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Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
7. Lightpacker

09.10.2009 sm

Ich hatte das Zelt kaum aufgebaut, als schon die ersten Tropfen fielen; es schien noch unentschlossen, ob es hier bleiben wollte. Ein alter Apfelbaum stand schon da, und von Zeit zu Zeit fiel mit einem dumpfen Geräusch einer der schon überreifen Äpfel zu Boden, ringsum verfaulten sie im hohen Gras.
Ich schien endlich im Grünen zu sein, aber auf der Landkarte bewegte ich mich noch immer an einem endlosen Stadtrand, und gerade so eben war ich aus der grauen Einfärbung, die eine geschlossene Bebauung anzeigte, herausgetreten. Links lief die alte Eisenbahnstrecke von Wiesbaden nach Limburg, dann kam ein dichter, gut hundert Meter breiter Waldstreifen, dahinter die Autobahn, gerade in der richtigen Entfernung, um die Nacht zu verbringen. Von der Anhöhe auf der anderen Seite lächelte eine weiße Zahnreihe aus Einfamilienhäusern, aber hinter meinem Gebüsch mit den Apfelbäumen fühlte ich mich sicher.
Donner rollte das Tal herauf, auf dem Zelt knisterte ein feiner Regen. Aber irgendetwas war noch dort draußen, ich wusste nicht was, nur, dass es näher kam. Ich griff aus dem Zelt, die Dämmerung saß schon unter den Bäumen, ein Mann trat hervor und zeigte auf seinen Hund: „Ist sowieso meine Strecke abends.“
Ich sah den Hund an, der seine Schnauze tief im feuchten Gras hatte.
„Wollt nur mal gucken“, sagte der Mann, und ich hoffte, dass der Hund auch nicht mehr vorhatte. Ich dachte an den schwarzen Dobermann in Massenheim, der sich am Morgen wütend gegen ein Hoftor geworfen hatte, an welchem ein Schild einen Hundekopf zeigte. Daneben stand: „Ich brauche 5 Sekunden bis zum Tor. Und Du?“ Ein paar Tore weiter hatte sich auf einem anderen Schild wieder der Hundekopf gezeigt, diesmal mit den Worten: „Er könnte heute schlechte Laune haben.“
Ich erklärte dem Mann, dass ich auf einer Wanderung sei und der drohende Regen mich hier festgehalten habe. Es schien sein Misstrauen zu verstärken. Ich beobachtete den Hund, der nervös durch das Gras strich. Hatte er heute schlechte Laune? Brauchte er fünf Sekunden bis zum Zelt?
„Mitten in der Botanik“, sagte Mann zu sich selbst, „mitten in der Botanik.“
Ich ließ mir den Weg nach Niedernhausen erklären, wie ich ihn am nächsten Morgen nehmen wollte. Der Mann erklärte ihn gern.
Als der Regen aufhörte, setzten die Zikaden ein. Ich wickelte mich in die goldene Rettungsfolie, die ich gegen die Nachtkälte mitgenommen hatte, sie machte bei jeder Bewegung ein Geräusch, als packte man Essensreste in Alu. Starr vor Angst, schlief ich hellwach.
Irgendwo in der Nacht musste Kies abgeladen werden, er rutschte endlos von der Ladefläche eines Lastwagens. Über dem Waldstreifen an der Autobahn schien ein tropischer Regen niederzugehen, der auf eine etwas unheimliche Weise mein Zelt verschonte, aber eigentlich gefiel mir die Vorstellung, dass es um mich herumregnete. Auch der Wind musste stärker geworden sein und ließ den Wald rauschen. Gleichzeitig rutschte noch immer der Kies von den Lastwagen, während irgendwo anders unter hohem Druck Dampf entwich, wie ich es am Tag zuvor bei den Chemieanlagen der Ticona beobachtet hatte. Der Dampf kondensierte sofort zu Wasser, das in einer mächtigen Fontäne in die Luft schoss und in einem flachen Becken voller Kies aufklatschte; ein schwarzer Hund stand am Rand des Beckens und schlabberte mit seiner Zunge im Wasser herum, das Wellen warf, die sich als Brandung brachen. Jetzt flohen die Zikaden in hohem Tempo über die Autobahn, sie hatten winzige hochtourige Motoren – ich sah alles ganz deutlich.
Obwohl ich sicher war, keine Sekunde geschlafen zu haben, wachte ich auf. Es war schon hell, taghell, dachte ich, aber als ich den Reißverschluss am Eingang öffnete, strich dunkle Kühle vorbei, und lange Grashalme griffen ins Zelt. Ich streckte den Kopf hinaus und suchte mit den Augen den alten Wegweiser und Meilenstein, der fünfzig Meter weiter aus der Wiese ragte, ein brusthoher Tetraeder aus Basalt. Ich hatte am frühen Abend vergeblich versucht, die eingemeißelten Zahlen und Buchstaben zu deuten, lediglich die Jahreszahl 1730 schien sicher. Jetzt kam es mir plötzlich ganz unerlässlich vor, die Angaben auf dem Stein zu verstehen, um eine genaue Standortbestimmung vornehmen zu können; leider erinnerte ich mich nur noch an den Inhalt des Papierkorbs neben dem Meilenstein, nämlich eine Schachtel Marlboro Lights und eine ausgebleichte Schachtel Orangensaft, die schon länger darin liegen musste.
Auf der Anhöhe lagen die Häuser des Ortes in einer funzeligen Notbeleuchtung, sie sahen aus wie Ruinen, hunderte Jahre alt. Auf der Straße davor fuhr ein Radfahrer durchs Mondlicht, so kurz, dass ich im nächsten Moment nicht mehr sicher war, ihn wirklich gesehen zu haben. Ein Auto näherte sich unsichtbar, es musste dunkler als die Nacht sein, ich hörte nur das Motorengeräusch, es hallte noch lange nach.
Schnell verschloss ich den Zelteingang erneut.
Nicht einschlafen, dachte ich im Schlaf. Nicht einschlafen.

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
6. Waldesruhe

02.10.2009 sm

Ich betrat den Gastraum der „Waldesruhe“ pünktlich um halb acht. Das Innere war unübersichtlich und dunkel. Ich hatte das Gefühl, dass es hier drin schon sehr viel später sei. Ich fragte den Mann, der hinter der Theke hantierte, ob noch ein Zimmer frei sei. Der Mann, der der Wirt zu sein schien, wies mit einer stummen Kopfbewegung auf eine Frau, die dicht vor einem riesigen Fernseher saß. Ich hatte sie bisher nicht bemerkt, so sehr war sie in dem Fernsehbild und der ganzen kleinteiligen Umgebung verschwunden. Erst als sie sich zu mir umdrehte, trat sie daraus hervor. Ihr Gesicht hatte den Halt verloren, die grau werdenden Haare waren gefleckt wie das Fell einer Wildkatze. In ihrem Mund steckte eine Zigarette.
Die Frau schüttelte den Kopf.
„Keins fertig.“
Erinnere ich mich falsch, oder nahm sie tatsächlich bei ihrer Antwort die Zigarette nicht aus dem Mund? Ich hatte wenig Lust, die Nacht im Zelt zu verbringen, die Gewitter waren mir noch zu nahe.
Ich deutete auf meinen Rucksack und sagte, dass ich auf einer Wanderung sei. Es war auch nicht zu übersehen. Wollte ich ihr Mitgefühl wecken?
Die Frau schüttelt noch immer den Kopf.
„Sie haben kein Zimmer fertig“, sagte ich. „Aber vielleicht könnten Sie eins fertig machen?“
Die Frau zog an ihrer Zigarette, legte den Kopf in den Nacken und stieß den Rauch aus. Nach einer Pause, in der eine Standuhr die halbe Stunde schlug und nur der Fernseher leise redete, sagte sie: „Ich kann Ihnen ein einfaches machen. Kommen Sie um acht wieder.“
Es sah aus, als ob sie mich dabei ansah; ich war mir nicht sicher.
Ich stellte mein Gepäck ab und ging noch einmal zu der Brücke über die Autobahn.
„Aber nur ein einfaches“, rief die Wirtin mir nach, als ich die Tür öffnete.

