Artikel-Schlagworte: „Goethe“

Aphorismus der Woche

20.04.2009 sm

“Wenn die Affen es dahin bringen könnten, Langeweile zu haben, so könnten sie Menschen werden.“

Johann Wolfgang Goethe

Nichts gilt heute als weniger erstrebenswert als sich zu langweilen. Freizeit, sie ersetzt schon lange den Begriff der Muße. Zur Muße, der Gelegenheit etwas zu tun, ist die „lange Weile“ notwendig, in der die Ideen keimen und gedeihen können (Josef Pieper – Muße und Kult). Freizeit dagegen will gefüllt werden, egal mit was. Nur nicht langweilen. So nähern wir uns langsam wieder den Affen an. Denn wenn Goethes Afforismus stimmt, und dieser Ansicht sind wir, stimmt dann nicht auch dessen Umkehrung?

„Wenn die Menschen es dahin bringen könnten, die Langeweile zu beseitigen, so könnten sie (wieder) Affen werden.“

Schelmuffsky


Über das Reisen 2

19.07.2007 sm

„Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. Überfeine Leute mögen ihre Glossen darüber machen, nach Belieben; es ist mir ziemlich gleichgültig. Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. Man kann fast überall bloß deswegen nicht recht auf die Beine kommen und auf den Beinen bleiben, weil man zuviel fährt. Wer zuviel in dem Wagen sitzt, mit dem kann es nicht ordentlich gehen.“

Der dies schrieb (in “Mein Sommer”), meinte mit dem Wagen keineswegs das Auto, sondern die Pferdekutsche. Es ist Johann Gottfried Seume, neben Robert Walser wahrscheinlich der größte Spaziergänger der deutschsprachigen Literatur. Die oben zitierte Passage findet ihren Widerhall in einer „Kindergeschichte“ von Günther Anders, die dieser seiner Kritik an Rundfunk und Fernsehen voranstellt:

„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. „Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen”, waren seine Worte. „Nun darfst du es nicht mehr“, war deren Sinn. „Nun kannst du es nicht mehr“, deren Wirkung.“
(Günther Anders – Die Welt als Phantom und Matrize, in: Die Antiquiertheit des Menschen Bd. 1)

Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ führte mehrere Tausend Kilometer bis nach Sizilien und dann bis nach Paris und wurde innerhalb weniger Monate absolviert. Das Buch ist in jeder Beziehung ein Kontrastprogramm zu Ach Du meine Goethes „Italiänische Reise“. Geht es Goethe – oder sollte man besser sagen: erfährt (sich) Goethe mir der Kutsche die italienische Landschaft als ein Bildungserlebnis, so rückt dem Spaziergänger Seume das soziale Elend des Landes, in dem nicht nur die Zitronen blühen, bedrückend auf die Pelle, und er kann sich keinen Illusionen hingeben. Seume gibt in seinem Bericht ein geradezu naturalistisches Abbild der sozialen Verhältnisse und analysiert mit sozilogischem Blick den allgemeinen Verfall, der für ihn ein Resultat von Napoleons Pakt mit einer äußerst korrupten katholischen Kirche ist. Sein Spaziergang enthält aber auch grandiose Naturbeschreibungen, z. B. jene, in der er den Aufstieg auf den Ätna schildert. Ein sehr empfehlenswerter Reisebericht.

wahrscheinlich der größte Spaziergänger der deutschsprachigen Literatur. Die oben zitierte Passage findet ihren Widerhall in einer „Kindergeschichte“ von Günther Anders, die dieser seiner Kritik an Rundfunk und Fernsehen voranstellt:

„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. „Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen”, waren seine Worte. „Nun darfst du es nicht mehr“, war deren Sinn. „Nun kannst du es nicht mehr“, deren Wirkung.“
(Günther Anders – Die Welt als Phantom und Matrize, in: Die Antiquiertheit des Menschen Bd. 1)

Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ führte mehrere Tausend Kilometer bis nach Sizilien und dann bis nach Paris und wurde innerhalb weniger Monate absolviert. Das Buch ist in jeder Beziehung ein Kontrastprogramm zu Ach Du meine Goethes „Italiänische Reise“. Geht es Goethe – oder sollte man besser sagen: erfährt (sich) Goethe mir der Kutsche die italienische Landschaft als ein Bildungserlebnis, so rückt dem Spaziergänger Seume das soziale Elend des Landes, in dem nicht nur die Zitronen blühen, bedrückend auf die Pelle, und er kann sich keinen Illusionen hingeben. Seume gibt in seinem Bericht ein geradezu naturalistisches Abbild der sozialen Verhältnisse und analysiert mit sozilogischem Blick den allgemeinen Verfall, der für ihn ein Resultat von Napoleons Pakt mit einer äußerst korrupten katholischen Kirche ist. Sein Spaziergang enthält aber auch grandiose Naturbeschreibungen, z. B. jene, in der er den Aufstieg auf den Ätna schildert. Ein sehr empfehlenswerter Reisebericht.


