Artikel-Schlagworte: „Walter Benjamin“

Neue Lesefrüchte

31.05.2011 sm

Es gibt die großartigen Erzähler(-innen), bei denen aber kein Satz in den Vordergrund tritt (meine Lieblingserzählerin Alice Munro gehört zu dieser Kategorie), und es gibt die Erzähler(-innnen), bei denen im Text Gedanken und aphoristische Sätze eingestreut sind, die man sich rausschreiben möchte. Zu dieser zweiten Gruppe zählt Lars Gustafsson, den ich schon immer gerne gelesen und bewundert habe.

Eine Lesefrucht (in der auch eine gute Prise Walter Benjamin aufblitzt und ein hier bereits zitierter Text von John Berger anklingt) aus seinem sehr intelligenten wie zarten Roman über Erinnerung, erste erotische Verzauberung, philosophische Erkundungen und religiöse Zweifel, “Frau Sorgedahls schöne weiße Arme”:

“Die Wohnungen abwesender Menschen, ging es mir durch den Kopf, können zu einer Art Negativabdrücken ihres Lebens werden. Ungefähr wie jene harten, innen mit Samt ausgeschlagenen Futterale, in denen man Flöten und Klarinetten verwahrt, oder gar Waldhörner.
Eine abwesende schöne Frau hinterlässt keinen Abdruck in der leeren Luft. Aber in ihrer Wohnung. Die meisten dieser Abdrücke sind sehr subtil. Aber es gibt sie.
Und sie schaffen die Voraussetzung für eine Art Triumph der Phantasie. Genauso, bin ich versucht hinzuzufügen, wie Gottes solide Abwesenheit in der Welt den Anlass für ein ganzes Bündel von Triumphen der Phantasie gibt.”

Lars Gustafsson – Frau Sorgedahls schöne weiße Arme, München (Hanser) 2008, S. 145 f.

Image of Frau Sorgedahls schöne weiße Arme


Interview der Woche: Sexismus in der Werbung, Prostitution als Lebenshaltung

06.03.2010 sm

Schelmuffsky: Eigentlich denkt man jedes Mal (so wie neulich beim Punkteplakat; siehe “Die neue Ehrlichkeit”): Sexistischer, dämlicher und vulgärer geht es nicht mehr. Und wird dann doch spätestens ein paar Tage später eines Besseren belehrt.

Dr. Martin: Stimmt. Ab und an schaue ich noch fern. Wie überall in den Medien präsentieren sich auch dort ständig irgendwelche vermeintlichen weiblichen Promis, die sich gerade für den Playboy ausgezogen haben, mit den Worten, sie seien ja so mächtig stolz auf ihren Körper und hätten das ihren Eltern, dem Partner, den Kindern oder dem Papst zu liebe getan.

Schelmuffsky: Ich bekam heute eine Werbebeilage von Karstadt in die Hand gedrückt. Eigentlich dachte ich, Karstadt sei letztes Jahr auch pleite gegangen. Weit gefehlt. Also hier erst einmal ein Blick auf die bisher sexistischste, dämlichste und vulgärste Werbung, die mir bislang in die Augen stach (wir sprechen uns nächste Woche wieder):

Groesse-zaehlt

Zunächst einmal muss man ja festhalten, dass hier für Nintendo-Konsolen geworben wird, also Spielgeräte, die üblicherweise von 7 – 13-Jährigen gekauft oder gewünscht werden.
Welches geniale Werbehirn den Zusammenhang von Melonen und … ersonnen hat, wird leider nicht vermerkt. Jedenfalls könnte man wahrscheinlich mit wenigen Eingriffen eine einschlägige Kleinanzeige im Wochenblättchen (z. B. für den Swingerclub im nächsten Dorf) daraus machen.