In der Ebene zitterten im Dunst die ersten Lichter. Auf den silbernen Raffinerieanlagen der Ticona, die ich am Mittag umrundet hatte, lag spätes Sonnenlicht, links in der Ferne verschmierte die Stadt. Unter mir auf der A 3 hatten die meisten der entgegenkommenden Autos jetzt ihre Scheinwerfer eingeschaltet und sahen mich an. Im Nordosten lagerten Feldberg und Altkönig wie flache blaue Kulissen, vor die sich der nähergelegene Kapellenberg wie eine dunkle Scheibe gelegt hatte. Hinter den zerrissenen Vorhängen der Wolken zerfloss eine rote Sonne. Ein Fernsehturm stand als schwarzer Scherenschnitt über einer der Taunuskuppen.
Ich hatte gehofft, dass an solchen Orten die Liebhaber der Autobahn stehen würden, die alten und die jungen Männer und gelegentlich ein Liebespaar, das sehen wollte, wie die Sonne hinter der Kurve der Autobahn versank. Aber alles was ich sah, war ein Mann im Unterhemd, der seinen Hund spazieren führte und einen anderen, jüngeren, der in einem eigenartigen Laufstil die Auffahrt zur Brücke heraufkam und am Geländer Dehnungsübungen machte. Ich fragte mich, wo die Liebespaare waren. Als ich am Nachmittag zum ersten Mal die Brücke betreten hatte, stand ein Regenbogen über der Ebene, und die Autobahn führte mitten hindurch. Aber auch da waren keine Liebespaare zu sehen gewesen, was ich auf den Regen geschoben hatte. Jetzt sah ich dem jungen Mann verstohlen bei seinen Dehnungsübungen zu, während der Mann mit dem Hund wieder zurückkam. Schließlich, ich musste eine halbe Stunde auf der Brücke verbracht haben, hielt an ihrem Fuß ein alter VW Jetta, aus dem ein Mann stieg, der langsam zu mir heraufkam. Er stützte die Unterarme auf das Geländer und faltete die Hände. So starrten wir beide schweigend in die Ebene, aus der die Lichter immer deutlicher hervortraten.
Um ein Gespräch zu beginnen, fragte ich, welche Hotels es im Ort gäbe. Der Mann nannte den Schwan, in dem aber nur Monteure wohnten.
Ich sagte, ich übernachtete nebenan in der „Waldesruhe“.
Der Mann sah mich skeptisch an und fragte, wie teuer das Zimmer sei. Da ich die Wirtin nicht danach gefragt hatte, konnte ich nur die Schultern zucken.
„Zahlt meine Firma“, behauptete ich.
Ich war dabei, mich in eine fantastische Lügengeschichte zu verstricken. Warum hatte ich nicht den Mut, einfach zu sagen, dass ich eine Wanderung an der Autobahn machte?
„Dienstreise?“ fragte der Mann, und ich nickte. „Woher kommen Sie denn?“
„Köln“, sagte ich ohne zu überlegen. Ich hatte keine Vorstellung davon, warum ein Kölner eine Dienstreise nach Weilburg machen und seinen Abend auf einer Autobahnbrücke verbringen sollte, aber die Sache begann mir Spaß zu machen. Konnte ich mich als Vertreter ausgeben? Ich hatte nicht das Gefühl, in meiner Wanderkleidung besonders überzeugend zu wirken.
„Kennen Sie denn das Hotel Waldesruhe?“, fragte ich schnell.
„Man hat da nicht so Kontakt zu“, sagte der Mann zögerlich.
Es klang, als wisse er alles darüber und müsse jetzt unglücklicherweise gehen.
„Das ist ja richtig romantisch hier“, sagte ich sinnloserweise, und der alte Mann schien auch nicht zu verstehen. „Kommen Sie oft hierher?“
Der Mann sah mich an. Ich wollte gar nicht wissen, für was er mich hielt.
„Auf die Brücke meine ich.“
„Eigentlich jeden Abend“, sagte der Mann. „Außer Mittwoch.“