Ach Du meine Goethe 2: Vier Fäuste für ein Halleluja

07.07.2007 sm

Zu den gelungensten Verfilmungen von Goethes Hauptwerk „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (Faust-Fragment, Urfaust, Faust I, Faust II) zählt die mit Bud Spencer und Terence Hill . Das Drehbuch geht zugegebenermaßen sehr freizügig mit der Vorlage um. Das aber ist ja seit der Bearbeitung von Stücken durch das moderne Regietheater durchaus üblich. Der Film ist auch frei von jenem Reimgeklapper Goethes, das mich bei der Lektüre immer an das Lied von der Mühle am rauschenden Bach denken lässt. Wo aber ist der Zusammenhang? Wollte der Regisseur jene Sequenz aus Faust 1 auf den Punkt bringen, in der Faust darüber nachdenkt, wie der Anfang der Heiligen Schrift zu übersetzen sei:

„Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß die Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft! (Bud Spencers; Schelm.)
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe,
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“

Zu ergänzen wäre vielleicht noch: „Im Anfang war die Prügelei.“ Hier stutze ich auch. Was ist im Anfang? Die hessische Kultusministerin Karin Wolff hatte jüngst die geniale Idee, im Biologieunterricht die Schöpfungsgeschichte aus der Bibel aufzunehmen. Wahrscheinlich ist sie dafür, weil der Schöpfungsbericht im Rahmen von „Unterrichtsgarantie plus“ (die Hessische Bezeichnung für die kostengünstige Substitution von qualifiziertem Lehrpersonal) viel einfacher zu unterrichten ist, wenn mal der Biologieunterricht ausfällt.

Doch zurück zu Faust. Nur weil dieser so heißt, meint er, dass die Arbeit mit den Fäusten dem Wort vorausgeht, im Anfang ist. Ist Gott ein Händler oder Macher? Die Art, wie er in einer Szene der Schöpfungsgeschichte aus einer Rippe eine Frau gestaltet, könnte diesen Verdacht nahelegen (leider kann sich Faust Margarete nicht aus den Rippen schneiden, sonst bräuchte er Mephistopheles nicht). Aber es heißt eben doch an allen Schöpfungstagen: Gott sprach: Es werde … Und es ward. Faust kann auf seine ziemlich doofen Übersetzungvorschläge nur kommen, weil der Pudel um seine Beine schleicht.

Ach ja: In einem ziemlich witzigen Video wurde der Hawaianer Eric T. Hansen gefragt, wie er zu Goethe steht und was er vom Faust hält. So richtig viel wohl auch nicht: http://www.fischerverlage.de/sixcms/detail.php/942669

Und wer sich intensiver damit beschäftigen will, warum im Schöpfungsbericht das Wort im Anfang ist, dem sei Walter Benjamins Aufsatz “Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen” empfohlen (im Band 2 der Werkausgabe)


Ach Du meine Goethe

05.07.2007 sm

Zu den witzigen Stellen in Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ zählt jene, als Humboldt, mit einigen Indianern und Bonplandt auf dem Rio Negro rudernd, gebeten wird, auch eine Geschichte zu erzählen:

„Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.
Alle sahen ihn an.
Fertig, sagte Humboldt.
Ja wie, fragte Bonpland.
Humboldt griff nach dem Sextanten.
Entschuldigung, sagte Julio. Das könne doch nicht alles gewesen sein.“

Nahezu vierzig Jahre vor Kehlmann versuchte der französische Schriftsteller Georges Perec der kaum begreiflichen Faszination von Goethes Gedicht „Wanderers Nachtlied“ auf die Spur zu kommen. Im Hörspiel „Die Maschine“ zerlegt er das Gedicht in seine Bestandteile, unterwirft es allen möglichen Sprachoperationen, zieht Gedichte mit einem ähnlichen Wortmaterial heran und filtert die Biographie Goethes. “Wanderers Nachtlied” wird dabei auch mit Hilfe von Wörterbüchern und nach mathematischen Regeln auseinandergenommen und neu formuliert, z. B.
„über allen gitarren
ist ruhestand
in allen wirksamkeiten
verspürest du
kaum einen haufen
die vogelschauen schweigen im waldstrom
warte nur balde
ruhest du auch“
Hier wurden die im Gedicht vorkommenden Substantive durch die in Langenscheidts Taschenwörterbuch Deutsch – Latein im Abstand 5 vom jeweiligen Substantiv entfernten Substantive subtituiert.
Schön auch folgende Variante:
„über allen glasuren
ist russ
in allen wissenschaften
spürest du
kaum ein hausmädchen
die vollkommenheiten schweigen im wandkalender
warte nur balde
ruhest du auch“
(Deutsch-spanisches diccionaio liliputiense cadete; Wortstand = 15)

Perec benutzt komischerweise kein Reimwörterbuch, und das hole ich jetzt nach und nehme dafür das von Günter Eich für seine Sprachspiele so geschätzte „Rückläufige Wörterbuch“ von E. Mater:
„über allen Suppenwürfeln
ist muh
in allen Wurstzipfeln
spürest du
kaum einen Lauch
die Zünglein schweigen im Felde
warte nur balde
ruhest du auch“

Und hiermit erkläre ich die Goethe-Woche für eröffnet.

P. S. Wer weitere Versionen von “Wanderers Nachtlied” erzeugen möchte, immer zu!