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Nonsinn ist wieder da: Eine erste Zusammenkunft von IFALUG – Institut für angewandte Lebensfreude und Gebrauchszynismus (Schelmuffsky, Dr. Rainer Mumpitz, Carlo Pesetas, Dr. Sigurd Martin)

25.09.2013 sm

Schelmuffsky: Wenn ich das richtig sehe, versammeln wir uns heute zum ersten Mal seit beinahe zwei Jahren. Zunächst einmal herzlich willkommen. Es ist toll, dass das gesamte Institut sich nach so langer Zeit wieder gefunden hat.
Dr. Rainer Mumpitz: Jau, ey! Und ich hoffe natürlich, dass wir gleich zur Sache kommen, also z. B. …
Schelmuffsky: Nicht so schnell. Oder doch: Ein dreifach Hoch auf die Fünfprozenthürde, die segensreiche. Das hatte ja zum Schluss doch etwas leicht Widerwärtiges, wie dieser Politgreis, wie hieß er doch gleich?, beim FDP-Parteitag nur noch die reine Inhaltsleere rausrülpste und dann auch noch anfing, um Zweitstimmen zu betteln.
Dr. Rainer Mumpitz: Es gab ja noch so viele andere segensreiche Ereignisse. Wir waren Papst zum Beispiel. Wer hätte damals gedacht (Sie erinnern sich an unser legendäres Interview mit Gott!!, übrigens später von der „Zeit“ sehr schlecht abgekupfert), dass auch der Papst zurücktreten könnte. Bravo.
Schelmuffsky: Womit wollen wir uns eigentlich in nächster Zeit beschäftigen, wenn die FDP, der Guido, der Papst und noch so viele andere weg vom Fenster sind.
Dr. Rainer Mumpitz: Uns wird schon was einfallen. Es gibt ja auch ständig was zu beobachten. Haben Sie z. B. schon die neue C&A-Werbung zur Kenntnis genommen? Wo die Männer den Frauen am Bauch hängen und nur noch als Ballast hinterhergeschleift werden, während die Frauen telefonieren, sich gegenseitig kurz zunicken, die Preisschilder immer auf den Plakaten im Hintergrund. Und wie dämlich die Männer darob lächeln, dass sie endlich abserviert, wenngleich aber noch nicht ganz abgeschüttelt sind.
Schelmuffsky: Genau. Warum schweigen Sie eigentlich die ganze Zeit, Herr Dr. Martin? Langweilen wir Sie?
Dr. Martin: Nein überhaupt nicht. Ich freue mich ungemein, um nicht zu sagen: ganz besonders, dass wir wieder zusammen sind.
Schelmuffsky: Und? Gibt’s was Neues?
Dr. Martin: Ich gebe mal einen Aphorismus Marke Eigenbau zum Besten, der mich in den letzten zwei Jahren u. a. beschäftigt hat. Tatataaaaa und Tusch: „Wie sehr einem Nichts fehlt, merkt man erst, wenn man was hat.“
Schelmuffsky: Das klingt zunächst mal irgendwie oder auch interessant. Darauf kommen wir bestimmt noch öfter zurück.
Dr. Martin: Das will ich aber doch sehr hoffen. Ich bin, aber davon später, bis ins hinterste Tibet gereist, aber es hat sich gelohnt. Also: Ein so reines Nichts gibt’s hier in Europa gar nicht, ja, wahrscheinlich nirgends auf der Welt als a.a.O. Ich bin jetzt der Exklusivimporteur. Demnächst hier im Shop.
Dr. Rainer Mumpitz: Vielleicht darf ich mal ein wenig Nichts analysieren. Das könnte der Stoff sein, aus dem die Träume sind.
Schelmuffsky: Das ist doch für heute ein Schlusswort. Und jetzt den Sekt entkorkt und noch einmal ein dreifach Hoch auf das Ende der FDP.
Dr. Martin: Oder auch: Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Haben Sie’s gesehen? Na sehen Sie.


Schelmuffsky spricht mit Gott

05.08.2010 sm

Schelmuffsky: Guten Tag. Es ist mir peinlich, aber ich habe weder bei Knigge noch sonst wo einen Hinweis gefunden, wie man Sie angemessen anspricht.