Dr. Martin: Und was lehrt uns das? Prostitution ist überall und längst zur gängigen Lebenspraxis geworden. Ich müsste das mal wieder bei Walter Benjamin nachlesen. Spontan fällt mir nur das Zitat aus dem “Passagenwerk” ein:

„Die Liebe zur Prostituierten ist die Apotheose der Einfühlung in die Ware.“
Walter Benjamin, Passagenwerk I, 637

Und an einer anderen Stelle schreibt Benjamin, wenn ich mich recht erinnere, dass die Prostiutierte “die Verkäuferin und Ware in einem” sei. Wenn man sich beispielsweise die Plakate ansieht mit Heidi Klum im Bordsteinschwalben-Look (vgl. Ernest Bornemann – Sex im Volksmund. Der obszöne Wortschatz der Deutschen, Stichwort “Prostitution”: Unterrubrik “Straßenmädchen”), die gerade überall rumhängen, dann wird sofort klar, dass hier Ernst gemacht wird mit Benjamins Charakterisierung der Prostituerten, nur dass an die Stelle des vermeintlich Antibürgerlichen (da war auch schon damals viel Idealisierung im Spiel), die die Prostituierte zu einer bevorzugten Bildfigur des Expressionismus werden ließ (z. B. bei Kirchner), jene eiskalte Glätte getreten ist, die augenfällig macht: Hier ist die Frau nicht nur zur Ware geworden, die sich selbst verkauft, sondern auch in einem Maße verdinglicht, dass wir gleich wieder über Günter Anders sprechen könnten.

Schelmuffsky: Und gleichzeitig ist eine allgemeine Verbiederung zu konstatieren.

Dr. Martin: Verbiederung und Vulgarität haben sich noch nie gegenseitig ausgeschlossen. Im Gegenteil. Aber auch zum Thema “Verbiederung und Medien” findet man bei Anders schon einige bis heute gültige Aussagen und auch zum Thema Verdinglichung und Scham, die allenfalls noch verspürt wird, wenn die Verdinglichung nicht klappt und man nicht das perfekte Produkt von diversen Verschönerungen geworden ist, das man sich erträumt hat. In “Der Mensch als Phantom und Matrize”, einem Aufsatz aus dem Jahre 1956 (!), schreibt Günter Anders über eine Frau, die zum Film will und sich dafür diversen “Schönheits-”Operationen und anderen Torturen unterzieht:

“Nachdem sie dieses Leben ein halbes Jahr geführt und ihren alten Adam und ihre alte Eva so hatte bearbeiten lassen, bis von dieser wirklich nichts mehr da war; und als nun in ungeahntem Glanze der neue Mensch: das Phantom, aus ihr aufgestiegen war – die Epiphanie trat etwa vor ungefähr vor vierzehn Tagen ein – da machte sich nun also zum zweiten Male auf den Weg zu ihrem Phantomhändler (= der Filmproduzent; S.M.). Daß sie es war, die da loszog, ist freilich keine genaue Aussage. Mit ihrem neuen Haar, ihrer neuen Nase, ihrer neuen Figur, ihrem neuen Gang, ihrem neuen Lächeln (oder vielmehr mit altem, längst gesehen Haar, mit überall gesehener Nase, mit überall gesehenem Lächeln) war sie eine Fertigware, ein unbestimmter Artikel, eine völlig andere; ‘alle anderen’. ‘Um so besser’, behauptete sie, und sie hatte wohl recht.”

In der Tat wird sie beim Film genommen und – wie Anders schreibt -, steigt “zum Range einer Matrize für Matrizen auf”. Und die Matrizenwesen sehen wir allenthalben und auch die verzweifelten Versuche, zu Matrizen für Matrizen zu werden.

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin. Ich danke Ihnen für das Gespräch und bin sicher, dass wir schon nächste Woche über die nächsten Werbeanschläge auf den guten Geschmack sprechen könnten.


Die IFALUG-Sprachkritik: Über Namen

25.11.2009 sm

Der Schöpfungsbericht in der Bibel ist gekennzeichnet durch den Dreischritt “Gott sprach, es werde..”, “Gott sah, dass es gut war” und “Gott nannte”.

In der Benennung sieht Walter Benjamin den eigentlichen Schöpfungsakt. Den Menschen überträgt Gott die Fähigkeit, “die Dinge und Tiere so zu benennen”, wie sie heißen sollen. Die Vergabe von (Eigen-)Namen ist für Benjamin der einzige Sprechakt, in welchem der Mensch an die schöperische Sprache Gottes Anschluss hält und das Wesen der benannten Dinge und Geschöpfe erfasst.

