Artikel-Schlagworte: „Günter Eich“

Fortsetzung des Gesprächs

27.04.2010 sm

Dr. Martin: Jetzt sind doch wieder ein paar Tage mehr ins Land gegangen seit unserem Gespräch. Was sagen Sie eigentlich zum Rücktrittsangebot von Mixa?

Schelmuffsky: Hat der Papst das eigentlich schon angenommen? Das ist ja das Interessanteste an diesem Ratz.. eh, Papst Benekdikt, dass er auch noch bei den größten (Schw…-) Priestern (Mixa hat ja neben den paar „Watschen“, wie man dieser Tage in der Presse lesen konnte, noch viel mehr Dreck am Stecken) gehörig ins Grübeln kommt. Ich denke hier auch an das Rumgeeiere in Sachen Exkommunikation vor und zurück von einem wie Bischof Richard Williamson. Auf der anderen Seite war und ist Benedikt nie zimperlich gewesen, wenn es darum ging, einem Mitglied der Befreiungskirche in Lateinamerika an den Karren zu fahren oder einen katholischen Priester zu exkommunizieren, weil er mit einem evangelischen Pfarrer gemeinsam ein Abendmahl ausrichtete.

Dr. Martin: Bevor Sie sich zu sehr echauffieren, kehren wir lieber zurück zu unserem letzten Thema: Hoffnung. Ich fange an. „Festianus Märtyrer“ von Günter Eich. Das passt eigentlich ziemlich gut. Worum geht es? Festianus ist im Himmel angekommen und bereits heilig gesprochen. Wie er meint, eher aus Zufall. Nur weil er aus einer Laune heraus im Zirkus landete und von Löwen gefressen wurde, hält er die Heiligsprechung nicht für gerechtfertigt (Wie wohl Benedikt, mit seinem verantwortungslosen Gerede über Verhütung und Enthaltsamkeit mitverantwortlich für die Ausbreitung von AIDS und anderem in Afrika, auf seine Heiligsprechung reagieren würde?) Schlimmer noch: Er vermisst im Himmel seine Freunde, die alle in der Hölle gelandet sind. Günter Eich prangert an anderer Stelle die Mitleidlosigkeit von Noah an und setzte sich eingehend mit dem anstößigsten Text der Bibel (Hiob) auseinander. Festianus und Eich geht es darum, dass ein Himmel für Ausgewählte kein Himmel sein kann. Deswegen geht Festianus in hinab in die Hölle und auf die Suche nach Freunden. Nach einem Disput mit dem Teufel entscheidet er sich zum Bleiben. Die Schlusssequenz lautet:
Festianus: Das Paradies ist nicht mehr endgültig.
Belial: Still! Auch bei uns werden keine Zweifel am Paradiese geduldet. Das verbietet die gegenseitige Abhängigkeit.
Festianus: Und wenn das Paradies nicht endgültig ist –
Belial: Halt ein!
Festianus: – so ist es auch die Hölle nicht.
Belial böse: Für dich endgültig, Festianus. Wir werden dafür sorgen, dasß dir keine Zweifel kommen.
Festianus: Du hast verspielt.
Belial während der Lärm der Hölle wieder beginnt: Laß alle Hoffnung fahren!
Festianus: Sie fährt, Belial. Ein Boot, das uns alle aufnimmt. Schon mühsamer: Auch dich.

Schelmuffsky: Die Zeile „Laß alle Hoffnung fahren“ kenne ich doch irgendwoher.
Dr. Martin: Sie stammt aus Dantes „Göttlicher Komödie“: “Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!” – Die Göttliche Komödie, Inferno III, 9 (Original ital.: “Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!”)
Hoffnung, speranza, Esperanza. Im Deutschen – und auch im Englischen – gefällt mir der Anklang von „offen“: Hoffnung hat ja etwas mit einer offenen Zukunft zu tun. So lange man hofft, scheint vieles möglich, und sobald die Hoffnung entfällt, schließt sich eine Situation. Die in die Hölle Eintretenden sollen gewiss sein: jetzt gibt es keine offene Zukunft mehr. Dagegen aber opponieren Festianus und Eich. Bloch wollte die Hoffnung zum Prinzip erheben und erntete dafür Kritik von Adorno, ob zu Recht, darüber will ich jetzt nicht spekulieren.
Wir könnten noch kurz über den Unterschied von Hoffnung und Erwartung sprechen.

