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Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
13. AUSFAHRT/TOTAL

29.11.2009 sm

An der Abfahrt Ransbach-Baumbach hatte sich ein „Maxi-Autohof“ angesiedelt, ein McDonald’s Drive In, eine TOTAL-Tankstelle. In dem Autohof konnte man essen und duschen, es gab einen Laden und eine Spielhalle auf zwei Etagen. Vor den Automaten standen fahrbare dickgepolsterte Kunstledersessel, aber nur in einem einzigen saß, tief heruntergerutscht, ein Mann mittleren Alters. Hinter einer Theke und beschirmt von zwei ausladenden Grünpflanzen in Hydrokulturkübeln langweilte sich eine junge Angestellte mit einer anderen. Sie schienen darauf zu warten, dass der Mann aus dem Sessel fiel. Ein anderer Angestellter hatte einen der Automaten geöffnet, um den Münzspeicher zu leeren; als das Rasseln der Geldstücke einsetzte, blickten die Frauen hinüber.
Ich setzte mich an eine der Maschinen und warf einen Euro ein. Als sich die Scheiben zu drehen begannen, wusste ich nicht, was ich machen sollte und drückte auf eine Taste, die plötzlich aufleuchtete, dann war das Spiel zu Ende. Der Trinker im Bahnhof von Niedernhausen fiel mir ein, der in der Gaststätte mit dem kaputten Lotto-Computer eine Stunde lang die Spielautomaten in Bewegung gehalten hatte. Wird nicht verraten, hatte er auf die Frage der Wirtin, von wo er denn herkomme, geantwortet.
Später schlenderte ich an der Tankstelle vorbei über den McDonald’s-Parkplatz, wo fast ausschließlich Autos mit dem Kennzeichen des Westerwaldkreises standen. Aus den Autos, die offenbar alle aus den umliegenden Ortschaften gekommen waren, stiegen gutgelaunte Familien, die sogleich in dem Schnellrestaurant verschwanden, wo schon andere gutgelaunte Familien saßen. Durch die Scheiben sah ich, dass selbst jetzt, mitten am Nachmittag, fast alle Tische besetzt waren. Dann ging ich quer über einen neu angelegten Verkehrskreisel zu der Brücke über die Autobahn und stellte mich an das Geländer. In Richtung Norden entfernte sich die A 3 schnell als eine graue Gerade, die nach einem knappen Kilometer, dort, wo sie nach Osten abknickte, mitten in der Landschaft zu enden schien. In Richtung Süden verschwand sie in einer langgezogenen Gegenkurve in bewaldetem Gebiet, in das ihr ein paar Hochspannungsmasten folgten. Als die Sonne hervorkam, wurden die Farben stärker: Am dunklen Waldrand leuchtete plötzlich eines jener orangen Streckentelefone auf, tiefblau das AUSFAHRT-Schild, strahlend weiß die scheinbar überall im Grün verteilten Leitpfosten. An einer Baustelle markierten rot-weiße Warnbaken einen Engpass, und gelbe provisorische Markierungen verschwenkten die Fahrbahnen über die durchbrochenen weißen Linien hinweg. Auf der anderen Seite des Mittelstreifens zeichneten sich meterlang geschwungene Bremsspuren ab, als habe jemand mit riesigem schwarzem Pinsel angesetzt, einige geheimnisvolle Buchstaben auf den Asphalt zu bringen. Fast immer, wenn ich von oben auf die Autobahn heruntergeschaut hatte, waren mir solche Bremsspuren aufgefallen, und nie hatte ich daraus lesen können, ob sie ein gutes oder ein schlimmes Zeichen waren, Zeichen eines Unfalls oder seiner knappen Verhinderung.
Plötzlich, ich musste schon minutenlang auf den unter mir hinwegschießenden Verkehr gestarrt haben, wurde es still in meinem Kopf. Jetzt, da nur noch die Autobahn in ihm zu sein schien, dachte ich nicht mehr an sie, ich hatte sie vergessen. Ich hörte auch keine anderen Geräusche mehr, denn der Lärm der Autobahn hatte alles andere unter sich begraben, und als ich die Autobahn vergessen hatte, hatte ich auch alle anderen Geräusche vergessen. Ich hörte nichts mehr, es war die vollkommene Stille, die Taubheit der tiefsten Versenkung. Ich spürte, wie durch die Brücke, auf der ich stand, ein leises Schaudern lief, als direkt hinter mir, aber fast unhörbar, ein Reisebus vorüberfuhr. Über mir zogen niedrige Wolken vorbei – seltsam schnell, wie im Zeitraffer eines Dokumentarfilms –, an den Bäumen flirrten die Blätter, ohne dass ich den Wind hörte, und über die Auf- und Abfahrten schoben sich lautlos die Lastwagen. Auf dem Kreisel, den ich eben noch durchquert hatte, schienen die immergleichen Fahrzeuge in stummer Verzweiflung unablässig im Kreis zu fahren, eingefangen und in Bewegung gehalten von einer unsichtbaren Kraft. Ich sah einen Film ohne Tonspur. Er dauerte nur kurz. Dann kam es mir vor, als erwachte ich schlagartig aus tiefem, langem Schlaf, und der Lärm setzte wieder ein, verschoben um eine Winzigkeit, als habe die Frequenz gewechselt. Auf der nach Süden führenden Fahrbahn hatte sich eine Karawane aus Lastwagen zusammengefunden, die sich stoisch ihren Weg bahnte. Ich fixierte einen von ihnen, der, noch einige hundert Meter auf der Geraden entfernt, für einen Moment die Scheinwerfer aufleuchten ließ. Vermutlich war es dieses als Gruß oder Warnung für andere Fahrer gedachte Signal, was mich auf den Lastwagen aufmerksam gemacht hatte. Im selben Augenblick brach aus seinem Schatten ein schwarzer Sportwagen, der ohne den Blinker zu setzen auf die linke Spur wechselte und Sekunden später mit einem pfeifenden Geräusch unter meiner Brücke hinwegtauchte. Ich drehte mich um, um ihn mit den Augen auf der anderen Seite weiter zu verfolgen, sah ihn aber schon nicht mehr.

 

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
12. Maulwürfe und Sonnensymbole (Wusch)

