Artikel-Schlagworte: „Romananfänge“

Anfänge Ende Aus

04.07.2007 sm

In meinem letzten Interview wurde Franz Tumler angesprochen, der in der Tat einer der besten „Anfänger“ ist.

„Volterra“ z. B.:
„Die Sonne ist noch hoch am Himmel, aber man sieht sie nicht mehr, sie geht am Himmel schon unter in der Zone aus Staub, die sich über der winterlichen Erdhälfte nicht mehr löst;- gestern noch über dem Meer: auf seinem Horizont, der als Berg aufstieg, setzte die Sonne einen weichen Fuß auf und sank langsam ein; und das grüne Leuchtfeuer auf dem Vorgebirge war zu erkennen, und das rote Leuchtfeuer vor dem Hafen, das wegweisende und das hemmende Feuer, sie blitzen schon lange herüber; und jetzt male ich es dir auf die Scheibe: grün, rot, und dazwischen die Stadt, über die du gegangen bist, eine ebene Tafel: Ansedonia auf dem Hügel von Cosa; Mauerwerk, Pflaster, Rinnsal, die hochgehobene Stadt, verlassen, ausgegraben, der Stein an den Tag gelegt, von wem bewohnt -“

oder „Aufschreibung aus Trient“:
„Das Hotel klein, heiß, das heißt: unten geht es, auf dem Fußboden aus weißem Marmor. Aber wenn ich die Treppe in die Höhe gehe, die vier Stockwerke, schlägt mir die Hitze entgegen. Zuletzt aus dem Zimmer, in dem die Frau auf dem Bett liegt, mit Schweißperlen auf der Stirn und nackten Armen, und den Kopf nicht rührt. Nur die Augen rührt, die hin- und hergehen und sagen: Bitte Wasser. Und wenn ich sie stützte, trinkt sie, und das Wasser rinnt ihr über die Lippen auf die Haut, es ist eiskalt.-“

Die Bücher sind vergriffen, Tumler passt so recht nicht mehr in die heutige Zeit, für mich aber steht er gleichwertig neben Namen wie z. B. Ilse Aichinger. Atmosphärische Anfänge, so könnte man die eben zitierten bezeichnen. Auf „Volterra“ werde ich sicherlich immer wieder zu sprechen kommen.

Die Recherche nach guten Anfängen war vergnüglich und muss naturgemäß unvollständig bleiben, es wurde aber ja noch der beste Anfang versprochen, für mich ist es der Anfang von – und hier legen wir jetzt erst einmal die von „Deutschland sucht den Superstar“, „Lets dance“ und wie die Sendungen alle heißen, abgeschaute Kunstpause ein, und lassen erst noch ein paar andere gute „Anfänge(r)“ vortreten, Albert Drach zum Beispiel, das erste Kapitel von „Stirb ewig“ von Peter James ist auch nicht zu verachten, oder Bohumil Hrabals „Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene“, wirklich ein Superanfang, der zugleich Mitte und Schluss ist (das Buch besteht aus einem einzigen, grandiosen Satz), oder Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, mit dessen erstem Kapitel ich im Studium mal ein ganzes Semester zugebracht habe, oder „Sonne und Mond“ von Albert Paris Gütersloh, ein wirklich furioser Anfang (der schnell in eine Zeugung zu Pferde mündet), oder Carl Einsteins „Bebuquin“ („Die Scherben eines gläsernen, gelben Lampions klirrten auf die Stimme eines Frauenzimmers: ‚Wollen Sie den Geist Ihrer Mutter sehen?’“), and the winner is, und dieser mit dreiundzwanzig Jahren gestorbene Autor lässt bis heute die meisten Fräuleinwunder und Autorenjünglinge ziemlich alt aussehen, nämlich, also und auch die meisten Telefonanrufe kamen für

„Lenz“ von Georg Büchner, bei dessen „Leonce und Lena“ ich neulich wieder sehr gelacht habe.