Schelmuffsky: Nur zu.

Dr. Martin: Die Erwartung war für mich immer objektbezogener. Man erwartet etwas. Man kann zwar auch sagen: Ich hoffe auf etwas. Aber dennoch scheint mir der Zustand der Hoffnung weiter, offener.

Schelmuffsky: „Sie fährt, Belial. Ein Boot, das uns alle aufnimmt.“ Das ist doch eigentlich eine ganz gute Überleitung zu Fred von Hoerschelmanns Hörspiel „Das Schiff Esperanza“.
Dr. Martin: Also ich weiß ja nicht. Das Hörspiel fand ich immer etwas holzschnittartig. Kann gut sein, dass bei Eich ein Anklang mitschwingt (sein Hörspiel ging fünf Jahre später auf Sendung). Allerdings ist ihm der Zynismus, der in Hoerschelmanns Hörspiel der Hoffnung unterlegt wird, ziemlich fremd. Ihm geht es ja auch um grundsätzlichere Fragestellungen.

Schelmuffsky: Na gut, Themenwechsel. Was lesen und hören Sie denn so zurzeit. Irgendwelche Empfehlungen?

Dr. Martin: Ich lese ziemlich wahllos in früher einmal gelesenen Büchern rum. Gerade in Thomas Strittmatters grandiosem Provinzroman „Raabe Baikal“, für mich neben „Lilar“ von Roderich Feldes und „Mein Hund, meine Sau, mein Leben“ von Arnold Stadler ein wirklich großartiger Text über das Leben abseits der großen Städte. Grandios witzig ist er auch. Also wenn Sie mal wieder was zum Lachen und Weinen haben wollen, ergeht hier ein Lesebefehl.

Schelmuffsky: Und hören?
Dr. Martin: Auch viel altes Zeug. Gerade habe ich so eine Pink Floyd-Phase, diese Platten aus der Roger Waters-Zeit: „Dark Side of the Moon“, „Wish You Were Here“, „Atomheart Mother“ usw., samt und sonders völlig inkompatibel mit iTunes. Daneben Zappa, Georges Brassens (deren Texte ich gleichmaßen schätze). Das reicht vielleicht für heute.

Schelmuffsky: Ja. Gute Nacht.

Dr. Martin: Zum Schluss vielleicht noch eine Szene aus „Raabe Baikal“, die an ein anderes Lieblingsbuch von mir erinnert („The Poor Mouth“ von Flann O’Brien):

Der Junge Fieber, den Raabe im Internat kennenlernt, fängt angesichts der Schweinswürste auf dem Mittagstisch an zu phantasieren:
„Auf dem Hof haben sie große Säue, so sprach es aus ihm, die fressen alles und viel, auch ihre Jungen; wenn wir nicht aufpassen, beißen sie sich und fressen sich gegenseitig. Sie sind dumm und halten nicht rein. Überall scheißen sie hin und suhlen sich in ihrem Kot. Aber sie haben auch die kleinen Schweine, die sind zwar wählerisch beim Fressen, dafür stinken sie nicht, sie koten nur in die Ecke und wälzen sich nicht im Kot, sie beißen sich nicht, sind klug und hören zu, wenn man mit ihnen spricht. Wenn man an ihren Stall herantritt, dann stellen sie sich auf zwei Beine wie ein Mensch und richten sich auf und schauen dich an und stellen die Ohren und hören dir zu.
Die Kannibalen in Neuguinea, sagte Fieber weiter, dürfen heutzutage nur noch Schweine essen. Das Wort für Schwein hieß eben Schein, das Wort für Mensch hieß nicht Mensch, sondern Langschwein.
So ist das, die kleinen Schweine, wenn du sie in einen Anzug steckst, könnten als Mensch gelten. (genau das passiert in „The Poor Mouth“, S. M.)
Im Winter sei es so kalt gewesen, daß der Bauer das kranke Ferkel zu seiner Frau, einer Wöchnerin, ins Bett gelegt habe, damit es schön warmliege und bald gesund werde. Da kann die Nachbarin die Bäuerin besuchen und Wein bringen, sah das Ferkel neben der Wöchnerin und sagte Eieiei, der Kleine, wie aus dem Gesicht geschnitten, ganz der Vater.“

Wie sind wir bloß vom Anfang des Gesprächs hierher geraten?