21.11.2009 sm

Auf dem Parkplatz standen Autos, die von weither gekommen sein mussten, aus Mannheim, dem ganzen Ruhrgebiet, sogar aus Holland. Ihre Fahrer hatten auf den letzten Kilometern den kleinen Pfeilen folgen können, die im Ort aufgehängt waren, aber wahrscheinlicher war es, dass sie den Weg längst kannten, denn die „Waffen- und Militariabörse“ fand hier in Ebernhahn seit vielen Jahren statt. Es war Samstagmittag, als ich die Rosenheckhalle am Ortsausgang betrat; bis zur Autobahn waren es nur ein paar hundert Meter. Am Eingang dekretierte der „Geschichtsverein Siershahn e.V.“: „Nicht seriös einzustufende Personen und Personen, die durch ihr Aussehen oder Verhalten ihrer politischen oder weltanschaulichen Gesinnung Ausdruck verleihen, sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Außerdem kann die Ausstellungsleitung ohne besondere Gründe jedem beliebigen Dritten das Betreten der Halle verbieten.“ Es herrschte Fotografierverbot.
Ich bezahlte fünf Euro Eintritt – für Schwerbeschädigte und Jugendliche gab es Ermäßigung – und stieg eine enge, in fleckigem Braun, Grün und Orange gekachelte Treppe hinunter, an deren Ende eine reichverzierte, schmiedeeiserne Gittertür offen stand. Die Halle war nicht sehr groß. Es war eine Sporthalle, die, wie auf dem Land häufig, auch für andere Zwecke genutzt werden konnte. Ich hatte den Eindruck einer schlagartig einsetzenden Dämmerung; das Tageslicht schien nur durch milchige Fenster hinein, und die Leuchtstoffröhren zwischen den Holzpaneelen der Decke verstreuten ein diffuses, schmutziges Weiß. Mit großen Spanplatten hatte man für die Händler Verschläge errichtet, zwischen deren Reihen drei Gänge liefen. Auf dem grünen Hallenboden waren die abgelaufenen Markierungen verschiedener Spielfelder zu erkennen.
An die Wand neben dem Treppenaufgang waren fünf DIN-A-4-Seiten geklebt, auf denen die für Besucher verbotenen Gegenstände genannt waren, die nicht in die Halle mitgebracht werden durften. Neben diversen Schusswaffen und ihrer Munition waren auch Stahlruten, Totschläger und Schlagringe aufgeführt. Diese Vorschriften galten selbstverständlich nicht für die Händler, auf deren Tischen Gewehre, Pistolen, Revolver und Handgranaten lagen, jeden Alters und aller Modelle, als ganzes oder in schimmernde Einzelteile zerlegt, dazu Messer, Dolche, Säbel und Bajonette, Patronengurte und Geschosshülsen aller Kaliber. Auf anderen Tischen lagen Hunderte Orden und Abzeichen, standen Schuhkartons voller Feldpostkarten und Briefe. In Alben und Plastiktütchen steckten Fotos in vergilbtem Schwarzweiß oder kolorierten Fehlfarben. Es gab komplette Uniformen der Reichswehr, der Wehrmacht, der Bundeswehr, der Volksarmee, der Roten Armee und sämtliche Teile noch einmal einzeln, zerschlissen oder wie neu, Mäntel, Mützen, Tarnanzüge, Koppelschlösser, Schulterklappen, und gleich daneben Schubladen voller schwarzglänzender Metallteile, Splinte, Bolzen, Ketten, die gut geölte Feinmechanik jener großen Maschine des Krieges. Eine faustgroße Hitlerbüste gab es für 250 Euro, ein großes Göring-Bild noch billiger. Gleich daneben standen preußische Pickelhauben und eine Kiste mit abgepacktem Dekontaminationsmittel aus Bundeswehrbeständen.
Über allem lag der Geruch nach Öl, Leder und alten Kunststoffen, nach feucht gewordenen Büchern und Textilien, dem ganzen Sperrmüll der Geschichte, und hinein mischte sich der Geruch der Aussteller und Besucher, der Geruch nach warmem Essen und kaltem Turnschweiß, der im Lauf der Jahre in die Wände der Halle eingezogen sein mochte.
Ich besah mir die ausgestellten Gegenstände genauer. Fast alle trugen kleine runde Aufkleber, auf denen Preise oder Nummern standen. Sie hatten aber eigentlich eine andere Funktion, denn sie überdeckten auf den zum Verkauf stehenden Dingen die Hakenkreuze, deren öffentliche Zurschaustellung verboten war. Ich entdeckte die Klebepunkte bald überall: auf dem Griff eines Tortenhebers wie auf dem eines Dolches, sie klebten auf Likörgläsern, Aschenbechern, Sturmfeuerzeugen, Gürtelschnallen, Porzellantellern und Siegelringen. Dann betrachtete ich die ausgelegten Bücher, die „Atlantikschlacht“ hießen oder „Kriegsdichter erzählen“, „Sperrfeuer um Deutschland“ oder „Was man über die Kriegsschiffs-Typen wissen muß“. Es gab Hitlers „Mein Kampf“ in verschiedenen Prachtausgaben und Hermann Görings „Reden und Aufsätze“. Als ich in „Kapitänlts. v. Möllers letzte Fahrt“ blätterte, 1942 in Hamburg erschienen, erzählte mir der Mann am Stand Kapitänleutnants von Möllers letzte Fahrt. Aber ich war abgelenkt, denn am Nachbartisch erscholl jetzt ein lautes Lallen, von dem ich kein Wort verstand. Es kam von einem alten Mann, offenbar ein Kriegsversehrter, dem eine Kugel oder Granate einen Teil des Unterkiefers weggerissen haben musste; jetzt hing ihm die Zunge seitlich heraus, ein eigentümlich dickes Stück Fleisch. Mit einem Ohr hörte ich, da der Händler mit den Büchern noch immer bei Kapitänleutnant Möllers letzter Fahrt war; sie musste lang und abwechslungsreich gewesen sein. Der Händler hielt mir das Buch hin. Unglücklicherweise war am Ende die gesamte Schiffsbesatzung im ehemals deutschen Tsingtau ermordet worden. Ich hatte keine Ahnung, was ich dazu sagen sollte. Der Alte mit dem weggeschossenen Unterkiefer unterhielt sich unterdessen mit einem jungen Mann, der ihn anscheinend zu verstehen schien. Der junge Mann trug eine auffallend modische Frisur: seine Haare, hinten und an den Seiten rasiert, waren oben mit Gel zu blondierten Spitzen ausgezogen. Er wog prüfend ein schweres Messer in der Hand und bemängelte, dass die eingeprägte Nummer nicht mit der Messerscheide übereinstimmte. Der Alte neben ihm lallte zustimmend. Das Messer sollte 35 Euro kosten, und der junge Mann nickte. „Und davon brauch ich noch zwei“, sagte er und hielt eine Magazintasche hoch. Der Alte lallte weiter; ich hielt noch immer das Buch in der Hand.
Als ich weiterging, fiel mir ein sehr dicker Händler in einem violetten Frotteeshirt auf, der sich langsam zwei helle dünne Baumwollhandschuhe überstreifte. Sie schienen so eng zu sein, dass er seine Hände offenbar nur mit Mühe hineinbekam. Unwillkürlich musste ich an einen Arzt denken, der sich für eine Operation fertig machte, oder an einen Mörder, wie ihn alte Filme zeigen, bevor er zur Tat schritt. „Wenn du einen besseren Stand willst“, sagte der dicke Händler zu einem anderen, jüngeren Händler, „dann musst du halt zu mir kommen.“ Ein seltsam drohender Unterton schien das Angebot zu begleiten. An einem anderen Stand hatte sich eine schwangere Thaifrau, eine Hand auf der Rundung ihres Bauchs, weit auf ihrem Hocker zurückgelehnt, während ihr Mann schweigend alte Fotos in Klarsichthüllen sortierte. Gegenüber tauschten ein Händler und sein Kunde ihr Geburtsjahr aus, es war 1935. „Für uns gibt’s kein Österreich“, hörte ich und sah, wie sich die beiden die Hände reichten. „Nur ein großdeutsches Reich.“
„Kein Ami da gewesen“, sagte ein anderer Händler enttäuscht zu seiner Frau, die abwesend hinter ihren Ziertellern und Reservistenkrügen hervorblickte. Die Frau regte sich nicht.
Im Gymnastikraum im ersten Stock war Essensausgabe. Es gab selbstgebackenen Kuchen, Würstchen, Pommes und Erbsensuppe, die von Frauen und Kindern verkauft wurden. Ich holte mir einen Becher Kaffee und suchte mir einen Platz an der Glaswand, durch die man in die Halle hinunter sehen konnte. Nach einiger Zeit setzte sich ein älterer Mann zu mir an den Tisch. Er aß ein Würstchen mit Senf.
„Wissen Sie, warum das hier ausgerechnet in Ebernhahn statt findet?“ fragte ich, nachdem ich ihm eine Weile beim Essen zugesehen hatte. Er aß sein Würstchen mit einer bedächtigen Sorgfalt, die an Behutsamkeit grenzte. „Finden Sie das hier nicht etwas abgelegen?“
Der Mann schaute mich freundlich an und schien nachzudenken. „Abgelegen …“, wiederholte er nach einer Weile, „das mag mit den Genehmigungen zusammenhängen. Das ist ja heute nicht immer ganz einfach.“
Er biss wieder in sein Würstchen. Er wusste, wie man so etwas aß. Er musste früher hellblond gewesen sein, mit sehr blauen Augen, die sich jetzt im Alter eingetrübt hatten. Er trug seine dichten weißen Haare wie einen Tropenhelm über seinem gebräunten Gesicht.
„Und denken Sie an die Mieten. Wo kriegen Sie denn sonst noch so billig eine Halle?“
„Also sind solche Sachen immer etwas abseits, am Rand?“ wollte ich wissen. Den Handzetteln, die an der Kasse auslagen, hatte ich entnommen, dass die nächste Börse in Haiger-Sechshelden, nicht weit von hier, statt fand. Auch so ein winziger Ort direkt an der Autobahn, diesmal an der A 45.
„Tja“, sagte der Mann, „aber was heißt schon am Rand?“ Er kam schon seit vielen Jahren nach Ebernhahn, wo er günstige Bedingungen vermutete. Dass dies nicht die erste Veranstaltung dieser Art hier war, hatte ich schon mit Hilfe des Internets herausgefunden, denn der vorhergegangene Termin im Frühjahr war ebenfalls angegeben. Es war der 20. April, der Geburtstag Hitlers.
„Ich bin heute das erste Mal hier“, sagte ich, „und habe das Gefühl, dass sich alle anderen kennen.“
„Ja“, sagte der Mann, „das ist schon so ein Familientreffen.“ Er hatte ein kindliches, hohes, kicherndes Lachen, das mich überraschte. „Wir haben da ja auch manchmal unsere etwas eigene Sprache.“ Er hatte wohl das Gefühl, mir etwas erklären zu müssen. Er schien mich jetzt für einen bestenfalls Interessierten zu halten, der noch keinerlei Erfahrung mit der Szene hatte.
„Wir sprechen ja zum Beispiel nicht vom Hakenkreuz. Wenn Sie mal hören, was da unten so gesprochen wird, dann hören Sie immer nur: Sonnensymbol.“
„Warum? Es ist doch nicht verboten, Hakenkreuz zu sagen.“
Der Mann zuckte die Schultern. „Oder wir sagen ‘Elite’. Das ist dann die Waffen-SS. ‘Haben Sie’n Koppelschloss von der Elite?’ So fragen wir.“
Er hatte sein Würstchen gegessen und faltete mit den Fingerspitzen die Serviette zusammen. Ein kleines Mädchen, das eben noch beim Getränkeverkauf geholfen hatte, kam und warf es in den Mülleimer.
„Sie sind ja sicher ein Sammler“, sagte ich. „Haben Sie sich denn auf etwas spezialisiert?“
„Alles über die Wehrmacht“, sagte der Mann. „Seit vierzig Jahren.“
„Haben Sie heute schon etwas gekauft?“
Der Mann schüttelte den Kopf. Der Markt war leer, die Preise zu hoch, aber noch immer kamen von Zeit zu Zeit große Posten auf den Markt, wenn irgendwo im Osten wieder ein Lager geräumt worden war. Da fuhren dann die großen Händler hin, und bald darauf war so viel auf dem Markt, dass die Preise fielen. So war es vor ein paar Jahren auch mit den Zielfernrohren gewesen.
„Erstklassige Ware“, sagte der Mann. „Wie neu.“
Zwei Tische hinter ihm hatte jetzt der Alte mit dem weggeschossenen Gesicht Platz genommen und versuchte, die Erbsensuppe zu essen. Ich blickte mich um und sah auch den dicken Händler wieder. Er hatte auch jetzt beim Essen noch einen seiner hellen Fingerhandschuhe an. Die Hand lag still wie ein eben erworbener Gegenstand neben dem Plastikteller.
„Zielfernrohre“, wiederholte der Mann mir gegenüber. „Aber natürlich müssen Sie da immer auf Fälschungen Acht geben.“
Ich versuchte mir einen Handel mit gefälschten Zielfernrohren vorzustellen.
„Auch bei Scherenfernrohren?“ fragte ich. Scherenfernrohre kannte ich aus amerikanischen Kriegsfilmen, in denen die Nazis mit ihnen über Sandsackbarrikaden guckten, bevor sie trotzdem eine Kugel traf. Selbstverständlich gab es auch Scherenfernrohre unten in der Halle.
Der Mann nickte bedächtig. Ich hatte keine Ahnung, ob er meine Frage überhaupt gehört hatte, aber genaugenommen war es ja auch keine Frage gewesen.
„Aber wenn Sie älter werden, kaufen Sie sowieso weniger.“ Er sah jetzt ein bisschen traurig aus. „Dann fragen Sie sich, was daraus wohl wird, wenn Sie nicht mehr da sind. Meine Frau kann damit nichts anfangen und mein Sohn auch nicht. Ich könnte mich hier hin setzen und alles verkaufen, was ich in meinem Leben zusammengetragen habe, aber man hängt doch dran.“
„Wie sind Sie denn zum Sammeln von solchen Sachen gekommen?“
Der Mann schien sich in seinen Gedanken zu entfernen. Es dauerte etwas, bis er da war, wo er hinwollte. „Das Zeug lag doch überall rum“, sagte er schließlich, „Patronen, Brandbomben, alles Mögliche. Als der Krieg aus war, da war ich dreizehn. Die Patronen haben wir ins Feuer geworfen, die machten nicht Peng, die machten Wusch, wenn die aufplatzten. Aber da waren wir natürlich schon weg.“
Seine Augen schienen wieder etwas von der Klarheit zu bekommen, die sie früher vielleicht gehabt hatten. Er schien sich mit aller Deutlichkeit an diese Zeit zu erinnern. „Aus den Brandbomben haben wir die Zünder rausgenommen. Das waren so lange Stangen, wie heute Silvesterraketen. Die haben wir in Maulwurfshügel gesteckt und angezündet. Nach fünf Minuten ging es dann … Wusch … und ab wie eine Rakete.“
„Haben das die Maulwürfe überlebt?“
„Das glaube ich kaum“, sagte der Mann. Da war wieder dieses kindliche Lachen. „Es gab eh zu viele. Da war alles voller Maulwürfe damals. Das kann man sich ja heute gar nicht mehr vorstellen. Was das für Schäden waren.“
Über seine Schulter sah ich noch immer den Alten seine Erbsensuppe essen, es dauerte.
„Wenn sich einer für so was interessiert, heißt es gleich, das ist ein Waffennarr“, sagte der Mann. „Waffennarr oder Nazi.“
Ich merkte, dass ich plötzlich dringend aufs Klo musste. Vermutlich hatte ich schon die ganze Zeit über dringend aufs Klo gemusst.
„Das sind hier alles ganz friedliche Leute“, sagte der Mann. „Das sehen Sie ja. Aber da wird man ja gleich in so eine Ecke gestellt.“
Das kleine Mädchen kam wieder und räumte meinen Kaffeebecher ab. Der Dicke mit den Handschuhen ging jetzt langsam zum Ausgang. Ich stellte mir vor, dass seine Hände zwei Prothesen waren, die er beliebig an- und abschrauben konnte.
„Ich hab hier noch nie jemanden ‘Heil Hitler’ brüllen hören“, sagte mein Gesprächspartner und lachte.
Ich entschuldigte mich und stieg wieder die Treppe zur Halle hinunter. Die Toiletten waren ein fensterloses, dunkelbraun gekacheltes Verlies, in dem es nach Schweiß roch, obwohl niemand zu sehen war. Am Becken spritzte ich mir etwas Wasser ins Gesicht. Der Raum war neonhell und kam mir finster vor. Auf dem Rückweg kam ich am Belegungsplan der Halle vorüber; schon morgen würde die örtliche Showtanzgruppe wieder hier proben.
Oben schien der Mann auf mich gewartet zu haben, aber kaum hatte ich mich gesetzt, pustete jemand in ein Mikrofon.
„Es wird darauf aufmerksam gemacht“, sagte eine Lautsprecherstimme, „dass es auf der A3 in Richtung Norden einen schweren Unfall gegeben hat. Wie wir hören, gibt es Stau. Bleiben Sie also besser noch ein bisschen bei uns.“
„Das betrifft Sie“, sagte ich, denn er hatte mir erzählt, dass er aus Wuppertal gekommen war. Ich sah durch die Glaswand in die Halle hinunter, wo viele Händler schon beim Zusammenpacken waren; ohnehin sollte die Veranstaltung um 16 Uhr zu Ende sein. Die Durchsage schien Unruhe ausgelöst zu haben, auch um uns herum wurden jetzt Ausweichrouten diskutiert.
Der Mann nickte bedächtig, dann sagte er, leiser, wie zu sich selbst: „Koblenz und dann linksrheinisch, die A 61.“
Draußen auf dem Parkplatz hob ein Mann zwei Säbel in die Höhe, um sie einem anderen zu zeigen. „Ich war Lehrer“, sagte der Mann mit den Säbeln, „aber eigentlich war ich von Anfang an Waffensammler.“ Dann legte er die Säbel vorsichtig, als seien sie zerbrechliche Glaswaren, in den Kofferraum seines Autos. Die Antwort des anderen Mannes verstand ich schon nicht mehr. Ich ging langsam die Straße nach Wirges hinüber, eine Spedition, ein Sägewerk, ein Swingerclub, der „Hexenhaus“ hieß, mit blau verklebten Scheiben.