„Den (20. Januar) ging Lenz durch’s Gebirg. Die Gipfel und oben Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war naßkalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber Alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte. Anfangs drängte es ihm in der Brust, wenn das Gestein so wegsprang, der graue Wald sich unter ihm schüttelte, und der Nebel die Formen verschlang, bald die gewaltigen Glieder halb enthüllte; es drängte ihm, er suchte nach etwas, wie nach verlornen Träumen, aber er fand nichts. Es war ihm alles so klein, so nahe, so naß, er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen, er begriff nicht, daß er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunter zu klimmen, einen fernen Punkt zu erreichen; er meinte, er müsse Alles mit ein paar Schritten ausmessen können. Nu r manchmal, wenn der Sturm das Gewölk in die Täler warf, und es den Wald herauf dampfte, und die Stimmen an den Felsen wach wurden, bald wie ein verhallende Donner, und dann gewaltig heran brausten, in Tönen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besingen, und die Wolken wie wilde wiehernde Rosse heransprengten, und der Sonnenschein dazwischen durchging und kam und sein blitzendes Schwert an den Schneeflächen zog, so daß ein helles, blendendes Licht über die Gipfel in die Täler schnitt; oder wenn der Sturm das Gewölt abwärts trieb und einen lichtblauen See hineinriß, und dann der Wind verhallte und tief unten aus den Schluchten, aus den Wipfeln der Tannen wie ein Wiegenlied und Glockengeläute heraufsummte, umd am tiefen Blau ein leises Rot hinaufklomm, und klein Wölkchen auf silbernen Flügeln durchzogen und alle Berggipfel scharf und fest, weit über das Land hin glänzten und blitzten, riß es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, Alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat; oder er stand still und legte das Haupt in’s Moos und schloß die Augen halb, und dann zog es weit von ihm, die Erde wich unter ihm, sie wurde klein wie ein wandelnder Stern und tauchte sich in einen brausenden Strom, der seine klare Flut unter ihm zog. (…)“


Anfänge Nr. 3: der situative Anfang

27.06.2007 sm

An manche Anfänge erinnere ich mich besser. In der Regel sind es erstens die gelungensten und zweitens schließen sich meistens meine Lieblingsbücher daran an. Eines dieser Lieblingsbücher ist „Himmel, der nirgendwo endet“ von Marlen Haushofer. Marlen Haushofer ist heute, wenn überhaupt noch, bekannt durch ihren großartigen Roman „Die Wand“, „Himmel, der nirgendwo endet“ aber ist der Roman, der mich am stärksten beeindruckt hat. Er beginnt mit einem Anfang, den ich den situativen Anfang nennen will.

„Das kleine Mädchen, von den Großen Meta genannt, sitzt auf dem Grund des alten Regenfasses und schaut in den Himmel. Der Himmel ist blau und sehr tief. Manchmal treibt etwas Weißes über dieses Stückchen Blau, und das ist eine Wolke. Meta liebt dieses Wort Wolke. Wolke ist etwas Rundes, Fröhliches und Leichtes.
Meta sitzt strafweis im Regenfaß. Sie hat die Großen bei der Heuernte gestört und geärgert. Sie ist zweieinhalb Jahre alt und kann nicht über den Faßrand blicken; eingefangen, festgehalten und eingesperrt zu werden ist das Schlimmste, was es gibt. (…)“

Die Situation ist klar, und sie ist beklemmend. Ein kleines Mädchen wurde „von den Großen“ eingesperrt. Anschließend an die zitierte Passage wird die Mischung aus Wut, Schmerz und Verzweiflung geschildert, die das kleine Mädchen in seiner misslichen Lage empfindet. Allerdings geht diese Stimmung sacht über in eine Neugier für die Umgebung, die schließlich Trost spenden wird. Nach weniger als zwei Seiten ist es Haushofer gelungen deutlich zu machen, dass hier zwar ein erwachsener Erzähler berichtet, sich dabei aber ganz die Perspektive und Weltwahrnehmung des kleinen Mädchens zueigen gemacht hat.