Schelmuffsky und Dr. Sigurd Martin im Gespräch über dies und das

19.04.2010 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, Sie hatten im Vorfeld gesagt: Diesmal kein Interview, sondern ausnahmsweise mal ein richtiges Gespräch. Wie meinten Sie das?

Dr. Martin: Über Günther Anders haben wir ja schon das eine oder andere Mal gesprochen. Er hat sinngemäß einmal gesagt, dass das Interview der Tod des Gesprächs sei, und daran glaube ich auch. Von Günther Anders gibt es auch eine Kindergeschichte, die ich immer wieder gerne zitiere, und die vielleicht illustriert, worauf ich heute hinaus will:

„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. ‘Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen’, waren seine Worte. ‘Nun darfst du es nicht mehr,’ war deren Sinn. ‘Nun kannst du es nicht mehr’, deren Wirkung.“

Schelmuffsky: Ehrlich gesagt: Ich verstehe nur Bahnhof.

Dr. Martin: Also, heutzutage werden die Kinder ja ständig mit dem Auto rumkutschiert. Das lasse ich jetzt mal beiseite. Ich würde mich gerne heute mal ein wenig querfeldein herumtreiben, wenn’s recht ist.

Schelmuffsky: Gut ich mache mal einen Versuch. Heute vor fünf Jahren stieg in Rom weißer Rauch auf und es hieß – mein Latein ist zugegebenermaßen etwas eingerostet: Habemus Popanz.

Dr. Martin: Das ist jetzt nicht ihr Ernst! Also wir können über alles sprechen, über den Papst – es muss übrigens „papam“ heißen – spreche ich nicht, zumindest einstweilen nicht.

Schelmuffsky: Dann vielleicht lieber über den Mixa?

Dr. Martin: Schon eher. Der sagte ja dieser Tage: „Die eine oder andere Watsch’n kann ich nicht ausschließen. (…) Das war damals vollkommen normal.“ Also, das kann ich für meine Kindheit unbedingt bestätigen. Das liegt zwar noch länger zurück. Aber sanfte Heranführung an die christliche Nächstenliebe, das hat unser damaliger katholischer Pfarrer auch beherrscht. Später sprach man gerne von ihm als einem Original, und stimmt: Es gibt die eine oder andere witzige Anekdote von ihm zu berichten. Besonders originell war er allerdings auch darin, einem beizeiten beizubringen, die andere Wange auch noch hinzuhalten, also alles irgendwie eine geniale Mischung aus Altem und Neuem Testament.

Schelmuffsky: Können Sie das konkretisieren?

Dr. Martin: Ich erinnere, dass er mich in der – war es die erste Klasse der Volksschule? (so hieß das damals noch) ansprach, ob ich ihm nicht bis zur nächsten Stunde einen Rohrstock besorgen könne. Ich habe mich dann auch sehr, aber doch vergeblich bemüht, einen Stock zu besorgen. Irgendwie hat er auch ohne mich einen bekommen. Eine Spezialität waren die Kopfnüsse oder auch, dass er sich ab und an von hinten anschlich, die Backe (oder auch ein Ohr) zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und diese (s) dann so lange verdrehte, bis man die Englein gut singen hören konnte. Respekt. Das hat er damals auch ohne Ipod oder sonstiges Gerät super hingekriegt.

Schelmuffsky: Das ist ja nun zum Glück lange Geschichte.

Dr. Martin: Allerdings. So was macht heutzutage bestimmt niemand mehr. Mir fiel das ein, als ich jetzt den Mixa sprechen hörte. Diese Katholiken haben ja doch a. eine tolle Technik, alles zu verdrängen und b. das Verdrängte, wenn es dann doch rauskommt, schönzureden. Also da könnte selbst der Guido Westerwelle manchmal noch was lernen. Obwohl: Wenn ich’s recht bedenke. Der braucht da eigentlich nichts mehr dazuzulernen.

Schemuffsky: Querfeldein herumtreiben hatten Sie gesagt. Worüber wollen wir sprechen?