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
11. Maria hat geholfen

12.11.2009 sm

Nur ein grasbewachsener Lärmschutzwall bewahrte die kleine Kapelle am Ortsrand von Dernbach vor der Autobahn. Am Eingang wuchs eine Gruppe Linden empor, deren vier oder fünf Stämme zu einem einzigen riesigen Baum zusammengefasst waren. Ein paar Meter weiter konnte mit einer Handpumpe das Wasser eines „Heilborns“ aus der Tiefe gefördert werden, und ein Schild verriet: „Das Wasser der Quelle wird in frommer Zuversicht bei Krankheiten der Menschen und auch der Haustiere benutzt.“ Ich dachte an den Mann in Bad Weilburg, der in frommer Zuversicht seine Plastikflaschen an der dortigen Quelle gefüllt hatte.
Die Kapelle war am Ende des 17. Jahrhunderts errichtet worden, wie man einer Hinweistafel entnehmen konnte, aber wohl vor einigen Jahren unnachsichtig renoviert worden. Die Außenwände waren jetzt mit einem dicken weißen Rauputz beschmiert, und auf dem Dach klebte graue Teerpappe. Ein Schild an der Glastür wies darauf hin, dass täglich um 15 Uhr 30 der Rosenkranz gebetet wurde. Da bis dahin noch Zeit war, sah ich mir das Tor an, das keine hundert Meter von der Kapelle entfernt in den Lärmschutzwall eingelassen war. Ich stand an einer inoffiziellen Autobahnauffahrt, vorbehalten der Straßenmeisterei, der Polizei und den Rettungsdiensten. Da das Tor weit offen war, trat ich vorsichtig auf den Seitenstreifen. Auf dem Beton standen Lachen aus funkelndem Glas, das der Wind schon nach Farben sortiert zu haben schien: die grünlichen Kristalle einer zersplitterten Windschutzscheibe, die klaren Diamanten der Frontscheinwerfer, das Gelb der Blinklichter, die rote Glut der Schlussleuchten, dazu ein grauer, glitzernder Grus aus Kunststoff und Chromteilchen. Das alles erinnerte mich an jene Mischung aus Muschelscherben und feinem Kies, wie sie die Meeresbrandung an den Strand spülte.
Ich sah, dass sich aus Richtung des Ortes ein silberner Geländewagen langsam dem Tor zur Autobahn näherte, und hatte das Gefühl, dass mich der Fahrer beobachtete. Ich schlenderte langsam wieder zurück zur Kapelle. Der Geländewagen verharrte sprungbereit mit laufendem Motor. Schlammspritzer auf der Karosserie deuteten darauf hin, dass der Fahrer nicht immer die üblichen Wege nahm. Noch bevor ich den Wagen erreicht hatte, stieg mir der Geruch von Benzin in die Nase, und ich sah, dass sich auslaufender Kraftstoff in konzentrischen Farbschlieren auf dem Asphalt verteilte. Beim Vorbeigehen versuchte ich einen Blick ins Innere des Fahrzeugs zu werfen, konnte aber im Spiegel der dunkel getönten Scheiben nichts erkennen.
Auf dem Parkplatz vor der Kapelle standen inzwischen zwei Autos. Als ich eintrat, war das Rosenkranzbeten schon in vollem Gang.
„Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade“, betete eine Ordensschwester in grauer Tracht. In der gleichen Bankreihe, aber auf der anderen Seite des schmalen Mittelgangs, saß eine verweint aussehende Vierzigjährige. Zwei Reihen dahinter war ein alter Mann in sich zusammengesunken.
„Der Herr ist mit dir.“
Der Innenraum des Kirchleins war schlicht und schmucklos. Auf einer Tafel aus dem Jahr 2001 dankten „Die armen Dienstmägde Jesu Christi“, die so etwas wie die Betreibergesellschaft der Kapelle sein mochten, „Maria, der Mutter vom Heilborn, für 150 Jahre Schutz und Segen“. Ein Teil der Wände war dicht mit Danktafeln bedeckt; es mochten, ich überschlug kurz ihre Zahl, um die 250 Stück sein. Maria bitte hilf. Maria hat geholfen. Maria sei Dank. Maria hat geholfen und wird weiter helfen. Die „Hat geholfen“-Tafeln waren weit in der Überzahl, die ältesten stammten aus den 50er Jahren, die jüngsten aus den 90ern. Die meisten schienen aus einem grauen Kunststein gefertigt, andere waren aus Holz.
„Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesu …“, betete die Ordensschwester.
Ich lauschte auf das undeutliche Singen der Autobahn.
„… der für uns Blut geschwitzt hat.“
Ich erinnerte mich plötzlich an die Dankzeilen, mit denen die Seiten des „Anliegenbuchs“ in der Autobahnkirche Medenbach gefüllt waren. Ich hatte die Autobahnkirche am frühen Nachmittag meines zweiten Reisetages erreicht gehabt und mir in der Brunnenanlage die Füße gekühlt. Das Innere der erst kürzlich fertiggestellten Kirche war heiß und stickig gewesen, so dass es keiner der wenigen Eintretenden lange darin aushielt. Ich hatte mir einige der Sätze notiert, die Reisende in das ausgelegte Buch geschrieben hatten: „Danke Herr für die Bewahrung auf der Autobahn. Kupplung setzte aus. Dichter Verkehr. Keine Ausweichmöglichkeit. Heil mit dem Leben auch Auto davon gekommen. Keine Karambolage mit Todesfällen auf dem Gewissen.“ Uschi und Iypri, der Zwergpudel, wollten auf ihrer Reise nach Österreich beschützt werden, und Lippi, Totti, Maddes, Henjo und Mo beteten, dass in Rimini ihre Lebern und Schwänze nicht versagten. Eine halbe Stunde, nachdem ich an jenem Nachmittag die Autobahnkirche verlassen hatte, hatte mich mein Weg an der alten Kirche von Medenbach vorübergeführt, aus der eine dunkle und zugleich hohe Frauenstimme drang. Als ich eingetreten war, sah ich auf der Empore über dem Altar eine junge Frau mit Notenblättern in der Hand. „Singe das Glück, singe den Tag“, sang die junge Frau, die von der Orgel begleitet wurde; eine Kreissäge schnitt immer wieder hinein – hatte ich die Liedzeile überhaupt richtig verstanden? Ich hatte mich in eine der Bankreihen gesetzt und erst danach die alte Frau neben mir bemerkt, die mit zurückgelegtem Kopf, geschlossenen Augen und geöffnetem Mund dem Gesang lauschte. Nach einer Weile brach die Sängerin ab und ordnete ihre Notenblätter. Ein Hahn krähte, und die alte Frau in meiner Bank lächelte noch immer mit offenem Mund. Als ich die Kirche verließ, saß draußen auf den Stufen die Sängerin und telefonierte. Ich erfuhr, dass sie für eine am folgenden Tag stattfindende Hochzeit probte und erzählte ihr von meiner Wanderung entlang der Autobahn. Oh, sagte die Sängerin.
Ich schrak auf – war ich eingeschlafen? Ich hatte plötzlich das Gefühl, etwas gefragt worden zu sein und spürte, wie mir der Schweiß ausbrach, aber es war nur die Ordensschwester, die nach einer kurzen Pause wieder eingesetzt hatte: „Heilige Maria, Mutter Gottes …“
Ich spürte meine Müdigkeit und fragte mich, wie lange die Schwester noch durchhielt. Täuschte ich mich, oder war sie wirklich schon langsamer geworden? Ihre Stimme schien sich allmählich zu entfernen.
… bitte für uns Sünder jetzt …“
Der Alte in der Reihe vor mir hatte offenbar genug gehört. Er rappelte sich auf und schlurfte nach draußen, wo er den Motor seines Wagens anließ.
„… und in der Stunde unseres Todes.“
Da schob sich mir ein anderes Bild vor Augen, diesmal vom dritten Tag meiner Wanderung. Als ich in Idstein die Wiesbadener Straße hinuntergegangen war, war ich auf einen Gedenkstein gestoßen, der eine Bronzetafel trug. Die Inschrift der Bronzetafel erinnerte an Ferdinand Dirichs, den ehemaligen Bischof von Limburg, der am 27. Dezember 1948 auf der Autobahn bei Idstein tödlich verunglückt war. Der Gedenkstein war 1952 an der Unglücksstelle errichtet worden, hatte aber später der Autobahnerweiterung weichen müssen.
„Gegrüßet seist du Maria“, betete die Ordensschwester.
Draußen ließ der Alte noch immer den Motor laufen, dann legte er krachend den Gang ein.
„Der Herr ist mit dir.“
Am vierten Tag meiner Wanderung hatte ich bei Niederbrechen in der Nähe von Limburg vor einem weiteren Gedenkstein gestanden. Am 25. Juli 1966 war an dieser Stelle ein belgischer Reisebus von der Autobahnbrücke gestürzt. Fünf Erwachsene und achtundzwanzig Kinder hatten dabei den Tod gefunden, zehn Kinder waren schwer verletzt geborgen worden. Auch dieser Gedenkstein war beim Ausbau der Fahrbahnen versetzt worden, und zuletzt noch einmal beim Bau eines Brückenpfeilers für die Schnellbahnstrecke.
Die Ordensschwester betete jetzt das Vaterunser.
Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass sie alle hier waren, Bischof Dirichs und die dreiunddreißig Toten der Autobahnbrücke, und Meik, an dessen Holzkreuz ich nördlich von Wallau, kurz  hinter der Autobahnunterführung, vorübergegangen war. Sie waren alle hier, und sie waren so viele, dass es langsam eng wurde in der kleinen Kapelle und die letzten schon stehen mussten. Selbst draußen vor der Glastür stand noch jemand, der aussah wie Natascha van Dooren auf dem kopierten Foto neben den Toiletten der Raststätte Bad Camberg.
„Für den Frieden der Welt“, betete die Ordensschwester. Ihre Stimme war nicht mehr die beste.
Die Autobahn tötete beiläufig und im Geheimen, so schnell, dass ich es gar nicht mitbekam. Ich sah nur die Gräber und Gedenksteine, die feinen Trümmerteile und fernen Blaulichter, hörte nur das Martinshorn, das sich nicht entfernte.
Ich öffnete die Augen.
„Für die Terroropfer.“
„Für die Terroropfer.“
„Für die Terroropfer.“
Ich stand leise auf und ging hinaus, während die Sätze in mir wie in einem inneren Gewölbe nachhallten. Kaum hatte ich die Glastür hinter mir geschlossen, sah ich, wie sich die beiden Frauen ansahen. Ein schnelles, zischendes Geflüster begann, das immer lauter wurde. Ich fragte mich, ob ich erneut die Kapelle betreten sollte, was die Ordensschwester ohne Zweifel zum Fortbeten zwingen würde. Ich hatte das Gefühl, dass sie lange nicht mehr so viele Runden hatte drehen müssen.
Als ich über den Parkplatz ging, auf dem jetzt nur noch der blaue Golf stand, mit dem die beiden Frauen gekommen sein mussten, stieg mir wieder der beißende Benzingeruch in die Nase. Dort, wo der silberne Geländewagen mit laufendem Motor gestanden hatte, um anschließend die verbotene Auffahrt zur Autobahn zu benutzen, leuchtete der Asphalt in allen Regenbogenfarben. Ich folgte der schillernden Benzinspur bis an den Ortsrand von Dernbach, wo sie plötzlich abbrach, als habe sich der Wagen bei voller Fahrt in Luft aufgelöst.