Diese Qualität der Namensvergabe reflektiert (womöglich unbewusst) die Wirtschaftswelt bei der Prägung von Marken und Namen für Produkte. Sie geht dabei mal mehr, mal weniger erfolgreich vor. Den Preis für die dämlichsten Produktnamen durfte man in den letzten Jahren getrost der Firma Opel zugestehen, und womöglich rühren etliche Probleme der Marke nicht von einer falschen Modellpolitik, wie immer gesagt wird, sondern von der Benennung der neuen Modelle mit Namen, die diesen ein ziemlich uncooles Image verpassten: Astra, Vectra, Agila, Zafira, Antara, Meriva, Insignia. Allein die Penetranz des “A” am Ende jedes Modellnamens verleidete einem selbst einigermaßen gelungene Autos. Beim “IA” des Insignia dachte man unwillkürlich an das Grautier, nicht aber an dessen vermeintliche Dummheit, sondern an des Esels Schmerzensschrei, der sich einem ob so viel gewolltem Bedeutungsgeschwängere entringt.

Jetzt  schickt sich Mitsubishi an, Opel die Krone des dümmsten Autonamens zu entreißen. Im nächsten Jahr kommt ein Elektroauto auf den Markt, und es heißt – tatatataaaaa:

i-Miev, oder auf gut Deutsch: Ich stinke.

Während Porsche  bestimmt darüber nachdenkt, wie es in seine irgendwann anstehenden Elektroversionen ein ordentliches und dann aber ausschließlich virtuelles Röhren einbauen kann, verpasst Mitsubishi seinem jüngsten Spross mit der Benennuung  den olfaktorischen  Nimbus eines Trabi. Wir sagen Bravo!


Ach Du meine Goethe 2: Vier Fäuste für ein Halleluja

07.07.2007 sm

Zu den gelungensten Verfilmungen von Goethes Hauptwerk „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (Faust-Fragment, Urfaust, Faust I, Faust II) zählt die mit Bud Spencer und Terence Hill . Das Drehbuch geht zugegebenermaßen sehr freizügig mit der Vorlage um. Das aber ist ja seit der Bearbeitung von Stücken durch das moderne Regietheater durchaus üblich. Der Film ist auch frei von jenem Reimgeklapper Goethes, das mich bei der Lektüre immer an das Lied von der Mühle am rauschenden Bach denken lässt. Wo aber ist der Zusammenhang? Wollte der Regisseur jene Sequenz aus Faust 1 auf den Punkt bringen, in der Faust darüber nachdenkt, wie der Anfang der Heiligen Schrift zu übersetzen sei:

„Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß die Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft! (Bud Spencers; Schelm.)
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe,
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“

Zu ergänzen wäre vielleicht noch: „Im Anfang war die Prügelei.“ Hier stutze ich auch. Was ist im Anfang? Die hessische Kultusministerin Karin Wolff hatte jüngst die geniale Idee, im Biologieunterricht die Schöpfungsgeschichte aus der Bibel aufzunehmen. Wahrscheinlich ist sie dafür, weil der Schöpfungsbericht im Rahmen von „Unterrichtsgarantie plus“ (die Hessische Bezeichnung für die kostengünstige Substitution von qualifiziertem Lehrpersonal) viel einfacher zu unterrichten ist, wenn mal der Biologieunterricht ausfällt.

Doch zurück zu Faust. Nur weil dieser so heißt, meint er, dass die Arbeit mit den Fäusten dem Wort vorausgeht, im Anfang ist. Ist Gott ein Händler oder Macher? Die Art, wie er in einer Szene der Schöpfungsgeschichte aus einer Rippe eine Frau gestaltet, könnte diesen Verdacht nahelegen (leider kann sich Faust Margarete nicht aus den Rippen schneiden, sonst bräuchte er Mephistopheles nicht). Aber es heißt eben doch an allen Schöpfungstagen: Gott sprach: Es werde … Und es ward. Faust kann auf seine ziemlich doofen Übersetzungvorschläge nur kommen, weil der Pudel um seine Beine schleicht.

Ach ja: In einem ziemlich witzigen Video wurde der Hawaianer Eric T. Hansen gefragt, wie er zu Goethe steht und was er vom Faust hält. So richtig viel wohl auch nicht: http://www.fischerverlage.de/sixcms/detail.php/942669

Und wer sich intensiver damit beschäftigen will, warum im Schöpfungsbericht das Wort im Anfang ist, dem sei Walter Benjamins Aufsatz “Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen” empfohlen (im Band 2 der Werkausgabe)