Gott: Nur keine Umstände. Sagen Sie einfach Gott und „Sie“.

Schelmuffsky: Gut Gott. Ich freue mich sehr, dass Sie ausgerechnet mich für ein letztes Gespräch ausgesucht haben.

Gott: Ich hatte natürlich ein sehr lukratives Angebot von der „Vier-Buchstaben-Zeitung“, aber was glauben die eigentlich: Dass ich auf Geld scharf wäre? So sehr Mensch bin ich dann doch nie geworden. Außerdem werde ich einem Blatt, das dauernd gegen meine Gebote verstößt, allen voran gegen das das achte, einem Blatt, das zudem 2. Mose 20.4 schon im Titel negiert, also so einem Organ werde ich fernbleiben. Sollen andere Prominente es beliefern, ich nicht. Außerdem wollte ich ja möglichst wenig Aufhebens um meinen Rückzug aus der Öffentlichkeit machen. Und da nonsinn.de ja so gut wie keine Leser hat, schien mir dies der geeignete Ort für einen letzten Auftritt.

Schelmuffsky: Sie sind zurückgetreten. Da kommt natürlich sofort der Verdacht auf, dass Sie amtsmüde sind.

Gott: Ach, überdrüssig bin ich schon ein paar Tausend Jahre. Ich wollte mir ja eigentlich eine Freude bereiten mit der Schöpfung, so ähnlich wie ein Kind, das spielt. Was dabei rausgekommen ist, wissen Sie.

Schelmuffsky: Bereuen Sie also Ihre Schöpfung?

Gott: Nur der Papst ist unfehlbar und braucht ergo nichts zu bereuen. Bei mir ist das anders. Dass ich den sechsten Tag der Schöpfung bereue, steht ja schon in der Bibel (1. Mose 6,6).

Schelmuffsky: Sonst noch was?

Gott: Viel. Die Sintflut bzw. dass ich da meinte, jemand überleben lassen zu müssen. Am meisten vielleicht diese komische Wette mit dem Teufel. Der Teufel ist ja verglichen mit vielen Menschen ein ziemlich armseliges Würstchen. Dass ich ausgerechnet wegen einer Wette mit ihm einen der wenigen Aufrechten versucht und ruiniert habe – ich meine Noah –, werde ich mir nie verzeihen. Dann das eine oder andere der im Neuen Testament beschriebenen Wunder, das waren ja nur – heute würde man sagen: Marketingmaßnahmen. Schließlich, das haben Sie oder Herr Martin gesprächsweise auch schon ab und an als fragwürdig bezeichnet Matthäus 8, 22: “Lasset die Toten die Toten begraben.” Wenn die Menschheit sich in etwas bemerkenswert von den meisten Tieren unterscheidet, dann in den früher gültigen Begräbniskulten (heute ist ja auch das eine Frage des Geldes). Dass ich das einfach negiert habe, ist natürlich heikel.

Schelmuffsky: Von Marie von Ebner-Eschenbach stammt der Aphorismus: „Es würde sehr wenig Böses auf Erden getan werden, wenn das Böse niemals im Namen des Guten getan werden könnte.“ Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber könnte hier nicht genauso gut „im Namen Gottes“ stehen?

Gott: Doch, unbedingt. Ich habe das ja schon in der Rücktrittserklärung gesagt. Das größte Ärgernis für mich ist, wer sich heutzutage, aber auch schon früher, auf mich beruft, vermeintlich in meinem Namen handelt. Damit es diese Rechtfertigung ein für alle mal nicht mehr gibt, das war für mich ein wichtiger Beweggrund, der Erde den Rücken zu kehren.

Schelmuffsky: Was wollen Sie jetzt tun?

Gott: Ehrlich gesagt: Ich weiß es noch nicht. Vielleicht erst einmal ein paar Tausend Jahre ruhen und meditieren. Die Menschheit ist auch für Gott anstrengend.

Schelmuffsky: Gibt es auch etwas, das Sie vermissen werden?

