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Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
13. AUSFAHRT/TOTAL

29.11.2009 sm

An der Abfahrt Ransbach-Baumbach hatte sich ein „Maxi-Autohof“ angesiedelt, ein McDonald’s Drive In, eine TOTAL-Tankstelle. In dem Autohof konnte man essen und duschen, es gab einen Laden und eine Spielhalle auf zwei Etagen. Vor den Automaten standen fahrbare dickgepolsterte Kunstledersessel, aber nur in einem einzigen saß, tief heruntergerutscht, ein Mann mittleren Alters. Hinter einer Theke und beschirmt von zwei ausladenden Grünpflanzen in Hydrokulturkübeln langweilte sich eine junge Angestellte mit einer anderen. Sie schienen darauf zu warten, dass der Mann aus dem Sessel fiel. Ein anderer Angestellter hatte einen der Automaten geöffnet, um den Münzspeicher zu leeren; als das Rasseln der Geldstücke einsetzte, blickten die Frauen hinüber.
Ich setzte mich an eine der Maschinen und warf einen Euro ein. Als sich die Scheiben zu drehen begannen, wusste ich nicht, was ich machen sollte und drückte auf eine Taste, die plötzlich aufleuchtete, dann war das Spiel zu Ende. Der Trinker im Bahnhof von Niedernhausen fiel mir ein, der in der Gaststätte mit dem kaputten Lotto-Computer eine Stunde lang die Spielautomaten in Bewegung gehalten hatte. Wird nicht verraten, hatte er auf die Frage der Wirtin, von wo er denn herkomme, geantwortet.
Später schlenderte ich an der Tankstelle vorbei über den McDonald’s-Parkplatz, wo fast ausschließlich Autos mit dem Kennzeichen des Westerwaldkreises standen. Aus den Autos, die offenbar alle aus den umliegenden Ortschaften gekommen waren, stiegen gutgelaunte Familien, die sogleich in dem Schnellrestaurant verschwanden, wo schon andere gutgelaunte Familien saßen. Durch die Scheiben sah ich, dass selbst jetzt, mitten am Nachmittag, fast alle Tische besetzt waren. Dann ging ich quer über einen neu angelegten Verkehrskreisel zu der Brücke über die Autobahn und stellte mich an das Geländer. In Richtung Norden entfernte sich die A 3 schnell als eine graue Gerade, die nach einem knappen Kilometer, dort, wo sie nach Osten abknickte, mitten in der Landschaft zu enden schien. In Richtung Süden verschwand sie in einer langgezogenen Gegenkurve in bewaldetem Gebiet, in das ihr ein paar Hochspannungsmasten folgten. Als die Sonne hervorkam, wurden die Farben stärker: Am dunklen Waldrand leuchtete plötzlich eines jener orangen Streckentelefone auf, tiefblau das AUSFAHRT-Schild, strahlend weiß die scheinbar überall im Grün verteilten Leitpfosten. An einer Baustelle markierten rot-weiße Warnbaken einen Engpass, und gelbe provisorische Markierungen verschwenkten die Fahrbahnen über die durchbrochenen weißen Linien hinweg. Auf der anderen Seite des Mittelstreifens zeichneten sich meterlang geschwungene Bremsspuren ab, als habe jemand mit riesigem schwarzem Pinsel angesetzt, einige geheimnisvolle Buchstaben auf den Asphalt zu bringen. Fast immer, wenn ich von oben auf die Autobahn heruntergeschaut hatte, waren mir solche Bremsspuren aufgefallen, und nie hatte ich daraus lesen können, ob sie ein gutes oder ein schlimmes Zeichen waren, Zeichen eines Unfalls oder seiner knappen Verhinderung.
Plötzlich, ich musste schon minutenlang auf den unter mir hinwegschießenden Verkehr gestarrt haben, wurde es still in meinem Kopf. Jetzt, da nur noch die Autobahn in ihm zu sein schien, dachte ich nicht mehr an sie, ich hatte sie vergessen. Ich hörte auch keine anderen Geräusche mehr, denn der Lärm der Autobahn hatte alles andere unter sich begraben, und als ich die Autobahn vergessen hatte, hatte ich auch alle anderen Geräusche vergessen. Ich hörte nichts mehr, es war die vollkommene Stille, die Taubheit der tiefsten Versenkung. Ich spürte, wie durch die Brücke, auf der ich stand, ein leises Schaudern lief, als direkt hinter mir, aber fast unhörbar, ein Reisebus vorüberfuhr. Über mir zogen niedrige Wolken vorbei – seltsam schnell, wie im Zeitraffer eines Dokumentarfilms –, an den Bäumen flirrten die Blätter, ohne dass ich den Wind hörte, und über die Auf- und Abfahrten schoben sich lautlos die Lastwagen. Auf dem Kreisel, den ich eben noch durchquert hatte, schienen die immergleichen Fahrzeuge in stummer Verzweiflung unablässig im Kreis zu fahren, eingefangen und in Bewegung gehalten von einer unsichtbaren Kraft. Ich sah einen Film ohne Tonspur. Er dauerte nur kurz. Dann kam es mir vor, als erwachte ich schlagartig aus tiefem, langem Schlaf, und der Lärm setzte wieder ein, verschoben um eine Winzigkeit, als habe die Frequenz gewechselt. Auf der nach Süden führenden Fahrbahn hatte sich eine Karawane aus Lastwagen zusammengefunden, die sich stoisch ihren Weg bahnte. Ich fixierte einen von ihnen, der, noch einige hundert Meter auf der Geraden entfernt, für einen Moment die Scheinwerfer aufleuchten ließ. Vermutlich war es dieses als Gruß oder Warnung für andere Fahrer gedachte Signal, was mich auf den Lastwagen aufmerksam gemacht hatte. Im selben Augenblick brach aus seinem Schatten ein schwarzer Sportwagen, der ohne den Blinker zu setzen auf die linke Spur wechselte und Sekunden später mit einem pfeifenden Geräusch unter meiner Brücke hinwegtauchte. Ich drehte mich um, um ihn mit den Augen auf der anderen Seite weiter zu verfolgen, sah ihn aber schon nicht mehr.