 (c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
10. Strom

05.11.2009 sm

Hinter dem Flughafen marschierten sie noch in geordneten Schlachtreihen, Strommasten, zu fünft nebeneinander, und nichts schien sie aufhalten zu können, ein ganzer Heerzug, der in zerstörerischer Formation über Land stampfte. Weiter nördlich hatten sie sich im Gelände verteilt, tauchten überraschend mal hier auf, mal dort, schweigende, breitschulterige Einzelgänger. Zuweilen rotteten sie sich zu Gruppen zusammen, kleinen Versammlungen, bei denen sich die Teilnehmer die Arme um die Schultern legten und sich in einer Art gestikulierenden Taubstummensprache unterhielten. Am Morgen, als ich das Hotel Waldesruhe verlassen hatte, waren sie gespenstisch, einer nach dem anderen, aus dem Dunst getreten, der über der Ebene lag, als brannten überall Feuer. Wo immer ich war, hielten sie Schritt; ich hatte die Vorstellung, sie wanderten langsam mit mir durch die Felder und verharrten sofort, wenn ich genau hinsah, das war ihr Trick.
Ihre Arroganz überraschte mich. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie die schönsten Plätze besetzt hielten, mit der sie sich einfach irgendwohin stellten, als seien sie schon immer dort gewesen – waren sie nicht schon immer dort gewesen?
Unter den Strommasten, die mir unterwegs begegneten – und nie waren mir so viele begegnet wie auf dieser Wanderung –, gab es offenkundig jüngere und schon betagte, dazwischen viele mittleren Alters, oder wie man sagt: in den besten Jahren. Es gab untersetzte, stämmige, kräftig gebaute und eher schlanke, leptosome, hoch aufgeschossene. Einige erschienen mir besonders hochgewachsen und stark, von einer stummen, selbstsicheren Majestät, und die deutsche Eiche fiel mir plötzlich ein … dies war die deutsche Eiche. Aber ich sah auch andere, dürre, zerbrechliche Wesen, kränklich und seltsam unsicher, und andere wiederum fast ein wenig traurig, schwach auf den Beinen vom langen Herumstehen, erschöpft von der zu tragenden Last … ein einzelner, merkwürdig verschossener … ich dachte plötzlich, er sei schon sehr alt, und wieder: die deutsche Eiche … dann ein amputierter, dem ein Arm fehlte, und dessen verbliebener trotzig in die Richtung wies, aus der ich gekommen war. Ich sah sofort, dass er mich in die Irre führen wollte. In einem Kartoffelfeld an der Landstraße zwischen Idstein und Wörsdorf stand einer, an dem ein gelbes Schild angebracht war, mit krakeligen Buchstaben, die aussahen, als habe er sie selbst gemalt: „Ehre dem, dem Ehre gebührt.“ Ich blickte langsam an dem Gitterwerk empor, das nicht enden wollte, ein nacktes Gerüst vor grauem Himmel, dann stolperte ich schnell die wenigen Meter zurück zur Straße, deren Verkehr mir plötzlich lebensgefährlich vorkam.
Jetzt, inmitten der Kornfelder des Goldenen Grundes, sah ich aus der Entfernung die schweren Kabel, die in weiten Sätzen übers Land sprangen. Ich hätte nicht sagen können, wo sie herkamen und wo sie hinführten, sie hatten keinen Anfang und kein Ende. Sie schienen das Land, das sie nur mit Zehenspitzen betraten, zu missachten. Mit jedem Aufsetzen ihrer Füße stempelten sie es zur Provinz. Es war wie mit den Autobahnen. Der Energiestrom, den sie mit sich führten, wurde woanders produziert und war für die Städte bestimmt. Für das Land dazwischen waren die Strommasten bestimmt.
Auf meiner Landkarte war zwischen der Autobahn und den Seltersquellen im Emsbach-Tal ein Feldkreuz eingezeichnet, aber das einzige, was ich an der angegebenen Stelle sah, war ein Strommast. Ich fixierte ihn, aber er tat, als ob nichts sei. Ich wusste gleich, dass er ein schwerer Melancholiker war. Er war allein und blickte auf die weiten Hügel um ihn herum, wo sich die Autobahn ihren Weg gesucht hatte, in einer ähnlichen Weise, wie es Flüsse im Lauf von Millionen Jahren taten. Längst war sie selbst Landschaft geworden, als sei ein Magmastrom aus flüssigem Beton und Asphalt entlang der natürlichen Geländeformen erstarrt. Zu beiden Seiten war die Getreideernte in vollem Gang, auf den Hängen hockten schwere Strohrollen, am Horizont stieg Kornstaub auf, als brenne ein Feld. Dicht vor mir wirbelte der Wind einen Krähenschwarm durcheinander, er landete, neu sortiert, auf den ausgestreckten Armen meines melancholischen Mastes. Da wusste ich, dass es seine wahre Aufgabe war, die Dinge um ihn herum sichtbar zu machen, so dass ich alles klar und deutlich erkennen konnte, sogar das Nichts.

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
9. Geheimtipp

29.10.2009 sm

Es war später Nachmittag, als ich die Raststätte Bad Camberg erreichte, wo es ein Best Western Motel gab. Bei der Kassiererin des Selbstbedienungsrestaurants, die zugleich die Empfangsdame war, ließ ich mir ein Zimmer mit Blick auf die Autobahn geben. Die Frau fragte mich, ob ich eine Garage mieten wollte. Sollte ich ihr erklären, dass ich zu Fuß da war?
Das Zimmer war klein, aber sauber, mit einem Teppichboden, der aussah wie Straßenbelag. Ich hängte mein Zelt, das von der Nacht in den Wiesen noch nass und schmutzig war, an die an der Wand befestigten Kleiderhaken und spannte es zum Trocknen aus. Es erinnerte jetzt stark an eine fremde, außerplanetarische Lebensform, die nach Plastik roch und offenbar ein Einzelzimmer gewohnt war. Da sie entschlossen schien, menschliches Leben vollständig zu verdrängen, legte ich mich aufs Bett und schaltete den Fernseher ein, den das Zelt glücklicherweise noch nicht gefunden hatte. Es war Samstag Nachmittag, und auf DSF lief ein Autorennen, das ich verfolgte, bis ich irgendwann einschlief.
Als ich aufwachte, wurde es draußen schon dunkel. Das Zelt atmete ruhig im leichten Zug, der durch das gekippte Fenster kam. Ich wühlte mich durch die Plane, auf der inzwischen kleine Wassertropfen standen, als würde sie schwitzen, fand die Zimmertür und ging hinunter in den Laden. Vor einem Ständer mit Postkarten blieb ich stehen: das Brandenburger Tor in Berlin, die Skyline von Frankfurt am Main, das Hamburger Rathaus und die Münchner Frauenkirche – Ansichten eines Landes, das mir plötzlich sehr fern vorkam. Es gab auch Karten, die in einer Galerie briefmarkengroßer Bildchen alles zugleich zeigten, und dazu noch Sylt und die Zugspitze und den Kölner Dom und das Schwarzwaldmädel, als hätte eine Erdverschiebung dies alles tourismusfreundlich zusammengerückt, und als ergäbe sich nun, aus dem Mosaik des Nebeneinanders, die Überlagerung zu einem einzigen – dem einzig richtigen – Deutschlandbild. Als ich aufschaute – wo war ich gerade gewesen? Auf Sylt, am Kölner Dom, beim Schwarzwaldmädel? –, fiel mein Blick durch die Fenster der Raststätte nach draußen, und ich hatte plötzlich das Gefühl, ein anderes Mischbild vor Augen zu haben, die wahre Summe aller möglichen Deutschlandbilder, und so wie alle Farben zusammen die Nichtfarbe Weiß ergaben, war es vielleicht auch hier: Deutschland, das war ein halbleerer Autobahnparkplatz in der Dämmerung, auf den jetzt langsam ein Viehtransporter rollte.
Als ich das Land der Postkarten verließ und nach draußen ging, liefen weitere Lastzüge ein, Kühltransporter aus Spanien, Speditionen aus Osteuropa, silberne Tankzüge mit Gefahrgutschildern. Über dem blauen Kamm der Taunusberge mit ihren Sende- und Aussichtstürmen schichteten sich straffe Wolken, aber dazwischen war der Himmel klar, und ich sah, hoch oben nun, aber überraschend scharf, die im letzten Licht noch einmal aufblinkenden Flugzeuge, die ihrer unsichtbaren Luftautobahn folgten.
Auf dem Parkplatz hatten sich die orangen Lampen eingeschaltet und schufen ein körniges Licht, in dem man nicht gut aussah. Auf der anderen Autobahnseite schnitt die ARAL-Tankstelle einen grellen blauen Neonstrich in die Dunkelheit, und obschon keine hundert Meter entfernt, schien sie mir unerreichbar. Hoch oben verschmolzen die Wolken zu immer neuen bizarren Gebilden. Ich sah ein riesiges Tier mitten im Lauf, das den Kopf eines Elefanten hatte, den Körper einer Katze und den buschigen, waagerecht nach hinten gestreckten Schwanz eines Eichhörnchens. Als ich wieder hinschaute, hatte sich der Körper zusammengeschoben und die Stellung der Beine verändert. Im schwindenden Licht schien das Wesen lautlos und langsam und doch in vollem Lauf hoch über der Autobahn dahinzujagen. Als ich das nächste Mal nach oben sah, waren nur noch zwei kleine schwarze Wolken zu erkennen, die der Nachthimmel nahtlos aufnahm. Inzwischen war es so dunkel geworden, dass die ersten Sterne hervortraten – stand nicht der Große Wagen über der Autobahn? –, natürlich …
Als es kühler wurde, ging ich hinüber zur Tankstelle. Im Laden sah ich mir lange die Abschleppseile an und Dosen mit einem „Tierabwehrspray“, das „Contra Dog“ hieß und „ideal für Wanderer und Briefträger“ sein sollte. Schließlich kaufte ich eine Landkarte „Liebe an der Autobahn“ und ein Kontaktanzeigenmagazin mit dem Titel „Autofahrer Weekend“, verließ den Laden und ging zu einem Betontisch, über den das orange Licht fiel wie ein pulvriger Niederschlag. Ich breitete die Landkarte, es war die „10. aktualisierte Ausgabe“, vor mir aus. „Ich zeige Ihnen die interessantesten Vergnügungsstätten an den deutschen Autobahnen“, versprach das Covergirl, aber die A3 schien dort, wo ich war, nicht zu den interessantesten Gebieten zu gehören. Lediglich in Diez bei Limburg und weiter nördlich in Dierdorf waren zwei „Privatclubs“ eingetragen. Überhaupt war die Verteilung, verließ man sich auf die Karte, höchst ungerecht: Während die Autobahnen des Ruhrgebiets reine Vergnügungsmeilen sein mussten, führten die der neuen Bundesländer durch das kartographische Weiß einer Gegend fast ohne entsprechende Versorgungseinrichtungen. Der Diezer „Geheimtip“ lag angeblich in einem Neubaugebiet neben der Autobahnausfahrt, wo in einem weißen Bungalow mit zwei roten Laternen acht „hübsche Gespielinnen“ warten sollten.
Ich faltete den Plan wieder zusammen und setzte mich, da das Zelt vermutlich mein Zimmer noch immer besetzt hielt, in eine Ecke des Restaurants, in der ich allein war. Das „Autofahrer Weekend“ eröffnete mit einem Beitrag über angebliche Slipdiebstähle auf deutschen Autobahnparkplätzen, für die eine bestimmte Spezies männlicher Fetischisten, sogenannte Slipisten, verantwortlich sein sollte. In einem abstrusen, offenbar für frivol gehaltenen Kauderwelsch erläuterte der Text, dass es der Slipist vor allem auf die Unterwäsche jener Frauen abgesehen habe, die sich während einer Rast hinter Büschen erleichterten. Bebildert war der vorgebliche Bericht mit dem Foto einer jungen Frau, die, mit nichts als Sportschuhen und einem offenen weißen Jäckchen bekleidet, neben einem roten Cabrio stand und ein schwarzes Wäschestück, das einer fliegenden Fledermaus glich, vor ihrem Körper durch die Luft wirbelte. (Foto)
Als ich von dem Heft aufschaute, sah ich zu meinem Schrecken eine ganze Reisegruppe auf meinen Tisch zusteuern; tatsächlich hatte ich während der Lektüre nicht bemerkt, dass draußen ein riesiger Bus vorgefahren war, dessen Insassen, überwiegend Rentner, jetzt in das Lokal strömten. Als ich die blassen Bratwürste auf ihren Tellern sah, fiel mir wieder ein, dass im Restaurant der Raststätte Medenbach, wo ich am Vortag gegessen hatte, die fertigen Speisen – „Zwei Currywurst Pommes“ – per Lautsprecherdurchsage ausgerufen worden waren – „Paprikaschnitzel bitte“, und dazwischen, fast panisch und immer wieder: „Herr Schneider, Herr Schneider“ –, was mir jetzt eigentümlich obszön vorkam. Und wer war überhaupt Herr Schneider?
Als die Stühle um mich herum allmählich besetzt wurden, schlug ich das Heft zu und griff statt dessen zu den Faltblättern, die auf allen Tischen lagen. Ich sah, dass es sich um Teilnahmekarten für einen Wettbewerb handelte, bei dem das „Goldene R“ für die beste Raststätte in Deutschland und Österreich vergeben werden sollte. Ich vergab schnell ein paar beliebige Noten und kreuzte wahllos einige der vorgegebenen Antworten an, dann stand ich auf und suchte, unter dem Arm die erotische Autobahnkarte und das Slipistenmagazin, nach der Box, in die man die Teilnahmekarten einwerfen konnte. Da ich sie nicht fand – ich sah wieder nur die Ständer mit den Postkarten: den Dom, die Skyline, das Schwarzwaldmädel –, die Kassiererin aber nicht fragen wollte, lief ich zwischen den Tischen des Restaurants und den Verkaufspyramiden des Shops ratlos hin und her, um mich herum noch immer das Gedrängel und die aufgeregten Rufe der Rentner, die jetzt aufs Klo mussten und Angst hatten, die Abfahrt ihres Busses zu verpassen.
Schließlich, ich hatte schon aufgegeben und suchte jetzt nur noch nach einem Papierkorb, fiel mein Blick dort, wo es zu den Toiletten ging, auf einen Aushang: „Gesucht wird Natascha van Dooren“, lautete die fettgedruckte Überschrift, verschwunden aus einem holländischen Internat, zuletzt gesehen in Köln vor fast einem Jahr, eine dunkelhaarige, leicht mollige junge Frau. Ich war schon weitergegangen, ich wollte jetzt nur noch sicher mein Zimmer erreichen, als ich mich noch einmal umdrehte und genauer hinschaute. Das grob aufgelöste Foto, vermutlich eine Farbkopie, war offenbar auf einem Parkplatz aufgenommen worden, denn im Hintergrund waren Autos zu sehen, am deutlichsten ein schwarzer Sportwagen, dessen vom Rand des Fotos angeschnittene Beifahrertür offen stand.
Als ich wieder im Zimmer war, kam es mir kleiner vor als vorhin, aber es war nur das Zelt, das sich in meiner Abwesenheit von den Haken an der Wand gelöst und weiter ausgebreitet hatte. Ein dumpfer Geruch nach faulendem Kompost hatte den nach neuem Plastik längst vertrieben, und bald hatte ich das Gefühl, statt einzuschlafen in eine Art Narkose zu fallen, in deren dunklen Tiefen sich die Rentner der Reisegruppe ausnahmslos als Slipisten erwiesen, die Natascha van Dooren, die jetzt aussah wie das Schwarzwaldmädel auf den Postkarten, um ihre Unterhose bringen wollten.