Die Schenke in der „Waldesruhe“ hieß „Sir William’s Pub“, viel dunkles Holz und schwer verhängte Fenster. Ich setzte mich an die Theke, hinter der eine üppige, strahlende junge Frau die Gläser trocknete. Auf der anderen Seite des hufeisenförmigen Tresens saß ein gebräunter Mann mit einer schweren Goldkette um den Hals. Er zeigte seiner Begleiterin gerade seine zwei Handys. Sie schienen hier Stammgäste zu sein, denn sie duzten die Frau hinter der Theke und unterhielten sich mit ihr wie alte Bekannte.
Ich bestellte ein Pils und hörte dem Gespräch zu.
Der Mann schien ein Immobilienmakler aus Sossenheim zu sein, einem der westlichen Frankfurter Vororte. Das alte Dorf hatte längst sein Gesicht verloren und lag direkt an der Autobahn, sogar der Friedhof.
Die Frau, soviel wurde bald klar, war Krankenschwester und sprach mit starkem schwäbischem Einschlag. Aber sie schien nicht viel zu sagen zu haben, nicht nur an diesem Abend.
„He, Tina“, sagte der Immobilienmakler zu der Bedienung hinter der Theke, „wohnste immer noch bei deinen Eltern?“
Die Bedienung erzählte ihm, wo sie schon überall gewohnt hatte.
„Hab ich auch gewohnt“, sagte der Immobilienmakler jedesmal. „Die schönste Villa.“
Ich fragte mich, ob er in Sossenheim auch in den Hochhäusern an der A 66 gewohnt hatte.
Der Immobilienmakler tippte eine Nummer in eines der Handys. Das andere Handy klingelte.
„Siehste“, sagte er zu der Krankenschwester. „Geht doch.“
Die Bedienung stellte jetzt einen Salatteller vor ihn auf die Theke und sagte, dass sie vormittags seit sieben Jahren Sozialpädagogik studierte, nachmittags in einem Kinderhort und abends hier. Die Krankenschwester bekam einen großen Teller mit Pommes frites, in dem sie lustlos herumzustochern begann.
Nach einer Weile kam die Wirtin aus der Küche und setzte sich ebenfalls an die Theke. Sie zündete sich eine Zigarette an, zog daran, legte den Kopf weit nach hinten und wartete lange, bevor sie den Rauch ausstieß.
„Puh“, sagte sie, „habt ihr das Gewitter mitgekriegt heut Nachmittag? Da war ich grad unterwegs. Ich hab ja so Angst gehabt. Da bin ich lieber schnell nach Haus gefahren.“
Ein böser Husten unterbrach sie. Die Zigarette streckte sie weit von sich.
„Musst keine Angst haben“, sagte die Bedienung und stellte ein kleines Glas mit einer klaren Flüssigkeit vor sie hin. „Im Auto biste sicher. Faradayscher Käfig oder wie das heißt.“
Der Immobilienmakler pickte jetzt die Pommes frites vom Teller der Krankenschwester. Eines seiner beiden Handys gab einen Ton von sich.
„Was fährst du denn überhaupt für einen?“ fragte er die Wirtin.
„Ich hab da so’n Cabrio“, sagte die Frau. „Aber was meinste, wie oft ich damit schon offen gefahren bin? Noch kein Mal diesen Sommer. Ist noch’s Hardtop drauf. Ich schwör’s.“
Der Immobilienmakler schien jetzt unterhalb des Tresens den Oberschenkel seiner Begleiterin zu kneten, die apathisch die Gabel zum Mund führte.
„Was denn für’n Cabrio?“ fragte der Immobilienmakler und knetete weiter. „So’n kleines?“
„So’n Mercedes“, sagte die Wirtin.
„Mercedes Cabrio“, schrie der Immobilienmakler fassungslos. „Ist das der kleine? Der SLK?“
„Nee“, sagte die Wirtin. „Ich hab nicht so’n kleinen. Ich hab so’n SL. Nicht so’n SLK.“
„Ach der mit der langen Haube?“ schrie der Immobilienmakler. „12 Zylinder?“
„Aber das is’n scheiß Auto“, sagte die Wirtin gedehnt. „So unbequem. Beim Einkaufen und so.“
„Ja, ja, da passen grad nur so zwei Tüten rein“, sagte der Immobilienmakler.
„Nee, nee“, wehrte sich die Wirtin, „der hat ’nen richtigen Kofferraum. Das ist nicht der kleine. Nicht der SLK. Das ist so’n SL.“
„Was schluckt der denn so?“ fragte der Immobilienmakler.
„Weiß nicht“, sagte die Wirtin. Die Bedienung stellte ein neues kleines Glas vor sie hin, es war nicht einmal halb mit der klaren Flüssigkeit gefüllt.
„Nicht so viel“, sagte die Wirtin. „Aber da passen nicht nur zwei Tüten rein.“
Der Mann lachte. „Meiner hat auch 12 Zylinder. BMW.“
Die Krankenschwester blickte abwesend auf ihren Teller, als versuchte sie sich zu erinnern, was eben noch darauf gelegen hatte.
„Mein Mann hat ja auch noch so’n Oldtimer. Auch 12 Zylinder“, sagte die Wirtin.
„Der schluckt ja auch ganz schön“, sagte der Immobilienmakler.
„Nee“, sagte die Wirtin. „Kann man so nicht sagen. Ich glaub nicht.“
„He“, schrie der Immobilienmakler plötzlich, „spinnst du?“
Die Bedienung hörte auf, Gläser zu trocknen und starrte ihn erschrocken an.
„Bist du verrückt, hast du sie nicht alle?“ schrie der Immobilienmakler weiter.
Die Bedienung merkte, dass sie nicht gemeint war und trat an die Musikanlage. Die Musik hörte auf. Ich hätte nicht sagen können, was bis eben gelaufen war, es war ein leises,  verrauschtes, gleichmütiges Geräusch, das an die Autobahn erinnerte, indem es sie überdeckte.
„Was hab ich dir gesagt? Hab ich dir nicht gesagt, dass du das nicht darfst? Hab ich dir das nicht gesagt?“
Die Krankenschwester hatte die Hand auf den Unterarm des Mannes gelegt. Jetzt sah ich, dass sich fast bis zum Ellbogen hinauf ein heller Strich durch seine Bräune zog.
„Da hat’s ihn fast zerlegt“, sagte die Krankenschwester triumphierend. Sie schien plötzlich erwacht zu sein.
„Ich will nicht, dass du da ran fasst“, sagte der Immobilienmakler. „Wie oft hab ich das schon gesagt.“
Die Krankenschwester hatte die Hand wieder zurückgezogen.
„Echt“, sagte der Immobilienmakler. „Ich lass mich scheiden, ehrlich.“
„Ich hab auch schon die ganze Woche Kopfschmerzen“, sagte die Wirtin übergangslos. Sie schien die Geschichte zu kennen. „Ich hab schon ‘ne ganze Packung verbraucht.“
Die Musik setzte erneut ein, anscheinend unverändert, ich erkannte nichts. Die Bedienung trocknete wieder die Gläser.
„Was nimmsten?“, fragte der Immobilienmakler, der sich wieder beruhigt zu haben schien. „Spalt?“
„Spalt“, sagte die Wirtin verächtlich. „Migräne ist das, Migräne.“
„Hab ich auch gehabt“, sagte der Immobilienmakler. „Und immer so Zeugs genommen. Und irgendwann einfach mal nur die Hälfte genommen und gleich – wumms.“
„Thomapyrin?“, fragte die Krankenschwester.
„Oha, hab ich da gedacht“, sagte der Immobilienmakler, „oha.“
„Thomapyrin ist gut“, sagte die Wirtin und zählte langsam auf: „Thomapyrin, Dolomin, Novalgin …“
„Novalgin?“, fragte die Krankenschwester erschrocken. „Das sind doch Hämmer.“
„Hämmer …“, sagte die Wirtin und zog das Wort in die Länge, bis man den Schmerz hörte. „Ich hab doch gesagt, das ist Migräne. Ich hatte sogar mal ‘ne Kernspintomographie.“