 

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
8. Lotto

22.10.2009 sm

Der Bahnhof von Niedernhausen war ein moderner Zweckbau, heruntergekommen und menschenleer. An den verschmierten Glastüren warnten Plakate des Bundesgrenzschutzes davor, der ICE-Strecke zu nahe zu kommen, die, zweihundert Meter oberhalb von hier, neben dem alten Autobahnviadukt das Theißbachtal überspannte.
Ich wollte nur Kaffee trinken.
Um sieben Uhr morgens hatte ich das nasse Zelt zusammengepackt; auf den Wiesen lagerten schwer die Wolken. In einem silbern tropfenden Nadelwald rollte mir ein Transporter des Bundesgrenzschutzes lautlos entgegen, hinter der Windschutzscheibe zwei Uniformierte unbeweglich wie Statuen. Die Autobahn war ganz nahe gewesen, aber der dichte Wald hatte den Lärm geschluckt. Er schien irgendwo in den Kronen der Bäume hängen zu bleiben, wo er sich mit dem Nebel auflöste.
Die Gaststätte im Bahnhof hieß „Gaststätte“. Ich fragte, ob man etwas zum Frühstück haben konnte, und die Wirtin verkaufte mir einen Plastikbecher Kaffee. Dann wandte sie sich wieder einer auffallend bunten Computeranlage mit einem Flachbildschirm zu, auf dem sie mit dem Finger herumdrückte. „Technischer Fehler“, sagte sie erbittert. „Gar nix geht hier.“
Wie ich hörte, war die nagelneue Anlage für das Online-Lotto ausgefallen, das dritte Mal in drei Tagen. Die Wirtin hatte die Hotline schon angerufen, wo man ihr geraten hatte, es alle fünf Minuten wieder zu versuchen. Die Anlage herunterfahren und neu anmelden.
„Alle fünf Minuten“, sagte die Wirtin. „Können Sie sich das vorstellen?“
Um halb zehn kam ein Kunde und bestellte „Bier und Schnaps“.
„Dass Sie mal wieder da sind …“, sagte die Wirtin, „wo kommen Sie denn jetzt her?“
Der Mann sah nicht aus, als habe er eine gute Nacht hinter sich.
„Wird nicht verraten“, sagte er. Den Rest verstand ich nicht. Dann hörte ich: „So sind die Frauen heute.“
Im Dunkeln der Gaststätte blinkten zwei Spielautomaten.
„Wenn der Mann so blöd ist“, sagte die Wirtin.
Der einsame Gast setzte die beiden Automaten in Gang. Die leuchtenden Walzen drehten sich. Er schien jetzt mit sich selbst zu sprechen, ich verstand nur Bruchstücke: „… die schönsten Frauen.“
„Muster ohne Wert“, sagte die Wirtin plötzlich. Es war nicht klar, ob sie dem Mann geantwortet hatte oder wieder bei ihrer Lottomaschine war. Der Mann stoppte die kreisenden Walzen.
Die Frau tippte jetzt wieder auf ihrem Flachbildschirm herum und seufzte.
Das Telefon neben ihr summte. „Nein, immer noch nicht. Ja, schon telefoniert. Nein, überall nicht.“ Sie legte schnell wieder auf, und ich nahm einen zweiten Becher Kaffee.
„Das sind ja Einnahmeausfälle“, sagte die Frau. „Das können Sie sich gar nicht vorstellen.“
