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Interview der Woche zur Schnelllebigkeit des Büchermarktes

28.10.2009 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, wir wollten über die Schnelllebigkeit des Buchmarktes sprechen. Warum verschwinden heutezutage so viele Bücher und Autoren von der Bildfläche, denen man eigentlich Unsterblichkeit prophezeit hätte.

Dr. Martin: Gute Frage. Eine Kanonisierung nützt  der Literatur im Zweifel nicht mehr viel. Nehmen wir einen Autor, der, wie man auf Neusprech sagt, megaout ist, obwohl er einmal den Nobelpreis bekommen hat. Ich rede von Heinrich Böll. Alleine die Titel seiner Bücher sind heute kaum noch nachvollziehbar: „Der Zug war pünktlich“. Da denkt man doch gleich, wer schon im Titel lügt, kann im Text auch nicht sehr vertrauenerweckend sein, und man vergisst dabei natürlich, dass es so etwas wie pünktliche Züge in den 60er Jahren, also bevor die Bahn ihre Logistik vermutlich wie viele andere Firmen nach Indien verlegte, durchaus gab. Oder: „Ansichten eines Clowns“, das Wort Clown muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, das ist eine Erscheinung von Vorgestern. Oder: „Ende einer Dienstfahrt“. Nun gut, da assoziiert man vielleicht Ulla Schmidt, aber so richtig weiter führt das auch nicht.

Schelmuffsky: Sie meinen also, dass die Buchtitel nicht mehr zeitgemäß sind?

Dr. Martin: Ich weiß nicht, ob sehr viel geholfen wäre, wenn man die Bücher beispielsweise in „Die Fahrpreiserhöhung kam pünktlich“ oder „Meinungen eines Comedians“ umbenennen würde. Das klingt dann doch irgendwie schwerfällig. Und überhaupt kommen ja bei Böll noch Inhaltsprobleme hinzu. Wer schert sich noch um den Katholizismus, der zwar – verglichen mit Bölls Zeiten – heute geradezu erzreaktionär ist, also Anlass zur Auseinandersetzung böte. Die Zeiten haben sich aber geändert. Ein deutscher Papst ist vielleicht kurz nach seiner Wahl einen Titel in der Bild-Zeitung wert, aber wenn er dermaßen dröge und vorhersehbar rückwärtsgewandt bis inhuman rüberkommt, na dann aber spätestens nach einem halben Jahr: Danke sehr vielmals. Alles, was heute irgendwie nach katholischem Mief riecht, kann man einfach nicht mehr ertragen.

Schelmuffsky: Haben Sie weitere Beispiele?

Dr. Martin: Viele. Nehmen wir einen Roman wie Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Immer noch lesen vor allem Frauen, und welche Frau interessiert sich schon für einen Mann ohne Eigenschaften. Eine Eigenschaft sollte ein Mann doch mindestens haben, nämlich ein gut gefülltes Bankkonto.
Oder Hermann Broch „Die Schuldlosen“: Vielleicht könnte man heute einen Roman schreiben mit dem Titel „Die Schuldenfreien“ oder vielleicht noch besser: „Eine Hand wäscht die andere in Unschuld“, aber „Die Schuldlosen“, das riecht doch sehr nach Moralpredigt. „Schuld und Sühne” geht übrigens in eine ähnliche Richtung.
Oder „Der Proceß“ (noch dazu in dieser verqueren Schreibweise), „Herz der Finsternis“, „Das Schloß“ (ohne den Namen irgendeines Adelsgeschlechts, das vielleicht einen Hauch von Regenbogenpresse reinbrächte), das klingt doch alles wenig anregend bzw. sogar ziemlich abschreckend, oder finden Sie nicht? Oder Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Wer ist da nicht versucht zu sagen: Statt mit der Suche nach der verlorenen Zeit noch mehr Zeit zu vergeuden, sollte er lieber schleunigst die Gegenwart nutzen. Carpe diem, z. B. zum Shoppen oder Golfen oder so.

Schelmuffsky: Gibt es denn gar keine positiven Beispiele?

