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Besuch in der „Wunderkammer“ von meinem Künstlerfreund Mathias Erbe

31.08.2010 sm

Es ist bereits dunkel, als wir am stillgelegten Bahnhof Mainkur ankommen. Außerdem schüttet es, und eine für den späten August unzeitgemäße Kälte fasst mich sofort an, als wir aus dem Auto steigen. Mathias will mir privatim seine „Wunderkammer“ zeigen. Ein wenig vermute ich, was diese enthalten könnte, kenne ich Mathias – wir sind ein Jahrgang – doch seit über vierzig Jahren, weiß um einige seiner Obsessionen (z. B. Wälder, Schallplatten und Spielzeug in jeder Form, Sammeln), kenne auch ein paar seiner künstlerischen Fixsterne (Max Ernst und vor allem Richard Oelze, aber auch Grünewald, Breughel, Dürer, Hans Memling). Für ein paar Jahre kreuzten sich in der späten Kindheit und frühen Jugend unsere Biographien. Mathias, ein grandioser Zeichner schon damals, visualisierte unsere verquersten Phantasien, stets grundiert von der gerade auf dem deutschen Markt auftauchenden Jugendzeitschrift „MAD“ und deren sarkastisch zynischen Satiren (insbesondere Don Martin und Spion & Spion erinnere ich noch lebhaft); „Bravo“ registrierten wir noch nicht einmal, und dies mag als frühes unbewusstes Bekenntnis zu Verrücktheit und Ablehnung jeder Form von affirmativem Beifall gedeutet werden.

Wir betreten den Bahnhof durch die Hintertür. Auch ein stillgelegter Bahnhof bleibt ein Bahnhof, nach und nach schaltet Mathias die Lichter an, erste Szenerien tauchen aus dem Dunkel auf. „Ich verstehe nur Bahnhof“: Immer mal wollte ich nachschlagen, woher diese Redewendung kommt. Zweiter Gedanke: Hier könnte man gut einen „Tatort“ drehen, oder nein, besser noch einen „Kommissar“ in schwarzweiß. Wir begehen auch die Räume, die gar nicht Teil der Installation sind und dies doch zu sein scheinen, Räume voller Gerümpel, Toiletten, seit Jahren nicht mehr betreten, ein Fahrkartenschalter (wie sich später herausstellt, gibt es unverständlicherweise auf der anderen Seite des Gebäudes noch einen zweiten). Dann schlendern wir durch die eigentlichen Wunderkammern: Ein grauer Spind, rundherum die Wände mit alten und neuen Zeitungen tapeziert, ein Puzzle von Neuschwanstein, auf den Kopf gestellt. Noch wollen sich keine Assoziationen einstellen, auch wenn mir dünkt, ich hätte selbst einmal vor zig Jahren genau dieses Neuschwanstein-Puzzle zusammengesetzt.



Dann die „Spielzeugkammer“, aus noch mehr Teilen in detailversessener Kleinarbeit zusammengestellt.



Spielzeug, oder Spielwaren, nein: Spielzeug, auch wenn der Fetischcharakter der Ware in der Ausstellung ebenfalls überall präsent ist. Zeug also, Kram, Sammelsurium. Zugleich die Wortspuren „zeugen“, „bezeugen“, „Zeugnis ablegen“. In meiner Kindheit musste ich nur zwei Häuser weitergehen, um in einem höhlenartigen Spielzeugladen mich mit Nachschub für die Märklin-Eisenbahn zu versorgen, auch mit einem eigens für die Dampfloks produzierten Öl, das in den Schlot geträufelt, nicht nur Rauch, sondern auch einen sehr spezifischen Geruch erzeugte, der mir neulich völlig unerwartet mal wieder in die Nase stieg und die mit der Eisenbahn verbrachten Stunden evozierte. Dann Matchbox-Autos, Schuco-Klassiker (mit der Reminiszenz an Hermann Burgers letzten Roman „Brenner“), allerlei andere Autos, Donald-Figuren, Überraschungseier-Inhalte (diese schon aus jüngeren Zeit), Batman, Mecki, Lurchi. Anders als in Stillleben des Barock scheinen die Gegenstände nicht mit zugeordneten Bedeutungen beladen, wenngleich doch auch als Zeichen verwendet. Die scheinbar flohmarktartigen Anordnungen entpuppen sich bei näherer Betrachtung als strenge Arrangements, mal symmetrisch,



