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Schelmuffsky im Gespräch mit Dr. Martin über Tautologien

02.03.2011 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, “Geil ist geil”: Diesem Slogan begegnet man dieser Tage häufiger als einem lieb ist.

Dr. Martin: Richtig. Vorher hieß es mal “Geiz ist geil”, eine Kombination aus Avaritia = Geiz (Habgier) und Luxuria = Wollust (Ausschweifung, Genusssucht), also der zweiten und der dritten der sieben Todsünden. Sie erinnern vielleicht noch den Thriller “Sieben”.

Schelmuffsky: Jetzt also eine Tautologie. Bei Tautologien soll man ja vorsichtig sein.

Dr. Martin: Ich gebe Ihnen ein einfaches Beispiel, das schlagend die Verlogenheit von Tautologien zeigt: Eine Dissertation ist eine Dissertation.

Schelmuffsky: Heißt: Eine Dissertation ist eine Dissertation ist keine Dissertation.

Dr. Martin: Als heute im Radio gefragt wurde, was der Freiherr zu Guttenberg jetzt wohl machen werde, meinte meine Tochter: “Der hat ja jetzt Zeit, um seine Doktorarbeit zu verbessern.”

Schelmuffsky: Richtig. Aber noch mal zurück: Tautologien sind also immer eine Lüge.

Dr. Martin: Nein. Von Gertrude Stein stammt die oft zitierte Tautologie: “Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose”.

Schelmuffsky: “Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose”. Das ist ein guter Schluss. Ich danke Ihnen für das Gespräch.


Scheichwerbung auf nonsinn.de: Ihre Chance

19.01.2011 sm

Was den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten Recht ist, ist bei nonsinn.de billig: Buchen Sie Scheich-Werbung auf nonsinn.de!

Zeichnung: Katharina Schmidt



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Innocent versorgt Dich mit reinem Gewissen!

07.01.2011 sm

Unsere kostenlose Gedankensperrmüll- und Gefühlsschrottannahme wurde bislang kaum genutzt (siehe Adventskalender vom 17. Dezember). Jetzt aber schickt sich ein anderes Unternehmen an, für Erleichterung zum Jahresbeginn zu sorgen:



Groß ist die Versuchung, sofort den Titel des dämlichsten Produktnamens für jetzt und alle Zeit an den Erzeuger dieses neuen Obstgetränks zu vergeben. Andererseits ist es natürlich sehr löblich, die seit dem Wegfall des Ablasshandels der katholischen Kirche entstandene Lücke endlich wieder zu schließen und eine einfache Möglichkeit für ein “reines Gewissen” zu schaffen. Dass zur Saftproduktion das Obst vermutlich in Massenhaltung darben muss und brutalstmöglich zergequetscht und ausgepresst wird, lassen wir hier einmal außer Acht. Wohlinformierte Kreise kolportieren, dass Guido Westerwelle vor seiner Rede auf dem Dreikönigsparteitag (wer sind eigentlich die anderen beiden Könige?) gleich mehrere Liter Innocent getrunken haben soll. Aber das ist natürlich Quatsch. Das hat Westerwelle doch gar nicht nötig.


Der Nonsinn-Adventskalender

15.12.2010 sm

Das Fensterchen zum 16. Dezember:



aus: Rhein Main ExtraTipp

Dies wäre natürlich wieder ein Fall für Thilo Bode. Mit was das Fleisch substituiert wird, erfährt man nicht, denn “pflanzliche Fette” kann ja soviel wie alles bedeuten. Warum dies Surrogat ausgerechnet etwas für “Ernährungsbewusste” sein soll, bleibt ebenfalls opak. Immerhin aber hat das Marketingprodukt unseren Wissenschaftsredakteur, Dr. Rainer Mumpitz, auf eine bahnbrechende Idee gebracht: Hirnplus. Lesen Sie hierzu das Interview mit ihm:

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz, was bedeutet Hirnplus.

Dr. Rainer Mumpitz: Bei Hirnplus wird körpereigenes Hirn durch naturidentisches Stroh ersetzt. Dies bringt für den Nutzer von Hirnplus eine Reihe von eklatanten Vorteilen.

Schelmuffsky: Welche?

Dr. Rainer Mumpitz: Studien mit ersten Probanten, die vor der Behandlung zur Grübelei neigten, zeigten, dass Hirnplus das exaltierte Nachdenken über alles Mögliche stoppt. Die Probanten waren umgehend glücklicher und bestätigten damit das berühmte Zitat von Erasmus von Rotterdam:
“Es tut halt so sauwohl, keinen Verstand zu haben, dass die Sterblichen um Erlösung von allen möglichen Nöten lieber bitten, als um Befreiung von der Torheit.”

