Artikel-Schlagworte: „Lesefrüchte“

Neue Lesefrüchte

26.09.2013 sm

Nur noch wenige Tage und es jährt sich die Geburt eines der größten Schriftsteller zum zweihundersten Mal: Georg Büchner.
Am Ende von “Leonce und Lena” finden sich diese Zeilen, die die zukünftige Regierung in den Koalitionsvertrag aufnehmen sollte:
LEONCE. (…) wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monde nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren, und das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeer stecken.
VALERIO. Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, daß wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist; daß jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt erklärt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!

aus: Georg Büchner – Werke und Briefe, o. O. 1956, S. 141 f.


Neue Lesefrüchte

25.06.2011 sm

“(…) Und die Philosophie,
hat man mir gesagt, sei eine Vorbereitung auf den Tod.

Ich bereite noch immer sorgfältig mein Leben vor,
in Erwartung des Tages, an dem es beginnt.

(…)”

aus: Lars Gustafsson “An der Oberfläche”, in: ders. Jahrhunderte und Minuten. Gedichte, ausgewählt von Michael Krüger, Frankfurt a. M. 2009, S. 16

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Neue Lesefrüchte

26.05.2011 sm

“(…) Auch scheint es mir, dass das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, noch honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten Charakter, – es verdirbt selbst den Magen.”
Friedrich Nietzsche

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Neue Lesefrüchte

12.05.2011 sm

“Am Ende sagt
von zweien der eine noch:
Ich hab dich eingelebt in die Verlassenheit
Am Ende sagt
von zweien der andere noch:
Sieh, alles Nahe ist so weit, so weit.”

aus: Arnold Stadler, Einmal auf der Welt. Und dann so, Drittes Buch: Mein Hund, meine Sau, mein Leben, Frankfurt a. M. (S. Fischer Verlag), S. 367

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Neue Lesefrüchte

12.04.2011 sm

“Wir denken, wir leben in einer einzigen Welt. Dabei bewegt sich jeder in seinem eigenen Stollensystem, sieht nicht nach rechts und links und baut sein Leben ab und versperrt sich mit dem Schutt den Rückweg.”

aus: Peter Stamm, Agnes, Frankfurt 2010 (Fischer Taschenbuch Verlag), S. 127

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Neue Lesefrüchte

03.02.2011 sm

“(…) Ich will dich kennenlernen, ein für allemal, und dich mit mir bekannt machen. Und dann Abschied nehmen. Ich meine, daß man sich am besten vor einem Abschied kennenlernt. (…)”

aus: Fjodor Dostojewskij: Die Brüder Karamasow. Aus dem Russischen neu übersetzt von Swetlana Geier, zitiert nach: Vom Sinn des Lebens. Ein Lesebuch für alle Lebenslagen, hrsg. v. Philipp Erlach und Thomas Reisch; Frankfurt a. M. 2010, S. 15

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Ein Grund hierher zu kommen, ein Grund für nichts. Genuß, nicht vermißt, benannt, erinnert zu werden. Genuß einer Gegenwart ohne Wunsch und Täuschung, Bestimmung und Zufall. Ohne Hoffnung und Rückhalt außer mir selbst.

aus: Christoph Meckel: Einer bleibt übrig, damit er berichte, Frankfurt a. M. 2010, S. 32 f.

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Schelmuffsky im Gespräch mit Dr. Sigurd Martin über die Buchmesse und Lesefrüchte der vergangenen Wochen

06.10.2010 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, heute war der erste Tag der Frankfurter Buchmesse. Ihre Eindrücke.

Dr. Martin: Am Eingang bekommt man wie immer die FAZ-Messezeitung in die Hand gedrückt. Da stach mir als erstes folgende Überschrift ins Auge: „Wissenschaft soll sexy werden.“ Das finde ich mal einen richtigen Ansatz. Man nimmt ja alle möglichen Bücher mit ins Bett, bloß Wissenschaft bislang Fehlanzeige. Höchste Zeit, dass sich das ändert.

Schelmuffsky: Und sonst?

Dr. Martin: Die Hotdog-Stände sind wieder da, die Hallen waren noch nicht so überlaufen, der eine oder andere oder auch vermeintliche Promi, dazwischen so manches Buch oder Gegenstände, die wie Bücher aussehen, viele Handys, auffällig viele iPhones, wie immer ZVAB-Tüten. Noch mehr?

