Artikel-Schlagworte: „Günther Anders“

Schelmuffsky und Dr. Sigurd Martin im Gespräch über dies und das

19.04.2010 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, Sie hatten im Vorfeld gesagt: Diesmal kein Interview, sondern ausnahmsweise mal ein richtiges Gespräch. Wie meinten Sie das?

Dr. Martin: Über Günther Anders haben wir ja schon das eine oder andere Mal gesprochen. Er hat sinngemäß einmal gesagt, dass das Interview der Tod des Gesprächs sei, und daran glaube ich auch. Von Günther Anders gibt es auch eine Kindergeschichte, die ich immer wieder gerne zitiere, und die vielleicht illustriert, worauf ich heute hinaus will:

„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. ‘Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen’, waren seine Worte. ‘Nun darfst du es nicht mehr,’ war deren Sinn. ‘Nun kannst du es nicht mehr’, deren Wirkung.“

Schelmuffsky: Ehrlich gesagt: Ich verstehe nur Bahnhof.

Dr. Martin: Also, heutzutage werden die Kinder ja ständig mit dem Auto rumkutschiert. Das lasse ich jetzt mal beiseite. Ich würde mich gerne heute mal ein wenig querfeldein herumtreiben, wenn’s recht ist.

Schelmuffsky: Gut ich mache mal einen Versuch. Heute vor fünf Jahren stieg in Rom weißer Rauch auf und es hieß – mein Latein ist zugegebenermaßen etwas eingerostet: Habemus Popanz.

Dr. Martin: Das ist jetzt nicht ihr Ernst! Also wir können über alles sprechen, über den Papst – es muss übrigens „papam“ heißen – spreche ich nicht, zumindest einstweilen nicht.

Schelmuffsky: Dann vielleicht lieber über den Mixa?

Dr. Martin: Schon eher. Der sagte ja dieser Tage: „Die eine oder andere Watsch’n kann ich nicht ausschließen. (…) Das war damals vollkommen normal.“ Also, das kann ich für meine Kindheit unbedingt bestätigen. Das liegt zwar noch länger zurück. Aber sanfte Heranführung an die christliche Nächstenliebe, das hat unser damaliger katholischer Pfarrer auch beherrscht. Später sprach man gerne von ihm als einem Original, und stimmt: Es gibt die eine oder andere witzige Anekdote von ihm zu berichten. Besonders originell war er allerdings auch darin, einem beizeiten beizubringen, die andere Wange auch noch hinzuhalten, also alles irgendwie eine geniale Mischung aus Altem und Neuem Testament.

Schelmuffsky: Können Sie das konkretisieren?

Dr. Martin: Ich erinnere, dass er mich in der – war es die erste Klasse der Volksschule? (so hieß das damals noch) ansprach, ob ich ihm nicht bis zur nächsten Stunde einen Rohrstock besorgen könne. Ich habe mich dann auch sehr, aber doch vergeblich bemüht, einen Stock zu besorgen. Irgendwie hat er auch ohne mich einen bekommen. Eine Spezialität waren die Kopfnüsse oder auch, dass er sich ab und an von hinten anschlich, die Backe (oder auch ein Ohr) zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und diese (s) dann so lange verdrehte, bis man die Englein gut singen hören konnte. Respekt. Das hat er damals auch ohne Ipod oder sonstiges Gerät super hingekriegt.

Schelmuffsky: Das ist ja nun zum Glück lange Geschichte.

Dr. Martin: Allerdings. So was macht heutzutage bestimmt niemand mehr. Mir fiel das ein, als ich jetzt den Mixa sprechen hörte. Diese Katholiken haben ja doch a. eine tolle Technik, alles zu verdrängen und b. das Verdrängte, wenn es dann doch rauskommt, schönzureden. Also da könnte selbst der Guido Westerwelle manchmal noch was lernen. Obwohl: Wenn ich’s recht bedenke. Der braucht da eigentlich nichts mehr dazuzulernen.

Schemuffsky: Querfeldein herumtreiben hatten Sie gesagt. Worüber wollen wir sprechen?