„Hatte ich auch mal“, sagte der Immobilienmakler. „Wie die mich da rein tun wollten, ging mir vielleicht die Muffe. Da hab ich vorher so Beruhigungsdinger genommen, so …“
„Valium?“, fragte die Wirtin. „Das nehm ich nämlich auch immer.“
„Genau“, sagte der Immobilienmakler.
An der Wand hing eine Tafel mit der Aufschrift „Bitburger Bekenner Aktion“. An die Tafel waren die Fotos von Gästen geklebt, die sich mit einem Glas Bitburger Pils in der Hand hatten fotografieren lassen. Einige führten gerade das Glas zum Mund, andere wischten sich schon den Schaum weg. Die Frage war, wer das schönste Bit-Gesicht hatte. Auf einem kleinen Schild stand, dass die Fotografierten vom Wirt ein „Dankeschön“ erhielten und später „die Chance auf einen begehrten Preis“ hatten.
„Genau“, sagte der Immobilienmakler wieder. Seine Hände tasteten auf seinen Handys herum, ohne dass er hinschaute. Die Krankenschwester war über einem halb ausgetrunkenen Apfelwein zusammengesunken.
Auf dem Klo betrachtete ich lange mein Bit-Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken; ich hatte keine Chance, was den Preis anging. Zurück in der Gaststube, zahlte ich.
„Ich geh noch mal kurz raus“, sagte ich zu der Wirtin, die wieder mit zurückgelegtem Kopf rauchte. Sie schien mich nicht mehr zu hören.
Es war kurz vor Mitternacht, als ich wieder auf der Brücke über der Autobahn stand. Jetzt sah ich die Lichter Frankfurts, das tagsüber vom Dunst verschluckt gewesen war. Der Fernsehturm blinkte, ein stetiger Herzton, rechts daneben die Pyramide des Messeturms, und das Rot musste das Mariott Hotel sein. Der Flughafen war eine orange leuchtende Wolke, die dicht über dem Boden stand, und vom Tower aus strich ein Licht wie von einem Leuchtturm über das Land. Ich begriff, dass ich, obwohl ich den ganzen Tag gewandert war, der Stadt nicht entkam. Die Dunkelheit schien mich ihr sogar wieder näher gebracht zu haben. Ich war noch ganz nah an der Stadt, in der ich seit dreizehn Jahren lebte, und hatte mich doch weit entfernt. In meinem Kopf spürte ich den Alkohol. War dies wirklich die Stadt, die ich kannte? Und wenn nicht, wo war ich?
Ich beugte mich weit über das Geländer. Die Autos, die mir aus der Ebene entgegenkamen, schienen andauernd die Spur zu wechseln, wie beim Start eines Autorennens. Auf der anderen Seite der Mittelleitplanke floss der rote Strom der Rücklichter wie flüssige Lava zu Tal. Der Verkehr war trotz der Uhrzeit nicht schwächer geworden, im Gegenteil, er schien immer dichter zu werden. Es begann wieder zu regnen. Die Tropfen auf meiner Brille verdoppelten die Lichter der Autos und lösten sie zugleich auf, sie zerflossen, spritzten nach allen Seiten. Ich hatte einen Regenschutz dabei, eine durchsichtige, neongelb eingefärbte Folie, dünn wie ein Kondom. Es war wie mit der roten Gewerkschaftsmütze, ich hatte gehofft, sie nie benutzen zu müssen. Ich zupfte das kleine Päckchen mit spitzen Fingern auseinander und wusste sofort, dass es mir nie gelingen würde, es wieder zusammen zu falten. Noch während ich nach der Öffnung suchte, um mir den Umhang über den Kopf zu ziehen, wurde der Regen stärker. Als ich es endlich geschafft hatte, war ich längst durchnässt. Ich fragte mich, was die Autofahrer dachten, wenn sie mich im letzten Moment am oberen Rand ihrer Windschutzscheiben auftauchen sahen, ein bonbonfarbenes Gespenst, eine über ihren Köpfen irrlichternde Erscheinung ihres Sekundenschlafs. Als der Regen schwächer wurde, zog ich den Umhang schnell wieder aus, doch kaum hielt ich die nasse Hülle in der Hand, stellte ich fest, dass der Regen nicht stark genug nachgelassen hatte und wollte die Folie erneut über mich werfen. Aber nun verwickelte ich mich so vollständig in ihr, dass ich schließlich nur falsch herum, die nasse Seite nach innen, hineinfand. Es machte mir nichts aus. Ich rannte von links nach rechts über die Brücke und wieder zurück, wechselte die Seiten wie aufgezogen. Ich hatte das Gefühl absoluter Gegenwart, als sähe ich das ganze weite Panorama der Nacht nicht nur zum ersten, sondern auch zum letzten Mal, und als läge darin für mich zugleich eine Bedeutung, die über das bloße Jetzt weit hinausreichte: Ich blickte auf die dunkle, undeutliche Ebene meiner vergangenen Jahre, in der sich ein paar Lichter ballten, bevor der Regen auch sie löschte. Ich hatte eindeutig zu viel getrunken.
Ein Auto hupte und fuhr langsam hinter mir vorbei. Es war meine Brücke, ich hatte sie erobert und war bereit zur Verteidigung. Ein zweites Auto kam die Anhöhe zur Brücke herauf. Es war der BMW des Immobilienmaklers, der vor der „Waldesruhe“ geparkt hatte. Hinter den hektischen Scheibenwischern sah ich undeutlich die Krankenschwester auf dem Beifahrersitz.
Als ich zur „Waldesruhe“ zurückkehrte, war das Haus schon abgeschlossen. Ich fand keine Klingel und klopfte. Als sich nichts tat, ging ich durch den Hof zur Hintertür, über der Licht brannte. Hier war die Klingel offenbar entfernt worden, denn ich sah noch die Spuren auf dem Putz. Aus einem Bohrloch hing ein loses Kabelende. Ich klopfte wieder, lauter.
„Ich dachte, Sie sind schon oben“, sagte die Frau, die hinter der Theke gestanden hatte. Mir fiel ein, dass sie erzählt hatte, sie habe im Haus ein Zimmer, das sie aber fast nie benutzte.
Aus der Küche fiel ein kaltes weißes Licht, ansonsten war alles dunkel.
Im Zimmer roch es feucht und muffig, obwohl das Fenster gekippt war. Ich zog die Rollläden hoch und hörte der Autobahn zu, bis ich ruhiger wurde. Nach einer Weile schaltete ich den Fernseher ein, aber da die Batterien der Fernbedienung offenbar leer waren, ließ sich das Programm nicht weiterschalten und die Lautstärke nicht verstellen. Jetzt fiel mir ein, dass auch das Licht draußen auf dem Gang nicht funktionierte, denn ich hatte mich im Schein der Notbeleuchtung voran tasten müssen und war dann, da das Zimmer niedriger als der Gang lag, eine Stufe heruntergestolpert – ich hatte das Gefühl, mit dem Öffnen der Zimmertür plötzlich ins Nichts getreten zu sein. Aus keinem der anderen Räume, es mochten noch sechs oder sieben auf der Etage sein, war ein Laut oder Lichtschein gedrungen, und ich war sicher, der einzige Gast zu sein.
Ich ließ die Rollläden wieder herunter und schaltete den Fernseher aus. Erst gegen vier, schien es mir, als ob der Faden der Autobahn riss. Im Halbschlaf trieb ich an schwarzen Inseln vorüber, die schweigend in der Mitte eines Flusses lagen. Von Zeit zu Zeit strichen langsame Flugzeuge tief über das Haus, und der Fernseher klirrte leise auf seinem Schränkchen.

