Artikel-Schlagworte: „Lesen“

Aphorismus der Woche

26.01.2011 sm

Die schlechtesten Leser. – Die schlechtesten Leser sind die, welche wie plündernde Soldaten verfahren: sie nehmen sich Einiges, was sie brauchen können, beschmutzen und verwirren das Übrige und lästern auf das Ganze.

Friedrich Nietzsche


Über das Sortieren von Büchern 2

13.07.2007 sm

Ich weiß noch nicht einmal, nach was ich gesucht habe, jedenfalls habe ich gefunden, einen Text nämlich, der die Problematik des Sortierens von Büchern sehr treffend beschreibt. Geschrieben hat ihn Hans Erich Nossack, und der Essay ist komplett im Internet nachzulesen („Das Alltagsleben von Büchern. Eine Plauderei“). Er beginnt so:

„Wer Bücher besitzt und Bücher liebt, mag seine Bibliothek groß oder klein sein, wird die Erfahrung gemacht haben, daß es keine befriedigende und allgemein gültige Lösung gibt, wie man sie ordnen soll, und daß es ohne Kompromisse dabei nicht abgeht. Es zeigt sich stets über kurz oder lang, und zwar oft zur Überraschung des gutgläubigen Besitzers, daß Bücher nicht einfach Sammelobjekte sind, die sich wie Briefmarken in einem Album an vorbestimmten Plätzen unterbringen oder wie Schmetterlinge nach einem System ordnen lassen, sondern daß man es mit höchst lebendigen Individuen zu tun hat, die nie aufhören, Rücksicht und Teilnahme zu verlangen, und die es fertig bringen, denjenigen zu blamieren, der ihren Ansprüchen nicht gebührend Rechnung trägt.“

Damit hat Nossack sofort einen wesentlichen Aspekt benannt: Bücher sind lebendig und sind Individuen, und weil sie dies sind, lassen sie sich nur schwerlich einem System unterwerfen. Deswegen tendieren sie auch zuweilen dazu, sich unsichtbar zu machen.

Eines meiner Lieblingskapitel in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist das hundertste des ersten Buches: „General Stumm dringt in die Staatsbibliothek ein und sammelt Erfahrungen über Bibliothekare, Bibliotheksdiener und geistige Ordnung“. Stumm von Bordwehr, einer der wenigen Generäle in der Literatur, für die man eine gewisse Sympathie entwickeln kann, will den Zivilverstand kennen lernen und betritt deswegen, erstmals wie man meinen könnte, eine Bibliothek und dringt bis ins Innerste der Bibliothek vor, das Katalogzimmer: „Da war ich dann also wirklich im Allerheiligsten der Bibliothek. Ich kann dir sagen, ich habe die Empfindung gehabt, in das Innere eines Schädels eingetreten zu sein; rings herum (…) nichts wie Kataloge und Bibliographien, so der ganze Succus des Wissens, und nirgends ein vernünftiges Buch zum Lesen, sondern nur Bücher über Bücher: es hat ordentlich nach Gehirnphosphor gerochen. (…) Er (der Bibliothekar) fährt wie ein Affe eine Leiter hinauf und auf einen Band los, förmlich von unten gezielt, gerade auf diesen einen, holt ihn mir herunter und sagt: ‚Herr General, hier habe ich für Sie eine Bibliographie der Bibliographien’ – du weißt, was das ist? – also das alphabetische Verzeichnis der alphabetischen Verzeichnisse (…).“

Das alles ist sehr befremdlich für den General, noch irritierter ist er aber, als der Bibliothekar auf die Frage, wie er sich in diesem „Tollhaus von Büchern“ zurechtfinde, antwortet: „‚Herr General,’ sagt er ‚Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen nun allerdings sagen: Weil ich keines lese!’“ In diesem Umfeld der alphabetischen Verzeichnisse von den alphabetischen Verzeichnissen hat Stumm dann plötzlich eine Eingebung, die den Unterschied der öffentlichen Bibliothek, in der alle Bücher auffindbar sein müssen, zur oben benannten relativen Ordnung der Privatbibliothek dingfest macht: „Stell dir Ordnung vor. Oder stell dir lieber zuerst einen großen Gedanken vor, dann einen noch größeren, dann einen, der noch größer ist, und dann immer einen noch größeren; und nach diesem Muster stell dir auch immer mehr Ordnung in deinem Kopf vor. Zuerst ist das so nett wie das Zimmer eines alten Fräuleins und so sauber wie ein ätarischer Pferdestall; dann großartig wie eine Brigade in entwickelter Linie; dann toll, wie wenn man nachts aus dem Kasino kommt und zu den Sternen ‚Ganze Welt, habt acht; rechts schaut!’ hinauf kommandiert. Oder sagen wir, im Anfang ist Ordnung so, wie wenn ein Rekrut mit den Beinen stottert und du bringst ihm das Gehen bei; dann so, wie wenn du im Traum außer der Tour zum Kriegsminister avancierst; aber jetzt stell dir bloß eine ganze, universale, eine Menschheitsordnung, mit einem Wort eine vollkommene zivilistische Ordnung vor: so behaupte ich, das ist der Kältetod, die Leichenstarre, eine Mondlandschaft, eine geometrische Epidemie.“