Dr. Martin: Es ist Frühling. Also, ich würde sagen. Sprechen wir mal über Vögel. Heute Mittag ging ich wieder in Frankfurt am Main spazieren. Da gibt es eine Gans, die hat ihre Eier Mitte Januar ausgebrütet. Das fand ich eine ziemliche abstruse Laune der Natur. Aber jetzt, wo die anderen Gänseküken kommen, sind die Januar-Küken schon fast erwachsen und werden bestimmt demnächst flügge. Die Gänsemutter kann jetzt den Frühling genießen. Das fand ich in den letzten Wochen spannend zu beobachten.
< Oder heute auf dem Heimweg: Da hörte ich zwei Vögel, gegensätzlicher geht es nicht. Die erste Nachtigall in diesem Jahr und den ersten Fasanenhahn. Während der Fasan nicht viel mehr zu Stande bringt als ein ziemlich schepperndes „Krööök“, ist der Gesang der Nachtigall, die ungleich unscheinbarer ist, für mich ungefähr das, was Bach unter den Komponisten, nämlich ziemlich großartig, was heißt ziemlich, nein: großartig. Schelmuffsky: Und die Nachtigall singt auch tagsüber?

Dr. Martin: Ja. Aber komischerweise ist die Wirkung nachts ungleich frappierender. Da singt so ein Vogel in hundert Meter Entfernung, und man denkt, er sitzt direkt neben dem Fenster.
Apropos Nacht: Der Himmel ist ja dieser Tage sehr speziell. Tagsüber fragt man sich schon: Wo sind denn all die Kondensstreifen geblieben. Aber der Nachthimmel: Ich bin dieser Nächte richtig ins Schwärmen geraten.

Schelmuffsky: Wiewohl einige sagen: Erst haben uns die Isländer bei der Bankenkrise reingeritten, und jetzt lassen sie auch noch einen Vulkan ausbrechen. Ich bin sicher, demnächst werden Stimmen laut, die Schadensersatz fordern.
Dr. Martin: Von mir aus kann der Eyjafjallajökull – toller Name, oder? – ruhig wie beim letzten Ausbruch noch ein paar Monate Asche spucken. Wenn ich an den Nachthimmel am Samstag denke: Das war phantastisch.

Schelmuffsky: Warum?

Dr. Martin: Zum einen: keine Blinklichter überall, sondern nur Naturhimmelskörper. Und dann eine sehr spezielle Mondsichel. Das kommt manchmal auch bei einer Mondfinsternis vor, dass der Mond selbst schwarz ist (der Mann im Mond ist verschwunden), aber eben doch nicht ganz, sondern fast wie eine nach innen strahlende Aura aussieht. So war das am Samstag. Da musste ich wieder über meine Arbeiten über Sprache und Bedeutungsauren nachdenken. Der späte Wittgenstein meint ja so ungefähr: Das Wort selbst habe gar keine Substanz im Sinne einer festen Bedeutung, sondern das Wort nehme die jeweilige Bedeutung in der jeweiligen Verwendung an, also im Sprachgebrauch.

Schelmuffsky: Wieder Bahnhof.

Dr. Martin: Das Wort ist nur eine leere Hülle, die ihre Füllung im Gebrauch bekommt. Und das ist dann die schillernde Aura. Daran dachte ich am Samstag.
Aber sprechen wir noch ein wenig von Vögeln. Gestern sind wir mit den Fahrrädern zu den Störchen hier in der Nähe gefahren. Ich finde das sehr schön, dass es hier Störche gibt. Und wie der Bischoff Mixa haben mich auch die Störche an was erinnert.

Schelmuffsky: Woran?

Dr. Martin: Ich muss mich erst noch ein wenig im Gelände rumtreiben. Neulich las ich Siri Hustvedt „Die zitternde Frau“, ein sehr lesenswertes Buch. Darin kommt sie auf ein Buch des Künstlers Jo Brainard mit dem Titel „I Remember“ zu sprechen, das aus Episoden bestehe, die alle mit dem Eintrag „Ich erinnere mich“ beginnen. Da dachte ich an eine Aussage der Übersetzerin Swetlana Geier (im Film „Die Frau mit den fünf Elefanten“) über die Problematik zu übersetzen. Sie illustriert das mit dem Fehlen von Akkusativobjekten im Russischen. Im Russischen könne man nicht sagen: Ich habe eine Tasse. Sondern: Die Tasse ist bei mir. Ich stehe unter dem Einfluss der Tasse. So ungefähr. „I remember“ mit „Ich erinnere mich“ zu übersetzen ist natürlich heikel, denn eigentlich müsste man ja übersetzen: Ich erinnere das und das… Das geht ja im Deutschen auch. Aber besser ist natürlich noch: Ich werde erinnert.