mal setzkastenartig (und damit den Schriftzeichencharakter der Spielsachen betonend),



mal als Anspielung auf die krude, von Siegfried Kracauer in „Das Ornament der Masse“ beschriebene Einsperrung des Individuums in zweckrationale Raster, wie sie vor allem von Leni Riefenstahl für die NS-Propaganda konfektioniert wurden:



Von hier ist es nur einen Schritt zu einem anderen Aspekt des Schaffens von Mathias. Diesen aber werde ich morgen betrachten.


Schelmuffsky und Dr. Sigurd Martin im Gespräch über dies und das

19.04.2010 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, Sie hatten im Vorfeld gesagt: Diesmal kein Interview, sondern ausnahmsweise mal ein richtiges Gespräch. Wie meinten Sie das?

Dr. Martin: Über Günther Anders haben wir ja schon das eine oder andere Mal gesprochen. Er hat sinngemäß einmal gesagt, dass das Interview der Tod des Gesprächs sei, und daran glaube ich auch. Von Günther Anders gibt es auch eine Kindergeschichte, die ich immer wieder gerne zitiere, und die vielleicht illustriert, worauf ich heute hinaus will:

„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. ‘Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen’, waren seine Worte. ‘Nun darfst du es nicht mehr,’ war deren Sinn. ‘Nun kannst du es nicht mehr’, deren Wirkung.“

Schelmuffsky: Ehrlich gesagt: Ich verstehe nur Bahnhof.

Dr. Martin: Also, heutzutage werden die Kinder ja ständig mit dem Auto rumkutschiert. Das lasse ich jetzt mal beiseite. Ich würde mich gerne heute mal ein wenig querfeldein herumtreiben, wenn’s recht ist.

Schelmuffsky: Gut ich mache mal einen Versuch. Heute vor fünf Jahren stieg in Rom weißer Rauch auf und es hieß – mein Latein ist zugegebenermaßen etwas eingerostet: Habemus Popanz.

Dr. Martin: Das ist jetzt nicht ihr Ernst! Also wir können über alles sprechen, über den Papst – es muss übrigens „papam“ heißen – spreche ich nicht, zumindest einstweilen nicht.

Schelmuffsky: Dann vielleicht lieber über den Mixa?

Dr. Martin: Schon eher. Der sagte ja dieser Tage: „Die eine oder andere Watsch’n kann ich nicht ausschließen. (…) Das war damals vollkommen normal.“ Also, das kann ich für meine Kindheit unbedingt bestätigen. Das liegt zwar noch länger zurück. Aber sanfte Heranführung an die christliche Nächstenliebe, das hat unser damaliger katholischer Pfarrer auch beherrscht. Später sprach man gerne von ihm als einem Original, und stimmt: Es gibt die eine oder andere witzige Anekdote von ihm zu berichten. Besonders originell war er allerdings auch darin, einem beizeiten beizubringen, die andere Wange auch noch hinzuhalten, also alles irgendwie eine geniale Mischung aus Altem und Neuem Testament.

Schelmuffsky: Können Sie das konkretisieren?