Dr. Martin: Es ist Frühling. Also, ich würde sagen. Sprechen wir mal über Vögel. Heute Mittag ging ich wieder in Frankfurt am Main spazieren. Da gibt es eine Gans, die hat ihre Eier Mitte Januar ausgebrütet. Das fand ich eine ziemliche abstruse Laune der Natur. Aber jetzt, wo die anderen Gänseküken kommen, sind die Januar-Küken schon fast erwachsen und werden bestimmt demnächst flügge. Die Gänsemutter kann jetzt den Frühling genießen. Das fand ich in den letzten Wochen spannend zu beobachten.
< Oder heute auf dem Heimweg: Da hörte ich zwei Vögel, gegensätzlicher geht es nicht. Die erste Nachtigall in diesem Jahr und den ersten Fasanenhahn. Während der Fasan nicht viel mehr zu Stande bringt als ein ziemlich schepperndes „Krööök“, ist der Gesang der Nachtigall, die ungleich unscheinbarer ist, für mich ungefähr das, was Bach unter den Komponisten, nämlich ziemlich großartig, was heißt ziemlich, nein: großartig. Schelmuffsky: Und die Nachtigall singt auch tagsüber?

Dr. Martin: Ja. Aber komischerweise ist die Wirkung nachts ungleich frappierender. Da singt so ein Vogel in hundert Meter Entfernung, und man denkt, er sitzt direkt neben dem Fenster.
Apropos Nacht: Der Himmel ist ja dieser Tage sehr speziell. Tagsüber fragt man sich schon: Wo sind denn all die Kondensstreifen geblieben. Aber der Nachthimmel: Ich bin dieser Nächte richtig ins Schwärmen geraten.

Schelmuffsky: Wiewohl einige sagen: Erst haben uns die Isländer bei der Bankenkrise reingeritten, und jetzt lassen sie auch noch einen Vulkan ausbrechen. Ich bin sicher, demnächst werden Stimmen laut, die Schadensersatz fordern.
Dr. Martin: Von mir aus kann der Eyjafjallajökull – toller Name, oder? – ruhig wie beim letzten Ausbruch noch ein paar Monate Asche spucken. Wenn ich an den Nachthimmel am Samstag denke: Das war phantastisch.

Schelmuffsky: Warum?

Dr. Martin: Zum einen: keine Blinklichter überall, sondern nur Naturhimmelskörper. Und dann eine sehr spezielle Mondsichel. Das kommt manchmal auch bei einer Mondfinsternis vor, dass der Mond selbst schwarz ist (der Mann im Mond ist verschwunden), aber eben doch nicht ganz, sondern fast wie eine nach innen strahlende Aura aussieht. So war das am Samstag. Da musste ich wieder über meine Arbeiten über Sprache und Bedeutungsauren nachdenken. Der späte Wittgenstein meint ja so ungefähr: Das Wort selbst habe gar keine Substanz im Sinne einer festen Bedeutung, sondern das Wort nehme die jeweilige Bedeutung in der jeweiligen Verwendung an, also im Sprachgebrauch.

Schelmuffsky: Wieder Bahnhof.

Dr. Martin: Das Wort ist nur eine leere Hülle, die ihre Füllung im Gebrauch bekommt. Und das ist dann die schillernde Aura. Daran dachte ich am Samstag.
Aber sprechen wir noch ein wenig von Vögeln. Gestern sind wir mit den Fahrrädern zu den Störchen hier in der Nähe gefahren. Ich finde das sehr schön, dass es hier Störche gibt. Und wie der Bischoff Mixa haben mich auch die Störche an was erinnert.

Schelmuffsky: Woran?

Dr. Martin: Ich muss mich erst noch ein wenig im Gelände rumtreiben. Neulich las ich Siri Hustvedt „Die zitternde Frau“, ein sehr lesenswertes Buch. Darin kommt sie auf ein Buch des Künstlers Jo Brainard mit dem Titel „I Remember“ zu sprechen, das aus Episoden bestehe, die alle mit dem Eintrag „Ich erinnere mich“ beginnen. Da dachte ich an eine Aussage der Übersetzerin Swetlana Geier (im Film „Die Frau mit den fünf Elefanten“) über die Problematik zu übersetzen. Sie illustriert das mit dem Fehlen von Akkusativobjekten im Russischen. Im Russischen könne man nicht sagen: Ich habe eine Tasse. Sondern: Die Tasse ist bei mir. Ich stehe unter dem Einfluss der Tasse. So ungefähr. „I remember“ mit „Ich erinnere mich“ zu übersetzen ist natürlich heikel, denn eigentlich müsste man ja übersetzen: Ich erinnere das und das… Das geht ja im Deutschen auch. Aber besser ist natürlich noch: Ich werde erinnert.

