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The Medium is the Massage: Ein Gespräch von Schelmuffsky mit Dr. Rainer Mumpitz über Medien

27.09.2011 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz, „The Medium is the Massage“ von Marshall McLuhan ist eine der bahnbrechenden und meistzitierten Arbeiten in der Medienwissenschaft. Sie haben sich damit beschäftigt.

Dr. Rainer Mumpitz: Genau. Bzw. genauer im Zusammenhang mit dem Medium Fernsehen.

Schelmuffsky: Was haben Sie herausgefunden?

Dr. Mumpitz: Das Fernsehen hat sich ja enorm verändert, sowohl technisch, als auch was das Programm angeht. Wie McLuhan sagt, war das Medium Fernsehen früher eindeutig in seiner Botschaft. In der Zeit des Röhrenfernsehens sagte man: „Ich gucke / schaue in die Röhre“, und allen war klar, was gemeint ist, nämlich lt. Wikipedia: „Ich gehe leer aus.“ bzw. „Ich werde benachteiligt.“ Oder eben: The medium is the message.

Schelmuffsky: Und dann kamen das Privatfernsehen und der Flachbildschirm.

Dr. Mumpitz: Exakt. Die Leere wurde sozusagen flach. Die Technik passte sich der Programmtiefe an, und die ist ja heute von einer Plattheit, dass selbst die neuesten Flachbildschirme irgendwie noch zu tief sind.

Schelmuffsky: Und wie ging es weiter?

Dr. Mumpitz: Das ist doch bekannt. Irgendwann sollte die flache Leere zumindest scharf sein, also erfand man HDTV. Und jüngst will man sozusagen die Quadratur des Kreises: Jetzt soll die flache Leere plötzlich dreidimensional erscheinen nach dem Motto: Die Hohlköpfe, die davor sitzen, sind ja schließlich auch dreidimensional.

Schelmuffsky: Ich las da neulich einen lustigen Beitrag auf Spiegel Spam über die „dritte Dimension“.

Dr. Mumpitz: Den habe ich auch gesehen. Der hat sehr treffend darauf hingewiesen, dass die meisten Menschen schlicht nicht mehr wissen, dass es eine dreidimensionale Welt neben der Flachbildschirm-Welt gibt. Deswegen sieht man auch so viele Menschen, wie sie Flachbildschirme und Displays streicheln. Ihnen gefällt die Zweidimensionalität.

Schelmuffsky: Die Zweidimensionalität ist ja an sich nichts Neues.

Dr. Mumpitz: Stimmt. Ich habe hier im April ja schon einmal meine Erfindung einer Brille erwähnt, mit der man alles zweidimensional sieht. Das eindimensionale Sehen von Westerwelle nachzustellen, ist mir allerdings bis heute nicht gelungen. Aber apropos Zweidimensionalität: Kennen Sie das Buch „Flächenland. Ein mehrdimensionaler Romans, verfaßt von einem alten Quadrat (Edwin A. Abbott)“?

Schelmuffsky: Aber natürlich. Das ist für einen Roman aus dem 19. Jahrhundert wirklich ein außergewöhnlich weitsichtiger Text. Ich glaube, wir sind auf dem besten Wege dorthin. Nur dass im Roman von Abbott der Erzähler der Zweidimensionalität in Richtung mehrdimensionaler Räume entflieht, während heutzutage ja alles auf den Punkt, nämlich den Standpunkt, den man einnimmt, hinausläuft.


Der Nonsinn-Adventskalender

15.12.2010 sm

Das Fensterchen zum 16. Dezember:



aus: Rhein Main ExtraTipp

Dies wäre natürlich wieder ein Fall für Thilo Bode. Mit was das Fleisch substituiert wird, erfährt man nicht, denn “pflanzliche Fette” kann ja soviel wie alles bedeuten. Warum dies Surrogat ausgerechnet etwas für “Ernährungsbewusste” sein soll, bleibt ebenfalls opak. Immerhin aber hat das Marketingprodukt unseren Wissenschaftsredakteur, Dr. Rainer Mumpitz, auf eine bahnbrechende Idee gebracht: Hirnplus. Lesen Sie hierzu das Interview mit ihm:

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz, was bedeutet Hirnplus.

Dr. Rainer Mumpitz: Bei Hirnplus wird körpereigenes Hirn durch naturidentisches Stroh ersetzt. Dies bringt für den Nutzer von Hirnplus eine Reihe von eklatanten Vorteilen.

Schelmuffsky: Welche?

Dr. Rainer Mumpitz: Studien mit ersten Probanten, die vor der Behandlung zur Grübelei neigten, zeigten, dass Hirnplus das exaltierte Nachdenken über alles Mögliche stoppt. Die Probanten waren umgehend glücklicher und bestätigten damit das berühmte Zitat von Erasmus von Rotterdam:
“Es tut halt so sauwohl, keinen Verstand zu haben, dass die Sterblichen um Erlösung von allen möglichen Nöten lieber bitten, als um Befreiung von der Torheit.”

Schelmuffsky: Das klingt verlockend. Welche Eigenschaften hat Hirnplus noch?

Dr. Rainer Mumpitz: Durch die Strohschicht wird das Resthirn gut gegen Kälte und Hitze geschützt. Ein Sonnenstich z. B. ist praktisch ausgeschlossen. Man kann stundenlang ohne Sonnenschutz in der Sonne bräunen.

Schelmuffsky: Gibt es auch irgendwelche Nebenwirkungen?

Dr. Rainer Mumpitz: Hirnplus-Behandelte klagen anfangs über Einschlafprobleme, da sie sich erst einmal an das Rascheln im Kopf gewöhnen müssen. Das geht aber sehr schnell.

Schelmuffsky: Welche Folgen hat Hirnplus für die Gesellschaft?

Dr. Rainer Mumpitz: Auch Sie werden ja schon häufiger bemerkt haben, dass es Unzählige gibt, die dringend auf Spenderhirn warten. Ihnen kann zukünftig mit der durch Hirnplus substituierten Hirnsubstanz geholfen werden.

Schelmuffsky: Das klingt in der Tat sensationell. Herr Dr. Mumpitz, vielen Dank für diese erhellenden Ausführungen.


Schelmuffsky im Gespräch mit Dr. Martin über Mallorca, vor allem aber über Albert Vigoleis Thelen

26.10.2010 sm

Schelmuffsky: Sie waren im Urlaub, heißt es.

Dr. Martin: Es heißt richtig, wenn es auch nicht ganz so heiß war, aber doch noch angenehm warm.

Schelmuffsky: Wo weilten Sie weiland, wenn ich fragen darf?

Dr. Martin: Auf der Insel des zweiten Gesichts.

Schelmuffsky: Aha, Vigoleis Thelen auf der Spur, nehme ich an.

Dr. Martin: Eher nicht, eher einfach so, aber dabei gehabt habe ich Thelen natürlich, und gelesen habe ich ihn auch wieder. Sowieso.

Schelmuffsky: Erzählen Sie mehr. Wie war Mallorca im Herbst?

