Artikel-Schlagworte: „Glück“

Aphorismus der Woche

18.01.2011 sm

Der Mensch liebt es, nur sein Unglück zu beachten, sein Glück aber zu übersehen. Würde er aber richtig sehen, so würde er erkennen, daß ihm beides beschert ist.

aus: Fjodor Dostojewskij – Aufzeichnungen aus dem Kellerloch Zweiter Teil: Bei nassem Schnee, übersetzt von Swetlana Geier, Frankfurt a. M. 2008 (Fischer Klassik), S. 104


Aphorismus der Woche

03.10.2010 sm

Alles, was die Seele durcheinander rüttelt, ist Glück.
Arthur Schnitzler


Neue Lesefrüchte: Marcelle Sauvageot “Fast ganz die Deine”

12.09.2010 sm

Es wäre noch zu berichten von Markus Werner, dessen frühe Romane ich gerade einen nach dem anderen weglese (zuletzt “Bis bald”), weil sie mir (zumindest augenblicklich) sehr gemäß sind und mich – Vergleiche hinken immer – an die frühen Romane von Wilhelm Genazino erinnern, die ich ebenfalls sehr schätze.

Heute eine Lesefrucht aus einem Buch, das jahrelang unbeachtet in meinem Regal stand, bis ein Freund es vorgestern erwähnte: Marcelle Sauvageot “Fast ganz die Deine”. Ich bin noch in den Anfangsgründen, diese Zeilen aber sprachen mir zu:

“Glück? Ein Klagewort. Und Sie, Sie personifizieren es, Sie identifizieren, definieren es. Kann man wirklich davon sprechen, wie Sie es tun?
Wenn ein Duft gefällt, so versucht man ihn festzuhalten, ihn wiederzufinden; man läßt sich nicht vollständig von ihm berauschen, um ihn analysieren zu können und ihn allmählich in sich aufzunehmen, bis sich der Sinneseindruck durch die bloße Erinnerung wiederherstellen läßt; wenn der Duft wiederkommt, atmet man ihn langsamer, vorsichtiger ein, um auch die feinsten Nuancen zu erfassen. Eine starke Duftwolke steigt einem zu Kopf, hinterläßt jedoch das aufreizende Gefühl von etwas Unfertigem, Unvollendetem. Oder sie läßt einem auf unangenehme Weise den Atem stocken, man möchte sie loswerden, um wieder frei zu atmen, oder aber es ist ein heftiger, zu schnell wieder vergangener Rausch. weil nur das Nervensystem berührt worden ist. Es ist Glück, überwältigt zu werden und nichts mehr zu wissen. Doch noch ein Eckchen Bewußtsein zu haben, das immer weiß was geschieht, und das durch dieses Wissen dem gesamten intellektuellen, vernünftigen Wesen erlaubt, in jeder Sekunde an dem gegenwärtigen Glück teilzuhaben, dieses Eckchen Bewußtsein zu haben, das die Entwicklung der Freude langsam nachvollzieht, das ihr bis an die äußersten Enden folgt, ist das nicht auch Glück? Es gibt ein Eckchen, das nicht mitschwingt, doch dieses Eckchen bleibt Zeuge der erlebten Freude – das. was sich erinnern und sagen kann: Ich bin glücklich gewesen und ich weiß warum. Ich will gerne den Kopf verlieren, aber ich will den Augenblick begreiffen, da ich den Kopf verliere, und die Erkenntnis des abdankenden Bewußtseins soweit wie möglich treiben. Man soll sein Glück nicht in Abwesenheit erleben.”

Marcelle Sauvageot – Fast ganz die Deine, Nagel & Kimche 2005, S. 21 ff.

Image of Fast ganz die Deine