Anfänge Nr. 2: Der Zack-Bumm-Anfang

25.06.2007 sm

Seinen ersten Brenner-Roman “Auferstehung der Toten” leitet Wolf Haas noch so ein: “Von Amerika aus betrachtet, ist Zell ein winziger Punkt. Irgendwo mitten in Europa.” Aber bereits für den zweiten Brenner-Roman “Der Knochenmann” hat er den idealen Einstieg gefunden, so genial, dass er auch alle folgenden Brenner-Romane immer mit diesem einen Satz beginnen lässt: “Jetzt ist schon wieder was passiert.” Ich nenne diesen Einstieg den Zack-Bumm-Anfang. Kein Wort zuviel. Der Leser weiß sofort, was ihm bevorsteht, nämlich eine vergnügliche und trotzdem oft sehr spannende Lektüre. Und wie genial der Zack-Bumm-Anfang ist, wird sofort klar, wenn man ihn variiert und für andere Genres umarbeitet:

“Jetzt wurde schon wieder einer geköpft”: historischer Roman
“Jetzt hat er schon wieder geheiratet”: Biographie, z. B. über Joschka Fischer
“Jetzt wurden schon wieder die Steuern erhöht”: politisches Sachbuch
“Jetzt hat er schon wieder einen Drachen getötet”: Fantasy
“Jetzt sind sie sich schon wieder in die Arme gefallen”: Herz-Schmerz
usw.

Allerdings ist die Variante von Haas bedeutungsoffener. “Jetzt ist schon wieder was passiert” ist deswegen für mich der Zack-Bumm-Anfang schlechthin.


Anfänge

24.06.2007 sm

Hallo zusammen,

zunächst einmal: die Beitragspause war nicht beabsichtigt, aber die letzten zehn Tage habe ich täglich das schöne Gedicht “fünfter sein” von Ernst Jandl gelebt:

“tür auf
einer raus
einer rein
vierter sein

tür auf
einer raus
einer rein
dritter sein

tür auf
einer raus
einer rein
zweiter sein

tür auf
einer raus
einer rein
nächster sein

tür auf
einer rein
selber rein
tagherrdoktor”

(aus: ernst jandl – der künstliche baum)

An Schreiben war nicht zu denken, und so bin ich nur ein bisschen durch meine Bibliothek geschnürt und habe hier und dort reingelesen. Kurz blätterte ich auch mal wieder in Eckhard Henscheids „Ein scharmanter Bauer“, bei solchen Gelegenheiten immer eine dankbare und sehr amüsante Zwischendurchlektüre, und stolperte dabei nicht nur über die grandiose Hölderlin-Verballhornung „Hymne auf Bum Kun Cha“ (kennt den hier noch jemand? Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Bum-Kun_Cha; dort findet sich auch eine Strophe der Hymne), sondern auch über „Gescheiterte Romananfänge“, z. B.:

„Milde strömend hauchte Mailuft lau dem Eichbaum ins Geäst, wie in Träumen lag der Hain dem Busch zu Füßen, ferne klang des Postillions verlornes Peitschen, Papillons vertreibend, Mücken, Fliegen, Ungeziefer, das, wie ich und du, ja wie wir alle“

oder:

„Roh warf Dieter Ingrid auf den Perser. Lust, Lust, Lust, so schrien seine Negeraugen und der“

oder:

„Als Karin, und sie wünschte heute oft, sie hätte damals nur auf die innere Stimme ihrer Schwägerin gehört, spürte, daß Frédéric Boisserée, der Beau aus dem mexikanischen Valparaiso, der damals in Kalkutta die schmutzigen Geschäfte der Reaktion besorgte, nachdem sie, Karin, ihm, alle Widerstände brechend, Zutritt verschafft hatte in die Salons der Duchesse of Stratford on Avignon, damals unter Tränen hümmsendummsenbrummsen fuck it“

Das soll genügen (mit der klaren Empfehlung, das ganze Buch zu lesen, sowieso, genau). Wie aber sehen gelungene (Roman-) Anfänge aus?

Dieser Frage werde ich in den nächsten Tagen nachgehen und am Ende den besten Anfang aller Zeiten (mindestens) küren.

Über Anregungen freue ich mich immer.

Herzlich,

Schelmuffsky