Dr. Martin: Ich kannte es vorher nicht, bzw. eben nur aus dem erwähnten Roman von Vigoleis Thelen und aus George Sands „Ein Winter auf Mallorca“. Die Lektüre beider Bücher liegt schon Dezennien zurück. Von Thelen erinnerte ich immerhin noch die eine oder andere Episode, z. B. seine Monate im sogenannten ‘Turm der Uhr’, als er und seine Frau Beatrice aus purer Geldnot gezwungen waren, in der Zelle eines Bordells zu kampieren (und zu hungern), über sich keine Zimmerdecke, aber ein undichtes Dach, unter und über sich Scharen von Ratten, die alles anfraßen, was ihnen zwischen die Zähne kam, um sich herum 29 weitere Zellen, die aber der eigentlichen Bestimmung des Etablissements dienten, zumal zur Zeit der Corrida, wenn die Stierkämpfer in der Nacht vor ihrem womöglich letzten Auftritt zunächst im Flur des Bordells der heiligen Madonna opferten und dann in die Zellen zogen und für jene Geräuschkulisse sorgten, die umso hörbarer war, als es eben keine Decke über den Zellen gab. Das ist nur eine von wirklich zahllosen Geschichten. Unmöglich sich alle zu merken. Allerdings ist das Buch, obwohl Landschafts- oder Ortsbeschreibungen eher selten sind, ein guter Cicerone für die Insel.

Schelmuffsky: Wollen wir jetzt über Mallorca sprechen oder über Thelen?

Dr. Martin: Wenn Sie so direkt fragen, über Thelen, aber dabei sprechen wir dann beiläufig auch über Mallorca. „Die Insel des zweiten Gesichts“ war für mich wie für viel zu wenige andere eine der großen Entdeckungen in der deutschsprachigen Literatur. Sprachlich mindestens auf der Höhe des Puij Major, die Erzählungen ungefähr so verschlungen wie die Fahrt von Soller nach Sa Calobra, allerdings mit noch größeren Abgründen am Weg, auf jeder Seite Wörter eingestreut, die man noch nie gehört oder gelesen hat, dito Aphorismen wie bei den besten Aphoristikern, dazu noch Erörterungen über Philosophie, Literatur, die politische Situation in der Herankunft Hitlers und Francos, vor dem Thelen und seine Frau schließlich 1936 nach fünf bewegten und bewegenden Jahren auf der Insel fliehen mussten. Also ich kenne kein vielseitigeres Buch und zudem kaum eines, bei dessen Lektüre ich ähnlich oft gelacht hätte.

Schelmuffsky: Können Sie vielleicht Beispiele geben?

Dr. Martin: Z. B. Aphorismen:

„Jede Kirche, die Weltanspruch erhebt, muß über Leichen gehen, will sie sich nicht selber ins Grab schaufeln. Das ist eine bittere, aber grausame Wahrheit. Nur wen es trifft, muß weinen. Wir weinten damals auch.“ (S. 303)

Oder über die Probleme einer adäquaten Beschreibung:
„Die Schönheit des menschlichen Antlitzes ist unbegrenzt, mögen die Mittel noch so beschränkt sein, sie im Wort oder im Bilde darzustellen. Das Einmalige ist immer auf den Abklatsch angewiesen, wollen wir es vielen zugänglich machen.“ (S. 78)

Wobei man hier sagen muss: Die Art und Weise, wie Thelen beschreibt, ist selbst wieder ziemlich einmalig.

Oder:
„Sobald ein Mensch diese Uniform anlegt, hört er auf zu sein, was er ist.“ (S. 422)

Oder:
„Homo homini homo.“ (S. 406)
Das ist vielleicht der beste Aphorimus.

Schelmuffsky: Danke. Das reicht für ein bisschen Nachdenken. Ich schlage vor, wir sprechen morgen weiter.

Dr. Martin: Wie Sie wünschen. In der Zwischenzeit können Sie sich fortbilden auf http://www.vigoleis.de/


Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke: Teil 2 des Gesprächs mit Dr. Rainer Mumpitz

23.08.2010 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz, Sie haben am Ende unseres letzten Gesprächs angedeutet, dass Sie eine Lösung für das Problem der Endlagerung von Atommüll haben.

Mumpitz: Genau. Zunächst aber würde ich gerne etwas von meinem Hobby erzählen, das jüngst bahnbrechende Erkenntnisse zeitigte.

Schelmuffsky: Wir hören.

Mumpitz: Ich interessiere mich seit meiner Kindheit für den Mond.

Schelmuffsky: Aha. „Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen, am Himmel hell und klar usw.“

Mumpitz: Das ist zwar eines der schönsten deutschen Lieder, aber nehmen Sie mich vielleicht nicht ganz ernst?

Schelmuffsky: Doch, doch, unbedingt. Erzählen Sie weiter.

Mumpitz: Ich beobachte und fotografiere also seit über 40 Jahren den Mond. Nach ungefähr 20 Jahren dachte ich zum ersten Mal: Hoppla, der schrumpft ja. Der Verdacht hat sich später immer mehr erhärtet, und Vermessungen meiner Fotos haben dann eindeutig ergeben, dass der Mond in den letzten 40 Jahren um genau 0,0004 mm geschrumpft ist.

Schelmuffsky: Auf den Fotos.

Mumpitz: Nein, der Mond selbst. Die Ergebnisse wurden jüngst publiziert. Berechnungen haben ergeben, dass der Mond in der letzten Milliarde Jahre um 100 m geschrumpft ist.

Schelmuffsky: Das Thema „Große Zahlen“ hatten wir zwar schon einmal, aber worauf wollen Sie hinaus?

Mumpitz: Der Mann im Mond hat durch die Schrumpfung Falten bekommen, die man auf Fotos sogar erkennen kann. Deswegen sieht er heute so vergrämt aus, dass kein Romantiker mehr auf die Idee käme, ihn zu besingen.

Schelmuffsky: Können wir vielleicht langsam mal zum Thema kommen.

Mumpitz: Wir sind schon mitten drin. Sie kennen die Redewendung: Ich könnte Dich zum Mond schießen. Dich, nämlich den Atommüll. Ich plädiere schon lange dafür, die Raumfahrt endlich einem sinnvollen Zweck zuzuführen und habe auch schon oftmals gefordert, den Müll, den man auf Erden nicht loswird, einfach ins All zu schießen.

Schelmuffsky: Das klingt sehr vernünftig.

Mumpitz: Ist es auch. Keine Sitzblockaden mehr, kein Ärger mit irgendwelchen Anwohnern. Den Atommüll einfach in Raketen und dann ab dafür in Richtung Sonne oder am besten raus aus unserem Sonnensystem. So mein Gedanke früher. Jetzt denke ich, warum nicht auf den Mond damit, die Falten mit dem Müll füllen, bis der Mann im Mond wieder in alter jugendlicher Frische strahlt. Da schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Und wenn das Problem der Endlagerung gelöst hat, spricht natürlich nichts mehr dagegen, neue AKWs zu bauen. Es spricht sogar einiges dafür.

Schelmuffsky:Was zum Beispiel?

Mumpitz: Die Sicherung des Weltfriedens. Wenn die Industrienationen das ganze Uran friedlich verbrauchen, bleibt natürlich nichts mehr übrig für den Iran, Nordkorea und andere zwielichtige Staaten

Schelmuffsky: Ich sehe schon. Sie haben wirklich wegweisende Ideen. Worüber wollen wir demnächst sprechen?

Mumpitz: Keine Ahnung. Ich überlege mir was.

Schelmuffsky: Gut, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke: ja oder doch?

20.08.2010 sm

Schelmuffsky im Gespräch mit dem neuen Leiter der Wissenschaftsredaktion von nonsinn.de, Dr. Rainer Mumpitz:

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz, wir sind natürlich froh, dass wir Sie für nonsinn.de gewinnen konnten.