Schelmuffsky: Worauf wollen Sie hinaus?

Dr. Martin: Auch wenn Siri Hustvedt recht hat, dass alleine das Hinschreiben von „Ich erinnere“ (das „mich“ würde ich weglassen) schon Erinnerungen evoziert, so ist es doch häufiger so, dass die Umwelt uns erinnert (oder Prousts Madelaine). Also die Störche erinnerten mich an meine Kindheit, als es in meiner Heimatstadt bis in die Mitte der 60er Jahre Störche gab, die dann aber plötzlich wegblieben. Damals gab es sofort Gerüchte, irgendwelche jugendlichen Rowdys hätten mit Pfeil und Bogen auf die Störche geschossen. Als ich die Störche gestern sah, evozierten sie viel Vergessenes.

Schelmuffsky: Was?

Dr. Martin: Statt einer Antwort schweife ich wieder ab. Vorletzten Freitag kam im Ersten Programm ein sehenswerter, wenn auch furchtbarer Film. Ich meine die Dokumentation über den Genozid an den Armeniern. In meiner Kindheit konnte man durchaus noch oft die Redewendung „bis zur Vergasung“ hören. Das war nach Freud die Art, wie sich das Verdrängte Bahn brach. Als ich den Film sah, dachte ich, wie sehr die Redewendung „in die Wüste schicken“ wohl in der Türkei von heute verbreitet sein muss.
Ich rekapituliere kurz: Das Volk der Armenier wurde von Türken solange umhergetrieben und zum Schluss in die Wüste, bis es nahezu vollständig ausgerottet war. An einer Stelle im Film werden armenische Frauen – ihre Männer sind zu diesem Zeitpunkt längst alle tot und auch alle alten Leute und sehr viele Kinder – zitiert, dass sie zu den Helfern des Roten Kreuzes, die ihnen Brot geben wollten, gesagt haben sollen: Was sollen wir mit Brot (das die Kinder nicht essen konnten)? Gebt uns Gift, damit wir uns und unsere Kinder erlösen können. Das fand ich zutiefst erschütternd, weil es für mich der Inbegriff der Hoffnungslosigkeit ist. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ ist ein Satz, der nur allzu gerne mit einer gewissen Häme gebraucht wird. Hier starb die Hoffnung vorher.

Schelmuffsky: Ich assoziiere hier das Hörspiel „Das Schiff Esperanza“ von Fred von Hoerschelmann.

Dr. Martin: Und ich „Festianus Märtyrer“ von Günter Eich. Darüber aber sollten wir morgen sprechen. Und dann können wir auch gerne auf den Papst zurückkommen.

Schelmuffsky: Gut. Und gute Nacht.


Aktuelles Interview zu den Theme Valentinstag, Erinnerung,Sinnlichkeit

11.02.2008 sm

Schelmuffsky: Wo haben Sie denn die ganze Zeit gesteckt? Wir sind uns ja schon ewig nicht mehr über den Weg gelaufen.

Dr. Martin: Ja stimmt, Weihnachten, Neujahr, Fasching…

Schelmuffsky: …und jetzt Valentinstag. Was halten Sie eigentlich davon?

Dr. Martin: Valentinstag? Großartig. Sie wissen, dass ich sonst nicht soviel von Jubiläen halte, aber dass wir nach dem 125. Geburtstag letztes Jahr jetzt vor zwei Tagen den 60.Todestag von Karl Valentin gefeiert haben, also den zweiten Valentinstag in Folge, da kann ich nur sagen, man sollte jedes Jahr einen Valentinstag haben. Wenn ich nur an den Dialog über „Die Fremden“ denke, ja und ach, na ja, Sie wissen schon.

Schelmuffsky: Sie missverstehen mich. Ich meinte den Valentinstag, da wo die Liebenden sich Blumen usw.