Dann rief sie in Richtung des Trinkers: „Herr Meier, wenn Sie nett zu mir sind, bin ich auch nett zu Ihnen, haben Sie ja die Woche gesehen.“
Ich fragte mich, was Herr Meier wohl gesehen hatte. Wie es aussah, wenn die Wirtin nett zu einem war.
Noch leise, aber beständig, ertönte ein Martinshorn.
Ich hörte, wie Meier klackernd Geld nachwarf. Viele schlechte Nächte.
„Tatütata“, sagte die Wirtin zu mir. „Geht schon den ganzen Tag so.“
„Ist das auf der Autobahn?“
Die Wirtin nickte und drückte ihren Zeigefinger wieder auf den Bildschirm.
Das Martinshorn war lauter geworden, schien aber nicht näher zu kommen.
„An manchen Tagen“, sagte die Frau, „ist das schon schlimm. Da geht das dann von morgens bis abends. Da kann ich Ihnen Geschichten erzählen. Tatütata.“
„Dann erzählen Sie doch mal“, sagte ich.
Einmal, es war jetzt drei oder vier Jahre her, hatte ein Lottospieler bei ihrer Annahmestelle Geld gewonnen, eine größere Summe. Der Mann hatte sich als erstes ein schnelles Auto gekauft, aber nur wenige Wochen später damit einen schweren Unfall gehabt. Erst hatte man gedacht, dass der Mann bei hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über seinen Wagen verloren hatte, aber dann hatte sich herausgestellt, dass gar keine Bremsspuren zu finden gewesen waren. Offenbar hatte sich der Mann umbringen wollen. Er hatte aber überlebt und kam jetzt jede Woche vorbei, um weiter Lotto zu spielen. Er brauchte das Geld jetzt dringend für kosmetische Operationen, ein neues Gesicht.
Ich sah mir die Aushänge an, die an der Scheibe klebten. Ein Zettel bestätigte, dass „innerhalb dieses Annahmebezirkes“ ein Spieler mehr als 9.000.000 DM gewonnen habe. Es war kein Jahr angegeben. Es schien schon länger her zu sein. Auch kleinere Gewinne wurden verkündet.
Das Martinshorn schien noch immer nicht näher zu kommen und sich auch nicht zu entfernen, ein unverrückbarer Bestandteil der Kulisse.
Ein Mann kam und wollte Lotto spielen. Die Wirtin erklärte ihm geduldig den Sachverhalt: „Technischer Fehler, fragen Sie die in Wiesbaden mal.“
„Wenn ich ‘nen Sechser hätt, beschwer ich mich aber“, sagte der Kunde und ging wieder.
„Aber nicht bei uns“, rief die Frau ihm nach.
Ein neuer Lotto-Kunde kam, und wieder erklärte die Frau alles.
„Also werden wir betrogen um den großen Gewinn“, sagte der Mann, als deklamierte er einen Theatermonolog. Dann guckte er sich unschlüssig um, als habe das Nichtausfüllen des Lottoscheins unabsehbare Auswirkungen, als musste jetzt sein ganzes Leben neu bedacht werden. Schließlich kaufte er eine Bild-Zeitung.
Am anderen Ende der Gaststätte hielt der Trinker noch immer die Automaten in Gang.
Der Satz der Wirtin, dass keine Bremsspuren zu finden gewesen waren, ging mir plötzlich nicht mehr aus dem Kopf.
„Tatütata“, sagte die Frau nach einer Weile wieder, und ich lauschte, hörte aber jetzt nichts mehr.