Schelmuffsky: Das klingt verlockend. Welche Eigenschaften hat Hirnplus noch?

Dr. Rainer Mumpitz: Durch die Strohschicht wird das Resthirn gut gegen Kälte und Hitze geschützt. Ein Sonnenstich z. B. ist praktisch ausgeschlossen. Man kann stundenlang ohne Sonnenschutz in der Sonne bräunen.

Schelmuffsky: Gibt es auch irgendwelche Nebenwirkungen?

Dr. Rainer Mumpitz: Hirnplus-Behandelte klagen anfangs über Einschlafprobleme, da sie sich erst einmal an das Rascheln im Kopf gewöhnen müssen. Das geht aber sehr schnell.

Schelmuffsky: Welche Folgen hat Hirnplus für die Gesellschaft?

Dr. Rainer Mumpitz: Auch Sie werden ja schon häufiger bemerkt haben, dass es Unzählige gibt, die dringend auf Spenderhirn warten. Ihnen kann zukünftig mit der durch Hirnplus substituierten Hirnsubstanz geholfen werden.

Schelmuffsky: Das klingt in der Tat sensationell. Herr Dr. Mumpitz, vielen Dank für diese erhellenden Ausführungen.


Neue Serie: Hier stimmt was nicht, oder: Die Verballhornung der Woche

03.09.2010 sm

‘Anzeige’

“Leistung, die Leiden schafft.”
Deutsche Bank


Interview der Woche: Sexismus in der Werbung, Prostitution als Lebenshaltung

06.03.2010 sm

Schelmuffsky: Eigentlich denkt man jedes Mal (so wie neulich beim Punkteplakat; siehe “Die neue Ehrlichkeit”): Sexistischer, dämlicher und vulgärer geht es nicht mehr. Und wird dann doch spätestens ein paar Tage später eines Besseren belehrt.

Dr. Martin: Stimmt. Ab und an schaue ich noch fern. Wie überall in den Medien präsentieren sich auch dort ständig irgendwelche vermeintlichen weiblichen Promis, die sich gerade für den Playboy ausgezogen haben, mit den Worten, sie seien ja so mächtig stolz auf ihren Körper und hätten das ihren Eltern, dem Partner, den Kindern oder dem Papst zu liebe getan.

Schelmuffsky: Ich bekam heute eine Werbebeilage von Karstadt in die Hand gedrückt. Eigentlich dachte ich, Karstadt sei letztes Jahr auch pleite gegangen. Weit gefehlt. Also hier erst einmal ein Blick auf die bisher sexistischste, dämlichste und vulgärste Werbung, die mir bislang in die Augen stach (wir sprechen uns nächste Woche wieder):

Groesse-zaehlt

Zunächst einmal muss man ja festhalten, dass hier für Nintendo-Konsolen geworben wird, also Spielgeräte, die üblicherweise von 7 – 13-Jährigen gekauft oder gewünscht werden.
Welches geniale Werbehirn den Zusammenhang von Melonen und … ersonnen hat, wird leider nicht vermerkt. Jedenfalls könnte man wahrscheinlich mit wenigen Eingriffen eine einschlägige Kleinanzeige im Wochenblättchen (z. B. für den Swingerclub im nächsten Dorf) daraus machen.

Dr. Martin: Und was lehrt uns das? Prostitution ist überall und längst zur gängigen Lebenspraxis geworden. Ich müsste das mal wieder bei Walter Benjamin nachlesen. Spontan fällt mir nur das Zitat aus dem “Passagenwerk” ein:

„Die Liebe zur Prostituierten ist die Apotheose der Einfühlung in die Ware.“
Walter Benjamin, Passagenwerk I, 637

Und an einer anderen Stelle schreibt Benjamin, wenn ich mich recht erinnere, dass die Prostiutierte “die Verkäuferin und Ware in einem” sei. Wenn man sich beispielsweise die Plakate ansieht mit Heidi Klum im Bordsteinschwalben-Look (vgl. Ernest Bornemann – Sex im Volksmund. Der obszöne Wortschatz der Deutschen, Stichwort “Prostitution”: Unterrubrik “Straßenmädchen”), die gerade überall rumhängen, dann wird sofort klar, dass hier Ernst gemacht wird mit Benjamins Charakterisierung der Prostituerten, nur dass an die Stelle des vermeintlich Antibürgerlichen (da war auch schon damals viel Idealisierung im Spiel), die die Prostituierte zu einer bevorzugten Bildfigur des Expressionismus werden ließ (z. B. bei Kirchner), jene eiskalte Glätte getreten ist, die augenfällig macht: Hier ist die Frau nicht nur zur Ware geworden, die sich selbst verkauft, sondern auch in einem Maße verdinglicht, dass wir gleich wieder über Günter Anders sprechen könnten.