Dr. Martin: Ich erinnere, dass er mich in der – war es die erste Klasse der Volksschule? (so hieß das damals noch) ansprach, ob ich ihm nicht bis zur nächsten Stunde einen Rohrstock besorgen könne. Ich habe mich dann auch sehr, aber doch vergeblich bemüht, einen Stock zu besorgen. Irgendwie hat er auch ohne mich einen bekommen. Eine Spezialität waren die Kopfnüsse oder auch, dass er sich ab und an von hinten anschlich, die Backe (oder auch ein Ohr) zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und diese (s) dann so lange verdrehte, bis man die Englein gut singen hören konnte. Respekt. Das hat er damals auch ohne Ipod oder sonstiges Gerät super hingekriegt.

Schelmuffsky: Das ist ja nun zum Glück lange Geschichte.

Dr. Martin: Allerdings. So was macht heutzutage bestimmt niemand mehr. Mir fiel das ein, als ich jetzt den Mixa sprechen hörte. Diese Katholiken haben ja doch a. eine tolle Technik, alles zu verdrängen und b. das Verdrängte, wenn es dann doch rauskommt, schönzureden. Also da könnte selbst der Guido Westerwelle manchmal noch was lernen. Obwohl: Wenn ich’s recht bedenke. Der braucht da eigentlich nichts mehr dazuzulernen.

Schemuffsky: Querfeldein herumtreiben hatten Sie gesagt. Worüber wollen wir sprechen?

Dr. Martin: Es ist Frühling. Also, ich würde sagen. Sprechen wir mal über Vögel. Heute Mittag ging ich wieder in Frankfurt am Main spazieren. Da gibt es eine Gans, die hat ihre Eier Mitte Januar ausgebrütet. Das fand ich eine ziemliche abstruse Laune der Natur. Aber jetzt, wo die anderen Gänseküken kommen, sind die Januar-Küken schon fast erwachsen und werden bestimmt demnächst flügge. Die Gänsemutter kann jetzt den Frühling genießen. Das fand ich in den letzten Wochen spannend zu beobachten.
< Oder heute auf dem Heimweg: Da hörte ich zwei Vögel, gegensätzlicher geht es nicht. Die erste Nachtigall in diesem Jahr und den ersten Fasanenhahn. Während der Fasan nicht viel mehr zu Stande bringt als ein ziemlich schepperndes „Krööök“, ist der Gesang der Nachtigall, die ungleich unscheinbarer ist, für mich ungefähr das, was Bach unter den Komponisten, nämlich ziemlich großartig, was heißt ziemlich, nein: großartig. Schelmuffsky: Und die Nachtigall singt auch tagsüber?

Dr. Martin: Ja. Aber komischerweise ist die Wirkung nachts ungleich frappierender. Da singt so ein Vogel in hundert Meter Entfernung, und man denkt, er sitzt direkt neben dem Fenster.
Apropos Nacht: Der Himmel ist ja dieser Tage sehr speziell. Tagsüber fragt man sich schon: Wo sind denn all die Kondensstreifen geblieben. Aber der Nachthimmel: Ich bin dieser Nächte richtig ins Schwärmen geraten.

Schelmuffsky: Wiewohl einige sagen: Erst haben uns die Isländer bei der Bankenkrise reingeritten, und jetzt lassen sie auch noch einen Vulkan ausbrechen. Ich bin sicher, demnächst werden Stimmen laut, die Schadensersatz fordern.
Dr. Martin: Von mir aus kann der Eyjafjallajökull – toller Name, oder? – ruhig wie beim letzten Ausbruch noch ein paar Monate Asche spucken. Wenn ich an den Nachthimmel am Samstag denke: Das war phantastisch.

Schelmuffsky: Warum?

Dr. Martin: Zum einen: keine Blinklichter überall, sondern nur Naturhimmelskörper. Und dann eine sehr spezielle Mondsichel. Das kommt manchmal auch bei einer Mondfinsternis vor, dass der Mond selbst schwarz ist (der Mann im Mond ist verschwunden), aber eben doch nicht ganz, sondern fast wie eine nach innen strahlende Aura aussieht. So war das am Samstag. Da musste ich wieder über meine Arbeiten über Sprache und Bedeutungsauren nachdenken. Der späte Wittgenstein meint ja so ungefähr: Das Wort selbst habe gar keine Substanz im Sinne einer festen Bedeutung, sondern das Wort nehme die jeweilige Bedeutung in der jeweiligen Verwendung an, also im Sprachgebrauch.