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
4. Rumänen

17.09.2009 sm

Über Frankfurt schoben sich die Wolken zu einem Gewitter zusammen, und ich fragte mich, ob ich weit genug weg war, um in Ruhe Rast machen zu können. Ein Bach unterquerte in einem etwa mannshohen Betontunnel den Damm, auf dem Auto- und Eisenbahn nebeneinander verliefen; am anderen Ende der Röhre war ein dichtes grünes, windbewegtes Gestrüpp zu sehen, durch das die Sonne fiel. Dieses unerreichbare Land auf der anderen Seite erschien mir seltsam verführerisch, das Haar einer Frau in einer Gegenlicht. Der Blick in den Tunnel war wie der Blick durch ein Fernrohr, das eine andere, unerreichbare Welt zeigte, oder ein Kaleidoskop, dessen Drehung im nächsten Moment ein ganz anderes Bild hervorbringen konnte. Das Wasser sah sauber aus und fühlte sich leicht seifig an. Das Bachbett war von eigenartiger Perfektion, von jener unheimlichen und unnatürlichen Natürlichkeit, wie sie renaturierte Gewässer auszeichnet.
„Entschuldigen Sie, wissen Sie, wie der Bach heißt?“
Ein älterer Mann auf einem Klapprad war langsam nähergekommen, er schüttelte den Kopf. Der Mann saß mit nacktem Oberkörper auf seinem Rad, um den Hals trug er zwei goldene Ketten, an der einen hing ein Kreuz, an der anderen ein rechteckiges Metallplättchen, das wie eine Erkennungsmarke aussah. Ich setzte den Rucksack ab und entfaltete die Landkarte. „Weilbach“ las ich darauf, aber der Mann schüttelte wieder den Kopf und zeigte nach Norden.
„Weilbach liegt da hinten.“
„Sind Sie aus Weilbach?“
„Eddersheim“, sagte der Mann, und der junge Rockhopper fiel mir ein, der Ort hatte ein paar komische Einwohner. Er kam aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus.
Vor 43 Jahren war er aus dem Osten nach Eddersheim gezogen und wohnte seither da hinten, in einer Siedlung aus quaderförmigen Wohnblocks, auf denen die Sonne lag, so dass sie sich leuchtend von dem regendunklen Himmel abhoben.
Ich fragte ihn, ob die Siedlung einen Namen hatte, denn sie kam mir wie ein eigener Ort vor.
„Das ist die Neue Heimat“, sagte der Mann.
Die Neue Heimat waren die Häuser, die am dichtesten an der Autobahn und der ICE-Trasse lagen. Noch dichter lagen sie neben einer weiteren Eisenbahnlinie, die Wiesbaden mit Frankfurt verband. Die alte Heimat musste eine schlechte gewesen sein, wenn man die neue hatte annehmen können.
„Stört Sie der ICE?“
Im gleichen Moment schämte ich mich schon für die Frage, aber der Mann zuckte nur die Schultern. Ich erfuhr, dass die Eddersheimer gern noch eine Lärmschutzwand auf den Damm hätten setzen lassen, die aus Kostengründen entfallen war. Jetzt war da das filigrane Astwerk der Oberleitungsmasten.
„Die Autobahn ist schlimmer“, sagte er, „aber da gewöhnt man sich auch dran.“
„Und die Flugzeuge?“, fragte ich. Kam ihm der Lärm wie ein Naturereignis vor, ein unabänderliches Phänomen, dem sich der Mensch zu fügen hatte?
Der Mann sah jetzt auf seine Armbanduhr, und ich begriff, dass er gekommen war, um dem ICE bei seiner sekundenkurzen Vorbeifahrt zuzusehen. Als der Zug mit einem bösen Fauchen kam, war er auch schon vorüber.
„Ob wir beide was davon haben?“, sagte der Mann zweifelnd und sah wieder zu der Siedlung hinüber, wo er wohnte.
Aus Angst vor Anschlägen auf die Strecke fuhr die Polizei dreimal täglich Streife, unregelmäßig, man konnte nicht wissen, wann sie kamen.
„Die waren eben noch hier gewesen“, sagte der Mann und schaute sich überrascht um, als stellte er erst jetzt fest, dass keine Polizei mehr da war: „Genau hier.“
Und vor einer Woche erst habe ein Hubschrauber über der Ebene gestanden, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, er war aufgewacht von dem Lärm und auf den Balkon gegangen, auch seine Nachbarn hätten auf ihren Balkons gestanden, und alle hätte es gesehen. Der Hubschrauber sei vom Bundesgrenzschutz gewesen und habe Staub aufgewirbelt und alles hell ausgeleuchtet, dann habe er mit einem Lichtkegel überallhin geleuchtet, den Bahndamm entlang, aber auch auf die Häuser und in die Wohnungen hinein, ganz geblendet sei man gewesen, obwohl man doch in der Neuen Heimat niemanden fände, den man nicht kenne; in dieser Nacht, sagte der Mann, habe man sechs Leute festgenommen.
„Was für Leute?“
Der Mann zuckte die Schultern. Hinter ihm war der Himmel jetzt sehr dunkel geworden, und von fern rollte Donner heran. Das Land war flach, es gab keine Unterstellmöglichkeit, und ich hatte Angst vor den Blitzen.
„Sie meinen, man hat einen Anschlag auf die Bahn vereitelt?“
Der Mann wiegte den Kopf: „Leute … Rumänen … Leute halt, aus dem Osten.“
Mir fiel ein, dass vor Jahren rumänische Diebesbanden in Nordhessen ihr Unwesen getrieben hatten. Es war viel in den Zeitungen darüber berichtet worden. Angeblich unterhielten sie in den Wäldern Lager mit Waffen und Diebesgut, das sie auf Autobahnparkplätzen umluden.
„Stand es in der Zeitung?“ fragte ich, denn ich hatte in den letzten Tagen nichts darüber gelesen.
„Das nicht“, sagte der Mann, aber das erzählte man sich dort in der Neuen Heimat, da wusste das jeder, und den Hubschrauber habe er ja selbst gesehen, eine halbe Stunde lang.
„Die Zeitungen nehmen ja viel rein“, sagte der Mann und schob sein Fahrrad an. „Aber nur manches.“
Die Autos, die aus Richtung Frankfurt kamen, hatten die Scheinwerfer eingeschaltet, ein Baukran leuchtete orange vor einem fast schwarzen Himmel. Zwei Tauben, von der Sonne getroffen, leuchteten weiß wie Möwen, dann warf der Wind sie hoch. Blitze liefen als helle Haarrisse durch einen Himmel, der gleich einstürzen würde. Ein paar hundert Meter weiter bot die Unterführung der B 519 ein wenig Sicherheit, aber der Bürgersteig war zu schmal, um sich dort länger aufzuhalten. Unter dem Betonvorsprung des „Weilbacher China-Restaurant Han-Thai“, das noch geschlossen hatte, fand ich schließlich Schutz. Ich sah dem Hagel zu, wie er vom Dach eines schwarzen Fiat Punto hochsprang, der vor mir am Straßenrand parkte, und las die Namen auf den Klingelschildern; dort wohnten Renner, Zotzmann, Brandel und Li/Yang.

