Artikel-Schlagworte: „Liebe“

Neue Lesefrüchte

27.09.2013 sm

Was liebst du an anderen? - Meine Hoffnungen.

aus: Friedrich Nietzsche – Die fröhliche Wissenschaft. Drittes Buch 272; in: Friedrich Nietzsche – Werke II, hrsg. von Karl Schlechta, München 1955 (Carl Hanser Verlag), S. 159


Neue Lesefrüchte

31.05.2011 sm

Es gibt die großartigen Erzähler(-innen), bei denen aber kein Satz in den Vordergrund tritt (meine Lieblingserzählerin Alice Munro gehört zu dieser Kategorie), und es gibt die Erzähler(-innnen), bei denen im Text Gedanken und aphoristische Sätze eingestreut sind, die man sich rausschreiben möchte. Zu dieser zweiten Gruppe zählt Lars Gustafsson, den ich schon immer gerne gelesen und bewundert habe.

Eine Lesefrucht (in der auch eine gute Prise Walter Benjamin aufblitzt und ein hier bereits zitierter Text von John Berger anklingt) aus seinem sehr intelligenten wie zarten Roman über Erinnerung, erste erotische Verzauberung, philosophische Erkundungen und religiöse Zweifel, “Frau Sorgedahls schöne weiße Arme”:

“Die Wohnungen abwesender Menschen, ging es mir durch den Kopf, können zu einer Art Negativabdrücken ihres Lebens werden. Ungefähr wie jene harten, innen mit Samt ausgeschlagenen Futterale, in denen man Flöten und Klarinetten verwahrt, oder gar Waldhörner.
Eine abwesende schöne Frau hinterlässt keinen Abdruck in der leeren Luft. Aber in ihrer Wohnung. Die meisten dieser Abdrücke sind sehr subtil. Aber es gibt sie.
Und sie schaffen die Voraussetzung für eine Art Triumph der Phantasie. Genauso, bin ich versucht hinzuzufügen, wie Gottes solide Abwesenheit in der Welt den Anlass für ein ganzes Bündel von Triumphen der Phantasie gibt.”

Lars Gustafsson – Frau Sorgedahls schöne weiße Arme, München (Hanser) 2008, S. 145 f.

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Der Nonsinn-Adventskalender

19.12.2010 sm

Das Fensterchen zum 19. Dezember:

Vor dem Fest der Liebe ein Brief aus einem der schönsten Liebesbriefwechseln (zwischen Viktor Sklovskij und Elsa (“Alia”) Triolet, der späteren Frau von Louis Aragon):

Siebenter Brief

Er dankt für die mit dem Brief geschickten Blumen. Es ist Alias dritter Brief

Und ich schreibe dir einen Brief. Mein kleiner Tatare, vielen Dank für die Blumen.
Das ganze Zimmer duftet danach, ich bin wach geblieben, denn ich wollte mich nicht von ihnen trennen.
In diesem unsinnigen Zimmer mit Säulen, Waffen und Eule fühle ich mich zu Hause.
Mir gehört darin die Wärme, der Geruch und die Stille.
Ich werde sie forttragen, wie ein Spiegelbild: ich gehe weg – und sie sind nicht mehr da, ich kehre heim, schau hin – sie befinden sich wieder an Ort und Stelle.
Kaum zu glauben, daß sie nur durch mich allein im Spiegel leben.
Am sehnlichsten wünsche ich mir jetzt den Sommer herbei – und daß alles, was war, nicht gewesen sei.
Daß ich jung und kräftig wäre.
Von der Mischung aus Krokodil und Kind bliebe dann nur das Kind zurück, und ich wäre glücklich.
Ich bin keine femme fatale, ich bin die rosige und runde Alia.
Das wars.
Ich küsse dich, ich schlafe.
Alia

Alias Briefe sind eindeutig die besseren. In zwei weiteren ihrer Briefe habe ich mir folgende Sätze angestrichen:
„Sei leicht, sonst mißlingt dir die Liebe. Und du wirst von Tag zu Tag trauriger.“
Und:
„Du schreibst über mich – für dich, ich schreibe über mich – für dich.“

Aus: Viktor Sklovskij – Zoo oder Briefe nicht über die Liebe, Frankfurt a. M. 1965 (Suhrkamp Verlag), S. 39; auch dieses Buch ist lange vergriffen

Literatur dazu:
Thomas Urban – Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre, Berlin 2003 (nicolai), S. 100 – 111

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Der Nonsinn-Adventskalender

04.12.2010 sm

Das Türchen vom 4. Dezember:

Strategien gegen die Kälte

“Vor Winterende ist unsere Festung dann doch noch gefallen. Da hieß es zurückmaschieren in die eisigen Weiten unsres Zimmers.
Von jetzt an schliefen Jessenin und ich zusammen in einem Bett, begraben unter einem Wust Decken und Jacken. Jeder war abwechselnd dazu verdonnert, sich als erster auf dem eisigen Laken zusammenzukugeln, das Bett anzuwärmen mit Atem und Körper, ich an den graden Tagen des Monats, Jessenin an den ungraden.
Eine Lyrikerin bat Jessenin, ihr behilflich zu sein, eine Stelle zu bekommen. Sie hatte rote Wänglein, runde Hüften und üppige Schultern.
Jessenin bot der Lyrikerin das Gehalt einer sowjetischen Stenotypistin, sofern sie jede Nacht um eins käme, sich auszöge, sich unter die Decke legte und das Bett angewärmt sei („Viertelstunde Arbeit“), wieder aufstünde, sich wieder anzöge und nach Hause ginge.
Er versprach, daß wir ihr während des ganzen Zeremoniells den Rücken zukehren und die Nasen ins Manuskript stecken würden.
Drei Tage hintereinander stiegen wir unter strenger Einhaltung der Bedingungen in ein warmes Bett.
Am vierten Tag empfahl sich die Lyrikerin wieder, erklärte, sie denke nicht daran, ihren Dienst weiterzutun. Ihre Stimme zitterte, überschlug sich, und die Wut weitete ihre Pupillen derart, daß ihre himmelblauen Augen kohlrabenschwarz wurden wie die Knöpfe ihrer Lackstiefeletten.
Wir wunderten uns:
„Aber wieso? Unsere Rücken und Nasen haben die Bedingungen doch heilig eingehalten.“
„Eben! Aber ich habe mich nicht einstellen lassen, Heiligen die Laken zu wärmen.“
„So““
Aber zu spät: Vor meiner Stirn krachte die Tür zu, daß alle sechs Schrauben des englischen Schlosses aus ihren Löchern fielen.”
S. 68 f.

An anderer Stelle des Romans findet sich noch eines der kürzesten Liebespoeme, das hier nicht unerwähnt bleiben soll:

Geliebte,
Sei meiner Zärtlichkeit
Heute der Sündenbock.
S. 9

Aus: Anatoli Marienhof – Roman ohne Lüge, Berlin (Ost) 1984


Neue Lesefrüchte: Marcelle Sauvageot “Fast ganz die Deine”

12.09.2010 sm

Es wäre noch zu berichten von Markus Werner, dessen frühe Romane ich gerade einen nach dem anderen weglese (zuletzt “Bis bald”), weil sie mir (zumindest augenblicklich) sehr gemäß sind und mich – Vergleiche hinken immer – an die frühen Romane von Wilhelm Genazino erinnern, die ich ebenfalls sehr schätze.

Heute eine Lesefrucht aus einem Buch, das jahrelang unbeachtet in meinem Regal stand, bis ein Freund es vorgestern erwähnte: Marcelle Sauvageot “Fast ganz die Deine”. Ich bin noch in den Anfangsgründen, diese Zeilen aber sprachen mir zu:

“Glück? Ein Klagewort. Und Sie, Sie personifizieren es, Sie identifizieren, definieren es. Kann man wirklich davon sprechen, wie Sie es tun?
Wenn ein Duft gefällt, so versucht man ihn festzuhalten, ihn wiederzufinden; man läßt sich nicht vollständig von ihm berauschen, um ihn analysieren zu können und ihn allmählich in sich aufzunehmen, bis sich der Sinneseindruck durch die bloße Erinnerung wiederherstellen läßt; wenn der Duft wiederkommt, atmet man ihn langsamer, vorsichtiger ein, um auch die feinsten Nuancen zu erfassen. Eine starke Duftwolke steigt einem zu Kopf, hinterläßt jedoch das aufreizende Gefühl von etwas Unfertigem, Unvollendetem. Oder sie läßt einem auf unangenehme Weise den Atem stocken, man möchte sie loswerden, um wieder frei zu atmen, oder aber es ist ein heftiger, zu schnell wieder vergangener Rausch. weil nur das Nervensystem berührt worden ist. Es ist Glück, überwältigt zu werden und nichts mehr zu wissen. Doch noch ein Eckchen Bewußtsein zu haben, das immer weiß was geschieht, und das durch dieses Wissen dem gesamten intellektuellen, vernünftigen Wesen erlaubt, in jeder Sekunde an dem gegenwärtigen Glück teilzuhaben, dieses Eckchen Bewußtsein zu haben, das die Entwicklung der Freude langsam nachvollzieht, das ihr bis an die äußersten Enden folgt, ist das nicht auch Glück? Es gibt ein Eckchen, das nicht mitschwingt, doch dieses Eckchen bleibt Zeuge der erlebten Freude – das. was sich erinnern und sagen kann: Ich bin glücklich gewesen und ich weiß warum. Ich will gerne den Kopf verlieren, aber ich will den Augenblick begreiffen, da ich den Kopf verliere, und die Erkenntnis des abdankenden Bewußtseins soweit wie möglich treiben. Man soll sein Glück nicht in Abwesenheit erleben.”