Mumpitz: Da ich weiterhin wie viele andere Wissenschaftler nebenher unabhängige Gutachten für alle schreiben darf, die gut zahlen, übernehme ich die neue Aufgabe gerne.

Schelmuffsky: Sie waren an der renommierten Universität von Schelmerode. In ihrer Dissertation „Die Unsinkbarkeit der Titanic“ entwickeln Sie einen völlig neuen wissenschaftlichen Ansatz, der Ihnen jetzt bei der Beurteilung der Debatte zur Laufzeitverlängerung der AKWs zu Gute kommt. Vielleicht sagen Sie dazu ein paar Worte.

Mumpitz: Man muss, so meine Theorie, alle Beteiligten eines Prozesses in den Blick nehmen. Die Titanic war unsinkbar, nur: Der Eisberg wusste das nicht. Hätte die Titanic kenntlich gemacht, dass sie unsinkbar ist, hätte sich der Eisberg anders verhalten und es wäre nicht zur Katastrophe gekommen.

Schelmuffsky: Das klingt absolut einleuchtend. Aber was hat das mit AKWs zu tun? Vielleicht erklären Sie das unseren Lesern.

Mumpitz: In einem unabhängigen Gutachten, das ich gerade für die großen Stromkonzerne schreibe, komme ich zu dem Ergebnis, dass die AKWs genau solange absolut, um nicht zu sagen, todsicher sind, wie sich ihr Betrieb wirtschaftlich lohnt.

Schelmuffsky: Aha.

Mumpitz: AKWs sind ja, anders als die philosophierende Bombe in John Carpenters Dark Star – das ist nebenbei einer meiner Lieblingsfilme – , ziemlich dumme Technik. Sage einem AKW, dass es gar nicht explodieren kann, und es wird dies glauben und nicht lange rumargumentieren.

Schelmuffsky: Aber es gibt doch immer wieder mal Zwischenfälle und Probleme.

Mumpitz: Ja nun. AKWs sind auch ziemlich betagte Bauwerke mit einer noch betagteren Technik. In meiner Jugend fotografierte ich mit einer Kodak Instamatic mit Blitzwürfeln, sah fern an einem Schwarz-Weiß- Röhrenfernseher, hatte einen Kassettenrekorder mit Schiebereglern, schrieb auf einer mechanischen Schreibmaschine, fuhr später mit einer Ente. Genau in diesem Umfeld wurden die meisten AKW gebaut. Beschaffen Sie mal Ersatzteile für eine Ente.

Schelmuffsky: Also daher rühren die Probleme.

Mumpitz: Schauen Sie mal: Allein die Glühbirnenverordnung ist natürlich ein Schuss ins Knie der Atomindustrie, denn bald wird es keine roten und grünen Glühbirnchen für die Kontrollzentralen mehr geben.

Schelmuffsky: Was kann man da machen?

Mumpitz: Man kann entweder, wie bei den ersten Käfern, wieder Winker statt Blinker einbauen, die mit ihrem Winken warnen: Achtung, Kernschmelze im Gange. Oder man kann, und diesem Rat ist die Atomindustrie gefolgt, alle Restbestände der weißen Glühbirnchen aufkaufen und diese dann rot und grün anmalen.

Schelmuffsky: Das klingt ein wenig improvisiert, aber effektiv.

Mumpitz: Die Besatzung des Raumschiffs in Dark Star muss ja nach jahrzehntelangem Flug auch ein wenig improvisieren. Besinnen wir uns auf unsere Tugenden. Wegschmeißen kann jeder.

Schelmuffsky: Die AKWs sind also sicher.

Mumpitz: Was wir jetzt brauchen, ist ein verantwortungsvoller Politiker wie Norbert Blüm, der klipp und klar sagt: Die Atomkraftwerke sind sicher.

Schelmuffsky: War das nicht bei den Renten, auf die Sie anspielen, auch eine Lüge?

Mumpitz: Blüm hat getreu einem Aphorismus von Adorno* aber seine eigene Lüge geglaubt und war gerade deswegen so überzeugend.

Schelmuffsky: Sie sprechen sich also für eine unbegrenzte Laufzeitverlängerung aus?

Mumpitz: Unbedingt. Neulich war ich im Technikmuseum in Berlin. Da sah ich dann wieder mal diese sinnliche Technik von früher, mit Knöpfen, Schaltern und Schiebereglern usw. Das kann man wahrscheinlich sonst nur noch in AKWs finden. Stellen Sie sich vor: Tag der offenen Tür. Die Kinder dürfen mal ein wenig an den Reglern drehen, und erfahren dann ganz sinnlich, wie die Temperatur steigt usw. Das ist doch toll in einer Zeit, wo selbst die Stellwerke an Bahnhöfen computergesteuert sind.

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz. Danke für diese erhellenden Ausführungen. Vielleicht sollten wir in den nächsten Tagen über das entscheidende Thema der Endlagerung der Atomabfälle sprechen.

Mumpitz: Sehr gerne. Auch dafür habe ich ein Konzept.

* “Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.”
Theodor W. Adorno – Minima Moralia


Schelmuffsky spricht mit Gott

05.08.2010 sm

Schelmuffsky: Guten Tag. Es ist mir peinlich, aber ich habe weder bei Knigge noch sonst wo einen Hinweis gefunden, wie man Sie angemessen anspricht.

Gott: Nur keine Umstände. Sagen Sie einfach Gott und „Sie“.

Schelmuffsky: Gut Gott. Ich freue mich sehr, dass Sie ausgerechnet mich für ein letztes Gespräch ausgesucht haben.

Gott: Ich hatte natürlich ein sehr lukratives Angebot von der „Vier-Buchstaben-Zeitung“, aber was glauben die eigentlich: Dass ich auf Geld scharf wäre? So sehr Mensch bin ich dann doch nie geworden. Außerdem werde ich einem Blatt, das dauernd gegen meine Gebote verstößt, allen voran gegen das das achte, einem Blatt, das zudem 2. Mose 20.4 schon im Titel negiert, also so einem Organ werde ich fernbleiben. Sollen andere Prominente es beliefern, ich nicht. Außerdem wollte ich ja möglichst wenig Aufhebens um meinen Rückzug aus der Öffentlichkeit machen. Und da nonsinn.de ja so gut wie keine Leser hat, schien mir dies der geeignete Ort für einen letzten Auftritt.

Schelmuffsky: Sie sind zurückgetreten. Da kommt natürlich sofort der Verdacht auf, dass Sie amtsmüde sind.

Gott: Ach, überdrüssig bin ich schon ein paar Tausend Jahre. Ich wollte mir ja eigentlich eine Freude bereiten mit der Schöpfung, so ähnlich wie ein Kind, das spielt. Was dabei rausgekommen ist, wissen Sie.

Schelmuffsky: Bereuen Sie also Ihre Schöpfung?

Gott: Nur der Papst ist unfehlbar und braucht ergo nichts zu bereuen. Bei mir ist das anders. Dass ich den sechsten Tag der Schöpfung bereue, steht ja schon in der Bibel (1. Mose 6,6).

Schelmuffsky: Sonst noch was?

