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Besuch in der „Wunderkammer“ von meinem Künstlerfreund Mathias Erbe, Teil 2

09.09.2010 sm

Jetzt hat es doch etwas länger gedauert, seit ich die Fortsetzung meines Berichts von der „Wunderkammer“ im Bahnhof Mainkur ankündigte.
Dies ist insofern ein Glücksfall, als man inzwischen ein zweiteiliges Video auf Youtube anschauen kann, das einen sehr viel besseren Einblick in die Rauminstallationen vermittelt, als es meine Beschreibungen je könnten:

Teil 1
Teil 2

An einer Stelle blitzt im Film kurz der Titel eines Videos auf, das man in einem Raum des Bahnhofs sehen kann: „Schauen und das Geschaute selbst sein“. Knapper lässt sich das Wahrnehmungsgeschehen nicht beschreiben, in das man beim Rundgang durch die verschiedenen Räume verwickelt wird, zumal wenn man die Zeit, aus der die meisten Utensilien stammen, selbst erlebt hat.

Ein paar Anmerkungen aber vielleicht doch noch. Nur sehr unzureichend werden im Film die Ölbilder und Zeichnungen von Mathias sichtbar. Schon früh war Mathias fasziniert vom Wald als Motiv, was im wahrsten Sinne nahelag, als doch die weitläufigen, undurchdringlichen Wälder des Spessarts mit ihren Geschichten von Spessarträubern, dem Wirtshaus im Spessart, Julius Echter, dem Eselsweg usw. sich vor der Tür erstreckten. Sie überziehen die Bilder teilweise fast vollständig, öffnen nur stellenweise die Sicht auf sehr rätselhafte Geschehnisse, kräuseln sich manchmal in schamhaarartigem Gewirr.
Ein Bild verband ich immer mit jener Ansicht, in die man gleichsam hineinfährt, wenn man von Aschaffenburg kommend, auf der Autobahn den Anstieg in Richtung Weibers- und Rohrbrunn nimmt. In das Tal wird gerade eine zweite Autobahnbrücke gerammt, und dadurch gerät das Bild zu einem archivarischen Dokument eines Zustands, der unwiederbringlich zerstört wird. Ein Archiv aber ist die gesamte Installation und Konstellation der Tausenden von kleinen Mosaiksteinchen der Wunderkammer.

In einem der Waldbilder sieht man, auch wieder fast verborgen, Soldaten bei einer Schießübung. Von hier ist es nicht weit zur Einschreibung von menschlichen Gestalten in ornamentale Raster, die trotz oder gerade wegen ihrer teilweise surreal anmutenden Ausführung die (Zer-)Brechung des Individuellen und Subjektiven durch alle Formen der Fetischisierung deutlich machen. Die vermeintliche Enthüllung und Nacktheit der zahlreich vorhandenen Frauenkörper kippt um in die Verpanzerung des Menschlichen in Lack und Leder und Ausschluss alles Natürlich-Kreatürlichen, das Ausgangspunkt der Waldbilder war.

Wem dies jetzt zu abstrakt klingt, der sei eingeladen zur Finissage am Samstag, den 18. September 2010 um 18 Uhr im alten Bahnhof Mainkur.


Besuch in der „Wunderkammer“ von meinem Künstlerfreund Mathias Erbe

31.08.2010 sm

Es ist bereits dunkel, als wir am stillgelegten Bahnhof Mainkur ankommen. Außerdem schüttet es, und eine für den späten August unzeitgemäße Kälte fasst mich sofort an, als wir aus dem Auto steigen. Mathias will mir privatim seine „Wunderkammer“ zeigen. Ein wenig vermute ich, was diese enthalten könnte, kenne ich Mathias – wir sind ein Jahrgang – doch seit über vierzig Jahren, weiß um einige seiner Obsessionen (z. B. Wälder, Schallplatten und Spielzeug in jeder Form, Sammeln), kenne auch ein paar seiner künstlerischen Fixsterne (Max Ernst und vor allem Richard Oelze, aber auch Grünewald, Breughel, Dürer, Hans Memling). Für ein paar Jahre kreuzten sich in der späten Kindheit und frühen Jugend unsere Biographien. Mathias, ein grandioser Zeichner schon damals, visualisierte unsere verquersten Phantasien, stets grundiert von der gerade auf dem deutschen Markt auftauchenden Jugendzeitschrift „MAD“ und deren sarkastisch zynischen Satiren (insbesondere Don Martin und Spion & Spion erinnere ich noch lebhaft); „Bravo“ registrierten wir noch nicht einmal, und dies mag als frühes unbewusstes Bekenntnis zu Verrücktheit und Ablehnung jeder Form von affirmativem Beifall gedeutet werden.