Gott: Ich habe ja alle schönen Dinge in mir aufgenommen, die Musik von Bach z. B., insofern brauche ich nichts missen.

Schelmuffsky: Was wird aus dem Erlösungsversprechen und einigen anderen Ankündigungen, die die Zukunft betreffen?

Gott: Keine Ahnung. Momentan hat mich eine große Gleichgültigkeit erfasst. Die Menschheit soll jetzt erst einmal sich und die Schöpfung ruinieren, und dann sehen wir weiter.

Schelmuffsky: Das klingt pessimistisch.

Gott: Haben Sie auch nur die geringste Hoffnung, dass die Menschheit irgendwann nicht eigennützig, sondern vernünftig handeln könnte?

Schelmuffsky: Zugegeben, nein.

Gott: Also! Dieser verbreitete Zweckoptimismus hat die Misere ja zum größten Teil mitverursacht.

Schelmuffsky: Was raten Sie denen, die ehrlich an Sie geglaubt und in Ihrem Sinne gehandelt haben?

Gott: So sehr viele sind das ja nicht. Aber wenn Sie wirklich in meinem Sinne handeln, dann tun sie es ja ohne Hintergedanken und auch ohne Hoffnung, und dann ändert sich für sie nicht viel.

Schelmuffsky: Werden Sie eine Autobiographie schreiben?

Gott: Es gab da ja schon einmal eine vermeintliche Autobiographie, geschrieben von einem gewissen Franco Ferrucci. Aber zurück zu Ihrer Frage: Definitiv nein, das habe ich nicht vor.

Schelmuffsky: Sind Sie dann „mal weg“ oder für immer?

Gott: Das weiß ich noch nicht.

Schelmuffsky: Gott, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Anmerkung: Es wurde hier nur ein winziger Auszug eines sehr umfangreichen Gesprächs veröffentlicht. Nonsinn.de behält sich vor, demnächst weitere Ausschnitte zu publizieren.


++ Eilmeldung: Gott erklärt seinen Rücktritt ++

26.07.2010 sm

Völlig unerwartet erklärte Gott um 21 Uhr 24 MEZ seinen Rücktritt von allen Ämtern: Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist, Allah u. a. Die Rücktrittserklärung wurde von Engeln an die CEO aller Weltreligionen und an Schelmuffsky überbracht. Alle Benachrichtigten halten die Botschaft auf Grund der Übermittlungsart für authentisch.

In der Rücktrittserklärung heißt es:

„Hiermit erkläre ich meinen Rücktritt von allen Ämtern, mit sofortiger Wirkung.

Nach reichlicher, mehrhundertjähriger Überlegung habe ich den Entschluss gefasst, mich fürderhin nicht mehr mit meiner Schöpfung auf der Erde zu beschäftigen. Längst hat mich eine große Langeweile überkommen. In der festen Überzeugung, dass die Menschheit in absehbarer Zeit die Erde ruinieren und alles Leben unmöglich machen wird, will ich mich an einen möglichst entfernten Ort des Universums zurückziehen, um nicht das Trauerspiel der letzten Tage mit anschauen zu müssen. Insbesondere bin ich es leid zu hören, wer alles vermeintlich an mich glaubt und doch nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Ich werde in den nächsten Jahrtausenden darüber nachdenken, ob ich noch einmal einen neuen Schöpfungsversuch unternehme.
Gezeichnet
Gott“

Der Engel, der Schelmuffsky die Botschaft überbrachte, setzte ihn davon in Kenntnis, dass Gott ausgerechnet mit ihm in den nächsten Tagen ein Exklusivinterview führen werde, um danach endgültig zu verschwinden. Wir halten unsere Leser auf dem Laufenden.