Gott: Viel. Die Sintflut bzw. dass ich da meinte, jemand überleben lassen zu müssen. Am meisten vielleicht diese komische Wette mit dem Teufel. Der Teufel ist ja verglichen mit vielen Menschen ein ziemlich armseliges Würstchen. Dass ich ausgerechnet wegen einer Wette mit ihm einen der wenigen Aufrechten versucht und ruiniert habe – ich meine Noah –, werde ich mir nie verzeihen. Dann das eine oder andere der im Neuen Testament beschriebenen Wunder, das waren ja nur – heute würde man sagen: Marketingmaßnahmen. Schließlich, das haben Sie oder Herr Martin gesprächsweise auch schon ab und an als fragwürdig bezeichnet Matthäus 8, 22: “Lasset die Toten die Toten begraben.” Wenn die Menschheit sich in etwas bemerkenswert von den meisten Tieren unterscheidet, dann in den früher gültigen Begräbniskulten (heute ist ja auch das eine Frage des Geldes). Dass ich das einfach negiert habe, ist natürlich heikel.

Schelmuffsky: Von Marie von Ebner-Eschenbach stammt der Aphorismus: „Es würde sehr wenig Böses auf Erden getan werden, wenn das Böse niemals im Namen des Guten getan werden könnte.“ Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber könnte hier nicht genauso gut „im Namen Gottes“ stehen?

Gott: Doch, unbedingt. Ich habe das ja schon in der Rücktrittserklärung gesagt. Das größte Ärgernis für mich ist, wer sich heutzutage, aber auch schon früher, auf mich beruft, vermeintlich in meinem Namen handelt. Damit es diese Rechtfertigung ein für alle mal nicht mehr gibt, das war für mich ein wichtiger Beweggrund, der Erde den Rücken zu kehren.

Schelmuffsky: Was wollen Sie jetzt tun?

Gott: Ehrlich gesagt: Ich weiß es noch nicht. Vielleicht erst einmal ein paar Tausend Jahre ruhen und meditieren. Die Menschheit ist auch für Gott anstrengend.

Schelmuffsky: Gibt es auch etwas, das Sie vermissen werden?

Gott: Ich habe ja alle schönen Dinge in mir aufgenommen, die Musik von Bach z. B., insofern brauche ich nichts missen.

Schelmuffsky: Was wird aus dem Erlösungsversprechen und einigen anderen Ankündigungen, die die Zukunft betreffen?

Gott: Keine Ahnung. Momentan hat mich eine große Gleichgültigkeit erfasst. Die Menschheit soll jetzt erst einmal sich und die Schöpfung ruinieren, und dann sehen wir weiter.

Schelmuffsky: Das klingt pessimistisch.

Gott: Haben Sie auch nur die geringste Hoffnung, dass die Menschheit irgendwann nicht eigennützig, sondern vernünftig handeln könnte?

Schelmuffsky: Zugegeben, nein.

Gott: Also! Dieser verbreitete Zweckoptimismus hat die Misere ja zum größten Teil mitverursacht.

Schelmuffsky: Was raten Sie denen, die ehrlich an Sie geglaubt und in Ihrem Sinne gehandelt haben?

Gott: So sehr viele sind das ja nicht. Aber wenn Sie wirklich in meinem Sinne handeln, dann tun sie es ja ohne Hintergedanken und auch ohne Hoffnung, und dann ändert sich für sie nicht viel.

Schelmuffsky: Werden Sie eine Autobiographie schreiben?

Gott: Es gab da ja schon einmal eine vermeintliche Autobiographie, geschrieben von einem gewissen Franco Ferrucci. Aber zurück zu Ihrer Frage: Definitiv nein, das habe ich nicht vor.

Schelmuffsky: Sind Sie dann „mal weg“ oder für immer?

Gott: Das weiß ich noch nicht.

Schelmuffsky: Gott, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Anmerkung: Es wurde hier nur ein winziger Auszug eines sehr umfangreichen Gesprächs veröffentlicht. Nonsinn.de behält sich vor, demnächst weitere Ausschnitte zu publizieren.


Fortsetzung des Gesprächs

27.04.2010 sm

Dr. Martin: Jetzt sind doch wieder ein paar Tage mehr ins Land gegangen seit unserem Gespräch. Was sagen Sie eigentlich zum Rücktrittsangebot von Mixa?

Schelmuffsky: Hat der Papst das eigentlich schon angenommen? Das ist ja das Interessanteste an diesem Ratz.. eh, Papst Benekdikt, dass er auch noch bei den größten (Schw…-) Priestern (Mixa hat ja neben den paar „Watschen“, wie man dieser Tage in der Presse lesen konnte, noch viel mehr Dreck am Stecken) gehörig ins Grübeln kommt. Ich denke hier auch an das Rumgeeiere in Sachen Exkommunikation vor und zurück von einem wie Bischof Richard Williamson. Auf der anderen Seite war und ist Benedikt nie zimperlich gewesen, wenn es darum ging, einem Mitglied der Befreiungskirche in Lateinamerika an den Karren zu fahren oder einen katholischen Priester zu exkommunizieren, weil er mit einem evangelischen Pfarrer gemeinsam ein Abendmahl ausrichtete.

Dr. Martin: Bevor Sie sich zu sehr echauffieren, kehren wir lieber zurück zu unserem letzten Thema: Hoffnung. Ich fange an. „Festianus Märtyrer“ von Günter Eich. Das passt eigentlich ziemlich gut. Worum geht es? Festianus ist im Himmel angekommen und bereits heilig gesprochen. Wie er meint, eher aus Zufall. Nur weil er aus einer Laune heraus im Zirkus landete und von Löwen gefressen wurde, hält er die Heiligsprechung nicht für gerechtfertigt (Wie wohl Benedikt, mit seinem verantwortungslosen Gerede über Verhütung und Enthaltsamkeit mitverantwortlich für die Ausbreitung von AIDS und anderem in Afrika, auf seine Heiligsprechung reagieren würde?) Schlimmer noch: Er vermisst im Himmel seine Freunde, die alle in der Hölle gelandet sind. Günter Eich prangert an anderer Stelle die Mitleidlosigkeit von Noah an und setzte sich eingehend mit dem anstößigsten Text der Bibel (Hiob) auseinander. Festianus und Eich geht es darum, dass ein Himmel für Ausgewählte kein Himmel sein kann. Deswegen geht Festianus in hinab in die Hölle und auf die Suche nach Freunden. Nach einem Disput mit dem Teufel entscheidet er sich zum Bleiben. Die Schlusssequenz lautet:
Festianus: Das Paradies ist nicht mehr endgültig.
Belial: Still! Auch bei uns werden keine Zweifel am Paradiese geduldet. Das verbietet die gegenseitige Abhängigkeit.
Festianus: Und wenn das Paradies nicht endgültig ist –
Belial: Halt ein!
Festianus: – so ist es auch die Hölle nicht.
Belial böse: Für dich endgültig, Festianus. Wir werden dafür sorgen, dasß dir keine Zweifel kommen.
Festianus: Du hast verspielt.
Belial während der Lärm der Hölle wieder beginnt: Laß alle Hoffnung fahren!
Festianus: Sie fährt, Belial. Ein Boot, das uns alle aufnimmt. Schon mühsamer: Auch dich.