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
7. Lightpacker

09.10.2009 sm

Ich hatte das Zelt kaum aufgebaut, als schon die ersten Tropfen fielen; es schien noch unentschlossen, ob es hier bleiben wollte. Ein alter Apfelbaum stand schon da, und von Zeit zu Zeit fiel mit einem dumpfen Geräusch einer der schon überreifen Äpfel zu Boden, ringsum verfaulten sie im hohen Gras.
Ich schien endlich im Grünen zu sein, aber auf der Landkarte bewegte ich mich noch immer an einem endlosen Stadtrand, und gerade so eben war ich aus der grauen Einfärbung, die eine geschlossene Bebauung anzeigte, herausgetreten. Links lief die alte Eisenbahnstrecke von Wiesbaden nach Limburg, dann kam ein dichter, gut hundert Meter breiter Waldstreifen, dahinter die Autobahn, gerade in der richtigen Entfernung, um die Nacht zu verbringen. Von der Anhöhe auf der anderen Seite lächelte eine weiße Zahnreihe aus Einfamilienhäusern, aber hinter meinem Gebüsch mit den Apfelbäumen fühlte ich mich sicher.
Donner rollte das Tal herauf, auf dem Zelt knisterte ein feiner Regen. Aber irgendetwas war noch dort draußen, ich wusste nicht was, nur, dass es näher kam. Ich griff aus dem Zelt, die Dämmerung saß schon unter den Bäumen, ein Mann trat hervor und zeigte auf seinen Hund: „Ist sowieso meine Strecke abends.“
Ich sah den Hund an, der seine Schnauze tief im feuchten Gras hatte.
„Wollt nur mal gucken“, sagte der Mann, und ich hoffte, dass der Hund auch nicht mehr vorhatte. Ich dachte an den schwarzen Dobermann in Massenheim, der sich am Morgen wütend gegen ein Hoftor geworfen hatte, an welchem ein Schild einen Hundekopf zeigte. Daneben stand: „Ich brauche 5 Sekunden bis zum Tor. Und Du?“ Ein paar Tore weiter hatte sich auf einem anderen Schild wieder der Hundekopf gezeigt, diesmal mit den Worten: „Er könnte heute schlechte Laune haben.“
Ich erklärte dem Mann, dass ich auf einer Wanderung sei und der drohende Regen mich hier festgehalten habe. Es schien sein Misstrauen zu verstärken. Ich beobachtete den Hund, der nervös durch das Gras strich. Hatte er heute schlechte Laune? Brauchte er fünf Sekunden bis zum Zelt?
„Mitten in der Botanik“, sagte Mann zu sich selbst, „mitten in der Botanik.“
Ich ließ mir den Weg nach Niedernhausen erklären, wie ich ihn am nächsten Morgen nehmen wollte. Der Mann erklärte ihn gern.
Als der Regen aufhörte, setzten die Zikaden ein. Ich wickelte mich in die goldene Rettungsfolie, die ich gegen die Nachtkälte mitgenommen hatte, sie machte bei jeder Bewegung ein Geräusch, als packte man Essensreste in Alu. Starr vor Angst, schlief ich hellwach.
Irgendwo in der Nacht musste Kies abgeladen werden, er rutschte endlos von der Ladefläche eines Lastwagens. Über dem Waldstreifen an der Autobahn schien ein tropischer Regen niederzugehen, der auf eine etwas unheimliche Weise mein Zelt verschonte, aber eigentlich gefiel mir die Vorstellung, dass es um mich herumregnete. Auch der Wind musste stärker geworden sein und ließ den Wald rauschen. Gleichzeitig rutschte noch immer der Kies von den Lastwagen, während irgendwo anders unter hohem Druck Dampf entwich, wie ich es am Tag zuvor bei den Chemieanlagen der Ticona beobachtet hatte. Der Dampf kondensierte sofort zu Wasser, das in einer mächtigen Fontäne in die Luft schoss und in einem flachen Becken voller Kies aufklatschte; ein schwarzer Hund stand am Rand des Beckens und schlabberte mit seiner Zunge im Wasser herum, das Wellen warf, die sich als Brandung brachen. Jetzt flohen die Zikaden in hohem Tempo über die Autobahn, sie hatten winzige hochtourige Motoren – ich sah alles ganz deutlich.
Obwohl ich sicher war, keine Sekunde geschlafen zu haben, wachte ich auf. Es war schon hell, taghell, dachte ich, aber als ich den Reißverschluss am Eingang öffnete, strich dunkle Kühle vorbei, und lange Grashalme griffen ins Zelt. Ich streckte den Kopf hinaus und suchte mit den Augen den alten Wegweiser und Meilenstein, der fünfzig Meter weiter aus der Wiese ragte, ein brusthoher Tetraeder aus Basalt. Ich hatte am frühen Abend vergeblich versucht, die eingemeißelten Zahlen und Buchstaben zu deuten, lediglich die Jahreszahl 1730 schien sicher. Jetzt kam es mir plötzlich ganz unerlässlich vor, die Angaben auf dem Stein zu verstehen, um eine genaue Standortbestimmung vornehmen zu können; leider erinnerte ich mich nur noch an den Inhalt des Papierkorbs neben dem Meilenstein, nämlich eine Schachtel Marlboro Lights und eine ausgebleichte Schachtel Orangensaft, die schon länger darin liegen musste.
Auf der Anhöhe lagen die Häuser des Ortes in einer funzeligen Notbeleuchtung, sie sahen aus wie Ruinen, hunderte Jahre alt. Auf der Straße davor fuhr ein Radfahrer durchs Mondlicht, so kurz, dass ich im nächsten Moment nicht mehr sicher war, ihn wirklich gesehen zu haben. Ein Auto näherte sich unsichtbar, es musste dunkler als die Nacht sein, ich hörte nur das Motorengeräusch, es hallte noch lange nach.
Schnell verschloss ich den Zelteingang erneut.
Nicht einschlafen, dachte ich im Schlaf. Nicht einschlafen.

