, garden, gaard, hortus. Der Hortus conclusus ist insofern ein Pleonasmus, Hortus heißt bereits für sich umfriedet und verschlossen, das Paradies ist ein Sperrbezirk der besonderen Art, in den man nur nach verschärfter Eingangskontrolle kommt. Allerdings wäre das Paradies langweilig – und Hand aufs Herz, wer fände z. B. das Paradies in der Bibel nicht dröge-, wenn man sich nicht als Paradiesinsasse ein klein wenig am Elend da draußen ergötzen könnte bzw. nicht auch denen da draußen irgendwie vorgaukeln könnte: „Paradies, finde ich geil“ (Nebenbei bemerkt: in Wilhelm Buschs lesenswerter Antiutopie “Eduards Traum” hängen sich die Bewohner des Schlaraffenlandes auf, weil es keine Schadenfreude gibt).

Genau hierfür ist der Haha gut. Der Haha ist zunächst ein Element der englischen Gartenarchitektur. Um einen Park wird ein Graben gelegt, darin eine Mauer. Dadurch hat man vom Park aus gesehen den Eindruck, dieser gehe bruchlos in die Naturlandschaft über. Von außen aber ist der Garten oder das Paradies für alle unerreichbar, die nicht durch das Tor hereinkommen. Angeblich beruht der Haha auf dem Aha-Effekt, den der Parkbewohner hat, wenn er feststellt, dass der bruchlose Übergang ein schöner Schein ist. Ich aber lese Haha als die höhnische Begrüßung aller, die von außen nicht in den Garten gelangen: Haha, ihr kommt hier nicht rein.

Und jetzt ergeht der Auftrag, nach Hahas zu suchen und vielleicht auch nach weiteren ähnlich bedeutungsschwangeren Wörtern.