Schelmuffsky: Und gleichzeitig ist eine allgemeine Verbiederung zu konstatieren.

Dr. Martin: Verbiederung und Vulgarität haben sich noch nie gegenseitig ausgeschlossen. Im Gegenteil. Aber auch zum Thema “Verbiederung und Medien” findet man bei Anders schon einige bis heute gültige Aussagen und auch zum Thema Verdinglichung und Scham, die allenfalls noch verspürt wird, wenn die Verdinglichung nicht klappt und man nicht das perfekte Produkt von diversen Verschönerungen geworden ist, das man sich erträumt hat. In “Der Mensch als Phantom und Matrize”, einem Aufsatz aus dem Jahre 1956 (!), schreibt Günter Anders über eine Frau, die zum Film will und sich dafür diversen “Schönheits-”Operationen und anderen Torturen unterzieht:

“Nachdem sie dieses Leben ein halbes Jahr geführt und ihren alten Adam und ihre alte Eva so hatte bearbeiten lassen, bis von dieser wirklich nichts mehr da war; und als nun in ungeahntem Glanze der neue Mensch: das Phantom, aus ihr aufgestiegen war – die Epiphanie trat etwa vor ungefähr vor vierzehn Tagen ein – da machte sich nun also zum zweiten Male auf den Weg zu ihrem Phantomhändler (= der Filmproduzent; S.M.). Daß sie es war, die da loszog, ist freilich keine genaue Aussage. Mit ihrem neuen Haar, ihrer neuen Nase, ihrer neuen Figur, ihrem neuen Gang, ihrem neuen Lächeln (oder vielmehr mit altem, längst gesehen Haar, mit überall gesehener Nase, mit überall gesehenem Lächeln) war sie eine Fertigware, ein unbestimmter Artikel, eine völlig andere; ‘alle anderen’. ‘Um so besser’, behauptete sie, und sie hatte wohl recht.”

In der Tat wird sie beim Film genommen und – wie Anders schreibt -, steigt “zum Range einer Matrize für Matrizen auf”. Und die Matrizenwesen sehen wir allenthalben und auch die verzweifelten Versuche, zu Matrizen für Matrizen zu werden.

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin. Ich danke Ihnen für das Gespräch und bin sicher, dass wir schon nächste Woche über die nächsten Werbeanschläge auf den guten Geschmack sprechen könnten.


Die neue Ehrlichkeit: Beobachtungen aus dem Alltag

10.02.2010 sm

Das neue Jahr begann bei der Frauenzeitschrift Brigitte so: “Ohne Models – eine neue Epoche beginnt”. Naturlich gab es gleich böse Zungen, die behaupteten, die Initiative sei allein dem Zwang zum Sparen geschuldet. Eher ist aber doch eine gewisse Tendenz zu mehr Normalität und Ehrlichkeit in der Werbung zu konstatieren. Hierfür spricht nicht nur die “Ich bin doch blöd”-Kampagne der Mediamarkt-Kette mit Mario Barth, sondern auch ein Plakat wie dieses:

Menorca klein

Freu Dich auf Menorca: Dein Häuschen ist wirklich so grauenvoll wie auf dem Plakat abgebildet. Du siehst aber vermutlich auch nicht sehr viel anders aus als der Herr auf dem Bild links, also alles andere als Waschbrettbauch-bewehrt.

Dass es noch anders geht, also nach dem Motto: Sexismus stört eh keinen und Lügen sowieso nicht, zeigt ein Plakat, das nur ein paar Meter entfernt und unweit des “Nackt und braungebrannt sind Sie mir am liebsten”-Grillwagens in Frankfurt Sachsenhausen zu sehen war:

Punktewerbung klein

Die schönsten Punkte sind die, so wird suggeriert, die dir heimgezahlt werden von Payback. Gar zu dämlich, weil tautologisch hoch 3 ist hier allerdings die (horizontalge-)werbliche  Nutzung der literarischen Kunstform des Emblems, bei der uns die Punkte nur so in die Augen gerammt werden (in der Inscriptio, der Pictura und der Subscriptio), auf dass auch noch der Letzte daran glaube, dass ihm (denn nur um ihn geht es hier) im Urlaub ein kopfloser Hintern geboten wird und das sogar mit 35 % Frühbucherrabatt und Payback-Punkten (vielleicht eine Geschäftsidee für’s Bahnhofsviertel).

Ob diese Form der Dummheit allmählich von der neuen Ehrlichkeit verdrängt wird, das werden wir in nächster Zeit beobachten.