(c) Jürgen Hosemann

Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
3. Rockhopper

11.09.2009 sm

 
Immer bieten solche Lokale „gutbürgerliche Küche“, immer warten „Veranstaltungsräume bis 150 Personen“ und ein „Parkplatz 100 m nur für Gäste“; ich setzte mich im Hof an einen der Holztische und schaute mich um. Ich war an diesem späten Vormittag nicht der einzige Gast im „Mönchhof“ an der Main-Staustufe von Eddersheim. An einem der anderen Tische saßen zwei ältere Männer hinter den grünen Hügeln ihrer Salatteller. An ihrem Tisch lehnten zwei teuer aussehende Fahrräder, die sie keinen Augenblick aus den Augen ließen. Den Nachbartisch hielt eine vierköpfige Gruppe besetzt, die ebenfalls mit Fahrrädern gekommen war; sie lehnten müde wie zerschundene Reittiere an der Wand. Während ich auf mein Essen wartete, kamen weitere Radfahrer, die zu der kleinen Gruppe hinzustießen; offensichtlich hatte es sich bei den Vieren nur um die besonders trainierte Vorhut gehandelt. Unter den neu Hinzugestoßenen waren auch zwei Frauen, die eine glänzende schwarze Kunstfaserkleidung trugen, die wie ein Taucheranzug aussah, dem man Ärmel und Beine abgeschnitten hatte; diese Frauen schienen so gut wie keinen Luftwiderstand zu bieten. Die anderen Teilnehmer der Gruppe trugen Trikots mit Rückennummern, stromlinienförmige Fahrradhelme und riesige blaugetönte Sonnenbrillen, in denen man den Himmel sah. Auch die Hinzugekommenen stellten ihre Fahrräder an der Mauer ab, so dass sich dort allmählich eine kleine Herde versammelte. An ihren Rahmen waren großvolumige Trinkflaschen angebracht und an den Lenkern Minicomputer, die ab und zu fiepten.
Bisher hatten die Radfahrer Abstand gehalten, sie hatten mich vielleicht unwillkürlich nicht als einen der ihren erkannt und stattdessen die Gesellschaft anderer Radfahrer gesucht. Der Mann, der sich schließlich, als es im Hof voller wurde, zu mir setzte, trug Handschuhe, die die Finger frei ließen, und mir fiel auf, dass er sie, auch als er die Speisekarte aufschlug, nicht auszog. Als er sich schließlich für eines der Gerichte entschieden hatte, blätterte er eine Landkarte auf. Ich bat ihn, wenn er damit fertig sei, mich ebenfalls einen Blick darauf werfen zu lassen.
„Wo wollen Sie denn hin?“, fragte der Mann.
Ich zögerte, die Wahrheit zu sagen. Wie sollte ich ihm angesichts der blitzenden Maschinen ringsherum erklären, dass ich zu Fuß unterwegs war? Und dass ich nicht den landschaftlich schönen Routen folgte, sondern der Autobahn? Wo wollen Sie denn hin? Ich wusste es selbst nicht, es war mir peinlich. In möglichst selbstverständlichem Ton sagte ich „nach Norden“ und „durch den Taunus“.
„Da fahren Sie am besten hier rüber“, sagte der Mann und faltete die Karte noch etwas weiter auf.
Ich sagte, dass ich zu Fuß unterwegs sei.
Der Mann sah mich erschrocken an.
„Na, dann kommen Sie ja überall durch“, sagte er und bestellte Cordon Bleu.
Radfahrer hatten mich auf meiner Wanderung von Anfang an begleitet. An einem normalen Werktag wie diesem waren die Feld- und Wirtschaftswege an der Autobahn voller Männer auf Fahrrädern, die von irgendwoher kamen und nirgendwohin fuhren, und die für mich die Einsamkeit auf eine unschlüssig-abenteuernde Weise verkörperten. Eine seltsame Melancholie ging von ihnen aus, denn sie schienen alle Zeit der Welt zu haben, aber weder die Zeit noch die Welt interessierte sich für sie. Sie waren nicht wegen der Schönheit der Landschaft unterwegs und nicht aus Gründen der Fitness – sie schienen schlicht nichts Besseres zu tun zu haben. Und sie schienen die Autobahn als einen unbestimmt interessanten Ort zu begreifen, an dem etwas passierte – vielleicht weil in ihrem Leben nichts passierte. Nichts, weil sie noch zu jung waren, nichts, weil sie schon zu alt waren und das Leben unter ihren Füßen plötzlich stehen geblieben war – jetzt waren sie es, die sich bewegen mussten. So fuhren sie ungesehen am Rand der Welt herum, bis sie abends wieder zu ihren Frauen und Familien zurückkehrten, die sie nicht vermisst hatten, jeden Tag, jahrelang.
Der erste dieser rätselhaften Radfahrer, mit dem ich an diesem Morgen gesprochen hatte, war ein junger Mann mit einem Fahrrad gewesen, das Rock Hopper hieß. Er wartete am Zaun neben der ICE-Trasse, um den schnellen Zug zu fotografieren. Ich hatte Mühe, ihn zu verstehen, denn er mahlte einen schweren Dialekt zwischen den Zähnen – war es noch Hessisch? Er kam aus Eddersheim, soviel verstand ich, aber als ich zugeben musste, den Ort nicht zu kennen, zeichnete sich Enttäuschung in seinem Gesicht ab. Überhaupt lief es nicht gut für ihn. Die ersten Aufnahmen, die er vor ein paar Tagen mit der Ritsch-Ratsch gemacht hatte, waren nichts geworden, vielleicht war der ICE zu schnell oder die Ritsch-Ratsch zu langsam, vielleicht war der ICE ja generell zu schnell für die Ritsch-Ratsch, mit der man dann eher Güterzüge und Regionalbahnen … – wer wusste das schon.
Ich hatte ihn ein paar hundert Meter weiter erneut getroffen, als er langsam auf dem Rockhopper an mir vorüberrollte. Er schien das Warten auf den Zug, der von ihm nicht fotografiert werden wollte, aufgegeben zu haben. Ich fragte ihn, wie ich am besten über den Main käme, da der Weg über die Autobahnbrücke nicht möglich war. Der Rockhopper antwortete etwas, das ich nicht verstand, und ich nickte. Ich entschied mich für einen informellen Pfad zwischen den Eisenbahngleisen und dem Zaun des Ticona-Werks. Auf dem Boden standen kleine Pfützen aus weißen, grauen und violetten Kügelchen, in die ich unwillkürlich vermied, hineinzutreten. Hinter dem Zaun zischte und summte es, Dampf strömte aus silbern glänzenden Rohren, und es roch nach Ammoniak. Das ganze Gelände lag menschenleer in der Sonne, nur von Zeit zu Zeit fuhr ein Auto vorüber, und ich hoffte, keinen Verdacht auf mich zu lenken. Auf der anderen Seite fauchte dicht neben mir die S-Bahn vorüber, und ich griff in die Maschen des Drahtzauns, um vom Luftzug nicht mitgerissen zu werden. Als ich weiterging, hatte ich bald das Gefühl, dass mir der Rockhopper noch immer folgte, und tatsächlich war, als ich mich umdrehte, ein Radfahrer hinter mir, dem ich den schmalen Pfad versperrte, aber es war ein älterer, tief gebräunter Mann, der eine fast schwarz getönte Sonnenbrille trug. Sein Gesicht, sein ganzer Körper hatte die lederne Zähigkeit eines Marathonläufers. Ich nahm schnell meine rote Gewerkschaftsmütze ab und fragte auch ihn, wie ich auf die andere Flussseite käme. Er wies mir den Weg zur Staustufe und empfahl den Weg über die schönen Taunushöhen. Dabei stieg er nicht ab, sondern balancierte im Schritttempo auf den Pedalen, als sei er untrennbar mit seinem Rad verwachsen, eine modernisierte mythologische Figur, unten Bike, oben Rentner. Er würde nie freiwillig absteigen. Er hatte sein Leben lang fest im Sattel gesessen. Er würde irgendwann einfach umkippen und vermutlich am liebsten mit seinem Fahrrad gemeinsam bestattet werden.
Ich war nicht überrascht, als ich ihn nun auch im „Mönchhof“ sitzen sah. Er trug strahlend weiße Reeboks, die seinen Füßen den Anschein gaben, nicht zu ihm zu gehören. Mit der Hand tätschelte er liebevoll den extraweichen Gel-Sattel seines Herkules, das auf den weltläufigen Namen „Los Angeles“ hörte.
Es war später geworden als beabsichtigt, als ich endlich den Hof unter den Bäumen verließ. Die Autobahn war für mich weit weg gewesen, aber in Wirklichkeit waren es nur einige hundert Meter mainabwärts, bis ich auf die Brücke stieß, mit der sie den Fluss übersprang. Vielleicht war es das schlagartige Eindunkeln und die plötzliche Kühle unter der Brücke, vielleicht war es der Widerhall der über mir dahinfliegenden Autos, die tote, vollkommen vegetationslose Fläche um mich herum, vielleicht war es das in Ufernähe fast stillstehende Wasser mit den großen rundgeschliffenen Steinen darin, was mir Angst machte – ich hatte plötzlich das Gefühl, mich weniger an einem Ort als an dessen Rückseite zu befinden. Und als hätte all dies nicht schon genügt, spannte sich ein meterlanges Graffiti über den Beton der Brücke: „DER Himmel war ROSIG Jetzt ist er schwarz DER RABE RABE fliegt leise über dein KRAB!!“ Das ganze war mit „gez Sam“ unterschrieben, und ich stellte mir vor, wie Sam in stockdunkler Nacht „RABE“ sprayte, dann vielleicht ein Geräusch, eine Bewegung, die ihn abbrechen und neu ansetzen ließ, wieder „RABE“, weil er im Dunkeln nicht sah, was schon da stand, wie er auch mit den Groß- und Kleinbuchstaben durcheinander kam und am Ende auch mit der Rechtschreibung, bis er sich endlich auf sein Fahrrad schwang und flüchtete, vielleicht sah er selbst den Raben schon über sich. Noch während ich darüber nachdachte, wen Sam mit diesem Satz gemeint hatte und woher er wohl stammte – war es ein verstümmelter Satz aus der Literatur, einem Songtext? –, hatte ich die Idee, dass sich der Satz dort selbst an die Wand geschrieben hatte. Vielleicht kam er ja direkt aus meinem Inneren, einschließlich seiner Schreibfehler, vielleicht stand er nur für mich dort, von meinen eigenen Augen auf den Beton projiziert.
Ich hörte ein Geräusch hinter mir und sah, als ich mich umdrehte, zwei Mountainbiker, die schweigend hintereinander im Kreis fuhren, als würde der eine den anderen jagen, ohne ihn je einholen zu können. Ich hörte nur ein Klappern und das Knirschen der Reifen auf dem Sand, dann, wiederum hinter mir, ein mehrstimmiges Fahrradklingeln, und ich trat zur Seite, um der Gruppe aus dem „Möchhof“ Platz zu machen, die mir plötzlich viel größer vorkam, all die gebräunten Alten, die aerodynamischen Frauen. Ich hörte, wie mir einer der Radfahrer undeutlich etwas zurief – vielleicht war auch nur einer der anderen gemeint –, es klang entfernt aufmunternd, möglicherweise aber auch wie eine Drohung: eine aufmunternde Drohung – war ich nicht schnell genug aus dem Weg gegangen? Ich hatte den Radfahrer in der Eile nicht erkennen können, war aber sicher, dass sein Rad den auffallenden Schriftzug „Rock Hopper“ auf dem Rahmen getragen hatte.
Als ich mich wieder zu den beiden Mountainbikern unter der Brücke herumdrehte, kurvten diese noch immer stumm umeinander, und hinter ihnen erschien schon bunt und laut die nächste Gruppe von Radfahrern, dann hing plötzlich, wo gerade eben die beiden Mountainbiker gewesen waren, nur noch eine rotbraune Staubwolke in der Luft, und auch die neue Gruppe musste im letzten Augenblick die Richtung gewechselt und einen anderen Weg genommen haben.