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
5. Chrom 0,002 mg

26.09.2009 sm

War es ein Zufall, dass ich Bad Weilbach fand? Als der Regen nachgelassen hatte, war ich zu der Anhöhe gegangen, auf der eine Brücke über die Autobahn führte. Fünfzig Meter daneben lag, hinter schütteren Fichten und dornigem Immergrün, das Hotel Waldesruhe. Da es nicht vor 19 Uhr 30 öffnen würde, wanderte ich unschlüssig weiter, zu beiden Seiten jetzt Häuser, die nach nichts als dem Geld ihrer Bewohner aussahen. Dann fiel das Gelände plötzlich steil ab, eine S-Kurve, als ob die Straße selbst nicht mehr weiter wollte, und ich stand in Bad Weilbach, das so klein war, dass es sich auf meiner Karte hatte verstecken können.
In einem gusseisernen Pavillon, der die Jahreszahl 1832 trug, aber offenbar vor kurzem restauriert worden war, sprudelte freundlich die Heilquelle. Das Wasser schmeckte furchtbar. Daneben hingen in einem Schaukasten einige vergilbte Blätter zur Geschichte des Ortes. Demnach war der „Faulborn“ eine der schwefelreichsten kalten Mineralquellen Deutschlands, sein Wasser heilend bei Erkrankungen der Haut und der Atmungsorgane. 1784 war die Quelle eingefasst worden, und schon bald begann ein reger Heilwasserexport. Wenig später entwickelte sich ein Kur- und Badebetrieb, von dem Park und Kurgebäude, Bade- und Inhalierhaus noch heute zeugten. 1875 war der Höhepunkt des Badebetriebs erreicht gewesen, es folgte der Niedergang: Bis zum Ersten Weltkrieg war im Kurhaus eine „Kolonialfrauenschule“ untergebracht, „wo junge Mädchen auf die Führung von Haushalten in den deutschen Kolonialgebieten ausgebildet wurden“. Im klassizistischen Kurhaus von 1837 waren heute Wohnungen und ein „Airport Country Hotel“, das die Nachteile von Fluglärm und Abgelegenheit teuer zu kombinieren wusste; alle fünf Minuten krochen Jumbo Jets langsam über den Himmel, sie kamen mir ungefähr so groß vor wie in „Independence Day“ die Raumschiffe über New York. Kamen keine, rauschte die Autobahn, es war alles längst Teil der Natur.
In einem anderen Schaukasten konnte man von Versuchen lesen, den Ort aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken, aber wie sollte man einen Ort wecken, der vor Lärm nicht schlafen konnte und dessen Verwunschenheit eher Verdammung war?
Zwei Wanderer kamen und schöpften das Wasser der Quelle. Sie wanderten erfrischt davon. Dann erschien ein alter Mann auf einem Fahrrad und füllte langsam sechs mitgebrachte Vittel-Flaschen, die er anschließend in einem Kasten auf dem Gepäckträger festklemmte. Ich wartete, bis er fertig war.
„Schmeckt Ihnen das Wasser hier?“
„Muss ja“, sagte der Mann. „Soll ja gesund sein.“
„Glauben Sie denn, dass es gut für Sie ist?“
„Na ja“, sagte der Mann. Er deutete auf den Aushang, den ich eben gelesen hatte. „Man selbst merkt das ja nicht so an sich. Das merkt man ja erst, wenn man krank ist.“
Ich sah ihn ratlos an: „Dass man zu wenig Wasser davon getrunken hat?“
„Man soll ja generell viel trinken“, sagte der Mann und schwang sich etwas mühsam auf sein durch die Flaschen instabil gewordenes Fahrrad. „Aber das hilft ja auch nicht immer.“
Ich sah ihn erwartungsvoll an.