Wir betreten den Bahnhof durch die Hintertür. Auch ein stillgelegter Bahnhof bleibt ein Bahnhof, nach und nach schaltet Mathias die Lichter an, erste Szenerien tauchen aus dem Dunkel auf. „Ich verstehe nur Bahnhof“: Immer mal wollte ich nachschlagen, woher diese Redewendung kommt. Zweiter Gedanke: Hier könnte man gut einen „Tatort“ drehen, oder nein, besser noch einen „Kommissar“ in schwarzweiß. Wir begehen auch die Räume, die gar nicht Teil der Installation sind und dies doch zu sein scheinen, Räume voller Gerümpel, Toiletten, seit Jahren nicht mehr betreten, ein Fahrkartenschalter (wie sich später herausstellt, gibt es unverständlicherweise auf der anderen Seite des Gebäudes noch einen zweiten). Dann schlendern wir durch die eigentlichen Wunderkammern: Ein grauer Spind, rundherum die Wände mit alten und neuen Zeitungen tapeziert, ein Puzzle von Neuschwanstein, auf den Kopf gestellt. Noch wollen sich keine Assoziationen einstellen, auch wenn mir dünkt, ich hätte selbst einmal vor zig Jahren genau dieses Neuschwanstein-Puzzle zusammengesetzt.



Dann die „Spielzeugkammer“, aus noch mehr Teilen in detailversessener Kleinarbeit zusammengestellt.



Spielzeug, oder Spielwaren, nein: Spielzeug, auch wenn der Fetischcharakter der Ware in der Ausstellung ebenfalls überall präsent ist. Zeug also, Kram, Sammelsurium. Zugleich die Wortspuren „zeugen“, „bezeugen“, „Zeugnis ablegen“. In meiner Kindheit musste ich nur zwei Häuser weitergehen, um in einem höhlenartigen Spielzeugladen mich mit Nachschub für die Märklin-Eisenbahn zu versorgen, auch mit einem eigens für die Dampfloks produzierten Öl, das in den Schlot geträufelt, nicht nur Rauch, sondern auch einen sehr spezifischen Geruch erzeugte, der mir neulich völlig unerwartet mal wieder in die Nase stieg und die mit der Eisenbahn verbrachten Stunden evozierte. Dann Matchbox-Autos, Schuco-Klassiker (mit der Reminiszenz an Hermann Burgers letzten Roman „Brenner“), allerlei andere Autos, Donald-Figuren, Überraschungseier-Inhalte (diese schon aus jüngeren Zeit), Batman, Mecki, Lurchi. Anders als in Stillleben des Barock scheinen die Gegenstände nicht mit zugeordneten Bedeutungen beladen, wenngleich doch auch als Zeichen verwendet. Die scheinbar flohmarktartigen Anordnungen entpuppen sich bei näherer Betrachtung als strenge Arrangements, mal symmetrisch,



mal setzkastenartig (und damit den Schriftzeichencharakter der Spielsachen betonend),



mal als Anspielung auf die krude, von Siegfried Kracauer in „Das Ornament der Masse“ beschriebene Einsperrung des Individuums in zweckrationale Raster, wie sie vor allem von Leni Riefenstahl für die NS-Propaganda konfektioniert wurden:



Von hier ist es nur einen Schritt zu einem anderen Aspekt des Schaffens von Mathias. Diesen aber werde ich morgen betrachten.


Wilhelm Busch

09.01.2008 sm

Ein besonderes Jubiläum ist heute zu begehen, also – und hier spielen wir jetzt erst einmal einen Tusch ein, hauen auf die Pauke und lassen sämtliche verfügbaren Fanfaren erklingen: genau vor hundert Jahren starb Wilhelm Busch. Für Robert Gernhardt zählt er zu den Könnern seines Fachs und „nahm so ziemlich alles vorweg, was viel spätere Stilrichtungen und Künstler dem Menschenbild und der Welt der restlichen optischen Erscheinungen antun sollten. Busch hat nämlich den Jugendstil vorweggenommen

den Pointillismus
den Expressionismus
den Kubismus
den Kubismus, jawohl
den Futurismus
den Konstruktivismus
den Surrealismus
den Tachismus
den Tachismus, doch
die Op- bzw. Pop-Art und
die Neue Figuration.

Ferner nahm Busch eindeutig und zweifelsfrei folgende Künstler vorweg:
Salvador Dali und Claes Oldenburg
Henry Moore
Jean Dubuffet
Alberto Giaccometti
sowie Günter Uecker und
Georg Baselitz.”

Die Belege, die Gernhardt zu jeder dieser Behauptungen mit schlagender Beweiskraft hinzustellt, kann ich leider hier nicht abbilden. Der äußerst lesenswerte Aufsatz findet sich in Gernhardts noch lesenswerterem Buch „Der letzte Zeichner“, das nur von den lesens- und betrachtenswertestestesten Arbeiten des Meisters daselbst, also Busch, getoppt wird.

Und hier der ultimative Rat: auf keinen Fall eine Ausgabe von Buschs Werken kaufen, die nicht mindestens alles enthielte, sowieso.