Hier die ersten Reaktionen:

Angela M.:
„Ich bedauere diesen Schritt sehr. Mit Gott verliere ich nicht nur meinen dienstältesten Amtskollegen, sondern auch einen guten Freund und Berater. Ich wünsche ihm für die Zukunft alles Gute.
In den nächsten Tagen werde ich mit dem Parteivorstand zusammentreten, um über die Konsequenzen für die Union zu beraten.“

Papst B.:
„Es war absehbar, dass Gott sich das gottlose, unzüchtige Treiben der Menschheit, selbst in unseren Reihen, nicht ewig würde ansehen. Als Stellvertreter Gottes auf Erden übernehme ich zunächst kommissarisch die Amtsgeschäfte. In den nächsten Wochen sind Treffen mit den Vorstandsvorsitzenden aller Weltreligionen geplant, um über die Nachfolge zu diskutieren.“


Fortsetzung des Gesprächs

27.04.2010 sm

Dr. Martin: Jetzt sind doch wieder ein paar Tage mehr ins Land gegangen seit unserem Gespräch. Was sagen Sie eigentlich zum Rücktrittsangebot von Mixa?

Schelmuffsky: Hat der Papst das eigentlich schon angenommen? Das ist ja das Interessanteste an diesem Ratz.. eh, Papst Benekdikt, dass er auch noch bei den größten (Schw…-) Priestern (Mixa hat ja neben den paar „Watschen“, wie man dieser Tage in der Presse lesen konnte, noch viel mehr Dreck am Stecken) gehörig ins Grübeln kommt. Ich denke hier auch an das Rumgeeiere in Sachen Exkommunikation vor und zurück von einem wie Bischof Richard Williamson. Auf der anderen Seite war und ist Benedikt nie zimperlich gewesen, wenn es darum ging, einem Mitglied der Befreiungskirche in Lateinamerika an den Karren zu fahren oder einen katholischen Priester zu exkommunizieren, weil er mit einem evangelischen Pfarrer gemeinsam ein Abendmahl ausrichtete.

Dr. Martin: Bevor Sie sich zu sehr echauffieren, kehren wir lieber zurück zu unserem letzten Thema: Hoffnung. Ich fange an. „Festianus Märtyrer“ von Günter Eich. Das passt eigentlich ziemlich gut. Worum geht es? Festianus ist im Himmel angekommen und bereits heilig gesprochen. Wie er meint, eher aus Zufall. Nur weil er aus einer Laune heraus im Zirkus landete und von Löwen gefressen wurde, hält er die Heiligsprechung nicht für gerechtfertigt (Wie wohl Benedikt, mit seinem verantwortungslosen Gerede über Verhütung und Enthaltsamkeit mitverantwortlich für die Ausbreitung von AIDS und anderem in Afrika, auf seine Heiligsprechung reagieren würde?) Schlimmer noch: Er vermisst im Himmel seine Freunde, die alle in der Hölle gelandet sind. Günter Eich prangert an anderer Stelle die Mitleidlosigkeit von Noah an und setzte sich eingehend mit dem anstößigsten Text der Bibel (Hiob) auseinander. Festianus und Eich geht es darum, dass ein Himmel für Ausgewählte kein Himmel sein kann. Deswegen geht Festianus in hinab in die Hölle und auf die Suche nach Freunden. Nach einem Disput mit dem Teufel entscheidet er sich zum Bleiben. Die Schlusssequenz lautet:
Festianus: Das Paradies ist nicht mehr endgültig.
Belial: Still! Auch bei uns werden keine Zweifel am Paradiese geduldet. Das verbietet die gegenseitige Abhängigkeit.
Festianus: Und wenn das Paradies nicht endgültig ist –
Belial: Halt ein!
Festianus: – so ist es auch die Hölle nicht.
Belial böse: Für dich endgültig, Festianus. Wir werden dafür sorgen, dasß dir keine Zweifel kommen.
Festianus: Du hast verspielt.
Belial während der Lärm der Hölle wieder beginnt: Laß alle Hoffnung fahren!
Festianus: Sie fährt, Belial. Ein Boot, das uns alle aufnimmt. Schon mühsamer: Auch dich.