Und so kann man nur resümieren: Jede Ordnung der eigenen Bibliothek wird in der einen oder anderen Weise unbefriedigend sein, sie ist es zum Glück, zum Glück zum Beispiel eines zufälligen Findens von Büchern, die man lange nicht mehr in der Hand hatte, und die dann sofort all jene Erinnerungen preisgeben, die man mit ihrem Erwerb, mit ihrer Lektüre und mit den Begleitumständen dieser Lektüre verbindet.


Über das Sortieren von Büchern

10.07.2007 sm
Kater Murrs Ururusw.-Enkel
Kater Murrs Ururusw.-Enkel

Einem ungeheuren Zufall ist es zu verdanken, dass ich in einem Tierheim der Umgebung ausgerechnet einen Ururur-und-noch-viele-weitere-Male-ur-Enkel jenes legendären Kater Murr entdeckte, der in seinen Lebensbeschreibungen so auffällig auf den Spuren von Goethes “Wilhelm Meister” wandelt. Allein der Kater war, einmal zu uns nach Hause gebracht, nicht bereit zu einem Gespräch. Wie man auf dem Foto sieht, ist er auch ein wenig indisponiert, da der Versuch, eine der Inszenierungen von William Wegmans Weimaraner nachzustellen (ja: auch er möchte unbedingt einen Weimar-(an)-er imitieren), kläglich scheiterte. Ich hoffe, ich kann das Interview demnächst nachholen.
In der Zwischenzeit stelle ich die Frage in den Raum, oder besser in die Bibliothek, wie eine Bibliothek wohl am besten zu ordnen sei. Eine Kollegin meinte heute, sie sortiere ihre Bücher nach Farben, ein großartiger Ansatz, der bestimmt interessante Nachbarschaften zu Tage fördert. Man könnte die Bücher auch nach Seitenzahl ordnen oder vielleicht nach Größe oder nach dem Erscheinungsjahr oder alphabetisch nach den Vornamen der Autoren oder nach Gewicht.


Sind Bücher zu dick?

12.06.2007 sm

Vor dem G8-Gipfel trat die Bundesregierung mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit, etwas gegen das Übergewicht im Lande zu tun. Mal abgesehen davon, dass bei Politikern das Wort „Diäten“ immer noch nicht die landläufige Bedeutung hat und die Initiative viel zu halbherzig ist (wenn, sollte man gleich ein Gesetz einführen, dass besagt: Zucker- oder Fettgehalt bei Lebensmitteln in Prozent = Mehrwertsteuersatz), das Thema „Übergewicht“ liegt in der Luft und so drängt sich auch die Frage auf: Sind auch unsere Bücher zu dick?
Zu dieser Frage sprach ich mit meinem Alter Ego, Dr. Sigurd Martin, Leiter von IFALUG (Institut für angewandte Lebensfreude und Gebrauchszynismus):

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, „Dick“ ist als Thema dick im kommen, zumindest wenn man in die Medien schaut.

Martin: Just letzte Woche sah ich das Plakat der „Bild“-Zeitung: „Ja, dein Hintern ist zu dick“ in der Kampagne „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“ (bei “Bild” eigentlich ein Widerspruch in sich). Das ist natürlich in hohem Maße gebrauchszynisch (wie die TV-Nieren-Show in Holland), wird aber nicht zufällig gleichzeitig mit den Vorschlägen der Bundesregierung geschaltet. Auch dass in der gleichen Woche von einem elfjährigen (übergewichtigen?) Jungen in den USA das dickste Wildschwein aller Zeiten geschossen wird (477 kg) und es immer mehr „dicke Freundschaften“ in der deutschen Wirtschaft gibt (Beispiel VW und Siemens) zeigt: Das Thema „dick“ ist en vogue.

Schelmuffsky: In der Literatur wird Übergewicht aber kaum thematisiert?

Martin: Ich erinnere mich an einen irischen Roman, in dem das dickste Schwein der Literatur vorkommt. Es ist so dick, dass es nicht mehr durch die Haustür getrieben werden kann Das ist insofern tragisch, als es wegen einer Krankheit infernalisch stinkt. Der Roman wurde in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts publiziert. Das ist schon eine Weile her. Wenn Sie mich so direkt fragen, fällt mir aber kein neuerer Roman ein, in dem das Gewicht der Hauptfiguren eine Rolle spielte.