Schelmuffsky: Wieder Bahnhof.

Dr. Martin: Das Wort ist nur eine leere Hülle, die ihre Füllung im Gebrauch bekommt. Und das ist dann die schillernde Aura. Daran dachte ich am Samstag.
Aber sprechen wir noch ein wenig von Vögeln. Gestern sind wir mit den Fahrrädern zu den Störchen hier in der Nähe gefahren. Ich finde das sehr schön, dass es hier Störche gibt. Und wie der Bischoff Mixa haben mich auch die Störche an was erinnert.

Schelmuffsky: Woran?

Dr. Martin: Ich muss mich erst noch ein wenig im Gelände rumtreiben. Neulich las ich Siri Hustvedt „Die zitternde Frau“, ein sehr lesenswertes Buch. Darin kommt sie auf ein Buch des Künstlers Jo Brainard mit dem Titel „I Remember“ zu sprechen, das aus Episoden bestehe, die alle mit dem Eintrag „Ich erinnere mich“ beginnen. Da dachte ich an eine Aussage der Übersetzerin Swetlana Geier (im Film „Die Frau mit den fünf Elefanten“) über die Problematik zu übersetzen. Sie illustriert das mit dem Fehlen von Akkusativobjekten im Russischen. Im Russischen könne man nicht sagen: Ich habe eine Tasse. Sondern: Die Tasse ist bei mir. Ich stehe unter dem Einfluss der Tasse. So ungefähr. „I remember“ mit „Ich erinnere mich“ zu übersetzen ist natürlich heikel, denn eigentlich müsste man ja übersetzen: Ich erinnere das und das… Das geht ja im Deutschen auch. Aber besser ist natürlich noch: Ich werde erinnert.

Schelmuffsky: Worauf wollen Sie hinaus?

Dr. Martin: Auch wenn Siri Hustvedt recht hat, dass alleine das Hinschreiben von „Ich erinnere“ (das „mich“ würde ich weglassen) schon Erinnerungen evoziert, so ist es doch häufiger so, dass die Umwelt uns erinnert (oder Prousts Madelaine). Also die Störche erinnerten mich an meine Kindheit, als es in meiner Heimatstadt bis in die Mitte der 60er Jahre Störche gab, die dann aber plötzlich wegblieben. Damals gab es sofort Gerüchte, irgendwelche jugendlichen Rowdys hätten mit Pfeil und Bogen auf die Störche geschossen. Als ich die Störche gestern sah, evozierten sie viel Vergessenes.

Schelmuffsky: Was?

Dr. Martin: Statt einer Antwort schweife ich wieder ab. Vorletzten Freitag kam im Ersten Programm ein sehenswerter, wenn auch furchtbarer Film. Ich meine die Dokumentation über den Genozid an den Armeniern. In meiner Kindheit konnte man durchaus noch oft die Redewendung „bis zur Vergasung“ hören. Das war nach Freud die Art, wie sich das Verdrängte Bahn brach. Als ich den Film sah, dachte ich, wie sehr die Redewendung „in die Wüste schicken“ wohl in der Türkei von heute verbreitet sein muss.
Ich rekapituliere kurz: Das Volk der Armenier wurde von Türken solange umhergetrieben und zum Schluss in die Wüste, bis es nahezu vollständig ausgerottet war. An einer Stelle im Film werden armenische Frauen – ihre Männer sind zu diesem Zeitpunkt längst alle tot und auch alle alten Leute und sehr viele Kinder – zitiert, dass sie zu den Helfern des Roten Kreuzes, die ihnen Brot geben wollten, gesagt haben sollen: Was sollen wir mit Brot (das die Kinder nicht essen konnten)? Gebt uns Gift, damit wir uns und unsere Kinder erlösen können. Das fand ich zutiefst erschütternd, weil es für mich der Inbegriff der Hoffnungslosigkeit ist. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ ist ein Satz, der nur allzu gerne mit einer gewissen Häme gebraucht wird. Hier starb die Hoffnung vorher.