Schelmuffsky: Die Zeile „Laß alle Hoffnung fahren“ kenne ich doch irgendwoher.
Dr. Martin: Sie stammt aus Dantes „Göttlicher Komödie“: “Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!” – Die Göttliche Komödie, Inferno III, 9 (Original ital.: “Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!”)
Hoffnung, speranza, Esperanza. Im Deutschen – und auch im Englischen – gefällt mir der Anklang von „offen“: Hoffnung hat ja etwas mit einer offenen Zukunft zu tun. So lange man hofft, scheint vieles möglich, und sobald die Hoffnung entfällt, schließt sich eine Situation. Die in die Hölle Eintretenden sollen gewiss sein: jetzt gibt es keine offene Zukunft mehr. Dagegen aber opponieren Festianus und Eich. Bloch wollte die Hoffnung zum Prinzip erheben und erntete dafür Kritik von Adorno, ob zu Recht, darüber will ich jetzt nicht spekulieren.
Wir könnten noch kurz über den Unterschied von Hoffnung und Erwartung sprechen.

Schelmuffsky: Nur zu.

Dr. Martin: Die Erwartung war für mich immer objektbezogener. Man erwartet etwas. Man kann zwar auch sagen: Ich hoffe auf etwas. Aber dennoch scheint mir der Zustand der Hoffnung weiter, offener.

Schelmuffsky: „Sie fährt, Belial. Ein Boot, das uns alle aufnimmt.“ Das ist doch eigentlich eine ganz gute Überleitung zu Fred von Hoerschelmanns Hörspiel „Das Schiff Esperanza“.
Dr. Martin: Also ich weiß ja nicht. Das Hörspiel fand ich immer etwas holzschnittartig. Kann gut sein, dass bei Eich ein Anklang mitschwingt (sein Hörspiel ging fünf Jahre später auf Sendung). Allerdings ist ihm der Zynismus, der in Hoerschelmanns Hörspiel der Hoffnung unterlegt wird, ziemlich fremd. Ihm geht es ja auch um grundsätzlichere Fragestellungen.

Schelmuffsky: Na gut, Themenwechsel. Was lesen und hören Sie denn so zurzeit. Irgendwelche Empfehlungen?

Dr. Martin: Ich lese ziemlich wahllos in früher einmal gelesenen Büchern rum. Gerade in Thomas Strittmatters grandiosem Provinzroman „Raabe Baikal“, für mich neben „Lilar“ von Roderich Feldes und „Mein Hund, meine Sau, mein Leben“ von Arnold Stadler ein wirklich großartiger Text über das Leben abseits der großen Städte. Grandios witzig ist er auch. Also wenn Sie mal wieder was zum Lachen und Weinen haben wollen, ergeht hier ein Lesebefehl.

Schelmuffsky: Und hören?
Dr. Martin: Auch viel altes Zeug. Gerade habe ich so eine Pink Floyd-Phase, diese Platten aus der Roger Waters-Zeit: „Dark Side of the Moon“, „Wish You Were Here“, „Atomheart Mother“ usw., samt und sonders völlig inkompatibel mit iTunes. Daneben Zappa, Georges Brassens (deren Texte ich gleichmaßen schätze). Das reicht vielleicht für heute.

Schelmuffsky: Ja. Gute Nacht.

Dr. Martin: Zum Schluss vielleicht noch eine Szene aus „Raabe Baikal“, die an ein anderes Lieblingsbuch von mir erinnert („The Poor Mouth“ von Flann O’Brien):

Der Junge Fieber, den Raabe im Internat kennenlernt, fängt angesichts der Schweinswürste auf dem Mittagstisch an zu phantasieren:
„Auf dem Hof haben sie große Säue, so sprach es aus ihm, die fressen alles und viel, auch ihre Jungen; wenn wir nicht aufpassen, beißen sie sich und fressen sich gegenseitig. Sie sind dumm und halten nicht rein. Überall scheißen sie hin und suhlen sich in ihrem Kot. Aber sie haben auch die kleinen Schweine, die sind zwar wählerisch beim Fressen, dafür stinken sie nicht, sie koten nur in die Ecke und wälzen sich nicht im Kot, sie beißen sich nicht, sind klug und hören zu, wenn man mit ihnen spricht. Wenn man an ihren Stall herantritt, dann stellen sie sich auf zwei Beine wie ein Mensch und richten sich auf und schauen dich an und stellen die Ohren und hören dir zu.
Die Kannibalen in Neuguinea, sagte Fieber weiter, dürfen heutzutage nur noch Schweine essen. Das Wort für Schwein hieß eben Schein, das Wort für Mensch hieß nicht Mensch, sondern Langschwein.
So ist das, die kleinen Schweine, wenn du sie in einen Anzug steckst, könnten als Mensch gelten. (genau das passiert in „The Poor Mouth“, S. M.)
Im Winter sei es so kalt gewesen, daß der Bauer das kranke Ferkel zu seiner Frau, einer Wöchnerin, ins Bett gelegt habe, damit es schön warmliege und bald gesund werde. Da kann die Nachbarin die Bäuerin besuchen und Wein bringen, sah das Ferkel neben der Wöchnerin und sagte Eieiei, der Kleine, wie aus dem Gesicht geschnitten, ganz der Vater.“

Wie sind wir bloß vom Anfang des Gesprächs hierher geraten?


Schelmuffsky und Dr. Sigurd Martin im Gespräch über dies und das

19.04.2010 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, Sie hatten im Vorfeld gesagt: Diesmal kein Interview, sondern ausnahmsweise mal ein richtiges Gespräch. Wie meinten Sie das?

Dr. Martin: Über Günther Anders haben wir ja schon das eine oder andere Mal gesprochen. Er hat sinngemäß einmal gesagt, dass das Interview der Tod des Gesprächs sei, und daran glaube ich auch. Von Günther Anders gibt es auch eine Kindergeschichte, die ich immer wieder gerne zitiere, und die vielleicht illustriert, worauf ich heute hinaus will:

„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. ‘Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen’, waren seine Worte. ‘Nun darfst du es nicht mehr,’ war deren Sinn. ‘Nun kannst du es nicht mehr’, deren Wirkung.“

Schelmuffsky: Ehrlich gesagt: Ich verstehe nur Bahnhof.

Dr. Martin: Also, heutzutage werden die Kinder ja ständig mit dem Auto rumkutschiert. Das lasse ich jetzt mal beiseite. Ich würde mich gerne heute mal ein wenig querfeldein herumtreiben, wenn’s recht ist.

Schelmuffsky: Gut ich mache mal einen Versuch. Heute vor fünf Jahren stieg in Rom weißer Rauch auf und es hieß – mein Latein ist zugegebenermaßen etwas eingerostet: Habemus Popanz.

Dr. Martin: Das ist jetzt nicht ihr Ernst! Also wir können über alles sprechen, über den Papst – es muss übrigens „papam“ heißen – spreche ich nicht, zumindest einstweilen nicht.

Schelmuffsky: Dann vielleicht lieber über den Mixa?

Dr. Martin: Schon eher. Der sagte ja dieser Tage: „Die eine oder andere Watsch’n kann ich nicht ausschließen. (…) Das war damals vollkommen normal.“ Also, das kann ich für meine Kindheit unbedingt bestätigen. Das liegt zwar noch länger zurück. Aber sanfte Heranführung an die christliche Nächstenliebe, das hat unser damaliger katholischer Pfarrer auch beherrscht. Später sprach man gerne von ihm als einem Original, und stimmt: Es gibt die eine oder andere witzige Anekdote von ihm zu berichten. Besonders originell war er allerdings auch darin, einem beizeiten beizubringen, die andere Wange auch noch hinzuhalten, also alles irgendwie eine geniale Mischung aus Altem und Neuem Testament.

Schelmuffsky: Können Sie das konkretisieren?