Schelmuffsky: Worauf wollen Sie hinaus?

Dr. Martin: Auch wenn Siri Hustvedt recht hat, dass alleine das Hinschreiben von „Ich erinnere“ (das „mich“ würde ich weglassen) schon Erinnerungen evoziert, so ist es doch häufiger so, dass die Umwelt uns erinnert (oder Prousts Madelaine). Also die Störche erinnerten mich an meine Kindheit, als es in meiner Heimatstadt bis in die Mitte der 60er Jahre Störche gab, die dann aber plötzlich wegblieben. Damals gab es sofort Gerüchte, irgendwelche jugendlichen Rowdys hätten mit Pfeil und Bogen auf die Störche geschossen. Als ich die Störche gestern sah, evozierten sie viel Vergessenes.

Schelmuffsky: Was?

Dr. Martin: Statt einer Antwort schweife ich wieder ab. Vorletzten Freitag kam im Ersten Programm ein sehenswerter, wenn auch furchtbarer Film. Ich meine die Dokumentation über den Genozid an den Armeniern. In meiner Kindheit konnte man durchaus noch oft die Redewendung „bis zur Vergasung“ hören. Das war nach Freud die Art, wie sich das Verdrängte Bahn brach. Als ich den Film sah, dachte ich, wie sehr die Redewendung „in die Wüste schicken“ wohl in der Türkei von heute verbreitet sein muss.
Ich rekapituliere kurz: Das Volk der Armenier wurde von Türken solange umhergetrieben und zum Schluss in die Wüste, bis es nahezu vollständig ausgerottet war. An einer Stelle im Film werden armenische Frauen – ihre Männer sind zu diesem Zeitpunkt längst alle tot und auch alle alten Leute und sehr viele Kinder – zitiert, dass sie zu den Helfern des Roten Kreuzes, die ihnen Brot geben wollten, gesagt haben sollen: Was sollen wir mit Brot (das die Kinder nicht essen konnten)? Gebt uns Gift, damit wir uns und unsere Kinder erlösen können. Das fand ich zutiefst erschütternd, weil es für mich der Inbegriff der Hoffnungslosigkeit ist. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ ist ein Satz, der nur allzu gerne mit einer gewissen Häme gebraucht wird. Hier starb die Hoffnung vorher.

Schelmuffsky: Ich assoziiere hier das Hörspiel „Das Schiff Esperanza“ von Fred von Hoerschelmann.

Dr. Martin: Und ich „Festianus Märtyrer“ von Günter Eich. Darüber aber sollten wir morgen sprechen. Und dann können wir auch gerne auf den Papst zurückkommen.

Schelmuffsky: Gut. Und gute Nacht.


Interview der Woche: Sexismus in der Werbung, Prostitution als Lebenshaltung

06.03.2010 sm

Schelmuffsky: Eigentlich denkt man jedes Mal (so wie neulich beim Punkteplakat; siehe “Die neue Ehrlichkeit”): Sexistischer, dämlicher und vulgärer geht es nicht mehr. Und wird dann doch spätestens ein paar Tage später eines Besseren belehrt.

Dr. Martin: Stimmt. Ab und an schaue ich noch fern. Wie überall in den Medien präsentieren sich auch dort ständig irgendwelche vermeintlichen weiblichen Promis, die sich gerade für den Playboy ausgezogen haben, mit den Worten, sie seien ja so mächtig stolz auf ihren Körper und hätten das ihren Eltern, dem Partner, den Kindern oder dem Papst zu liebe getan.