Dr. Martin: Ja doch,  wenn auch wenige. „Der Zauberberg“ z. B., das könnte doch sofort im Harry Potter-Fahrwasser laufen, aber der Text hält dann wieder nicht, was der Titel verspricht. Oder, schon etwas neuer: „Die Vollidioten“ und „Geht in Ordnung – sowieso — genau — “, da sieht man sofort den Einfluss auf Tommy Jaud und andere Nachfahren. Also, das geht schon eher, nämlich in Ordnung, aber es bleibt die Ausnahme.

Schelmuffsky: Ich sehe schon, wir müssen uns noch einmal verabreden. Jetzt erst einmal vielen Dank für das Gespräch.


Über das Sortieren von Büchern 2

13.07.2007 sm

Ich weiß noch nicht einmal, nach was ich gesucht habe, jedenfalls habe ich gefunden, einen Text nämlich, der die Problematik des Sortierens von Büchern sehr treffend beschreibt. Geschrieben hat ihn Hans Erich Nossack, und der Essay ist komplett im Internet nachzulesen („Das Alltagsleben von Büchern. Eine Plauderei“). Er beginnt so:

„Wer Bücher besitzt und Bücher liebt, mag seine Bibliothek groß oder klein sein, wird die Erfahrung gemacht haben, daß es keine befriedigende und allgemein gültige Lösung gibt, wie man sie ordnen soll, und daß es ohne Kompromisse dabei nicht abgeht. Es zeigt sich stets über kurz oder lang, und zwar oft zur Überraschung des gutgläubigen Besitzers, daß Bücher nicht einfach Sammelobjekte sind, die sich wie Briefmarken in einem Album an vorbestimmten Plätzen unterbringen oder wie Schmetterlinge nach einem System ordnen lassen, sondern daß man es mit höchst lebendigen Individuen zu tun hat, die nie aufhören, Rücksicht und Teilnahme zu verlangen, und die es fertig bringen, denjenigen zu blamieren, der ihren Ansprüchen nicht gebührend Rechnung trägt.“

Damit hat Nossack sofort einen wesentlichen Aspekt benannt: Bücher sind lebendig und sind Individuen, und weil sie dies sind, lassen sie sich nur schwerlich einem System unterwerfen. Deswegen tendieren sie auch zuweilen dazu, sich unsichtbar zu machen.

Eines meiner Lieblingskapitel in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist das hundertste des ersten Buches: „General Stumm dringt in die Staatsbibliothek ein und sammelt Erfahrungen über Bibliothekare, Bibliotheksdiener und geistige Ordnung“. Stumm von Bordwehr, einer der wenigen Generäle in der Literatur, für die man eine gewisse Sympathie entwickeln kann, will den Zivilverstand kennen lernen und betritt deswegen, erstmals wie man meinen könnte, eine Bibliothek und dringt bis ins Innerste der Bibliothek vor, das Katalogzimmer: „Da war ich dann also wirklich im Allerheiligsten der Bibliothek. Ich kann dir sagen, ich habe die Empfindung gehabt, in das Innere eines Schädels eingetreten zu sein; rings herum (…) nichts wie Kataloge und Bibliographien, so der ganze Succus des Wissens, und nirgends ein vernünftiges Buch zum Lesen, sondern nur Bücher über Bücher: es hat ordentlich nach Gehirnphosphor gerochen. (…) Er (der Bibliothekar) fährt wie ein Affe eine Leiter hinauf und auf einen Band los, förmlich von unten gezielt, gerade auf diesen einen, holt ihn mir herunter und sagt: ‚Herr General, hier habe ich für Sie eine Bibliographie der Bibliographien’ – du weißt, was das ist? – also das alphabetische Verzeichnis der alphabetischen Verzeichnisse (…).“