Dr. Martin: Ach so, verstehe. Das ist ja hier gerade Thema bei Lovelybooks. Las ich da nicht sogar „Ein Buch sagt mehr als 1000 Worte“. Da kann ich nur sagen: Wir wollen es hoffen, denn pro Zeile acht Worte, pro Seite Phi mal Daumen dreißig Zeilen, pro Buch im Durchschnitt 200 Seiten, das macht dann 48.000 Worte, wäre also schlimm, wenn das Buch ein bisschen mehr als 1000 Worte sagen würde.

Schelmuffsky: Wenn es also schlecht ist, wenn ein Buch weniger sagt, als es Worte hat, kann es denn auch mehr sagen.

Dr. Martin: Alles andere wäre keine Literatur, oder? Also, ich würde sagen, ein Buch mit 48.000 gedruckten Worten sollte mindestens soviel sagen wie 240.000 bis 480.000 Tausend Worte der Alltagssprache, sonst ist es als Buch irgendwie überflüssig. Bei Krimis reichen vielleicht auch 144.000 Worte.

Schelmuffsky: Welches Buch hat denn das beste Verhältnis von gedruckten Worten und möglichen Worten?

Dr. Martin: Günter Eichs „Maulwürfe“ haben ein ziemlich unerreichtes Verhältnis, da geht dann der Faktor deutlich über 100 bzw. ist nach oben offen. Samuel Beckett – „Gesellschaft“ hat auch ein ziemlich gutes Verhältnis. Das ist ein weites Feld, das können wir ein andermal abernten.

Schelmuffksy: Ich las dieser Tage J. Hellmut Freund – Vor dem Zitronenbaum, eine ziemlich bis sehr interessante Autobiographie. Darin war – und das hat mich fasziniert – vom Verlust der Gerüche in der Alltagswelt die Rede, dass früher jedes Geschäft seinen Geruch gehabt habe und heute alles bestenfalls nach gar nichts mehr riecht.

Dr. Martin: Klar, weil heute alles verpackt ist. Ich könnte jetzt gleich eine Tirade auf die Idiotie der Verpackungen anstimmen, welche Demütigungen einem täglich bereitet werden, weil ein Aufreißfaden zwar vorhanden ist, aber nur noch als Symbol dafür, dass man früher damit die Verpackung auch aufreißen konnte, oder diese transparenten Hartplastikverpackungen, die man eigentlich nur mit der Axt oder einer Säge aufkriegt. Da denke ich immer an ältere Leute, die angesichts solchen Schwachsinns bestimmt ständig scheitern. Aber Sie wollten ja auf was anderes hinaus, oder?

Schelmuffsky: Richtig. Bei Proust und vielen anderen großen Meistern der Erinnerung kann man nachlesen, dass Erinnerung etwas mit Geschmack und Gerüchen zu tun hat. Und da kann man eigentlich vermuten: Weniger Gerüche = weniger Erinnerung. Wie sehen Sie das?

Dr. Martin: Völlig einer Meinung. Ich habe das Buch von Hellmut Freund auch gelesen. Und auch bei mir ist es so (wahrscheinlich bei den meisten), dass bestimmte Gerüche oder Geschmackserlebnisse am besten Kindheitserinnerungen evozieren. Das Problem ist nur, wenn es diese Gerüche gar nicht mehr gibt, z. B. von frischer Milch in der Milchkanne oder von Äpfeln, die noch nach Äpfeln rochen usw., dann hat die Erinnerung gar keinen Anlass mehr, an dem sie gleichsam plötzlich aufleuchten kann. Und noch schlimmer: Wenn man in einer weitgehend geruchsfreien und sehr geschmacksreduzierten Umgebung aufwächst, dann fehlt schon der Ursprungsreiz, mit dem Erinnerung sich verbinden könnte, ergo: Vergessen ist vorprogrammiert. Mit der plastikverpackten Dingwelt korrespondiert meiner Ansicht auch die von Uwe Pörksen konstatierte Sprache aus Plastikwörtern, die nicht nur sinnfrei ist, sondern auch vor allem total entsinnlicht, aber das zu erläutern würde jetzt zu weit führen.

Schelmuffsky: Vielen Dank für das Gespräch


Wörterbücher 2

01.10.2007 sm

Zunächst einmal möchte ich mich bei meinen Lesern entschuldigen für die mehrwöchige Vernachlässigung meines Blogs. Und natürlich freue ich mich, dass Schelmuffsky wahrgenommen und sogar gelesen wird.