Schelmuffsky: Ich bekam heute eine Werbebeilage von Karstadt in die Hand gedrückt. Eigentlich dachte ich, Karstadt sei letztes Jahr auch pleite gegangen. Weit gefehlt. Also hier erst einmal ein Blick auf die bisher sexistischste, dämlichste und vulgärste Werbung, die mir bislang in die Augen stach (wir sprechen uns nächste Woche wieder):

Groesse-zaehlt

Zunächst einmal muss man ja festhalten, dass hier für Nintendo-Konsolen geworben wird, also Spielgeräte, die üblicherweise von 7 – 13-Jährigen gekauft oder gewünscht werden.
Welches geniale Werbehirn den Zusammenhang von Melonen und … ersonnen hat, wird leider nicht vermerkt. Jedenfalls könnte man wahrscheinlich mit wenigen Eingriffen eine einschlägige Kleinanzeige im Wochenblättchen (z. B. für den Swingerclub im nächsten Dorf) daraus machen.

Dr. Martin: Und was lehrt uns das? Prostitution ist überall und längst zur gängigen Lebenspraxis geworden. Ich müsste das mal wieder bei Walter Benjamin nachlesen. Spontan fällt mir nur das Zitat aus dem “Passagenwerk” ein:

„Die Liebe zur Prostituierten ist die Apotheose der Einfühlung in die Ware.“
Walter Benjamin, Passagenwerk I, 637

Und an einer anderen Stelle schreibt Benjamin, wenn ich mich recht erinnere, dass die Prostiutierte “die Verkäuferin und Ware in einem” sei. Wenn man sich beispielsweise die Plakate ansieht mit Heidi Klum im Bordsteinschwalben-Look (vgl. Ernest Bornemann – Sex im Volksmund. Der obszöne Wortschatz der Deutschen, Stichwort “Prostitution”: Unterrubrik “Straßenmädchen”), die gerade überall rumhängen, dann wird sofort klar, dass hier Ernst gemacht wird mit Benjamins Charakterisierung der Prostituerten, nur dass an die Stelle des vermeintlich Antibürgerlichen (da war auch schon damals viel Idealisierung im Spiel), die die Prostituierte zu einer bevorzugten Bildfigur des Expressionismus werden ließ (z. B. bei Kirchner), jene eiskalte Glätte getreten ist, die augenfällig macht: Hier ist die Frau nicht nur zur Ware geworden, die sich selbst verkauft, sondern auch in einem Maße verdinglicht, dass wir gleich wieder über Günter Anders sprechen könnten.

Schelmuffsky: Und gleichzeitig ist eine allgemeine Verbiederung zu konstatieren.

Dr. Martin: Verbiederung und Vulgarität haben sich noch nie gegenseitig ausgeschlossen. Im Gegenteil. Aber auch zum Thema “Verbiederung und Medien” findet man bei Anders schon einige bis heute gültige Aussagen und auch zum Thema Verdinglichung und Scham, die allenfalls noch verspürt wird, wenn die Verdinglichung nicht klappt und man nicht das perfekte Produkt von diversen Verschönerungen geworden ist, das man sich erträumt hat. In “Der Mensch als Phantom und Matrize”, einem Aufsatz aus dem Jahre 1956 (!), schreibt Günter Anders über eine Frau, die zum Film will und sich dafür diversen “Schönheits-”Operationen und anderen Torturen unterzieht:

“Nachdem sie dieses Leben ein halbes Jahr geführt und ihren alten Adam und ihre alte Eva so hatte bearbeiten lassen, bis von dieser wirklich nichts mehr da war; und als nun in ungeahntem Glanze der neue Mensch: das Phantom, aus ihr aufgestiegen war – die Epiphanie trat etwa vor ungefähr vor vierzehn Tagen ein – da machte sich nun also zum zweiten Male auf den Weg zu ihrem Phantomhändler (= der Filmproduzent; S.M.). Daß sie es war, die da loszog, ist freilich keine genaue Aussage. Mit ihrem neuen Haar, ihrer neuen Nase, ihrer neuen Figur, ihrem neuen Gang, ihrem neuen Lächeln (oder vielmehr mit altem, längst gesehen Haar, mit überall gesehener Nase, mit überall gesehenem Lächeln) war sie eine Fertigware, ein unbestimmter Artikel, eine völlig andere; ‘alle anderen’. ‘Um so besser’, behauptete sie, und sie hatte wohl recht.”