Schelmuffsky: Die Zeile „Laß alle Hoffnung fahren“ kenne ich doch irgendwoher.
Dr. Martin: Sie stammt aus Dantes „Göttlicher Komödie“: “Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!” – Die Göttliche Komödie, Inferno III, 9 (Original ital.: “Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!”)
Hoffnung, speranza, Esperanza. Im Deutschen – und auch im Englischen – gefällt mir der Anklang von „offen“: Hoffnung hat ja etwas mit einer offenen Zukunft zu tun. So lange man hofft, scheint vieles möglich, und sobald die Hoffnung entfällt, schließt sich eine Situation. Die in die Hölle Eintretenden sollen gewiss sein: jetzt gibt es keine offene Zukunft mehr. Dagegen aber opponieren Festianus und Eich. Bloch wollte die Hoffnung zum Prinzip erheben und erntete dafür Kritik von Adorno, ob zu Recht, darüber will ich jetzt nicht spekulieren.
Wir könnten noch kurz über den Unterschied von Hoffnung und Erwartung sprechen.

Schelmuffsky: Nur zu.

Dr. Martin: Die Erwartung war für mich immer objektbezogener. Man erwartet etwas. Man kann zwar auch sagen: Ich hoffe auf etwas. Aber dennoch scheint mir der Zustand der Hoffnung weiter, offener.

Schelmuffsky: „Sie fährt, Belial. Ein Boot, das uns alle aufnimmt.“ Das ist doch eigentlich eine ganz gute Überleitung zu Fred von Hoerschelmanns Hörspiel „Das Schiff Esperanza“.
Dr. Martin: Also ich weiß ja nicht. Das Hörspiel fand ich immer etwas holzschnittartig. Kann gut sein, dass bei Eich ein Anklang mitschwingt (sein Hörspiel ging fünf Jahre später auf Sendung). Allerdings ist ihm der Zynismus, der in Hoerschelmanns Hörspiel der Hoffnung unterlegt wird, ziemlich fremd. Ihm geht es ja auch um grundsätzlichere Fragestellungen.

Schelmuffsky: Na gut, Themenwechsel. Was lesen und hören Sie denn so zurzeit. Irgendwelche Empfehlungen?

Dr. Martin: Ich lese ziemlich wahllos in früher einmal gelesenen Büchern rum. Gerade in Thomas Strittmatters grandiosem Provinzroman „Raabe Baikal“, für mich neben „Lilar“ von Roderich Feldes und „Mein Hund, meine Sau, mein Leben“ von Arnold Stadler ein wirklich großartiger Text über das Leben abseits der großen Städte. Grandios witzig ist er auch. Also wenn Sie mal wieder was zum Lachen und Weinen haben wollen, ergeht hier ein Lesebefehl.

Schelmuffsky: Und hören?
Dr. Martin: Auch viel altes Zeug. Gerade habe ich so eine Pink Floyd-Phase, diese Platten aus der Roger Waters-Zeit: „Dark Side of the Moon“, „Wish You Were Here“, „Atomheart Mother“ usw., samt und sonders völlig inkompatibel mit iTunes. Daneben Zappa, Georges Brassens (deren Texte ich gleichmaßen schätze). Das reicht vielleicht für heute.

Schelmuffsky: Ja. Gute Nacht.

Dr. Martin: Zum Schluss vielleicht noch eine Szene aus „Raabe Baikal“, die an ein anderes Lieblingsbuch von mir erinnert („The Poor Mouth“ von Flann O’Brien):

Der Junge Fieber, den Raabe im Internat kennenlernt, fängt angesichts der Schweinswürste auf dem Mittagstisch an zu phantasieren:
„Auf dem Hof haben sie große Säue, so sprach es aus ihm, die fressen alles und viel, auch ihre Jungen; wenn wir nicht aufpassen, beißen sie sich und fressen sich gegenseitig. Sie sind dumm und halten nicht rein. Überall scheißen sie hin und suhlen sich in ihrem Kot. Aber sie haben auch die kleinen Schweine, die sind zwar wählerisch beim Fressen, dafür stinken sie nicht, sie koten nur in die Ecke und wälzen sich nicht im Kot, sie beißen sich nicht, sind klug und hören zu, wenn man mit ihnen spricht. Wenn man an ihren Stall herantritt, dann stellen sie sich auf zwei Beine wie ein Mensch und richten sich auf und schauen dich an und stellen die Ohren und hören dir zu.
Die Kannibalen in Neuguinea, sagte Fieber weiter, dürfen heutzutage nur noch Schweine essen. Das Wort für Schwein hieß eben Schein, das Wort für Mensch hieß nicht Mensch, sondern Langschwein.
So ist das, die kleinen Schweine, wenn du sie in einen Anzug steckst, könnten als Mensch gelten. (genau das passiert in „The Poor Mouth“, S. M.)
Im Winter sei es so kalt gewesen, daß der Bauer das kranke Ferkel zu seiner Frau, einer Wöchnerin, ins Bett gelegt habe, damit es schön warmliege und bald gesund werde. Da kann die Nachbarin die Bäuerin besuchen und Wein bringen, sah das Ferkel neben der Wöchnerin und sagte Eieiei, der Kleine, wie aus dem Gesicht geschnitten, ganz der Vater.“