Marcelle Sauvageot – Fast ganz die Deine, Nagel & Kimche 2005, S. 21 ff.

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Parship für Leser (m)

13.12.2007 sm

Bald ist es wieder, das Fest der …, nein nicht der Gänsebraten, sondern das Fest der … eben. Also um die Liebe soll es gehen. Kann Mann sich in Frauen in der Literatur verlieben? Genau diese Idee hatte Woody Allen in seiner Erzählung „Intermezzo mit Kugelmass“. Kugelmass ist ein Professor für Altphilologie am City College, unglücklich in zweiter Ehe verheiratet. Sein Psychoanalytiker kann ihm nicht mehr helfen, aber ein Zauberer. Mit dessen magischem Kasten gelangt Kugelmass zu seiner großen Liebe Madame Bovary, die zu ihm „im feinen Englisch der Paperback-Übersetzung“ spricht. Kugelmass: „Sie ist schön. Was für ein Kontrast zu dem Steinzeitexemplar, das in meinem Bett liegt. (…) Mein Gott! Ich treib’s mit Madame Bovary.“ (zitiert nach dem Hörspiel)

Alles geht so lange gut, bis der Kasten eine Funktionsstörung hat und Madame Bovary, die inzwischen in die Gegenrichtung gereist ist, nicht mehr in den Roman zurückkehren kann:

„Sieh zu, dass ich zurückkomme in den Roman, oder heirate mich.“ Kugelmass ergreift die Panik: „Wegen Ehebruchs mit Madame Bovary wird mich meine Frau zum Bettler machen.“

Die Erzählung endet drastisch. Zwar kommt Madame Bovary zurück in ihren Roman, Kugelmass allerdings landet bei seiner nächsten Reise nicht bei einer anderen, von ihm verehrten literarischen Protagonistin, sondern in einem Lehrbuch für Spanisch, und, da der magische Kasten explodiert: Er wird ewig in diesem Lehrbuch bleiben.

Woody Allens Spaß provoziert die Frage, ob man sich in Gestalten der Literatur verlieben kann. Wie wäre es beispielsweise mit Anna Karenina? Man könnte sagen: wie viele tolle Frauen verliebt sie sich natürlich in den Falschen, mit den bekannten Konsequenzen, und wer hätte da noch nicht in den Roman springen wollen und rufen: “Lass ab! Nimm lieber mich!”

Welchen literarischen Figuren würdet ihr gerne begegnen? Madame Bovary? Effi Briest? Oder vielleicht Judith in Gottfried Kellers Roman „Der grüne Heinrich“ (1. Fassung)? Oder vielleicht Alia in „Zoo oder Briefe nicht über die Liebe“ von Victor Sklovskij (auch eines jener vergriffenen Bücher, die man aber zum Glück über ZVAB noch ganz gut bekommen kann), Bonadea, Diotima oder Agathe aus Musils “Mann ohne Eigenschaften? Oder vielleicht Anna Blume von Kurt Schwitters: “O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir.- Wir?…”

Und natürlich dürfen Leserinnen hier auch ihre Präferenzen äußern.