In der Tat wird sie beim Film genommen und – wie Anders schreibt -, steigt “zum Range einer Matrize für Matrizen auf”. Und die Matrizenwesen sehen wir allenthalben und auch die verzweifelten Versuche, zu Matrizen für Matrizen zu werden.

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin. Ich danke Ihnen für das Gespräch und bin sicher, dass wir schon nächste Woche über die nächsten Werbeanschläge auf den guten Geschmack sprechen könnten.


Interview zum Thema „Die neue Ehrlichkeit“

14.02.2010 sm

Schelmuffsky sprach mit Dr. Sigurd Martin (Leiter von IFALUG, Institut für angewandte Lebensfreude und Gebrauchszynismus)

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, wir haben hier neulich eine Reihe zum Thema „Die neue Ehrlichkeit” begonnen. Wie sehen Sie das?

Dr. Martin: Die sieht man doch allenthalben. Nehmen wir z. B. Guido Westerwelle, der die „geistig-moralische Wende“ ankündigte, eine Millionenspende einer Hotelkette hin- oder mitnahm und dann das Gesetz zur Halbierung des Mehrwertsteuersatzes für Hotelübernachtungen forcierte. Da kann man vielleicht in Abwandlung von Adornos berühmtem Aphorismus sagen: Es gibt kein ehrliches Leben im verlogenen. Wie dreist die FDP dann aber auch noch behauptete, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun: Das spricht schon sehr für die neue Ehrlichkeit.
Schelmuffsky: Unser Plakat als Beispiel für eine neue Ehrlichkeit in der Werbung hat Sie also nicht überzeugt?

Dr. Martin: Doch, doch. Tendenziell haben die Menschen wahrscheinlich die Nase voll von dieser geleckten Welt, die uns da jahrelang als die schöne neue präsentiert wurde, während im Hintergrund einige wenige die Dinge so drehten, dass Milliarden von der Mittelschicht in ihre Taschen wanderten. Ich will jetzt nicht auf die Finanzwelt zu sprechen kommen, aber vielleicht beiläufig hier einen Buchtipp dazu loswerden: Wolfgang Eichborn / Dirk Sollte – Das Kartenhaus Weltfinanzsystem. Mit diesem Buch habe ich zum ersten Mal so richtig verstanden, was mit dem Satz gemeint ist: Der Laie raubt die Bank aus, der Profi gründet eine Bank.

Schelmuffsky: Kommen wir mal zurück zum Thema Ehrlichkeit. Haben Sie vielleicht ein Beispiel.

Dr. Martin: Neulich fuhr ich mit dem ICE nach München. Und da kam dann auch ein – wie heißt das heute? Das Wort Schaffner wurde ja in den letzten Jahren abgeschafft …

Schelmuffsky: Zugbegleiter.

Dr. Martin: Zugbegleiter genau, das ist natürlich alles schon Neusprech. Also der kam da sehr fröhlich durch den Wagen gelaufen, geradezu übermütig, und fragte nach den Fahrscheinen. Darauf mehrere Fahrgäste: Warum sind Sie denn so fröhlich? Worauf er: Ich bin ein serviceorientierter Mitarbeiter der Deutschen Bahn und mein Unternehmen erwartet von mir Freundlichkeit gegenüber den Kunden.
Das fand ich irgendwie sympathisch subversiv. Wie ich überhaupt gerne mal, so lange diese nicht auch durch Automaten ersetzt werden, eine Typologie der Schaffner / Zugbegleiter schreiben würde. Die werden wahrscheinlich alle von ihrem Unternehmen mit einem Sprachbaustein-Handbuch gepeinigt, das ihnen vorschreibt, was sie in welcher Situation sagen sollen, und doch spricht aus vielen noch irgendwie eine Authentizität, die man sonst nicht mehr zu hören bekommt.

Schelmuffsky: Schon gar nicht auf den Bahnsteigen, auf denen man ja fast nur noch diese Automatenstimmen hört.