Schelmuffsky: Woran liegt das?

Martin: Gottfried Ephraim Lessing schrieb 1766 in seiner Schrift „Laokoon: oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie“ – ich verkürze das jetzt mal sehr stark -, dass das Feld der Literatur das Nach- und Nebeneinander sei, also vor allem auch Handlungsstränge und zeitliche Abfolgen. Das Feld der Malerei und der Plastik dagegen sei die Darstellung der räumlichen Ausdehnung von Körpern. Insofern ist es natürlich, dass gerade die Plastik und die Malerei des 20. Jahrhunderts Übergewicht (Niki de Saint Phalle, Fernando Botero), aber auch Magersucht (Alberto Giacometti; übrigens lange bevor dies in den Medien besprochen wurde) ins Zentrum rückt. In der Literatur dagegen spielt zwar die Beschreibung von Körpern keine Rolle, es besteht aber die Gefahr, dass die Bücher zu dick werden, da zuviel Handlung, also zuviel Nacheinander von Körpern zwischen zwei Buchdeckel gepackt wird.

Schelmuffsky: Ist das ein neues Phänomen, oder bestand die Gefahr schon immer?

Martin: Die Tendenz zum dicken Buch gibt es von Anbeginn der Literatur. Denken Sie nur an die „Illias“ oder die „Bibel“, aber natürlich auch an die Romane von Dostojewskij.

Schelmuffsky: Sind diese Bücher „zu“ dick?

Martin: Meiner Ansicht nein, aber es gab immer wieder Versuche, Bücher zu verschlanken, mir fällt da Readers Digest ein oder eine neue Initiative des Orion Verlags in London, der Klassiker abspecken will, „Moby Dick“ z. B. um 40 %. Scherzt: Wahrscheinlich meinen die, der Titel des Buches sage bereits: hier ist ein Buch zu „dick“. Aber klar: Gute Bücher auf Diät zu setzen ist natürlich Mumpitz.

Schelmuffsky: Können Sie uns einen Roman nennen, der Ihrer Ansicht zu dick ist?

Martin: Also, diese Frage sollten Sie vielleicht besser den Mitgliedern von lovelybooks stellen. Ich will mich da nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Aber natürlich kennt das jeder, dieses Gefühl, hier hätte der Autor das Buch lieber noch einmal ein paar Runden laufen lassen, damit überflüssige Pfunde abgeschmolzen werden. Das gilt sogar für meine Lieblingsbücher, die oftmals gerade gegen Ende etwas schwammig werden, z. B. geht mir das so bei Tom Wolfes „Ein ganzer Kerl“, dessen letzte 250 Seiten ziemlich zerfransen. Und dann gibt es noch die Mammuts der Literatur (z. B. Marcel Proust – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit), bei denen man wenig weglassen könnte.

Schelmuffsky: Wie geht es weiter? Werden Leser angesichts der immer größeren Zerstreuung durch die Medienvielfalt überhaupt noch die Muße finden, einen dicken Wälzer zu lesen? Im Fernsehen geht ja die Tendenz jetzt schon sehr zur Häppchen-Kultur, Spielfilme alten Zuschnitts haben kaum noch eine Chance und auch Popsongs sind selten länger als 2 Minuten 55.

Martin: Gute Frage. Ich sehe das an mir selbst. Wenn ein Text mich nicht sehr schnell fesselt, dann breche ich heute Bücher regelmäßig ab. Deswegen lese ich auch immer mehr Erzählungen wie z. B. die von Alice Munro, Arthur Schnitzler oder Anton Tschechow. Das sind durchtrainierte, karge Texte, bei denen meist kein Wort zuviel ist. Im Übrigen halte ich aber an der Regel fest, pro Jahr mindestens zwei bis drei richtig dicke Bücher zu lesen. Das kann ich jedem nur empfehlen, taucht man dabei doch wirklich tief in andere Universen ein.

Schelmuffksy: Ich danke für das Gespräch. Können Sie den Besuchern zum Abschluss noch drei dieser richtig dicken Bücher empfehlen?

Martin: Gerne. Ich würde folgende Bücher lesen:
Albert Vigoleis-Thelen – Die Insel des zweiten Gesichts (knapp 1.000 z. T. extrem komische Seiten)
Heimito von Doderer – Die Strudlhofstiege (dito knapp 1.000 Seiten, als Doderer-Einsteiger kann man vielleicht „Die erleuchteten Fenster“ bzw. „Ein Mord, den jeder begeht“ vorweg lesen)
Italo Svevo – Zeno Cosini (das ist mit knapp 600 Seiten bereits ein Buch der Mittelgewichtsklasse, aber trotzdem).