Früher, sagte der Mann, habe er jeden zweiten Tag sechs Flaschen geholt, aber früher habe auch seine Frau noch gelebt, die das meiste getrunken hatte, nur geholfen hatte es nichts.
„Die Flaschen“, rief ich, als ich sah, wie sie auf dem Gepäckträger zu verrutschen begannen, aber der Mann griff nur routiniert hinter sich und fuhr, jetzt nur noch eine Hand am Lenker, schwankend davon.
Später kehrte ich zu der Brücke neben dem Hotel zurück. Ein paar Stufen führten auf einen eingewachsenen schmalen Pfad entlang der Autobahn. Es gab keinen Wegweiser, aber ich hatte in dem Schaukasten in Bad Weilbach von einer weiteren Quelle gelesen. Die Natron-Lithion-Quelle lag direkt neben der Autobahn, nur durch einen höchstens drei Meter breiten Gestrüppstreifen geschützt. Unter dem Dach eines zierlichen Pavillons, auch er wohl aus dem 19. Jahrhundert, floss stark eisenhaltiges Wasser aus einem Metallhahn, der aus einem achteckigen Waschbetonklotz ragte; das Eisen hatte den Waschbeton rostig-rotbraun verfärbt. Ich setzte mich auf die Einfassung und studierte die aushängende Analyse des Fresenius-Instituts, die in einem kleinen Schaukasten hing: Arsen 0,003 Milligramm, Cadmium < 0,0005, Chrom 0,002, Quecksilber < 0,0001, Nickel < 0,002. Ich hörte auf, zu notieren. Es waren genau jene hochgiftigen Metalle, die sich entlang der Autobahn anreicherten – hier im Wasser in kleinster, vielleicht sogar heilender Dosierung; es war schwer zu glauben. Die Analyse der letzten entnommenen Probe hatte keinerlei Kolibakterien nachweisen können, auch die Suche nach Fäkalstreptokokken und „sulfidreduzierenden sporenbildenden Anaerobiern“ war zum Glück ergebnislos verlaufen. Ich probierte das Wasser zögernd; es schmeckte ganz anders als das der Schwefelquelle, ganz anders scheußlich.
Ich setzte mich auf die Eisenbank neben dem Pavillon und versuchte das Geräusch der Autobahn so zu analysieren, wie es die Chemiker von Fresenius mit dem Wasser der Quelle getan hatten. Was waren seine Bestandteile und in welchen Anteilen nahm ich sie auf? Wo lagen die Grenzwerte? Ich schloss die Augen und spürte deutlicher die Schläge der Lastwagen, dann schrieen die hohen Stimmen von Motorrädern, die sofort wieder verstummten.
Das Gestrüpp vor mir schüttelte sich, wenn die Böen des Autobahnsturms hineinfuhren, das Gestrüpp schüttelte sich ununterbrochen. Ich saß eine ganze Stunde auf der Bank. Anders als bei der Schwefelquelle kam niemand, um sich Wasser abzufüllen.
Ab und zu drehte ich mich um, um mir die Häuser anzusehen, die kaum fünfzig Meter von der Autobahn entfernt standen. Ich hatte sie zuerst für Firmengebäude gehalten, aber sie schienen bewohnt zu sein. In einem offenen Fenster im ersten Stock lehnte ein junger Mann und rauchte. Er schien langsam und genussvoll zu rauchen. Über die Büsche hinweg schaute er direkt auf die Fahrbahnen. Ich wollte ihn etwas fragen, aber ich hätte schreien müssen, und was hätte ich fragen sollen?
Ich betrachtete wieder die Quelle, die sinnlos aus dem Waschbeton lief. Als ich mich nach einer Weile erneut umdrehte, war das Fenster, wo der Mann geraucht hatte, geschlossen; es hatte keine Gardinen.

(c) Jürgen Hosemann