Dies und Das

04.12.2007 sm

Inzwischen habe ich auch den Blick über die Regale schweifen lassen. Gesucht wurden ja witzige Bücher. Besonders systematisch habe ich zugegebenermaßen nicht geschaut, aber ein paar Bücher sind mir doch ins Auge gesprungen. Hier eine sehr unvollständige Liste:

Das witzigste Tierbuch:
Eckhard Henscheid – Welche Tiere und warum das Himmelreich erlangen können. Neue theologische Studien

Ein witziges Buch über Architektur:
Tom Wolfe – Mit dem Bauhaus leben

Ein witziges Buch über Kunst:
Tom Wolfe – Wörter in Farbe

Immer wieder gut:
Wilhelm Busch – Sämtliche Werke

Einer der witzigsten Romane mit der gutmütigsten Gestalt der Weltliteratur (= Alfred Leobold):
Eckhard Henscheid – Geht in Ordnung – sowieso – - genau – - -

Bereits häufig erwähnt, aber auch in diesem Zusammenhang sowieso zu nennen:
Albert Vigoleis Thelen – Die Insel des zweiten Gesichts

Ein witziges Tagebuch:
Samuel Pepys – Tagebuch

Nicht nur, aber auch witzig:
Christian Morgenstern – Sämtliche Galgenlieder

Zu Thelen fällt mir eine Begebenheit ein, die mir neulich zufiel. Ich war in Hamburg, das ist eine Stadt an der Elbe im hohen Norden unweit von Lüneburg. Dort betrat ich ein Antiquariat wiederum unweit eines Denkmals, das ich, als ich es sah, für eine Fata Morgana hielt, handelte es sich doch um ein lupenreines Nazi-Denkmal, das bis heute nicht weggesprengt wurde. Ich kam vom alten botanischen Garten und sah deswegen die neuzeitliche Brechung durch eine beigefügte Skulptur von Hrdlicka erst, nachdem ich einigermaßen konsterniert vor den Soldaten im Stechschritt gestanden hatte, darüber der in Stein gemeißelte Nazi-Wahnsinn: “Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen”.

Wenig später also betrat ich das Antiquariat und suchte unter ‚T’ und, da ich dort nichts fand, unter ‚V’, und da ich dort auch keinen Vigoleis Thelen fand, wollte ich schon gehen und ging um die Ecke und sah im Augenwinkel einen kleinen Hausaltar für wen?, nämlich für Albert Vigoleis Thelen. So Du also nach Hamburg kommst, so wende Deine Schritte in das Antiquariat Wiedebusch in der Dammtorstraße 20, denn da ist so manches von Thelen zu finden.

Im letzten Eintrag hatte ich geschrieben, dass ich Eichendorffs Taugenichts lese, und inzwischen habe ich ihn gelesen, aber im Gegensatz zu so vielen älteren Büchern wollte mir die Lektüre bei diesem partout nicht als notwendige erscheinen.

Zum Schluss noch ein Gedicht, mit dem ich dann das Thema einläuten will, das natürlich nicht fehlen darf, wenn man von der Literatur spricht. Ich will hier nicht den auf Millionen von Hochzeiten ausgedroschenen Vers aus Paulus 1, Korinther 13,13 zitieren. Also hier jetzt einfach das Gedicht:

„Stapfen“ von Conrad Ferninand Meyer

In jungen Jahren war’s. Ich brachte dich
Zurück ins Nachbarhaus, wo du zu Gast,
durch das Gehölz. Der Nebel rieselte,
Du zogst des Reisekleids Kapuze vor
Und blicktest traulich mit verhüllter Stirn.
Naß war der Pfad. Die Sohlen prägten sich
Dem feuchten Waldesboden deutlich ein,
Die wandernden. Du schrittest auf dem Bord,
Von deiner Reise sprechend. Eine noch,
Die längre, folge drauf, so sagtest du.
Dann scherzten wir, der nahen Trennung klug
Das Angesicht verhüllend, und du schiedst,
Dort wo der First sich über Ulmen hebt.
Ich ging denselben Pfad gemach zurück,
Leis schwelgend noch in deiner Lieblichkeit,
In deiner wilden Scheu, und wohlgemut
Vertrauend auf ein baldig Wiedersehn.
Vergnüglich schlendernd, sah ich auf dem Rain
Den Umriß deiner Sohlen deutlich noch
Dem feuchten Waldesboden eingeprägt,
Die kleinste Spur von dir, die flüchtigste,
Und doch dein Wesen: wandernd, reisehaft,
Schlank, rein, walddunkel, aber o wie süß!
Die Stapfen schritten jetzt entgegen dem
Zurück dieselbe Strecke Wandernden:
Aus deinen Stapfen hobst du dich empor
Vor meinem innern Auge. Deinen Wuchs
Erblickt ich mit des Busens zartem Bug.
Vorüber gingst du, eine Traumgestalt.
Die Stapfen wurden jetzt undeutlicher,
Vom Regen halb gelöscht, der stärker fiel.
Da überschlich mich eine Traurigkeit:
Fast unter meinen Blick verwischten sich
Die Spuren deines letzten Gangs mit mir.