Dr. Martin: Ich erinnere, dass er mich in der – war es die erste Klasse der Volksschule? (so hieß das damals noch) ansprach, ob ich ihm nicht bis zur nächsten Stunde einen Rohrstock besorgen könne. Ich habe mich dann auch sehr, aber doch vergeblich bemüht, einen Stock zu besorgen. Irgendwie hat er auch ohne mich einen bekommen. Eine Spezialität waren die Kopfnüsse oder auch, dass er sich ab und an von hinten anschlich, die Backe (oder auch ein Ohr) zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und diese (s) dann so lange verdrehte, bis man die Englein gut singen hören konnte. Respekt. Das hat er damals auch ohne Ipod oder sonstiges Gerät super hingekriegt.

Schelmuffsky: Das ist ja nun zum Glück lange Geschichte.

Dr. Martin: Allerdings. So was macht heutzutage bestimmt niemand mehr. Mir fiel das ein, als ich jetzt den Mixa sprechen hörte. Diese Katholiken haben ja doch a. eine tolle Technik, alles zu verdrängen und b. das Verdrängte, wenn es dann doch rauskommt, schönzureden. Also da könnte selbst der Guido Westerwelle manchmal noch was lernen. Obwohl: Wenn ich’s recht bedenke. Der braucht da eigentlich nichts mehr dazuzulernen.

Schemuffsky: Querfeldein herumtreiben hatten Sie gesagt. Worüber wollen wir sprechen?

Dr. Martin: Es ist Frühling. Also, ich würde sagen. Sprechen wir mal über Vögel. Heute Mittag ging ich wieder in Frankfurt am Main spazieren. Da gibt es eine Gans, die hat ihre Eier Mitte Januar ausgebrütet. Das fand ich eine ziemliche abstruse Laune der Natur. Aber jetzt, wo die anderen Gänseküken kommen, sind die Januar-Küken schon fast erwachsen und werden bestimmt demnächst flügge. Die Gänsemutter kann jetzt den Frühling genießen. Das fand ich in den letzten Wochen spannend zu beobachten.
< Oder heute auf dem Heimweg: Da hörte ich zwei Vögel, gegensätzlicher geht es nicht. Die erste Nachtigall in diesem Jahr und den ersten Fasanenhahn. Während der Fasan nicht viel mehr zu Stande bringt als ein ziemlich schepperndes „Krööök“, ist der Gesang der Nachtigall, die ungleich unscheinbarer ist, für mich ungefähr das, was Bach unter den Komponisten, nämlich ziemlich großartig, was heißt ziemlich, nein: großartig. Schelmuffsky: Und die Nachtigall singt auch tagsüber?

Dr. Martin: Ja. Aber komischerweise ist die Wirkung nachts ungleich frappierender. Da singt so ein Vogel in hundert Meter Entfernung, und man denkt, er sitzt direkt neben dem Fenster.
Apropos Nacht: Der Himmel ist ja dieser Tage sehr speziell. Tagsüber fragt man sich schon: Wo sind denn all die Kondensstreifen geblieben. Aber der Nachthimmel: Ich bin dieser Nächte richtig ins Schwärmen geraten.

Schelmuffsky: Wiewohl einige sagen: Erst haben uns die Isländer bei der Bankenkrise reingeritten, und jetzt lassen sie auch noch einen Vulkan ausbrechen. Ich bin sicher, demnächst werden Stimmen laut, die Schadensersatz fordern.
Dr. Martin: Von mir aus kann der Eyjafjallajökull – toller Name, oder? – ruhig wie beim letzten Ausbruch noch ein paar Monate Asche spucken. Wenn ich an den Nachthimmel am Samstag denke: Das war phantastisch.

Schelmuffsky: Warum?

Dr. Martin: Zum einen: keine Blinklichter überall, sondern nur Naturhimmelskörper. Und dann eine sehr spezielle Mondsichel. Das kommt manchmal auch bei einer Mondfinsternis vor, dass der Mond selbst schwarz ist (der Mann im Mond ist verschwunden), aber eben doch nicht ganz, sondern fast wie eine nach innen strahlende Aura aussieht. So war das am Samstag. Da musste ich wieder über meine Arbeiten über Sprache und Bedeutungsauren nachdenken. Der späte Wittgenstein meint ja so ungefähr: Das Wort selbst habe gar keine Substanz im Sinne einer festen Bedeutung, sondern das Wort nehme die jeweilige Bedeutung in der jeweiligen Verwendung an, also im Sprachgebrauch.

Schelmuffsky: Wieder Bahnhof.

Dr. Martin: Das Wort ist nur eine leere Hülle, die ihre Füllung im Gebrauch bekommt. Und das ist dann die schillernde Aura. Daran dachte ich am Samstag.
Aber sprechen wir noch ein wenig von Vögeln. Gestern sind wir mit den Fahrrädern zu den Störchen hier in der Nähe gefahren. Ich finde das sehr schön, dass es hier Störche gibt. Und wie der Bischoff Mixa haben mich auch die Störche an was erinnert.

Schelmuffsky: Woran?

Dr. Martin: Ich muss mich erst noch ein wenig im Gelände rumtreiben. Neulich las ich Siri Hustvedt „Die zitternde Frau“, ein sehr lesenswertes Buch. Darin kommt sie auf ein Buch des Künstlers Jo Brainard mit dem Titel „I Remember“ zu sprechen, das aus Episoden bestehe, die alle mit dem Eintrag „Ich erinnere mich“ beginnen. Da dachte ich an eine Aussage der Übersetzerin Swetlana Geier (im Film „Die Frau mit den fünf Elefanten“) über die Problematik zu übersetzen. Sie illustriert das mit dem Fehlen von Akkusativobjekten im Russischen. Im Russischen könne man nicht sagen: Ich habe eine Tasse. Sondern: Die Tasse ist bei mir. Ich stehe unter dem Einfluss der Tasse. So ungefähr. „I remember“ mit „Ich erinnere mich“ zu übersetzen ist natürlich heikel, denn eigentlich müsste man ja übersetzen: Ich erinnere das und das… Das geht ja im Deutschen auch. Aber besser ist natürlich noch: Ich werde erinnert.

Schelmuffsky: Worauf wollen Sie hinaus?

Dr. Martin: Auch wenn Siri Hustvedt recht hat, dass alleine das Hinschreiben von „Ich erinnere“ (das „mich“ würde ich weglassen) schon Erinnerungen evoziert, so ist es doch häufiger so, dass die Umwelt uns erinnert (oder Prousts Madelaine). Also die Störche erinnerten mich an meine Kindheit, als es in meiner Heimatstadt bis in die Mitte der 60er Jahre Störche gab, die dann aber plötzlich wegblieben. Damals gab es sofort Gerüchte, irgendwelche jugendlichen Rowdys hätten mit Pfeil und Bogen auf die Störche geschossen. Als ich die Störche gestern sah, evozierten sie viel Vergessenes.

Schelmuffsky: Was?