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
8. Lotto

22.10.2009 sm

Der Bahnhof von Niedernhausen war ein moderner Zweckbau, heruntergekommen und menschenleer. An den verschmierten Glastüren warnten Plakate des Bundesgrenzschutzes davor, der ICE-Strecke zu nahe zu kommen, die, zweihundert Meter oberhalb von hier, neben dem alten Autobahnviadukt das Theißbachtal überspannte.
Ich wollte nur Kaffee trinken.
Um sieben Uhr morgens hatte ich das nasse Zelt zusammengepackt; auf den Wiesen lagerten schwer die Wolken. In einem silbern tropfenden Nadelwald rollte mir ein Transporter des Bundesgrenzschutzes lautlos entgegen, hinter der Windschutzscheibe zwei Uniformierte unbeweglich wie Statuen. Die Autobahn war ganz nahe gewesen, aber der dichte Wald hatte den Lärm geschluckt. Er schien irgendwo in den Kronen der Bäume hängen zu bleiben, wo er sich mit dem Nebel auflöste.
Die Gaststätte im Bahnhof hieß „Gaststätte“. Ich fragte, ob man etwas zum Frühstück haben konnte, und die Wirtin verkaufte mir einen Plastikbecher Kaffee. Dann wandte sie sich wieder einer auffallend bunten Computeranlage mit einem Flachbildschirm zu, auf dem sie mit dem Finger herumdrückte. „Technischer Fehler“, sagte sie erbittert. „Gar nix geht hier.“
Wie ich hörte, war die nagelneue Anlage für das Online-Lotto ausgefallen, das dritte Mal in drei Tagen. Die Wirtin hatte die Hotline schon angerufen, wo man ihr geraten hatte, es alle fünf Minuten wieder zu versuchen. Die Anlage herunterfahren und neu anmelden.
„Alle fünf Minuten“, sagte die Wirtin. „Können Sie sich das vorstellen?“
Um halb zehn kam ein Kunde und bestellte „Bier und Schnaps“.
„Dass Sie mal wieder da sind …“, sagte die Wirtin, „wo kommen Sie denn jetzt her?“
Der Mann sah nicht aus, als habe er eine gute Nacht hinter sich.
„Wird nicht verraten“, sagte er. Den Rest verstand ich nicht. Dann hörte ich: „So sind die Frauen heute.“
Im Dunkeln der Gaststätte blinkten zwei Spielautomaten.
„Wenn der Mann so blöd ist“, sagte die Wirtin.
Der einsame Gast setzte die beiden Automaten in Gang. Die leuchtenden Walzen drehten sich. Er schien jetzt mit sich selbst zu sprechen, ich verstand nur Bruchstücke: „… die schönsten Frauen.“
„Muster ohne Wert“, sagte die Wirtin plötzlich. Es war nicht klar, ob sie dem Mann geantwortet hatte oder wieder bei ihrer Lottomaschine war. Der Mann stoppte die kreisenden Walzen.
Die Frau tippte jetzt wieder auf ihrem Flachbildschirm herum und seufzte.
Das Telefon neben ihr summte. „Nein, immer noch nicht. Ja, schon telefoniert. Nein, überall nicht.“ Sie legte schnell wieder auf, und ich nahm einen zweiten Becher Kaffee.
„Das sind ja Einnahmeausfälle“, sagte die Frau. „Das können Sie sich gar nicht vorstellen.“
Dann rief sie in Richtung des Trinkers: „Herr Meier, wenn Sie nett zu mir sind, bin ich auch nett zu Ihnen, haben Sie ja die Woche gesehen.“
Ich fragte mich, was Herr Meier wohl gesehen hatte. Wie es aussah, wenn die Wirtin nett zu einem war.
Noch leise, aber beständig, ertönte ein Martinshorn.
Ich hörte, wie Meier klackernd Geld nachwarf. Viele schlechte Nächte.
„Tatütata“, sagte die Wirtin zu mir. „Geht schon den ganzen Tag so.“
„Ist das auf der Autobahn?“
Die Wirtin nickte und drückte ihren Zeigefinger wieder auf den Bildschirm.
Das Martinshorn war lauter geworden, schien aber nicht näher zu kommen.
„An manchen Tagen“, sagte die Frau, „ist das schon schlimm. Da geht das dann von morgens bis abends. Da kann ich Ihnen Geschichten erzählen. Tatütata.“
„Dann erzählen Sie doch mal“, sagte ich.
Einmal, es war jetzt drei oder vier Jahre her, hatte ein Lottospieler bei ihrer Annahmestelle Geld gewonnen, eine größere Summe. Der Mann hatte sich als erstes ein schnelles Auto gekauft, aber nur wenige Wochen später damit einen schweren Unfall gehabt. Erst hatte man gedacht, dass der Mann bei hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über seinen Wagen verloren hatte, aber dann hatte sich herausgestellt, dass gar keine Bremsspuren zu finden gewesen waren. Offenbar hatte sich der Mann umbringen wollen. Er hatte aber überlebt und kam jetzt jede Woche vorbei, um weiter Lotto zu spielen. Er brauchte das Geld jetzt dringend für kosmetische Operationen, ein neues Gesicht.
Ich sah mir die Aushänge an, die an der Scheibe klebten. Ein Zettel bestätigte, dass „innerhalb dieses Annahmebezirkes“ ein Spieler mehr als 9.000.000 DM gewonnen habe. Es war kein Jahr angegeben. Es schien schon länger her zu sein. Auch kleinere Gewinne wurden verkündet.
Das Martinshorn schien noch immer nicht näher zu kommen und sich auch nicht zu entfernen, ein unverrückbarer Bestandteil der Kulisse.
Ein Mann kam und wollte Lotto spielen. Die Wirtin erklärte ihm geduldig den Sachverhalt: „Technischer Fehler, fragen Sie die in Wiesbaden mal.“
„Wenn ich ‘nen Sechser hätt, beschwer ich mich aber“, sagte der Kunde und ging wieder.
„Aber nicht bei uns“, rief die Frau ihm nach.
Ein neuer Lotto-Kunde kam, und wieder erklärte die Frau alles.
„Also werden wir betrogen um den großen Gewinn“, sagte der Mann, als deklamierte er einen Theatermonolog. Dann guckte er sich unschlüssig um, als habe das Nichtausfüllen des Lottoscheins unabsehbare Auswirkungen, als musste jetzt sein ganzes Leben neu bedacht werden. Schließlich kaufte er eine Bild-Zeitung.
Am anderen Ende der Gaststätte hielt der Trinker noch immer die Automaten in Gang.
Der Satz der Wirtin, dass keine Bremsspuren zu finden gewesen waren, ging mir plötzlich nicht mehr aus dem Kopf.
„Tatütata“, sagte die Frau nach einer Weile wieder, und ich lauschte, hörte aber jetzt nichts mehr.

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
7. Lightpacker

09.10.2009 sm

Ich hatte das Zelt kaum aufgebaut, als schon die ersten Tropfen fielen; es schien noch unentschlossen, ob es hier bleiben wollte. Ein alter Apfelbaum stand schon da, und von Zeit zu Zeit fiel mit einem dumpfen Geräusch einer der schon überreifen Äpfel zu Boden, ringsum verfaulten sie im hohen Gras.
Ich schien endlich im Grünen zu sein, aber auf der Landkarte bewegte ich mich noch immer an einem endlosen Stadtrand, und gerade so eben war ich aus der grauen Einfärbung, die eine geschlossene Bebauung anzeigte, herausgetreten. Links lief die alte Eisenbahnstrecke von Wiesbaden nach Limburg, dann kam ein dichter, gut hundert Meter breiter Waldstreifen, dahinter die Autobahn, gerade in der richtigen Entfernung, um die Nacht zu verbringen. Von der Anhöhe auf der anderen Seite lächelte eine weiße Zahnreihe aus Einfamilienhäusern, aber hinter meinem Gebüsch mit den Apfelbäumen fühlte ich mich sicher.
Donner rollte das Tal herauf, auf dem Zelt knisterte ein feiner Regen. Aber irgendetwas war noch dort draußen, ich wusste nicht was, nur, dass es näher kam. Ich griff aus dem Zelt, die Dämmerung saß schon unter den Bäumen, ein Mann trat hervor und zeigte auf seinen Hund: „Ist sowieso meine Strecke abends.“
Ich sah den Hund an, der seine Schnauze tief im feuchten Gras hatte.
„Wollt nur mal gucken“, sagte der Mann, und ich hoffte, dass der Hund auch nicht mehr vorhatte. Ich dachte an den schwarzen Dobermann in Massenheim, der sich am Morgen wütend gegen ein Hoftor geworfen hatte, an welchem ein Schild einen Hundekopf zeigte. Daneben stand: „Ich brauche 5 Sekunden bis zum Tor. Und Du?“ Ein paar Tore weiter hatte sich auf einem anderen Schild wieder der Hundekopf gezeigt, diesmal mit den Worten: „Er könnte heute schlechte Laune haben.“
Ich erklärte dem Mann, dass ich auf einer Wanderung sei und der drohende Regen mich hier festgehalten habe. Es schien sein Misstrauen zu verstärken. Ich beobachtete den Hund, der nervös durch das Gras strich. Hatte er heute schlechte Laune? Brauchte er fünf Sekunden bis zum Zelt?
„Mitten in der Botanik“, sagte Mann zu sich selbst, „mitten in der Botanik.“
Ich ließ mir den Weg nach Niedernhausen erklären, wie ich ihn am nächsten Morgen nehmen wollte. Der Mann erklärte ihn gern.
Als der Regen aufhörte, setzten die Zikaden ein. Ich wickelte mich in die goldene Rettungsfolie, die ich gegen die Nachtkälte mitgenommen hatte, sie machte bei jeder Bewegung ein Geräusch, als packte man Essensreste in Alu. Starr vor Angst, schlief ich hellwach.
Irgendwo in der Nacht musste Kies abgeladen werden, er rutschte endlos von der Ladefläche eines Lastwagens. Über dem Waldstreifen an der Autobahn schien ein tropischer Regen niederzugehen, der auf eine etwas unheimliche Weise mein Zelt verschonte, aber eigentlich gefiel mir die Vorstellung, dass es um mich herumregnete. Auch der Wind musste stärker geworden sein und ließ den Wald rauschen. Gleichzeitig rutschte noch immer der Kies von den Lastwagen, während irgendwo anders unter hohem Druck Dampf entwich, wie ich es am Tag zuvor bei den Chemieanlagen der Ticona beobachtet hatte. Der Dampf kondensierte sofort zu Wasser, das in einer mächtigen Fontäne in die Luft schoss und in einem flachen Becken voller Kies aufklatschte; ein schwarzer Hund stand am Rand des Beckens und schlabberte mit seiner Zunge im Wasser herum, das Wellen warf, die sich als Brandung brachen. Jetzt flohen die Zikaden in hohem Tempo über die Autobahn, sie hatten winzige hochtourige Motoren – ich sah alles ganz deutlich.
Obwohl ich sicher war, keine Sekunde geschlafen zu haben, wachte ich auf. Es war schon hell, taghell, dachte ich, aber als ich den Reißverschluss am Eingang öffnete, strich dunkle Kühle vorbei, und lange Grashalme griffen ins Zelt. Ich streckte den Kopf hinaus und suchte mit den Augen den alten Wegweiser und Meilenstein, der fünfzig Meter weiter aus der Wiese ragte, ein brusthoher Tetraeder aus Basalt. Ich hatte am frühen Abend vergeblich versucht, die eingemeißelten Zahlen und Buchstaben zu deuten, lediglich die Jahreszahl 1730 schien sicher. Jetzt kam es mir plötzlich ganz unerlässlich vor, die Angaben auf dem Stein zu verstehen, um eine genaue Standortbestimmung vornehmen zu können; leider erinnerte ich mich nur noch an den Inhalt des Papierkorbs neben dem Meilenstein, nämlich eine Schachtel Marlboro Lights und eine ausgebleichte Schachtel Orangensaft, die schon länger darin liegen musste.
Auf der Anhöhe lagen die Häuser des Ortes in einer funzeligen Notbeleuchtung, sie sahen aus wie Ruinen, hunderte Jahre alt. Auf der Straße davor fuhr ein Radfahrer durchs Mondlicht, so kurz, dass ich im nächsten Moment nicht mehr sicher war, ihn wirklich gesehen zu haben. Ein Auto näherte sich unsichtbar, es musste dunkler als die Nacht sein, ich hörte nur das Motorengeräusch, es hallte noch lange nach.
Schnell verschloss ich den Zelteingang erneut.
Nicht einschlafen, dachte ich im Schlaf. Nicht einschlafen.