Schelmuffsky: Sprechen wir über Bücher.

Dr. Martin: Gut. Ich lese gerade einen nicht mehr ganz taufrischen Erzählband: Adelheid Duvanel „Beim Hute meiner Mutter“. Mir war neulich aufgefallen, dass ich so gut wie keine Schweizer Autorin kenne (außer z. B. Catherine Colomb, die ich nicht nur wegen ihres schönen Namens empfehle), und da drückte mir ein Freund die Duvanel in die Hand, kurze Erzählungen, in denen ich sehr ungewöhnliche Sätze fand.

Schelmuffsky: zum Beispiel.

Dr. Martin:
„Die Frau betrachtete sich in jeder Schaufensterscheibe. Wie das am Morgen so ist: Die Dinge hatten noch kein offenes Gesicht, sie blickten mich nicht an; ich lief an ihnen vorbei, ohne sie mir zu merken.“
Oder:
„Norma ist wie eine Vase, die von einer weißen Hand getragen wird und die sich wünscht, fallen gelassen zu werden.“
Oder:
„Die Mutter schrieb Gedichte wie: ‚In den Nächten, in den fahlen, schnüre ich mir die Sandalen.’“
Dann kommt in nahezu jeder Erzählung ein Motiv vor, das mich seit Jahrzehnten umtreibt und über das wir noch einmal ausführlich sprechen könnten.

Schelmuffsky: Nämlich?

Dr. Martin: Fenster. Fenster als bühnenartige Einblicke, Fensterausblicke. Mehr jetzt nicht.

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Schelmuffsky: Gibt es noch mehr Lesefrüchte in letzter Zeit.

Dr. Martin: Ja, Henry James „Vertrauen“. Ich zitiere mal die letzten Zeilen des Nachworts von Sigrid Herzog:
Henry James …“hat eine vergangene Gesellschaft abgebildet, die unendlich artikultionsfähig war und ihre Verhältnisse noch mittels Sprache und Konversation zu regeln vermochte, eine ‚civil society’, die ihre differenzierende Beredsamkeit als Lebensqualität und aufklärerisches Potential zu nutzen wußte, wovon wir Kinder einer sogenannten ‚Kommunikationsgesellschaft’ nur noch träumen können.“

Das Niveau der Gesprächskultur ist tatsächlich auffällig. Man könnte einwenden: Das Personal des Romans hat auch nichts zu tun, als sich in jedem Sinn des Wortes zu unterhalten, aber das griffe aus meiner Sicht zu kurz. Außer Blanche, deren naiver Redeschwall kaum zu bremsen scheint, sprechen die anderen Hauptfiguren sehr differenziert und aufmerksam, also erstaunlich anders, als man es vom Meinungsaustausch so genannter Talksshows im Fernsehen oder gar Chats im Internet gewohnt ist.

Also Duvanel und Henry James: zweimal Leseempfehlung.

Schelmuffsky: Vielen Dank für das Gespräch.

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Neue Lesefrüchte: Marcelle Sauvageot “Fast ganz die Deine”

12.09.2010 sm

Es wäre noch zu berichten von Markus Werner, dessen frühe Romane ich gerade einen nach dem anderen weglese (zuletzt “Bis bald”), weil sie mir (zumindest augenblicklich) sehr gemäß sind und mich – Vergleiche hinken immer – an die frühen Romane von Wilhelm Genazino erinnern, die ich ebenfalls sehr schätze.

Heute eine Lesefrucht aus einem Buch, das jahrelang unbeachtet in meinem Regal stand, bis ein Freund es vorgestern erwähnte: Marcelle Sauvageot “Fast ganz die Deine”. Ich bin noch in den Anfangsgründen, diese Zeilen aber sprachen mir zu:

“Glück? Ein Klagewort. Und Sie, Sie personifizieren es, Sie identifizieren, definieren es. Kann man wirklich davon sprechen, wie Sie es tun?
Wenn ein Duft gefällt, so versucht man ihn festzuhalten, ihn wiederzufinden; man läßt sich nicht vollständig von ihm berauschen, um ihn analysieren zu können und ihn allmählich in sich aufzunehmen, bis sich der Sinneseindruck durch die bloße Erinnerung wiederherstellen läßt; wenn der Duft wiederkommt, atmet man ihn langsamer, vorsichtiger ein, um auch die feinsten Nuancen zu erfassen. Eine starke Duftwolke steigt einem zu Kopf, hinterläßt jedoch das aufreizende Gefühl von etwas Unfertigem, Unvollendetem. Oder sie läßt einem auf unangenehme Weise den Atem stocken, man möchte sie loswerden, um wieder frei zu atmen, oder aber es ist ein heftiger, zu schnell wieder vergangener Rausch. weil nur das Nervensystem berührt worden ist. Es ist Glück, überwältigt zu werden und nichts mehr zu wissen. Doch noch ein Eckchen Bewußtsein zu haben, das immer weiß was geschieht, und das durch dieses Wissen dem gesamten intellektuellen, vernünftigen Wesen erlaubt, in jeder Sekunde an dem gegenwärtigen Glück teilzuhaben, dieses Eckchen Bewußtsein zu haben, das die Entwicklung der Freude langsam nachvollzieht, das ihr bis an die äußersten Enden folgt, ist das nicht auch Glück? Es gibt ein Eckchen, das nicht mitschwingt, doch dieses Eckchen bleibt Zeuge der erlebten Freude – das. was sich erinnern und sagen kann: Ich bin glücklich gewesen und ich weiß warum. Ich will gerne den Kopf verlieren, aber ich will den Augenblick begreiffen, da ich den Kopf verliere, und die Erkenntnis des abdankenden Bewußtseins soweit wie möglich treiben. Man soll sein Glück nicht in Abwesenheit erleben.”

Marcelle Sauvageot – Fast ganz die Deine, Nagel & Kimche 2005, S. 21 ff.

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Neue Lesefrüchte: Die Buchempfehlung der Woche

27.08.2010 sm

Selten lese ich ein Buch, bei dem ich soviel rausschreiben will, wie bei meiner momentanen Lektüre: Markus Werner – Zündels Abgang. Zwei Beispiele:

Aus Zündels Notizen:
“Tina Bar, 11.7. Das neue Wörterbuch. Eine Handreichung für mich und andere Nachzügler. Erster Teil.- Einzuprägen: Eigennutz heißt jetzt Selbstentfaltung. Rücksichtnahme heißt Selbstverlust. Roheit heißt Freimut. Treulosigkeit heißt Spontaneität. Charakterlosigkeit heißt Aufgeschlossenheit für das Neue. Hohlheit heißt Empfänglichkeit. Das Unvermögen, allein zu sein, heißt kommunikative Kompetenz.” (Seite 58 f.)

Oder Zündels Lektüre einer schweizerischen Zeitung, deren “Sätze und Wendungen (ihn) zwar nicht langweilten, aber ektelten.
Kopfballstark, zinsgeschädigt, dauerbequemtauglich. Tiefe Besorgnis. Langbeinige Eva. Humanitäre Geste. Kadaversammeldienst. Und Talsohlen und Zusatzkredite und Kaltluftfronten.
O Sumpf.
Lockvogelpolitik à la Kreml und faires Angebot des Weißen Hauses und dauerbequemtaugliche Schutzräume zur Überbrückung von Jammertalsohlen. Und die Wörter stinken, und die Sätze stinken, als ob sie ausgeschlüpft waren aus den hämorrhoidenbekränzten Mastdärmen pestkranker Vollidioten. Der Aktienmarkt ist gut gelaunt, kompromißlos das Dreilagentoilettenpapier, ausgewogen das Marschflugkörperprogramm. Formulierungen stülpen sich röhrend über stöhnende Fakten. Tatsachen spreizen die Schenkel und gewähren korrupten Sprachstücken Einlaß. Das Substantiv hat ein steifes Adjektiv und rammt die Wirklichkeit von hinten. Endlos, schamlos, trostlos paaren sich Sätze und Sachverhalte, und das Produkt dieser Unzucht heißt Zeitung.” (Seite 72 f.)

Besser und sarkastischer hätte das Karl Kraus auch nicht schreiben können.

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Lesefrüchte

25.08.2010 sm

“Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.”
Georg Büchner, Leonce und Lena, 1. Akt, 3. Szene / Leonce