Schelmuffsky: Ich assoziiere hier das Hörspiel „Das Schiff Esperanza“ von Fred von Hoerschelmann.

Dr. Martin: Und ich „Festianus Märtyrer“ von Günter Eich. Darüber aber sollten wir morgen sprechen. Und dann können wir auch gerne auf den Papst zurückkommen.

Schelmuffsky: Gut. Und gute Nacht.


Zur aktuellen Debatte über die Verschärfung des Jugendstrafrechts

16.01.2008 sm

Alexander Kluge zitiert in seinem steinbruchartigen, zugleich höchst interessanten Buch „Geschichte und Eigensinn“ das kürzeste und abgrundtief herzlose Märchen „Das eigensinnige Kind“ der Gebrüder Grimm:

Das eigensinnige Kind

Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt wurde und Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Ärmchen kamm immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.
(die Orthographie ist korrekt wiedergegeben)

Der Text zeugt von der so genannten „gesunden Härte“, die in diesem Fall eine tödliche ist. „Was uns nicht umbringt, das macht uns nur härter“: Schon immer habe ich mir die Frage gestellt, warum in der deutschen Literatur Kinder einer im internationalen Vergleich sonst unbekannten Herzlosigkeit ausgesetzt sind. „Max und Moritz“, der eine oder andere Text aus dem Struwwelpeter, „Hänsel und Gretel“ (eine frühe Fassung der „Mittagsfrau“ von Julia Franck), zahllos sind die Texte, in denen Kinder ausgesetzt, ermordet, gepeinigt werden. Ein bitteres Ende ist häufig, und auch das kennt man aus internationalen Kinderbuchklassikern kaum. Schaut man sich Tom Sawyer, Huckleberry Finn, Alice im Wunderland, Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf, Pinocchio und andere Kinderleitfiguren in der ausländischen Literatur an, so ist der Regelfall, dass aus zunächst widerständigen bzw. “weltfremden” Kindern später eigenverantwortliche Mitglieder der Gesellschaft werden, und dies, ohne dass zwischenzeitlich drakonische Strafen nötig gewesen wären.

Kinder in der deutschsprachigen Literatur dagegen werden oft so dargestellt, dass ausgemacht scheint: sie sind von Natur aus böse, und diese Natur muss mit allen (!) Mitteln gebrochen werden, notfalls unter Zuhilfenahme des vermeintlich göttlichen Willens.

Damit sollen die zunehmenden Probleme mit Jugendkriminalität keineswegs relativiert werden. Allerdings zeigt auch die Vergangenheit, dass eine nur auf Gewalt und Strafe fußende Erziehung (soweit man dies noch Erziehung nennen kann), wie sie beispielsweise aus vielen Texten der Weimarer Republik bekannt ist (mit den bekannten Folgen in der Nazi-Zeit), kaum ein Problem löst.

Die Politik drückt sich seit Jahrzehnten um ihre Verantwortung, Kinder werden seit Jahren nur noch als Absicherung der Sozialversicherungssysteme in der Zukunft gesehen, die Kindheit wird gleichzeitig sukzessive beseitig (siehe den Artikel zur Verkürzung der gymnasialen Schulzeit im aktuellen Spiegel).

Kennt Ihr einen internationalen Kinderbuchklassiker, der sich durch eine ähnliche Kälte auszeichnen würde wie die genannten Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum, so meldet Euch. Ich lese aber noch lieber von Büchern und Märchen, in denen alles gut geht, also bitte auch solche Texte benennen.

Herzliche Grüße

Schelmuffsky