Dr. Martin: Stimmt! Das ist natürlich grässlich, zumal, wenn ich überlege, welche Stimmen in den Lautsprecheransagen früher manchmal auf den Bahnsteigen zu hören waren. Da wurden z. B. im Frankfurter Hauptbahnhof selbst die sogenannten „Störungen im Betriebsablauf“ (Neusprech für „Wir sind mal wieder unfähig.“) zuweilen mit einem Schlafzimmertimbre hingehaucht, dass einem alles egal war. Ein vielstimmiger Chor aus dialektalen Färbungen und Charakteren, bei dem man noch wusste, dass die Stimmen nicht aus der Konserve kamen.
Ich lese gerade ein Buch von Martin Seel mit dem Titel „Theorien“. Ich bin da ganz unvoreingenommen drangegangen, vielleicht sogar eher positiv gestimmt, weil ich ein Faible für aphoristisches Schreiben habe. Aber dann las ich darin Sätze wie diese hier, die mir doch sehr gegen den Strich gehen:
„…Moral ist der Schutz der Teilnahme am menschlichen Leben, ganz egal, wie die, die unter diesem Schutz stehen, zu dieser Teilnahme stehen, ganz egal auch, aus welchem Stoff diese Teilnehmer gemacht sind. Sobald wir Roboter wie unseresgleichen behandeln, weil sie sich um ihre Existenz – sowohl untereinander als auch uns gegenüber – zu sorgen beginnen, gehören auch sie zum Kreis der Unsrigen hinzu. Von der DNA allein hängt hier nichts ab.“

Schelmuffsky: Was stört Sie daran?

Dr. Martin: Abgesehen davon, dass man den Begriff „Moral“ eigentlich nicht mehr verwenden kann – mir war er schon immer suspekt – (aber vor allem heutzutage: siehe oben Westerwelle), werden hier völlig affirmativ Grenzen verwischt, auf deren Aufrechterhaltung ich unbedingt beharren würde, weil wir sonst die letzten Bastionen der Subjektivität schleifen und dadurch eigentlich jedes Unterscheidungskriterium für Wahrheit und Lüge wegfällt. Die Roboter beginnen sich untereinander und uns gegenüber zu sorgen und gehören deswegen zum Kreis der Unsrigen: Ich würde bei diesen Sätzen von einem Theoriesurrogat sprechen, wie es ja auch um Surrogate geht, Mensch gemachte Automaten, die überall an die Stelle von Menschen rücken. Das Ersetzen der Menschen durch Automaten (z. B. jüngst in der Altenpflege) aus zumeist rein wirtschaftlichen Überlegungen kann man vielleicht moralisch bewerten, auch wenn das natürlich nicht viel bringt, die Maschinen aber selbst der Sphäre der Moral zuzurechnen und ihnen die Fähigkeit zur Sorge zu unterstellen, halte ich für gewagt. Im Grunde muss man nur ein paar Male die Verzweiflung durchlebt haben, die sich sehr schnell einstellt, wenn man in den endlosen Schleifen eines sogenannten sprachgesteuerten Helpdesks alles bekommt (z. B. einen Wutanfall), nur nicht Hilfe. Das mit Sorge in Verbindung zu bringen, ist einfach abwegig. Wenn Sie mal ein gutes Buch zum Thema lesen wollen: Günther Anders – Die Antiquiertheit des Menschen. Das ist auch nach über 50 Jahren aktuell und vor allem sprachlich und begrifflich präzise.

Schelmuffsky: Noch mal zurück zum Thema Ehrlichkeit: Habe ich Sie richtig verstanden, Sie sehen da ziemlich schwarz.

Dr. Martin: Zur Zeit eher blau-gelb. Aber Spaß beiseite: Ich sehe schon, dass in weiten Kreisen der Gesellschaft das Gefühl vorherrscht, seit Jahrzehnten von den gewählten Repräsentanten und den Regierungen betrogen worden zu sein, im Zweifel auch vom Anlageberater der Bank. Insofern gibt es sicherlich heute ein größeres Bedürfnis nach Ehrlichkeit. Um diese zu erreichen, müssten allerdings berufene Kreise (Journalisten, Wissenschaftler, Intellektuelle allgemein) wieder eine Aufgabe ernst nehmen, die in Zeiten der Spaßkultur verpönt war. Ich meine die Aufgabe, Fragen und in Frage zu stellen und die, kritisch zu bewerten. Kritik, ein ähnlich ausgestorbenes Wort wie „Schaffner“, muss endlich wiederbelebt werden.