Dr. Martin: Statt einer Antwort schweife ich wieder ab. Vorletzten Freitag kam im Ersten Programm ein sehenswerter, wenn auch furchtbarer Film. Ich meine die Dokumentation über den Genozid an den Armeniern. In meiner Kindheit konnte man durchaus noch oft die Redewendung „bis zur Vergasung“ hören. Das war nach Freud die Art, wie sich das Verdrängte Bahn brach. Als ich den Film sah, dachte ich, wie sehr die Redewendung „in die Wüste schicken“ wohl in der Türkei von heute verbreitet sein muss.
Ich rekapituliere kurz: Das Volk der Armenier wurde von Türken solange umhergetrieben und zum Schluss in die Wüste, bis es nahezu vollständig ausgerottet war. An einer Stelle im Film werden armenische Frauen – ihre Männer sind zu diesem Zeitpunkt längst alle tot und auch alle alten Leute und sehr viele Kinder – zitiert, dass sie zu den Helfern des Roten Kreuzes, die ihnen Brot geben wollten, gesagt haben sollen: Was sollen wir mit Brot (das die Kinder nicht essen konnten)? Gebt uns Gift, damit wir uns und unsere Kinder erlösen können. Das fand ich zutiefst erschütternd, weil es für mich der Inbegriff der Hoffnungslosigkeit ist. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ ist ein Satz, der nur allzu gerne mit einer gewissen Häme gebraucht wird. Hier starb die Hoffnung vorher.

Schelmuffsky: Ich assoziiere hier das Hörspiel „Das Schiff Esperanza“ von Fred von Hoerschelmann.

Dr. Martin: Und ich „Festianus Märtyrer“ von Günter Eich. Darüber aber sollten wir morgen sprechen. Und dann können wir auch gerne auf den Papst zurückkommen.

Schelmuffsky: Gut. Und gute Nacht.


Interview der Woche: Sexismus in der Werbung, Prostitution als Lebenshaltung

06.03.2010 sm

Schelmuffsky: Eigentlich denkt man jedes Mal (so wie neulich beim Punkteplakat; siehe “Die neue Ehrlichkeit”): Sexistischer, dämlicher und vulgärer geht es nicht mehr. Und wird dann doch spätestens ein paar Tage später eines Besseren belehrt.

Dr. Martin: Stimmt. Ab und an schaue ich noch fern. Wie überall in den Medien präsentieren sich auch dort ständig irgendwelche vermeintlichen weiblichen Promis, die sich gerade für den Playboy ausgezogen haben, mit den Worten, sie seien ja so mächtig stolz auf ihren Körper und hätten das ihren Eltern, dem Partner, den Kindern oder dem Papst zu liebe getan.

Schelmuffsky: Ich bekam heute eine Werbebeilage von Karstadt in die Hand gedrückt. Eigentlich dachte ich, Karstadt sei letztes Jahr auch pleite gegangen. Weit gefehlt. Also hier erst einmal ein Blick auf die bisher sexistischste, dämlichste und vulgärste Werbung, die mir bislang in die Augen stach (wir sprechen uns nächste Woche wieder):

Groesse-zaehlt

Zunächst einmal muss man ja festhalten, dass hier für Nintendo-Konsolen geworben wird, also Spielgeräte, die üblicherweise von 7 – 13-Jährigen gekauft oder gewünscht werden.
Welches geniale Werbehirn den Zusammenhang von Melonen und … ersonnen hat, wird leider nicht vermerkt. Jedenfalls könnte man wahrscheinlich mit wenigen Eingriffen eine einschlägige Kleinanzeige im Wochenblättchen (z. B. für den Swingerclub im nächsten Dorf) daraus machen.

Dr. Martin: Und was lehrt uns das? Prostitution ist überall und längst zur gängigen Lebenspraxis geworden. Ich müsste das mal wieder bei Walter Benjamin nachlesen. Spontan fällt mir nur das Zitat aus dem “Passagenwerk” ein:

„Die Liebe zur Prostituierten ist die Apotheose der Einfühlung in die Ware.“
Walter Benjamin, Passagenwerk I, 637

Und an einer anderen Stelle schreibt Benjamin, wenn ich mich recht erinnere, dass die Prostiutierte “die Verkäuferin und Ware in einem” sei. Wenn man sich beispielsweise die Plakate ansieht mit Heidi Klum im Bordsteinschwalben-Look (vgl. Ernest Bornemann – Sex im Volksmund. Der obszöne Wortschatz der Deutschen, Stichwort “Prostitution”: Unterrubrik “Straßenmädchen”), die gerade überall rumhängen, dann wird sofort klar, dass hier Ernst gemacht wird mit Benjamins Charakterisierung der Prostituerten, nur dass an die Stelle des vermeintlich Antibürgerlichen (da war auch schon damals viel Idealisierung im Spiel), die die Prostituierte zu einer bevorzugten Bildfigur des Expressionismus werden ließ (z. B. bei Kirchner), jene eiskalte Glätte getreten ist, die augenfällig macht: Hier ist die Frau nicht nur zur Ware geworden, die sich selbst verkauft, sondern auch in einem Maße verdinglicht, dass wir gleich wieder über Günter Anders sprechen könnten.

Schelmuffsky: Und gleichzeitig ist eine allgemeine Verbiederung zu konstatieren.

Dr. Martin: Verbiederung und Vulgarität haben sich noch nie gegenseitig ausgeschlossen. Im Gegenteil. Aber auch zum Thema “Verbiederung und Medien” findet man bei Anders schon einige bis heute gültige Aussagen und auch zum Thema Verdinglichung und Scham, die allenfalls noch verspürt wird, wenn die Verdinglichung nicht klappt und man nicht das perfekte Produkt von diversen Verschönerungen geworden ist, das man sich erträumt hat. In “Der Mensch als Phantom und Matrize”, einem Aufsatz aus dem Jahre 1956 (!), schreibt Günter Anders über eine Frau, die zum Film will und sich dafür diversen “Schönheits-”Operationen und anderen Torturen unterzieht:

“Nachdem sie dieses Leben ein halbes Jahr geführt und ihren alten Adam und ihre alte Eva so hatte bearbeiten lassen, bis von dieser wirklich nichts mehr da war; und als nun in ungeahntem Glanze der neue Mensch: das Phantom, aus ihr aufgestiegen war – die Epiphanie trat etwa vor ungefähr vor vierzehn Tagen ein – da machte sich nun also zum zweiten Male auf den Weg zu ihrem Phantomhändler (= der Filmproduzent; S.M.). Daß sie es war, die da loszog, ist freilich keine genaue Aussage. Mit ihrem neuen Haar, ihrer neuen Nase, ihrer neuen Figur, ihrem neuen Gang, ihrem neuen Lächeln (oder vielmehr mit altem, längst gesehen Haar, mit überall gesehener Nase, mit überall gesehenem Lächeln) war sie eine Fertigware, ein unbestimmter Artikel, eine völlig andere; ‘alle anderen’. ‘Um so besser’, behauptete sie, und sie hatte wohl recht.”

In der Tat wird sie beim Film genommen und – wie Anders schreibt -, steigt “zum Range einer Matrize für Matrizen auf”. Und die Matrizenwesen sehen wir allenthalben und auch die verzweifelten Versuche, zu Matrizen für Matrizen zu werden.

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin. Ich danke Ihnen für das Gespräch und bin sicher, dass wir schon nächste Woche über die nächsten Werbeanschläge auf den guten Geschmack sprechen könnten.


Interview zum Thema „Die neue Ehrlichkeit“

14.02.2010 sm

Schelmuffsky sprach mit Dr. Sigurd Martin (Leiter von IFALUG, Institut für angewandte Lebensfreude und Gebrauchszynismus)

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, wir haben hier neulich eine Reihe zum Thema „Die neue Ehrlichkeit” begonnen. Wie sehen Sie das?