Jetzt aber bin ich wieder da und will anknüpfen beim letzten Eintrag, zu dem es ein paar interessante Kommentare gab. Ja, Makaris habe ich inzwischen auch gelesen und eine gewisse Sympathie für den Wörterbücher studierenden Kommissar Kostas Charitos entwickelt. Ich selbst bin bei der Wörterbuchlektüre auf das irritierende Wort Haha gestoßen. Es ist ungefähr genauso aufschlussreich wie der Eintrag Baranetz , den man im von Günter Eich so geliebten Meyers Konversationslexikon (6. Auflage, 1906) im zweiten Band (Astibe bis Bismarck) findet:

„Baranetz (Barometz, Baronetz, Pflanzenschaf), nach einem Pelzhändlermärchen eine in den Steppen der Tarterei wachsende Pflanze von der Gestalt eines Schafes, dessen Nabel wie ein Stengel aus der Erde aufsteigt. Das Lamm weidet das Gras ab, soweit es die Nabelschnur erlaubt, und stirbt dann. Sein sehr feines Fell, in Wahrheit das zarte Fell ungeborener Lämmer, dessen Herkunft verdeckt werden sollte, dient zu Kopfbedeckungen, zum Verbrämen kostbarer Kleider und wird als Talisman getragen…“

Was lernen wir daraus? Das Verbrämen mit dem Pflanzenschaffell verbrämt gleichzeitig die Wahrheit. Die Wortschöpfung dient dem Vertuschen einer grausigen Handlungsweise von Pelztierzüchtern. Insofern ist das Baranetz Allegorie einer gesellschaftlichen Praxis, in der die brutalen Verhältnisse sprachlich aufgehübscht werden und es ist quasi der Archetyp des alljährlich gewählten Unwort des Jahres.

Was aber ist der oder das Haha? Gestolpert bin ich über Haha bei der Vorbereitung der Einführung zu einer Leseperformance mit dem Titel „Grüße aus dem Paradies“. Verbreitete Einstellung zum Paradies ist: Super, da wollte ich auch immer schon mal hin, z. B. gilt dies bei islamistischen Selbstmordattentätern. Hierzulande und heutzutage ist das Paradies profanisiert: Paradiescreme und Urlaubsparadiese usw. als Nachklang vom Garten Eden.

In den drei im vorderen Orient entstandenen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam wird das Paradies als Garten aufgefasst. Das Paradies als umschlossener Raum. Das Wort Garten kommt etymologisch von Hürde, Hof, Haus als umzäunter Besitz. In anderen Sprachen ist das ganz ähnlich, jardin, garden, gaard, hortus. Der Hortus conclusus ist insofern ein Pleonasmus, Hortus heißt bereits für sich umfriedet und verschlossen, das Paradies ist ein Sperrbezirk der besonderen Art, in den man nur nach verschärfter Eingangskontrolle kommt. Allerdings wäre das Paradies langweilig – und Hand aufs Herz, wer fände z. B. das Paradies in der Bibel nicht dröge-, wenn man sich nicht als Paradiesinsasse ein klein wenig am Elend da draußen ergötzen könnte bzw. nicht auch denen da draußen irgendwie vorgaukeln könnte: „Paradies, finde ich geil“ (Nebenbei bemerkt: in Wilhelm Buschs lesenswerter Antiutopie “Eduards Traum” hängen sich die Bewohner des Schlaraffenlandes auf, weil es keine Schadenfreude gibt).

Genau hierfür ist der Haha gut. Der Haha ist zunächst ein Element der englischen Gartenarchitektur. Um einen Park wird ein Graben gelegt, darin eine Mauer. Dadurch hat man vom Park aus gesehen den Eindruck, dieser gehe bruchlos in die Naturlandschaft über. Von außen aber ist der Garten oder das Paradies für alle unerreichbar, die nicht durch das Tor hereinkommen. Angeblich beruht der Haha auf dem Aha-Effekt, den der Parkbewohner hat, wenn er feststellt, dass der bruchlose Übergang ein schöner Schein ist. Ich aber lese Haha als die höhnische Begrüßung aller, die von außen nicht in den Garten gelangen: Haha, ihr kommt hier nicht rein.

Und jetzt ergeht der Auftrag, nach Hahas zu suchen und vielleicht auch nach weiteren ähnlich bedeutungsschwangeren Wörtern.