Wie sind wir bloß vom Anfang des Gesprächs hierher geraten?


Schelmuffsky und Dr. Sigurd Martin im Gespräch über dies und das

19.04.2010 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, Sie hatten im Vorfeld gesagt: Diesmal kein Interview, sondern ausnahmsweise mal ein richtiges Gespräch. Wie meinten Sie das?

Dr. Martin: Über Günther Anders haben wir ja schon das eine oder andere Mal gesprochen. Er hat sinngemäß einmal gesagt, dass das Interview der Tod des Gesprächs sei, und daran glaube ich auch. Von Günther Anders gibt es auch eine Kindergeschichte, die ich immer wieder gerne zitiere, und die vielleicht illustriert, worauf ich heute hinaus will:

„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. ‘Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen’, waren seine Worte. ‘Nun darfst du es nicht mehr,’ war deren Sinn. ‘Nun kannst du es nicht mehr’, deren Wirkung.“

Schelmuffsky: Ehrlich gesagt: Ich verstehe nur Bahnhof.

Dr. Martin: Also, heutzutage werden die Kinder ja ständig mit dem Auto rumkutschiert. Das lasse ich jetzt mal beiseite. Ich würde mich gerne heute mal ein wenig querfeldein herumtreiben, wenn’s recht ist.

Schelmuffsky: Gut ich mache mal einen Versuch. Heute vor fünf Jahren stieg in Rom weißer Rauch auf und es hieß – mein Latein ist zugegebenermaßen etwas eingerostet: Habemus Popanz.

Dr. Martin: Das ist jetzt nicht ihr Ernst! Also wir können über alles sprechen, über den Papst – es muss übrigens „papam“ heißen – spreche ich nicht, zumindest einstweilen nicht.

Schelmuffsky: Dann vielleicht lieber über den Mixa?

Dr. Martin: Schon eher. Der sagte ja dieser Tage: „Die eine oder andere Watsch’n kann ich nicht ausschließen. (…) Das war damals vollkommen normal.“ Also, das kann ich für meine Kindheit unbedingt bestätigen. Das liegt zwar noch länger zurück. Aber sanfte Heranführung an die christliche Nächstenliebe, das hat unser damaliger katholischer Pfarrer auch beherrscht. Später sprach man gerne von ihm als einem Original, und stimmt: Es gibt die eine oder andere witzige Anekdote von ihm zu berichten. Besonders originell war er allerdings auch darin, einem beizeiten beizubringen, die andere Wange auch noch hinzuhalten, also alles irgendwie eine geniale Mischung aus Altem und Neuem Testament.

Schelmuffsky: Können Sie das konkretisieren?

Dr. Martin: Ich erinnere, dass er mich in der – war es die erste Klasse der Volksschule? (so hieß das damals noch) ansprach, ob ich ihm nicht bis zur nächsten Stunde einen Rohrstock besorgen könne. Ich habe mich dann auch sehr, aber doch vergeblich bemüht, einen Stock zu besorgen. Irgendwie hat er auch ohne mich einen bekommen. Eine Spezialität waren die Kopfnüsse oder auch, dass er sich ab und an von hinten anschlich, die Backe (oder auch ein Ohr) zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und diese (s) dann so lange verdrehte, bis man die Englein gut singen hören konnte. Respekt. Das hat er damals auch ohne Ipod oder sonstiges Gerät super hingekriegt.