Das alles ist sehr befremdlich für den General, noch irritierter ist er aber, als der Bibliothekar auf die Frage, wie er sich in diesem „Tollhaus von Büchern“ zurechtfinde, antwortet: „‚Herr General,’ sagt er ‚Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen nun allerdings sagen: Weil ich keines lese!’“ In diesem Umfeld der alphabetischen Verzeichnisse von den alphabetischen Verzeichnissen hat Stumm dann plötzlich eine Eingebung, die den Unterschied der öffentlichen Bibliothek, in der alle Bücher auffindbar sein müssen, zur oben benannten relativen Ordnung der Privatbibliothek dingfest macht: „Stell dir Ordnung vor. Oder stell dir lieber zuerst einen großen Gedanken vor, dann einen noch größeren, dann einen, der noch größer ist, und dann immer einen noch größeren; und nach diesem Muster stell dir auch immer mehr Ordnung in deinem Kopf vor. Zuerst ist das so nett wie das Zimmer eines alten Fräuleins und so sauber wie ein ätarischer Pferdestall; dann großartig wie eine Brigade in entwickelter Linie; dann toll, wie wenn man nachts aus dem Kasino kommt und zu den Sternen ‚Ganze Welt, habt acht; rechts schaut!’ hinauf kommandiert. Oder sagen wir, im Anfang ist Ordnung so, wie wenn ein Rekrut mit den Beinen stottert und du bringst ihm das Gehen bei; dann so, wie wenn du im Traum außer der Tour zum Kriegsminister avancierst; aber jetzt stell dir bloß eine ganze, universale, eine Menschheitsordnung, mit einem Wort eine vollkommene zivilistische Ordnung vor: so behaupte ich, das ist der Kältetod, die Leichenstarre, eine Mondlandschaft, eine geometrische Epidemie.“

Und so kann man nur resümieren: Jede Ordnung der eigenen Bibliothek wird in der einen oder anderen Weise unbefriedigend sein, sie ist es zum Glück, zum Glück zum Beispiel eines zufälligen Findens von Büchern, die man lange nicht mehr in der Hand hatte, und die dann sofort all jene Erinnerungen preisgeben, die man mit ihrem Erwerb, mit ihrer Lektüre und mit den Begleitumständen dieser Lektüre verbindet.


Sind Bücher zu dick?

12.06.2007 sm

Vor dem G8-Gipfel trat die Bundesregierung mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit, etwas gegen das Übergewicht im Lande zu tun. Mal abgesehen davon, dass bei Politikern das Wort „Diäten“ immer noch nicht die landläufige Bedeutung hat und die Initiative viel zu halbherzig ist (wenn, sollte man gleich ein Gesetz einführen, dass besagt: Zucker- oder Fettgehalt bei Lebensmitteln in Prozent = Mehrwertsteuersatz), das Thema „Übergewicht“ liegt in der Luft und so drängt sich auch die Frage auf: Sind auch unsere Bücher zu dick?
Zu dieser Frage sprach ich mit meinem Alter Ego, Dr. Sigurd Martin, Leiter von IFALUG (Institut für angewandte Lebensfreude und Gebrauchszynismus):

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, „Dick“ ist als Thema dick im kommen, zumindest wenn man in die Medien schaut.

Martin: Just letzte Woche sah ich das Plakat der „Bild“-Zeitung: „Ja, dein Hintern ist zu dick“ in der Kampagne „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“ (bei “Bild” eigentlich ein Widerspruch in sich). Das ist natürlich in hohem Maße gebrauchszynisch (wie die TV-Nieren-Show in Holland), wird aber nicht zufällig gleichzeitig mit den Vorschlägen der Bundesregierung geschaltet. Auch dass in der gleichen Woche von einem elfjährigen (übergewichtigen?) Jungen in den USA das dickste Wildschwein aller Zeiten geschossen wird (477 kg) und es immer mehr „dicke Freundschaften“ in der deutschen Wirtschaft gibt (Beispiel VW und Siemens) zeigt: Das Thema „dick“ ist en vogue.

Schelmuffsky: In der Literatur wird Übergewicht aber kaum thematisiert?

Martin: Ich erinnere mich an einen irischen Roman, in dem das dickste Schwein der Literatur vorkommt. Es ist so dick, dass es nicht mehr durch die Haustür getrieben werden kann Das ist insofern tragisch, als es wegen einer Krankheit infernalisch stinkt. Der Roman wurde in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts publiziert. Das ist schon eine Weile her. Wenn Sie mich so direkt fragen, fällt mir aber kein neuerer Roman ein, in dem das Gewicht der Hauptfiguren eine Rolle spielte.

Schelmuffsky: Woran liegt das?