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Über das Reisen 2

19.07.2007 sm

„Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. Überfeine Leute mögen ihre Glossen darüber machen, nach Belieben; es ist mir ziemlich gleichgültig. Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. Man kann fast überall bloß deswegen nicht recht auf die Beine kommen und auf den Beinen bleiben, weil man zuviel fährt. Wer zuviel in dem Wagen sitzt, mit dem kann es nicht ordentlich gehen.“

Der dies schrieb (in “Mein Sommer”), meinte mit dem Wagen keineswegs das Auto, sondern die Pferdekutsche. Es ist Johann Gottfried Seume, neben Robert Walser wahrscheinlich der größte Spaziergänger der deutschsprachigen Literatur. Die oben zitierte Passage findet ihren Widerhall in einer „Kindergeschichte“ von Günther Anders, die dieser seiner Kritik an Rundfunk und Fernsehen voranstellt:

„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. „Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen”, waren seine Worte. „Nun darfst du es nicht mehr“, war deren Sinn. „Nun kannst du es nicht mehr“, deren Wirkung.“
(Günther Anders – Die Welt als Phantom und Matrize, in: Die Antiquiertheit des Menschen Bd. 1)

Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ führte mehrere Tausend Kilometer bis nach Sizilien und dann bis nach Paris und wurde innerhalb weniger Monate absolviert. Das Buch ist in jeder Beziehung ein Kontrastprogramm zu Ach Du meine Goethes „Italiänische Reise“. Geht es Goethe – oder sollte man besser sagen: erfährt (sich) Goethe mir der Kutsche die italienische Landschaft als ein Bildungserlebnis, so rückt dem Spaziergänger Seume das soziale Elend des Landes, in dem nicht nur die Zitronen blühen, bedrückend auf die Pelle, und er kann sich keinen Illusionen hingeben. Seume gibt in seinem Bericht ein geradezu naturalistisches Abbild der sozialen Verhältnisse und analysiert mit sozilogischem Blick den allgemeinen Verfall, der für ihn ein Resultat von Napoleons Pakt mit einer äußerst korrupten katholischen Kirche ist. Sein Spaziergang enthält aber auch grandiose Naturbeschreibungen, z. B. jene, in der er den Aufstieg auf den Ätna schildert. Ein sehr empfehlenswerter Reisebericht.

wahrscheinlich der größte Spaziergänger der deutschsprachigen Literatur. Die oben zitierte Passage findet ihren Widerhall in einer „Kindergeschichte“ von Günther Anders, die dieser seiner Kritik an Rundfunk und Fernsehen voranstellt:

„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. „Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen”, waren seine Worte. „Nun darfst du es nicht mehr“, war deren Sinn. „Nun kannst du es nicht mehr“, deren Wirkung.“
(Günther Anders – Die Welt als Phantom und Matrize, in: Die Antiquiertheit des Menschen Bd. 1)

Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ führte mehrere Tausend Kilometer bis nach Sizilien und dann bis nach Paris und wurde innerhalb weniger Monate absolviert. Das Buch ist in jeder Beziehung ein Kontrastprogramm zu Ach Du meine Goethes „Italiänische Reise“. Geht es Goethe – oder sollte man besser sagen: erfährt (sich) Goethe mir der Kutsche die italienische Landschaft als ein Bildungserlebnis, so rückt dem Spaziergänger Seume das soziale Elend des Landes, in dem nicht nur die Zitronen blühen, bedrückend auf die Pelle, und er kann sich keinen Illusionen hingeben. Seume gibt in seinem Bericht ein geradezu naturalistisches Abbild der sozialen Verhältnisse und analysiert mit sozilogischem Blick den allgemeinen Verfall, der für ihn ein Resultat von Napoleons Pakt mit einer äußerst korrupten katholischen Kirche ist. Sein Spaziergang enthält aber auch grandiose Naturbeschreibungen, z. B. jene, in der er den Aufstieg auf den Ätna schildert. Ein sehr empfehlenswerter Reisebericht.