 

(c) Jürgen Hosemann


Jürgen Hosemann: A3. Eine Wanderung an der Autobahn
2. Vita-Parcours

02.09.2009 sm

Unter einem Strommast, der seine kahlen Äste über mir ausbreitete, machte ich Rast. Es war warm geworden, und ein leichter Wind ging. Rings um mich herum wuchsen weitere Strommasten wie gewaltige, frei stehende Bäume empor, deren mehrstöckige, olivgrüne Kronen das Gebüsch ringsum weit überragten. Auf der anderen Seite der Autobahn schoben sich mit beängstigender Langsamkeit Flugzeuge in den Himmel, um nach nur wenigen Kilometern scharf nach Norden abzukippen, als folgten auch sie der Autobahn. Ging es nach dem Willen der Flughafenbetreiber, würde sich in wenigen Jahren genau hier eine weitere Landebahn erstrecken.
Es war meine erste Rast. An jenem Donnerstagmorgen hatte ich meine Wohnung um viertel nach neun verlassen, fast zur gleichen Zeit wie jeden Morgen, wenn ich ins Büro ging. Ich war mit der S-Bahn zum Flughafen gefahren und stand eine Stunde später auf der Brücke, die bei Kelsterbach über die A 3 führte. Von dort aus waren es nur noch einige hundert Meter bis zu meinem jetzigen Rastplatz gewesen.
Ich machte ein paar unentschlossene Schritte in das Gebüsch mit den Strommasten und stand vor einem Schild: „Hier beginnt der Vita Parcours. Er wurde im Rahmen des Vita-Gesundheitsdienstes für Sie gebaut. Sichern Sie sich durch regelmäßiges Training auf dem Vita Parcours eine gute Gesundheit. Beachten Sie dabei auch die Hinweise Ihres Arztes.“ Neugierig geworden, wanderte ich langsam durch die menschenleere Anlage – Pfähle für Bocksprünge, Balancierbalken, Gerüste für Klimmzüge und Holzbauten, deren Funktion ich nicht einmal erraten konnte. Je länger ich in dem Gebüsch herumstreifte, desto unübersichtlicher und labyrinthartiger erschien es mir. Immer neue Geräte, die mich an grob gezimmerte Galgen oder mittelalterliche Foltergerüste erinnerten, tauchten entlang der staubigen engen Wege auf. Die niedrigen Bäume kamen mir unnatürlich verkrüppelt vor, und die Geräte wie aus ihnen direkt herausgewachsen. Die ganze Zeit über sah ich niemanden, aber merkwürdigerweise parkten zwei Autos halb von Zweigen verdeckt, als habe sie jemand dort ungeschickt verstecken wollen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, in eine Falle geraten zu sein. Etwas hatte mich in das Gebüsch gelockt und in die Irre geführt. Mir fiel ein, dass ich durch den Lärm der Autos und startenden Flugzeuge taub war für alle anderen Geräusche. Ich erinnerte mich an meinen Rucksack, den ich außer Sichtweite zurückgelassen hatte, und rannte los; natürlich fand ich ihn nach ein paar Wegbiegungen unberührt wieder.
Da die Sonne stechend geworden war, setzte ich die rote Gewerkschaftsmütze auf, die ich gestern Abend als letztes eingepackt hatte, und sagte mir, ich müsse unbedingt daran denken, sie abzunehmen, wenn ich jemandem begegnete. Es war die einzige Schirmmütze, die ich besaß; ich hatte sie von einer netten Funktionärin gratis bekommen und noch nie getragen. Inzwischen gab es die Gewerkschaft, für welche die Mütze warb, nicht einmal mehr.
Dann ging ich langsam und noch etwas unsicher, wie soeben aus einem unguten Traum erwacht, den langen geraden Weg hinunter, der sich neben der Bahntrasse hinzog. Über dem grauen Splitt flimmerte die Hitze, und die Schnaken drehten sich in kleinen trichterförmigen Wirbeln. Von der Autobahn jenseits der Gleise zog der anhaltende, verwehte Ton einer Hupe herüber, und ich sah einen schwarzen schnellen Sportwagen diagonal über alle vier Fahrspuren wechseln, bevor er zwischen zwei Lastwagen verschwand.