Martin: Gottfried Ephraim Lessing schrieb 1766 in seiner Schrift „Laokoon: oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie“ – ich verkürze das jetzt mal sehr stark -, dass das Feld der Literatur das Nach- und Nebeneinander sei, also vor allem auch Handlungsstränge und zeitliche Abfolgen. Das Feld der Malerei und der Plastik dagegen sei die Darstellung der räumlichen Ausdehnung von Körpern. Insofern ist es natürlich, dass gerade die Plastik und die Malerei des 20. Jahrhunderts Übergewicht (Niki de Saint Phalle, Fernando Botero), aber auch Magersucht (Alberto Giacometti; übrigens lange bevor dies in den Medien besprochen wurde) ins Zentrum rückt. In der Literatur dagegen spielt zwar die Beschreibung von Körpern keine Rolle, es besteht aber die Gefahr, dass die Bücher zu dick werden, da zuviel Handlung, also zuviel Nacheinander von Körpern zwischen zwei Buchdeckel gepackt wird.

Schelmuffsky: Ist das ein neues Phänomen, oder bestand die Gefahr schon immer?

Martin: Die Tendenz zum dicken Buch gibt es von Anbeginn der Literatur. Denken Sie nur an die „Illias“ oder die „Bibel“, aber natürlich auch an die Romane von Dostojewskij.

Schelmuffsky: Sind diese Bücher „zu“ dick?

Martin: Meiner Ansicht nein, aber es gab immer wieder Versuche, Bücher zu verschlanken, mir fällt da Readers Digest ein oder eine neue Initiative des Orion Verlags in London, der Klassiker abspecken will, „Moby Dick“ z. B. um 40 %. Scherzt: Wahrscheinlich meinen die, der Titel des Buches sage bereits: hier ist ein Buch zu „dick“. Aber klar: Gute Bücher auf Diät zu setzen ist natürlich Mumpitz.

Schelmuffsky: Können Sie uns einen Roman nennen, der Ihrer Ansicht zu dick ist?

Martin: Also, diese Frage sollten Sie vielleicht besser den Mitgliedern von lovelybooks stellen. Ich will mich da nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Aber natürlich kennt das jeder, dieses Gefühl, hier hätte der Autor das Buch lieber noch einmal ein paar Runden laufen lassen, damit überflüssige Pfunde abgeschmolzen werden. Das gilt sogar für meine Lieblingsbücher, die oftmals gerade gegen Ende etwas schwammig werden, z. B. geht mir das so bei Tom Wolfes „Ein ganzer Kerl“, dessen letzte 250 Seiten ziemlich zerfransen. Und dann gibt es noch die Mammuts der Literatur (z. B. Marcel Proust – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit), bei denen man wenig weglassen könnte.

Schelmuffsky: Wie geht es weiter? Werden Leser angesichts der immer größeren Zerstreuung durch die Medienvielfalt überhaupt noch die Muße finden, einen dicken Wälzer zu lesen? Im Fernsehen geht ja die Tendenz jetzt schon sehr zur Häppchen-Kultur, Spielfilme alten Zuschnitts haben kaum noch eine Chance und auch Popsongs sind selten länger als 2 Minuten 55.

Martin: Gute Frage. Ich sehe das an mir selbst. Wenn ein Text mich nicht sehr schnell fesselt, dann breche ich heute Bücher regelmäßig ab. Deswegen lese ich auch immer mehr Erzählungen wie z. B. die von Alice Munro, Arthur Schnitzler oder Anton Tschechow. Das sind durchtrainierte, karge Texte, bei denen meist kein Wort zuviel ist. Im Übrigen halte ich aber an der Regel fest, pro Jahr mindestens zwei bis drei richtig dicke Bücher zu lesen. Das kann ich jedem nur empfehlen, taucht man dabei doch wirklich tief in andere Universen ein.

Schelmuffksy: Ich danke für das Gespräch. Können Sie den Besuchern zum Abschluss noch drei dieser richtig dicken Bücher empfehlen?

Martin: Gerne. Ich würde folgende Bücher lesen:
Albert Vigoleis-Thelen – Die Insel des zweiten Gesichts (knapp 1.000 z. T. extrem komische Seiten)
Heimito von Doderer – Die Strudlhofstiege (dito knapp 1.000 Seiten, als Doderer-Einsteiger kann man vielleicht „Die erleuchteten Fenster“ bzw. „Ein Mord, den jeder begeht“ vorweg lesen)
Italo Svevo – Zeno Cosini (das ist mit knapp 600 Seiten bereits ein Buch der Mittelgewichtsklasse, aber trotzdem).