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
6. Waldesruhe

02.10.2009 sm

Ich betrat den Gastraum der „Waldesruhe“ pünktlich um halb acht. Das Innere war unübersichtlich und dunkel. Ich hatte das Gefühl, dass es hier drin schon sehr viel später sei. Ich fragte den Mann, der hinter der Theke hantierte, ob noch ein Zimmer frei sei. Der Mann, der der Wirt zu sein schien, wies mit einer stummen Kopfbewegung auf eine Frau, die dicht vor einem riesigen Fernseher saß. Ich hatte sie bisher nicht bemerkt, so sehr war sie in dem Fernsehbild und der ganzen kleinteiligen Umgebung verschwunden. Erst als sie sich zu mir umdrehte, trat sie daraus hervor. Ihr Gesicht hatte den Halt verloren, die grau werdenden Haare waren gefleckt wie das Fell einer Wildkatze. In ihrem Mund steckte eine Zigarette.
Die Frau schüttelte den Kopf.
„Keins fertig.“
Erinnere ich mich falsch, oder nahm sie tatsächlich bei ihrer Antwort die Zigarette nicht aus dem Mund? Ich hatte wenig Lust, die Nacht im Zelt zu verbringen, die Gewitter waren mir noch zu nahe.
Ich deutete auf meinen Rucksack und sagte, dass ich auf einer Wanderung sei. Es war auch nicht zu übersehen. Wollte ich ihr Mitgefühl wecken?
Die Frau schüttelt noch immer den Kopf.
„Sie haben kein Zimmer fertig“, sagte ich. „Aber vielleicht könnten Sie eins fertig machen?“
Die Frau zog an ihrer Zigarette, legte den Kopf in den Nacken und stieß den Rauch aus. Nach einer Pause, in der eine Standuhr die halbe Stunde schlug und nur der Fernseher leise redete, sagte sie: „Ich kann Ihnen ein einfaches machen. Kommen Sie um acht wieder.“
Es sah aus, als ob sie mich dabei ansah; ich war mir nicht sicher.
Ich stellte mein Gepäck ab und ging noch einmal zu der Brücke über die Autobahn.
„Aber nur ein einfaches“, rief die Wirtin mir nach, als ich die Tür öffnete.

In der Ebene zitterten im Dunst die ersten Lichter. Auf den silbernen Raffinerieanlagen der Ticona, die ich am Mittag umrundet hatte, lag spätes Sonnenlicht, links in der Ferne verschmierte die Stadt. Unter mir auf der A 3 hatten die meisten der entgegenkommenden Autos jetzt ihre Scheinwerfer eingeschaltet und sahen mich an. Im Nordosten lagerten Feldberg und Altkönig wie flache blaue Kulissen, vor die sich der nähergelegene Kapellenberg wie eine dunkle Scheibe gelegt hatte. Hinter den zerrissenen Vorhängen der Wolken zerfloss eine rote Sonne. Ein Fernsehturm stand als schwarzer Scherenschnitt über einer der Taunuskuppen.
Ich hatte gehofft, dass an solchen Orten die Liebhaber der Autobahn stehen würden, die alten und die jungen Männer und gelegentlich ein Liebespaar, das sehen wollte, wie die Sonne hinter der Kurve der Autobahn versank. Aber alles was ich sah, war ein Mann im Unterhemd, der seinen Hund spazieren führte und einen anderen, jüngeren, der in einem eigenartigen Laufstil die Auffahrt zur Brücke heraufkam und am Geländer Dehnungsübungen machte. Ich fragte mich, wo die Liebespaare waren. Als ich am Nachmittag zum ersten Mal die Brücke betreten hatte, stand ein Regenbogen über der Ebene, und die Autobahn führte mitten hindurch. Aber auch da waren keine Liebespaare zu sehen gewesen, was ich auf den Regen geschoben hatte. Jetzt sah ich dem jungen Mann verstohlen bei seinen Dehnungsübungen zu, während der Mann mit dem Hund wieder zurückkam. Schließlich, ich musste eine halbe Stunde auf der Brücke verbracht haben, hielt an ihrem Fuß ein alter VW Jetta, aus dem ein Mann stieg, der langsam zu mir heraufkam. Er stützte die Unterarme auf das Geländer und faltete die Hände. So starrten wir beide schweigend in die Ebene, aus der die Lichter immer deutlicher hervortraten.
Um ein Gespräch zu beginnen, fragte ich, welche Hotels es im Ort gäbe. Der Mann nannte den Schwan, in dem aber nur Monteure wohnten.
Ich sagte, ich übernachtete nebenan in der „Waldesruhe“.
Der Mann sah mich skeptisch an und fragte, wie teuer das Zimmer sei. Da ich die Wirtin nicht danach gefragt hatte, konnte ich nur die Schultern zucken.
„Zahlt meine Firma“, behauptete ich.
Ich war dabei, mich in eine fantastische Lügengeschichte zu verstricken. Warum hatte ich nicht den Mut, einfach zu sagen, dass ich eine Wanderung an der Autobahn machte?
„Dienstreise?“ fragte der Mann, und ich nickte. „Woher kommen Sie denn?“
„Köln“, sagte ich ohne zu überlegen. Ich hatte keine Vorstellung davon, warum ein Kölner eine Dienstreise nach Weilburg machen und seinen Abend auf einer Autobahnbrücke verbringen sollte, aber die Sache begann mir Spaß zu machen. Konnte ich mich als Vertreter ausgeben? Ich hatte nicht das Gefühl, in meiner Wanderkleidung besonders überzeugend zu wirken.
„Kennen Sie denn das Hotel Waldesruhe?“, fragte ich schnell.
„Man hat da nicht so Kontakt zu“, sagte der Mann zögerlich.
Es klang, als wisse er alles darüber und müsse jetzt unglücklicherweise gehen.
„Das ist ja richtig romantisch hier“, sagte ich sinnloserweise, und der alte Mann schien auch nicht zu verstehen. „Kommen Sie oft hierher?“
Der Mann sah mich an. Ich wollte gar nicht wissen, für was er mich hielt.
„Auf die Brücke meine ich.“
„Eigentlich jeden Abend“, sagte der Mann. „Außer Mittwoch.“