Schelmuffsky: Das ist ja nun zum Glück lange Geschichte.

Dr. Martin: Allerdings. So was macht heutzutage bestimmt niemand mehr. Mir fiel das ein, als ich jetzt den Mixa sprechen hörte. Diese Katholiken haben ja doch a. eine tolle Technik, alles zu verdrängen und b. das Verdrängte, wenn es dann doch rauskommt, schönzureden. Also da könnte selbst der Guido Westerwelle manchmal noch was lernen. Obwohl: Wenn ich’s recht bedenke. Der braucht da eigentlich nichts mehr dazuzulernen.

Schemuffsky: Querfeldein herumtreiben hatten Sie gesagt. Worüber wollen wir sprechen?

Dr. Martin: Es ist Frühling. Also, ich würde sagen. Sprechen wir mal über Vögel. Heute Mittag ging ich wieder in Frankfurt am Main spazieren. Da gibt es eine Gans, die hat ihre Eier Mitte Januar ausgebrütet. Das fand ich eine ziemliche abstruse Laune der Natur. Aber jetzt, wo die anderen Gänseküken kommen, sind die Januar-Küken schon fast erwachsen und werden bestimmt demnächst flügge. Die Gänsemutter kann jetzt den Frühling genießen. Das fand ich in den letzten Wochen spannend zu beobachten.
< Oder heute auf dem Heimweg: Da hörte ich zwei Vögel, gegensätzlicher geht es nicht. Die erste Nachtigall in diesem Jahr und den ersten Fasanenhahn. Während der Fasan nicht viel mehr zu Stande bringt als ein ziemlich schepperndes „Krööök“, ist der Gesang der Nachtigall, die ungleich unscheinbarer ist, für mich ungefähr das, was Bach unter den Komponisten, nämlich ziemlich großartig, was heißt ziemlich, nein: großartig. Schelmuffsky: Und die Nachtigall singt auch tagsüber?

Dr. Martin: Ja. Aber komischerweise ist die Wirkung nachts ungleich frappierender. Da singt so ein Vogel in hundert Meter Entfernung, und man denkt, er sitzt direkt neben dem Fenster.
Apropos Nacht: Der Himmel ist ja dieser Tage sehr speziell. Tagsüber fragt man sich schon: Wo sind denn all die Kondensstreifen geblieben. Aber der Nachthimmel: Ich bin dieser Nächte richtig ins Schwärmen geraten.

Schelmuffsky: Wiewohl einige sagen: Erst haben uns die Isländer bei der Bankenkrise reingeritten, und jetzt lassen sie auch noch einen Vulkan ausbrechen. Ich bin sicher, demnächst werden Stimmen laut, die Schadensersatz fordern.
Dr. Martin: Von mir aus kann der Eyjafjallajökull – toller Name, oder? – ruhig wie beim letzten Ausbruch noch ein paar Monate Asche spucken. Wenn ich an den Nachthimmel am Samstag denke: Das war phantastisch.

Schelmuffsky: Warum?

Dr. Martin: Zum einen: keine Blinklichter überall, sondern nur Naturhimmelskörper. Und dann eine sehr spezielle Mondsichel. Das kommt manchmal auch bei einer Mondfinsternis vor, dass der Mond selbst schwarz ist (der Mann im Mond ist verschwunden), aber eben doch nicht ganz, sondern fast wie eine nach innen strahlende Aura aussieht. So war das am Samstag. Da musste ich wieder über meine Arbeiten über Sprache und Bedeutungsauren nachdenken. Der späte Wittgenstein meint ja so ungefähr: Das Wort selbst habe gar keine Substanz im Sinne einer festen Bedeutung, sondern das Wort nehme die jeweilige Bedeutung in der jeweiligen Verwendung an, also im Sprachgebrauch.

Schelmuffsky: Wieder Bahnhof.