(c) Jürgen Hosemann


Schelmuffsky verreist

25.07.2007 sm

Gerade jetzt, wo alles so schön geworden ist, fahre ich in Urlaub. Schelmuffsky macht Pause. Nördlich von Martin Heidegger und Arnold Stadler und an der Donau. “Der Tebel hohl mer”, wenn ich nicht die Wahrheit spreche. In meiner Buchliste Reiseliteratur findet Ihr meine Lieblingsbücher zum Thema, z. B. “Die Autonauten auf der Kosmobahn”, ein wahrlich tragikomischer Text. Oder “Säntlimäntls Reise” von Thomas C. Breuer, eine Reise in einer BMW-Isetta von Filmfestival zu Filmfestival und selbst ein grandioser Roadmovie.
Nach meiner Rückkehr kann ich hoffentlich wie mein Vorfahr von Großmoguln und anderen Hightlights berichten.

Bis bald

Schelmuffsky


Über das Reisen 2

19.07.2007 sm

„Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. Überfeine Leute mögen ihre Glossen darüber machen, nach Belieben; es ist mir ziemlich gleichgültig. Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. Man kann fast überall bloß deswegen nicht recht auf die Beine kommen und auf den Beinen bleiben, weil man zuviel fährt. Wer zuviel in dem Wagen sitzt, mit dem kann es nicht ordentlich gehen.“

Der dies schrieb (in “Mein Sommer”), meinte mit dem Wagen keineswegs das Auto, sondern die Pferdekutsche. Es ist Johann Gottfried Seume, neben Robert Walser wahrscheinlich der größte Spaziergänger der deutschsprachigen Literatur. Die oben zitierte Passage findet ihren Widerhall in einer „Kindergeschichte“ von Günther Anders, die dieser seiner Kritik an Rundfunk und Fernsehen voranstellt:

„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. „Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen”, waren seine Worte. „Nun darfst du es nicht mehr“, war deren Sinn. „Nun kannst du es nicht mehr“, deren Wirkung.“
(Günther Anders – Die Welt als Phantom und Matrize, in: Die Antiquiertheit des Menschen Bd. 1)

Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ führte mehrere Tausend Kilometer bis nach Sizilien und dann bis nach Paris und wurde innerhalb weniger Monate absolviert. Das Buch ist in jeder Beziehung ein Kontrastprogramm zu Ach Du meine Goethes „Italiänische Reise“. Geht es Goethe – oder sollte man besser sagen: erfährt (sich) Goethe mir der Kutsche die italienische Landschaft als ein Bildungserlebnis, so rückt dem Spaziergänger Seume das soziale Elend des Landes, in dem nicht nur die Zitronen blühen, bedrückend auf die Pelle, und er kann sich keinen Illusionen hingeben. Seume gibt in seinem Bericht ein geradezu naturalistisches Abbild der sozialen Verhältnisse und analysiert mit sozilogischem Blick den allgemeinen Verfall, der für ihn ein Resultat von Napoleons Pakt mit einer äußerst korrupten katholischen Kirche ist. Sein Spaziergang enthält aber auch grandiose Naturbeschreibungen, z. B. jene, in der er den Aufstieg auf den Ätna schildert. Ein sehr empfehlenswerter Reisebericht.

wahrscheinlich der größte Spaziergänger der deutschsprachigen Literatur. Die oben zitierte Passage findet ihren Widerhall in einer „Kindergeschichte“ von Günther Anders, die dieser seiner Kritik an Rundfunk und Fernsehen voranstellt:

„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. „Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen”, waren seine Worte. „Nun darfst du es nicht mehr“, war deren Sinn. „Nun kannst du es nicht mehr“, deren Wirkung.“
(Günther Anders – Die Welt als Phantom und Matrize, in: Die Antiquiertheit des Menschen Bd. 1)

Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ führte mehrere Tausend Kilometer bis nach Sizilien und dann bis nach Paris und wurde innerhalb weniger Monate absolviert. Das Buch ist in jeder Beziehung ein Kontrastprogramm zu Ach Du meine Goethes „Italiänische Reise“. Geht es Goethe – oder sollte man besser sagen: erfährt (sich) Goethe mir der Kutsche die italienische Landschaft als ein Bildungserlebnis, so rückt dem Spaziergänger Seume das soziale Elend des Landes, in dem nicht nur die Zitronen blühen, bedrückend auf die Pelle, und er kann sich keinen Illusionen hingeben. Seume gibt in seinem Bericht ein geradezu naturalistisches Abbild der sozialen Verhältnisse und analysiert mit sozilogischem Blick den allgemeinen Verfall, der für ihn ein Resultat von Napoleons Pakt mit einer äußerst korrupten katholischen Kirche ist. Sein Spaziergang enthält aber auch grandiose Naturbeschreibungen, z. B. jene, in der er den Aufstieg auf den Ätna schildert. Ein sehr empfehlenswerter Reisebericht.


Über das Reisen

16.07.2007 sm

Wenn einer Reise tut, so hat er viel zu erzählen. Lange Zeit konnten die Leute aber erst von ihrer Reise erzählen, wenn ihre Fotos entwickelt waren. Böse Zungen behaupten, dies sei der eigentliche Grund für die Einführung der Digitalfotografie gewesen, nämlich dass die Leute schon im Urlaub wissen, wo sie sind, indem sie sofort oder an den Abenden während des Urlaubs die Gegenden anschauen können, die sie zwar nicht erfahren, aber doch wenigstens fotografiert haben.

Hierzu passt einer der kürzesten Reiseberichte der Literatur, er stammt von Gerhard Polt:

„Die Weltreise

Wir haben heuer mal eine Weltreise gemacht. Aber ich sag’s Ihnen gleich, wie es ist: Da fahren wir nimmer hin:“ (in: Circus Maximus. Das Gesammelte Werk)

Auch mein Urahn Schelmuffsky hat ja schon in der Barockzeit verschiedene Weltregionen bereist, doch davon vielleicht in den nächsten Tagen mehr. Mein Gesprächssparringspartner Sigurd Martin berichtete mir neulich, er habe jetzt eine Woche Wohnzimmer und dann eine Woche Bibliothek gebucht. Auf die Frage, wie das zu verstehen sei, verwies er mich auf das Buch „Zwei Reisen um mein Zimmer“ von Xavier de Maistre. Die erste Zimmer-Reise von de Maistre dauerte immerhin 42 Tage, wohingegen eine Woche natürlich ein Klacks ist, aber in den heutigen erlebnishungrigen Zeiten wäre eine sechswöchige Reise durch das Wohnzimmer wahrscheinlich nur von Menschen zu packen, die vollkommen in sich ruhen. Das gibt es heute praktisch nicht mehr, weswegen dann auch alle sofort mindestens den Jakobsweg pilgern müssen.

De Maistre meditiert während seiner Zimmer-Reise über so tief greifende Themen wie die Aufteilung des Ich in die Seele und das Tier. Während sich die Seele ästhetischen Betrachtungen hingeben könne, verrichte das Tier gleichzeitig für das Ich die praktischen Dienste, bringe die Seele von A nach B undsofort. Es sei allerdings gefährlich, das Tier unbeaufsichtigt alles erledigen zu lassen, könne es doch passieren, dass man eigentlich zum König wolle, das Tier einen aber bei einer Frau abliefere (Schelmuffsky meint: es gibt eindeutig Schlimmeres).

Wie experimentell de Maistre, der Bruder im Geiste von Lawrence Sterne, bereits im 18. Jahrhundert war, zeigt folgender Absatz:

„12. Kapitel
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………….…………der Hügel……………………….
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……………………………………………………….….“

De Maistre darf als eigentlicher Erfinder des umweltverträglichen Reisens gelten (seine Reisekutsche ist ein Schaukelstuhl).