Die Schenke in der „Waldesruhe“ hieß „Sir William’s Pub“, viel dunkles Holz und schwer verhängte Fenster. Ich setzte mich an die Theke, hinter der eine üppige, strahlende junge Frau die Gläser trocknete. Auf der anderen Seite des hufeisenförmigen Tresens saß ein gebräunter Mann mit einer schweren Goldkette um den Hals. Er zeigte seiner Begleiterin gerade seine zwei Handys. Sie schienen hier Stammgäste zu sein, denn sie duzten die Frau hinter der Theke und unterhielten sich mit ihr wie alte Bekannte.
Ich bestellte ein Pils und hörte dem Gespräch zu.
Der Mann schien ein Immobilienmakler aus Sossenheim zu sein, einem der westlichen Frankfurter Vororte. Das alte Dorf hatte längst sein Gesicht verloren und lag direkt an der Autobahn, sogar der Friedhof.
Die Frau, soviel wurde bald klar, war Krankenschwester und sprach mit starkem schwäbischem Einschlag. Aber sie schien nicht viel zu sagen zu haben, nicht nur an diesem Abend.
„He, Tina“, sagte der Immobilienmakler zu der Bedienung hinter der Theke, „wohnste immer noch bei deinen Eltern?“
Die Bedienung erzählte ihm, wo sie schon überall gewohnt hatte.
„Hab ich auch gewohnt“, sagte der Immobilienmakler jedesmal. „Die schönste Villa.“
Ich fragte mich, ob er in Sossenheim auch in den Hochhäusern an der A 66 gewohnt hatte.
Der Immobilienmakler tippte eine Nummer in eines der Handys. Das andere Handy klingelte.
„Siehste“, sagte er zu der Krankenschwester. „Geht doch.“
Die Bedienung stellte jetzt einen Salatteller vor ihn auf die Theke und sagte, dass sie vormittags seit sieben Jahren Sozialpädagogik studierte, nachmittags in einem Kinderhort und abends hier. Die Krankenschwester bekam einen großen Teller mit Pommes frites, in dem sie lustlos herumzustochern begann.
Nach einer Weile kam die Wirtin aus der Küche und setzte sich ebenfalls an die Theke. Sie zündete sich eine Zigarette an, zog daran, legte den Kopf weit nach hinten und wartete lange, bevor sie den Rauch ausstieß.
„Puh“, sagte sie, „habt ihr das Gewitter mitgekriegt heut Nachmittag? Da war ich grad unterwegs. Ich hab ja so Angst gehabt. Da bin ich lieber schnell nach Haus gefahren.“
Ein böser Husten unterbrach sie. Die Zigarette streckte sie weit von sich.
„Musst keine Angst haben“, sagte die Bedienung und stellte ein kleines Glas mit einer klaren Flüssigkeit vor sie hin. „Im Auto biste sicher. Faradayscher Käfig oder wie das heißt.“
Der Immobilienmakler pickte jetzt die Pommes frites vom Teller der Krankenschwester. Eines seiner beiden Handys gab einen Ton von sich.
„Was fährst du denn überhaupt für einen?“ fragte er die Wirtin.
„Ich hab da so’n Cabrio“, sagte die Frau. „Aber was meinste, wie oft ich damit schon offen gefahren bin? Noch kein Mal diesen Sommer. Ist noch’s Hardtop drauf. Ich schwör’s.“
Der Immobilienmakler schien jetzt unterhalb des Tresens den Oberschenkel seiner Begleiterin zu kneten, die apathisch die Gabel zum Mund führte.
„Was denn für’n Cabrio?“ fragte der Immobilienmakler und knetete weiter. „So’n kleines?“
„So’n Mercedes“, sagte die Wirtin.
„Mercedes Cabrio“, schrie der Immobilienmakler fassungslos. „Ist das der kleine? Der SLK?“
„Nee“, sagte die Wirtin. „Ich hab nicht so’n kleinen. Ich hab so’n SL. Nicht so’n SLK.“
„Ach der mit der langen Haube?“ schrie der Immobilienmakler. „12 Zylinder?“
„Aber das is’n scheiß Auto“, sagte die Wirtin gedehnt. „So unbequem. Beim Einkaufen und so.“
„Ja, ja, da passen grad nur so zwei Tüten rein“, sagte der Immobilienmakler.
„Nee, nee“, wehrte sich die Wirtin, „der hat ’nen richtigen Kofferraum. Das ist nicht der kleine. Nicht der SLK. Das ist so’n SL.“
„Was schluckt der denn so?“ fragte der Immobilienmakler.
„Weiß nicht“, sagte die Wirtin. Die Bedienung stellte ein neues kleines Glas vor sie hin, es war nicht einmal halb mit der klaren Flüssigkeit gefüllt.
„Nicht so viel“, sagte die Wirtin. „Aber da passen nicht nur zwei Tüten rein.“
Der Mann lachte. „Meiner hat auch 12 Zylinder. BMW.“
Die Krankenschwester blickte abwesend auf ihren Teller, als versuchte sie sich zu erinnern, was eben noch darauf gelegen hatte.
„Mein Mann hat ja auch noch so’n Oldtimer. Auch 12 Zylinder“, sagte die Wirtin.
„Der schluckt ja auch ganz schön“, sagte der Immobilienmakler.
„Nee“, sagte die Wirtin. „Kann man so nicht sagen. Ich glaub nicht.“
„He“, schrie der Immobilienmakler plötzlich, „spinnst du?“
Die Bedienung hörte auf, Gläser zu trocknen und starrte ihn erschrocken an.
„Bist du verrückt, hast du sie nicht alle?“ schrie der Immobilienmakler weiter.
Die Bedienung merkte, dass sie nicht gemeint war und trat an die Musikanlage. Die Musik hörte auf. Ich hätte nicht sagen können, was bis eben gelaufen war, es war ein leises,  verrauschtes, gleichmütiges Geräusch, das an die Autobahn erinnerte, indem es sie überdeckte.
„Was hab ich dir gesagt? Hab ich dir nicht gesagt, dass du das nicht darfst? Hab ich dir das nicht gesagt?“
Die Krankenschwester hatte die Hand auf den Unterarm des Mannes gelegt. Jetzt sah ich, dass sich fast bis zum Ellbogen hinauf ein heller Strich durch seine Bräune zog.
„Da hat’s ihn fast zerlegt“, sagte die Krankenschwester triumphierend. Sie schien plötzlich erwacht zu sein.
„Ich will nicht, dass du da ran fasst“, sagte der Immobilienmakler. „Wie oft hab ich das schon gesagt.“
Die Krankenschwester hatte die Hand wieder zurückgezogen.
„Echt“, sagte der Immobilienmakler. „Ich lass mich scheiden, ehrlich.“
„Ich hab auch schon die ganze Woche Kopfschmerzen“, sagte die Wirtin übergangslos. Sie schien die Geschichte zu kennen. „Ich hab schon ‘ne ganze Packung verbraucht.“
Die Musik setzte erneut ein, anscheinend unverändert, ich erkannte nichts. Die Bedienung trocknete wieder die Gläser.
„Was nimmsten?“, fragte der Immobilienmakler, der sich wieder beruhigt zu haben schien. „Spalt?“
„Spalt“, sagte die Wirtin verächtlich. „Migräne ist das, Migräne.“
„Hab ich auch gehabt“, sagte der Immobilienmakler. „Und immer so Zeugs genommen. Und irgendwann einfach mal nur die Hälfte genommen und gleich – wumms.“
„Thomapyrin?“, fragte die Krankenschwester.
„Oha, hab ich da gedacht“, sagte der Immobilienmakler, „oha.“
„Thomapyrin ist gut“, sagte die Wirtin und zählte langsam auf: „Thomapyrin, Dolomin, Novalgin …“
„Novalgin?“, fragte die Krankenschwester erschrocken. „Das sind doch Hämmer.“
„Hämmer …“, sagte die Wirtin und zog das Wort in die Länge, bis man den Schmerz hörte. „Ich hab doch gesagt, das ist Migräne. Ich hatte sogar mal ‘ne Kernspintomographie.“
„Hatte ich auch mal“, sagte der Immobilienmakler. „Wie die mich da rein tun wollten, ging mir vielleicht die Muffe. Da hab ich vorher so Beruhigungsdinger genommen, so …“
„Valium?“, fragte die Wirtin. „Das nehm ich nämlich auch immer.“
„Genau“, sagte der Immobilienmakler.
An der Wand hing eine Tafel mit der Aufschrift „Bitburger Bekenner Aktion“. An die Tafel waren die Fotos von Gästen geklebt, die sich mit einem Glas Bitburger Pils in der Hand hatten fotografieren lassen. Einige führten gerade das Glas zum Mund, andere wischten sich schon den Schaum weg. Die Frage war, wer das schönste Bit-Gesicht hatte. Auf einem kleinen Schild stand, dass die Fotografierten vom Wirt ein „Dankeschön“ erhielten und später „die Chance auf einen begehrten Preis“ hatten.
„Genau“, sagte der Immobilienmakler wieder. Seine Hände tasteten auf seinen Handys herum, ohne dass er hinschaute. Die Krankenschwester war über einem halb ausgetrunkenen Apfelwein zusammengesunken.
Auf dem Klo betrachtete ich lange mein Bit-Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken; ich hatte keine Chance, was den Preis anging. Zurück in der Gaststube, zahlte ich.
„Ich geh noch mal kurz raus“, sagte ich zu der Wirtin, die wieder mit zurückgelegtem Kopf rauchte. Sie schien mich nicht mehr zu hören.
Es war kurz vor Mitternacht, als ich wieder auf der Brücke über der Autobahn stand. Jetzt sah ich die Lichter Frankfurts, das tagsüber vom Dunst verschluckt gewesen war. Der Fernsehturm blinkte, ein stetiger Herzton, rechts daneben die Pyramide des Messeturms, und das Rot musste das Mariott Hotel sein. Der Flughafen war eine orange leuchtende Wolke, die dicht über dem Boden stand, und vom Tower aus strich ein Licht wie von einem Leuchtturm über das Land. Ich begriff, dass ich, obwohl ich den ganzen Tag gewandert war, der Stadt nicht entkam. Die Dunkelheit schien mich ihr sogar wieder näher gebracht zu haben. Ich war noch ganz nah an der Stadt, in der ich seit dreizehn Jahren lebte, und hatte mich doch weit entfernt. In meinem Kopf spürte ich den Alkohol. War dies wirklich die Stadt, die ich kannte? Und wenn nicht, wo war ich?
Ich beugte mich weit über das Geländer. Die Autos, die mir aus der Ebene entgegenkamen, schienen andauernd die Spur zu wechseln, wie beim Start eines Autorennens. Auf der anderen Seite der Mittelleitplanke floss der rote Strom der Rücklichter wie flüssige Lava zu Tal. Der Verkehr war trotz der Uhrzeit nicht schwächer geworden, im Gegenteil, er schien immer dichter zu werden. Es begann wieder zu regnen. Die Tropfen auf meiner Brille verdoppelten die Lichter der Autos und lösten sie zugleich auf, sie zerflossen, spritzten nach allen Seiten. Ich hatte einen Regenschutz dabei, eine durchsichtige, neongelb eingefärbte Folie, dünn wie ein Kondom. Es war wie mit der roten Gewerkschaftsmütze, ich hatte gehofft, sie nie benutzen zu müssen. Ich zupfte das kleine Päckchen mit spitzen Fingern auseinander und wusste sofort, dass es mir nie gelingen würde, es wieder zusammen zu falten. Noch während ich nach der Öffnung suchte, um mir den Umhang über den Kopf zu ziehen, wurde der Regen stärker. Als ich es endlich geschafft hatte, war ich längst durchnässt. Ich fragte mich, was die Autofahrer dachten, wenn sie mich im letzten Moment am oberen Rand ihrer Windschutzscheiben auftauchen sahen, ein bonbonfarbenes Gespenst, eine über ihren Köpfen irrlichternde Erscheinung ihres Sekundenschlafs. Als der Regen schwächer wurde, zog ich den Umhang schnell wieder aus, doch kaum hielt ich die nasse Hülle in der Hand, stellte ich fest, dass der Regen nicht stark genug nachgelassen hatte und wollte die Folie erneut über mich werfen. Aber nun verwickelte ich mich so vollständig in ihr, dass ich schließlich nur falsch herum, die nasse Seite nach innen, hineinfand. Es machte mir nichts aus. Ich rannte von links nach rechts über die Brücke und wieder zurück, wechselte die Seiten wie aufgezogen. Ich hatte das Gefühl absoluter Gegenwart, als sähe ich das ganze weite Panorama der Nacht nicht nur zum ersten, sondern auch zum letzten Mal, und als läge darin für mich zugleich eine Bedeutung, die über das bloße Jetzt weit hinausreichte: Ich blickte auf die dunkle, undeutliche Ebene meiner vergangenen Jahre, in der sich ein paar Lichter ballten, bevor der Regen auch sie löschte. Ich hatte eindeutig zu viel getrunken.
Ein Auto hupte und fuhr langsam hinter mir vorbei. Es war meine Brücke, ich hatte sie erobert und war bereit zur Verteidigung. Ein zweites Auto kam die Anhöhe zur Brücke herauf. Es war der BMW des Immobilienmaklers, der vor der „Waldesruhe“ geparkt hatte. Hinter den hektischen Scheibenwischern sah ich undeutlich die Krankenschwester auf dem Beifahrersitz.
Als ich zur „Waldesruhe“ zurückkehrte, war das Haus schon abgeschlossen. Ich fand keine Klingel und klopfte. Als sich nichts tat, ging ich durch den Hof zur Hintertür, über der Licht brannte. Hier war die Klingel offenbar entfernt worden, denn ich sah noch die Spuren auf dem Putz. Aus einem Bohrloch hing ein loses Kabelende. Ich klopfte wieder, lauter.
„Ich dachte, Sie sind schon oben“, sagte die Frau, die hinter der Theke gestanden hatte. Mir fiel ein, dass sie erzählt hatte, sie habe im Haus ein Zimmer, das sie aber fast nie benutzte.
Aus der Küche fiel ein kaltes weißes Licht, ansonsten war alles dunkel.
Im Zimmer roch es feucht und muffig, obwohl das Fenster gekippt war. Ich zog die Rollläden hoch und hörte der Autobahn zu, bis ich ruhiger wurde. Nach einer Weile schaltete ich den Fernseher ein, aber da die Batterien der Fernbedienung offenbar leer waren, ließ sich das Programm nicht weiterschalten und die Lautstärke nicht verstellen. Jetzt fiel mir ein, dass auch das Licht draußen auf dem Gang nicht funktionierte, denn ich hatte mich im Schein der Notbeleuchtung voran tasten müssen und war dann, da das Zimmer niedriger als der Gang lag, eine Stufe heruntergestolpert – ich hatte das Gefühl, mit dem Öffnen der Zimmertür plötzlich ins Nichts getreten zu sein. Aus keinem der anderen Räume, es mochten noch sechs oder sieben auf der Etage sein, war ein Laut oder Lichtschein gedrungen, und ich war sicher, der einzige Gast zu sein.
Ich ließ die Rollläden wieder herunter und schaltete den Fernseher aus. Erst gegen vier, schien es mir, als ob der Faden der Autobahn riss. Im Halbschlaf trieb ich an schwarzen Inseln vorüber, die schweigend in der Mitte eines Flusses lagen. Von Zeit zu Zeit strichen langsame Flugzeuge tief über das Haus, und der Fernseher klirrte leise auf seinem Schränkchen.