Dr. Martin: Das Wort ist nur eine leere Hülle, die ihre Füllung im Gebrauch bekommt. Und das ist dann die schillernde Aura. Daran dachte ich am Samstag.
Aber sprechen wir noch ein wenig von Vögeln. Gestern sind wir mit den Fahrrädern zu den Störchen hier in der Nähe gefahren. Ich finde das sehr schön, dass es hier Störche gibt. Und wie der Bischoff Mixa haben mich auch die Störche an was erinnert.

Schelmuffsky: Woran?

Dr. Martin: Ich muss mich erst noch ein wenig im Gelände rumtreiben. Neulich las ich Siri Hustvedt „Die zitternde Frau“, ein sehr lesenswertes Buch. Darin kommt sie auf ein Buch des Künstlers Jo Brainard mit dem Titel „I Remember“ zu sprechen, das aus Episoden bestehe, die alle mit dem Eintrag „Ich erinnere mich“ beginnen. Da dachte ich an eine Aussage der Übersetzerin Swetlana Geier (im Film „Die Frau mit den fünf Elefanten“) über die Problematik zu übersetzen. Sie illustriert das mit dem Fehlen von Akkusativobjekten im Russischen. Im Russischen könne man nicht sagen: Ich habe eine Tasse. Sondern: Die Tasse ist bei mir. Ich stehe unter dem Einfluss der Tasse. So ungefähr. „I remember“ mit „Ich erinnere mich“ zu übersetzen ist natürlich heikel, denn eigentlich müsste man ja übersetzen: Ich erinnere das und das… Das geht ja im Deutschen auch. Aber besser ist natürlich noch: Ich werde erinnert.

Schelmuffsky: Worauf wollen Sie hinaus?

Dr. Martin: Auch wenn Siri Hustvedt recht hat, dass alleine das Hinschreiben von „Ich erinnere“ (das „mich“ würde ich weglassen) schon Erinnerungen evoziert, so ist es doch häufiger so, dass die Umwelt uns erinnert (oder Prousts Madelaine). Also die Störche erinnerten mich an meine Kindheit, als es in meiner Heimatstadt bis in die Mitte der 60er Jahre Störche gab, die dann aber plötzlich wegblieben. Damals gab es sofort Gerüchte, irgendwelche jugendlichen Rowdys hätten mit Pfeil und Bogen auf die Störche geschossen. Als ich die Störche gestern sah, evozierten sie viel Vergessenes.

Schelmuffsky: Was?

Dr. Martin: Statt einer Antwort schweife ich wieder ab. Vorletzten Freitag kam im Ersten Programm ein sehenswerter, wenn auch furchtbarer Film. Ich meine die Dokumentation über den Genozid an den Armeniern. In meiner Kindheit konnte man durchaus noch oft die Redewendung „bis zur Vergasung“ hören. Das war nach Freud die Art, wie sich das Verdrängte Bahn brach. Als ich den Film sah, dachte ich, wie sehr die Redewendung „in die Wüste schicken“ wohl in der Türkei von heute verbreitet sein muss.
Ich rekapituliere kurz: Das Volk der Armenier wurde von Türken solange umhergetrieben und zum Schluss in die Wüste, bis es nahezu vollständig ausgerottet war. An einer Stelle im Film werden armenische Frauen – ihre Männer sind zu diesem Zeitpunkt längst alle tot und auch alle alten Leute und sehr viele Kinder – zitiert, dass sie zu den Helfern des Roten Kreuzes, die ihnen Brot geben wollten, gesagt haben sollen: Was sollen wir mit Brot (das die Kinder nicht essen konnten)? Gebt uns Gift, damit wir uns und unsere Kinder erlösen können. Das fand ich zutiefst erschütternd, weil es für mich der Inbegriff der Hoffnungslosigkeit ist. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ ist ein Satz, der nur allzu gerne mit einer gewissen Häme gebraucht wird. Hier starb die Hoffnung vorher.

Schelmuffsky: Ich assoziiere hier das Hörspiel „Das Schiff Esperanza“ von Fred von Hoerschelmann.

Dr. Martin: Und ich „Festianus Märtyrer“ von Günter Eich. Darüber aber sollten wir morgen sprechen. Und dann können wir auch gerne auf den Papst zurückkommen.

Schelmuffsky: Gut. Und gute Nacht.