Dr. Martin: Die sieht man doch allenthalben. Nehmen wir z. B. Guido Westerwelle, der die „geistig-moralische Wende“ ankündigte, eine Millionenspende einer Hotelkette hin- oder mitnahm und dann das Gesetz zur Halbierung des Mehrwertsteuersatzes für Hotelübernachtungen forcierte. Da kann man vielleicht in Abwandlung von Adornos berühmtem Aphorismus sagen: Es gibt kein ehrliches Leben im verlogenen. Wie dreist die FDP dann aber auch noch behauptete, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun: Das spricht schon sehr für die neue Ehrlichkeit.
Schelmuffsky: Unser Plakat als Beispiel für eine neue Ehrlichkeit in der Werbung hat Sie also nicht überzeugt?

Dr. Martin: Doch, doch. Tendenziell haben die Menschen wahrscheinlich die Nase voll von dieser geleckten Welt, die uns da jahrelang als die schöne neue präsentiert wurde, während im Hintergrund einige wenige die Dinge so drehten, dass Milliarden von der Mittelschicht in ihre Taschen wanderten. Ich will jetzt nicht auf die Finanzwelt zu sprechen kommen, aber vielleicht beiläufig hier einen Buchtipp dazu loswerden: Wolfgang Eichborn / Dirk Sollte – Das Kartenhaus Weltfinanzsystem. Mit diesem Buch habe ich zum ersten Mal so richtig verstanden, was mit dem Satz gemeint ist: Der Laie raubt die Bank aus, der Profi gründet eine Bank.

Schelmuffsky: Kommen wir mal zurück zum Thema Ehrlichkeit. Haben Sie vielleicht ein Beispiel.

Dr. Martin: Neulich fuhr ich mit dem ICE nach München. Und da kam dann auch ein – wie heißt das heute? Das Wort Schaffner wurde ja in den letzten Jahren abgeschafft …

Schelmuffsky: Zugbegleiter.

Dr. Martin: Zugbegleiter genau, das ist natürlich alles schon Neusprech. Also der kam da sehr fröhlich durch den Wagen gelaufen, geradezu übermütig, und fragte nach den Fahrscheinen. Darauf mehrere Fahrgäste: Warum sind Sie denn so fröhlich? Worauf er: Ich bin ein serviceorientierter Mitarbeiter der Deutschen Bahn und mein Unternehmen erwartet von mir Freundlichkeit gegenüber den Kunden.
Das fand ich irgendwie sympathisch subversiv. Wie ich überhaupt gerne mal, so lange diese nicht auch durch Automaten ersetzt werden, eine Typologie der Schaffner / Zugbegleiter schreiben würde. Die werden wahrscheinlich alle von ihrem Unternehmen mit einem Sprachbaustein-Handbuch gepeinigt, das ihnen vorschreibt, was sie in welcher Situation sagen sollen, und doch spricht aus vielen noch irgendwie eine Authentizität, die man sonst nicht mehr zu hören bekommt.

Schelmuffsky: Schon gar nicht auf den Bahnsteigen, auf denen man ja fast nur noch diese Automatenstimmen hört.

Dr. Martin: Stimmt! Das ist natürlich grässlich, zumal, wenn ich überlege, welche Stimmen in den Lautsprecheransagen früher manchmal auf den Bahnsteigen zu hören waren. Da wurden z. B. im Frankfurter Hauptbahnhof selbst die sogenannten „Störungen im Betriebsablauf“ (Neusprech für „Wir sind mal wieder unfähig.“) zuweilen mit einem Schlafzimmertimbre hingehaucht, dass einem alles egal war. Ein vielstimmiger Chor aus dialektalen Färbungen und Charakteren, bei dem man noch wusste, dass die Stimmen nicht aus der Konserve kamen.
Ich lese gerade ein Buch von Martin Seel mit dem Titel „Theorien“. Ich bin da ganz unvoreingenommen drangegangen, vielleicht sogar eher positiv gestimmt, weil ich ein Faible für aphoristisches Schreiben habe. Aber dann las ich darin Sätze wie diese hier, die mir doch sehr gegen den Strich gehen:
„…Moral ist der Schutz der Teilnahme am menschlichen Leben, ganz egal, wie die, die unter diesem Schutz stehen, zu dieser Teilnahme stehen, ganz egal auch, aus welchem Stoff diese Teilnehmer gemacht sind. Sobald wir Roboter wie unseresgleichen behandeln, weil sie sich um ihre Existenz – sowohl untereinander als auch uns gegenüber – zu sorgen beginnen, gehören auch sie zum Kreis der Unsrigen hinzu. Von der DNA allein hängt hier nichts ab.“

Schelmuffsky: Was stört Sie daran?

Dr. Martin: Abgesehen davon, dass man den Begriff „Moral“ eigentlich nicht mehr verwenden kann – mir war er schon immer suspekt – (aber vor allem heutzutage: siehe oben Westerwelle), werden hier völlig affirmativ Grenzen verwischt, auf deren Aufrechterhaltung ich unbedingt beharren würde, weil wir sonst die letzten Bastionen der Subjektivität schleifen und dadurch eigentlich jedes Unterscheidungskriterium für Wahrheit und Lüge wegfällt. Die Roboter beginnen sich untereinander und uns gegenüber zu sorgen und gehören deswegen zum Kreis der Unsrigen: Ich würde bei diesen Sätzen von einem Theoriesurrogat sprechen, wie es ja auch um Surrogate geht, Mensch gemachte Automaten, die überall an die Stelle von Menschen rücken. Das Ersetzen der Menschen durch Automaten (z. B. jüngst in der Altenpflege) aus zumeist rein wirtschaftlichen Überlegungen kann man vielleicht moralisch bewerten, auch wenn das natürlich nicht viel bringt, die Maschinen aber selbst der Sphäre der Moral zuzurechnen und ihnen die Fähigkeit zur Sorge zu unterstellen, halte ich für gewagt. Im Grunde muss man nur ein paar Male die Verzweiflung durchlebt haben, die sich sehr schnell einstellt, wenn man in den endlosen Schleifen eines sogenannten sprachgesteuerten Helpdesks alles bekommt (z. B. einen Wutanfall), nur nicht Hilfe. Das mit Sorge in Verbindung zu bringen, ist einfach abwegig. Wenn Sie mal ein gutes Buch zum Thema lesen wollen: Günther Anders – Die Antiquiertheit des Menschen. Das ist auch nach über 50 Jahren aktuell und vor allem sprachlich und begrifflich präzise.

Schelmuffsky: Noch mal zurück zum Thema Ehrlichkeit: Habe ich Sie richtig verstanden, Sie sehen da ziemlich schwarz.

Dr. Martin: Zur Zeit eher blau-gelb. Aber Spaß beiseite: Ich sehe schon, dass in weiten Kreisen der Gesellschaft das Gefühl vorherrscht, seit Jahrzehnten von den gewählten Repräsentanten und den Regierungen betrogen worden zu sein, im Zweifel auch vom Anlageberater der Bank. Insofern gibt es sicherlich heute ein größeres Bedürfnis nach Ehrlichkeit. Um diese zu erreichen, müssten allerdings berufene Kreise (Journalisten, Wissenschaftler, Intellektuelle allgemein) wieder eine Aufgabe ernst nehmen, die in Zeiten der Spaßkultur verpönt war. Ich meine die Aufgabe, Fragen und in Frage zu stellen und die, kritisch zu bewerten. Kritik, ein ähnlich ausgestorbenes Wort wie „Schaffner“, muss endlich wiederbelebt werden.

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, ich danke Ihnen für das Gespräch.