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
5. Chrom 0,002 mg

26.09.2009 sm

War es ein Zufall, dass ich Bad Weilbach fand? Als der Regen nachgelassen hatte, war ich zu der Anhöhe gegangen, auf der eine Brücke über die Autobahn führte. Fünfzig Meter daneben lag, hinter schütteren Fichten und dornigem Immergrün, das Hotel Waldesruhe. Da es nicht vor 19 Uhr 30 öffnen würde, wanderte ich unschlüssig weiter, zu beiden Seiten jetzt Häuser, die nach nichts als dem Geld ihrer Bewohner aussahen. Dann fiel das Gelände plötzlich steil ab, eine S-Kurve, als ob die Straße selbst nicht mehr weiter wollte, und ich stand in Bad Weilbach, das so klein war, dass es sich auf meiner Karte hatte verstecken können.
In einem gusseisernen Pavillon, der die Jahreszahl 1832 trug, aber offenbar vor kurzem restauriert worden war, sprudelte freundlich die Heilquelle. Das Wasser schmeckte furchtbar. Daneben hingen in einem Schaukasten einige vergilbte Blätter zur Geschichte des Ortes. Demnach war der „Faulborn“ eine der schwefelreichsten kalten Mineralquellen Deutschlands, sein Wasser heilend bei Erkrankungen der Haut und der Atmungsorgane. 1784 war die Quelle eingefasst worden, und schon bald begann ein reger Heilwasserexport. Wenig später entwickelte sich ein Kur- und Badebetrieb, von dem Park und Kurgebäude, Bade- und Inhalierhaus noch heute zeugten. 1875 war der Höhepunkt des Badebetriebs erreicht gewesen, es folgte der Niedergang: Bis zum Ersten Weltkrieg war im Kurhaus eine „Kolonialfrauenschule“ untergebracht, „wo junge Mädchen auf die Führung von Haushalten in den deutschen Kolonialgebieten ausgebildet wurden“. Im klassizistischen Kurhaus von 1837 waren heute Wohnungen und ein „Airport Country Hotel“, das die Nachteile von Fluglärm und Abgelegenheit teuer zu kombinieren wusste; alle fünf Minuten krochen Jumbo Jets langsam über den Himmel, sie kamen mir ungefähr so groß vor wie in „Independence Day“ die Raumschiffe über New York. Kamen keine, rauschte die Autobahn, es war alles längst Teil der Natur.
In einem anderen Schaukasten konnte man von Versuchen lesen, den Ort aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken, aber wie sollte man einen Ort wecken, der vor Lärm nicht schlafen konnte und dessen Verwunschenheit eher Verdammung war?
Zwei Wanderer kamen und schöpften das Wasser der Quelle. Sie wanderten erfrischt davon. Dann erschien ein alter Mann auf einem Fahrrad und füllte langsam sechs mitgebrachte Vittel-Flaschen, die er anschließend in einem Kasten auf dem Gepäckträger festklemmte. Ich wartete, bis er fertig war.
„Schmeckt Ihnen das Wasser hier?“
„Muss ja“, sagte der Mann. „Soll ja gesund sein.“
„Glauben Sie denn, dass es gut für Sie ist?“
„Na ja“, sagte der Mann. Er deutete auf den Aushang, den ich eben gelesen hatte. „Man selbst merkt das ja nicht so an sich. Das merkt man ja erst, wenn man krank ist.“
Ich sah ihn ratlos an: „Dass man zu wenig Wasser davon getrunken hat?“
„Man soll ja generell viel trinken“, sagte der Mann und schwang sich etwas mühsam auf sein durch die Flaschen instabil gewordenes Fahrrad. „Aber das hilft ja auch nicht immer.“
Ich sah ihn erwartungsvoll an.
Früher, sagte der Mann, habe er jeden zweiten Tag sechs Flaschen geholt, aber früher habe auch seine Frau noch gelebt, die das meiste getrunken hatte, nur geholfen hatte es nichts.
„Die Flaschen“, rief ich, als ich sah, wie sie auf dem Gepäckträger zu verrutschen begannen, aber der Mann griff nur routiniert hinter sich und fuhr, jetzt nur noch eine Hand am Lenker, schwankend davon.
Später kehrte ich zu der Brücke neben dem Hotel zurück. Ein paar Stufen führten auf einen eingewachsenen schmalen Pfad entlang der Autobahn. Es gab keinen Wegweiser, aber ich hatte in dem Schaukasten in Bad Weilbach von einer weiteren Quelle gelesen. Die Natron-Lithion-Quelle lag direkt neben der Autobahn, nur durch einen höchstens drei Meter breiten Gestrüppstreifen geschützt. Unter dem Dach eines zierlichen Pavillons, auch er wohl aus dem 19. Jahrhundert, floss stark eisenhaltiges Wasser aus einem Metallhahn, der aus einem achteckigen Waschbetonklotz ragte; das Eisen hatte den Waschbeton rostig-rotbraun verfärbt. Ich setzte mich auf die Einfassung und studierte die aushängende Analyse des Fresenius-Instituts, die in einem kleinen Schaukasten hing: Arsen 0,003 Milligramm, Cadmium < 0,0005, Chrom 0,002, Quecksilber < 0,0001, Nickel < 0,002. Ich hörte auf, zu notieren. Es waren genau jene hochgiftigen Metalle, die sich entlang der Autobahn anreicherten – hier im Wasser in kleinster, vielleicht sogar heilender Dosierung; es war schwer zu glauben. Die Analyse der letzten entnommenen Probe hatte keinerlei Kolibakterien nachweisen können, auch die Suche nach Fäkalstreptokokken und „sulfidreduzierenden sporenbildenden Anaerobiern“ war zum Glück ergebnislos verlaufen. Ich probierte das Wasser zögernd; es schmeckte ganz anders als das der Schwefelquelle, ganz anders scheußlich.
Ich setzte mich auf die Eisenbank neben dem Pavillon und versuchte das Geräusch der Autobahn so zu analysieren, wie es die Chemiker von Fresenius mit dem Wasser der Quelle getan hatten. Was waren seine Bestandteile und in welchen Anteilen nahm ich sie auf? Wo lagen die Grenzwerte? Ich schloss die Augen und spürte deutlicher die Schläge der Lastwagen, dann schrieen die hohen Stimmen von Motorrädern, die sofort wieder verstummten.
Das Gestrüpp vor mir schüttelte sich, wenn die Böen des Autobahnsturms hineinfuhren, das Gestrüpp schüttelte sich ununterbrochen. Ich saß eine ganze Stunde auf der Bank. Anders als bei der Schwefelquelle kam niemand, um sich Wasser abzufüllen.
Ab und zu drehte ich mich um, um mir die Häuser anzusehen, die kaum fünfzig Meter von der Autobahn entfernt standen. Ich hatte sie zuerst für Firmengebäude gehalten, aber sie schienen bewohnt zu sein. In einem offenen Fenster im ersten Stock lehnte ein junger Mann und rauchte. Er schien langsam und genussvoll zu rauchen. Über die Büsche hinweg schaute er direkt auf die Fahrbahnen. Ich wollte ihn etwas fragen, aber ich hätte schreien müssen, und was hätte ich fragen sollen?
Ich betrachtete wieder die Quelle, die sinnlos aus dem Waschbeton lief. Als ich mich nach einer Weile erneut umdrehte, war das Fenster, wo der Mann geraucht hatte, geschlossen; es hatte keine Gardinen.

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
4. Rumänen

17.09.2009 sm

Über Frankfurt schoben sich die Wolken zu einem Gewitter zusammen, und ich fragte mich, ob ich weit genug weg war, um in Ruhe Rast machen zu können. Ein Bach unterquerte in einem etwa mannshohen Betontunnel den Damm, auf dem Auto- und Eisenbahn nebeneinander verliefen; am anderen Ende der Röhre war ein dichtes grünes, windbewegtes Gestrüpp zu sehen, durch das die Sonne fiel. Dieses unerreichbare Land auf der anderen Seite erschien mir seltsam verführerisch, das Haar einer Frau in einer Gegenlicht. Der Blick in den Tunnel war wie der Blick durch ein Fernrohr, das eine andere, unerreichbare Welt zeigte, oder ein Kaleidoskop, dessen Drehung im nächsten Moment ein ganz anderes Bild hervorbringen konnte. Das Wasser sah sauber aus und fühlte sich leicht seifig an. Das Bachbett war von eigenartiger Perfektion, von jener unheimlichen und unnatürlichen Natürlichkeit, wie sie renaturierte Gewässer auszeichnet.
„Entschuldigen Sie, wissen Sie, wie der Bach heißt?“
Ein älterer Mann auf einem Klapprad war langsam nähergekommen, er schüttelte den Kopf. Der Mann saß mit nacktem Oberkörper auf seinem Rad, um den Hals trug er zwei goldene Ketten, an der einen hing ein Kreuz, an der anderen ein rechteckiges Metallplättchen, das wie eine Erkennungsmarke aussah. Ich setzte den Rucksack ab und entfaltete die Landkarte. „Weilbach“ las ich darauf, aber der Mann schüttelte wieder den Kopf und zeigte nach Norden.
„Weilbach liegt da hinten.“
„Sind Sie aus Weilbach?“
„Eddersheim“, sagte der Mann, und der junge Rockhopper fiel mir ein, der Ort hatte ein paar komische Einwohner. Er kam aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus.
Vor 43 Jahren war er aus dem Osten nach Eddersheim gezogen und wohnte seither da hinten, in einer Siedlung aus quaderförmigen Wohnblocks, auf denen die Sonne lag, so dass sie sich leuchtend von dem regendunklen Himmel abhoben.
Ich fragte ihn, ob die Siedlung einen Namen hatte, denn sie kam mir wie ein eigener Ort vor.
„Das ist die Neue Heimat“, sagte der Mann.
Die Neue Heimat waren die Häuser, die am dichtesten an der Autobahn und der ICE-Trasse lagen. Noch dichter lagen sie neben einer weiteren Eisenbahnlinie, die Wiesbaden mit Frankfurt verband. Die alte Heimat musste eine schlechte gewesen sein, wenn man die neue hatte annehmen können.
„Stört Sie der ICE?“
Im gleichen Moment schämte ich mich schon für die Frage, aber der Mann zuckte nur die Schultern. Ich erfuhr, dass die Eddersheimer gern noch eine Lärmschutzwand auf den Damm hätten setzen lassen, die aus Kostengründen entfallen war. Jetzt war da das filigrane Astwerk der Oberleitungsmasten.
„Die Autobahn ist schlimmer“, sagte er, „aber da gewöhnt man sich auch dran.“
„Und die Flugzeuge?“, fragte ich. Kam ihm der Lärm wie ein Naturereignis vor, ein unabänderliches Phänomen, dem sich der Mensch zu fügen hatte?
Der Mann sah jetzt auf seine Armbanduhr, und ich begriff, dass er gekommen war, um dem ICE bei seiner sekundenkurzen Vorbeifahrt zuzusehen. Als der Zug mit einem bösen Fauchen kam, war er auch schon vorüber.
„Ob wir beide was davon haben?“, sagte der Mann zweifelnd und sah wieder zu der Siedlung hinüber, wo er wohnte.
Aus Angst vor Anschlägen auf die Strecke fuhr die Polizei dreimal täglich Streife, unregelmäßig, man konnte nicht wissen, wann sie kamen.
„Die waren eben noch hier gewesen“, sagte der Mann und schaute sich überrascht um, als stellte er erst jetzt fest, dass keine Polizei mehr da war: „Genau hier.“
Und vor einer Woche erst habe ein Hubschrauber über der Ebene gestanden, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, er war aufgewacht von dem Lärm und auf den Balkon gegangen, auch seine Nachbarn hätten auf ihren Balkons gestanden, und alle hätte es gesehen. Der Hubschrauber sei vom Bundesgrenzschutz gewesen und habe Staub aufgewirbelt und alles hell ausgeleuchtet, dann habe er mit einem Lichtkegel überallhin geleuchtet, den Bahndamm entlang, aber auch auf die Häuser und in die Wohnungen hinein, ganz geblendet sei man gewesen, obwohl man doch in der Neuen Heimat niemanden fände, den man nicht kenne; in dieser Nacht, sagte der Mann, habe man sechs Leute festgenommen.
„Was für Leute?“
Der Mann zuckte die Schultern. Hinter ihm war der Himmel jetzt sehr dunkel geworden, und von fern rollte Donner heran. Das Land war flach, es gab keine Unterstellmöglichkeit, und ich hatte Angst vor den Blitzen.
„Sie meinen, man hat einen Anschlag auf die Bahn vereitelt?“
Der Mann wiegte den Kopf: „Leute … Rumänen … Leute halt, aus dem Osten.“
Mir fiel ein, dass vor Jahren rumänische Diebesbanden in Nordhessen ihr Unwesen getrieben hatten. Es war viel in den Zeitungen darüber berichtet worden. Angeblich unterhielten sie in den Wäldern Lager mit Waffen und Diebesgut, das sie auf Autobahnparkplätzen umluden.
„Stand es in der Zeitung?“ fragte ich, denn ich hatte in den letzten Tagen nichts darüber gelesen.
„Das nicht“, sagte der Mann, aber das erzählte man sich dort in der Neuen Heimat, da wusste das jeder, und den Hubschrauber habe er ja selbst gesehen, eine halbe Stunde lang.
„Die Zeitungen nehmen ja viel rein“, sagte der Mann und schob sein Fahrrad an. „Aber nur manches.“
Die Autos, die aus Richtung Frankfurt kamen, hatten die Scheinwerfer eingeschaltet, ein Baukran leuchtete orange vor einem fast schwarzen Himmel. Zwei Tauben, von der Sonne getroffen, leuchteten weiß wie Möwen, dann warf der Wind sie hoch. Blitze liefen als helle Haarrisse durch einen Himmel, der gleich einstürzen würde. Ein paar hundert Meter weiter bot die Unterführung der B 519 ein wenig Sicherheit, aber der Bürgersteig war zu schmal, um sich dort länger aufzuhalten. Unter dem Betonvorsprung des „Weilbacher China-Restaurant Han-Thai“, das noch geschlossen hatte, fand ich schließlich Schutz. Ich sah dem Hagel zu, wie er vom Dach eines schwarzen Fiat Punto hochsprang, der vor mir am Straßenrand parkte, und las die Namen auf den Klingelschildern; dort wohnten Renner, Zotzmann, Brandel und Li/Yang.

(c) Jürgen Hosemann