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The Medium is the Massage: Ein Gespräch von Schelmuffsky mit Dr. Rainer Mumpitz über Medien

27.09.2011 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz, „The Medium is the Massage“ von Marshall McLuhan ist eine der bahnbrechenden und meistzitierten Arbeiten in der Medienwissenschaft. Sie haben sich damit beschäftigt.

Dr. Rainer Mumpitz: Genau. Bzw. genauer im Zusammenhang mit dem Medium Fernsehen.

Schelmuffsky: Was haben Sie herausgefunden?

Dr. Mumpitz: Das Fernsehen hat sich ja enorm verändert, sowohl technisch, als auch was das Programm angeht. Wie McLuhan sagt, war das Medium Fernsehen früher eindeutig in seiner Botschaft. In der Zeit des Röhrenfernsehens sagte man: „Ich gucke / schaue in die Röhre“, und allen war klar, was gemeint ist, nämlich lt. Wikipedia: „Ich gehe leer aus.“ bzw. „Ich werde benachteiligt.“ Oder eben: The medium is the message.

Schelmuffsky: Und dann kamen das Privatfernsehen und der Flachbildschirm.

Dr. Mumpitz: Exakt. Die Leere wurde sozusagen flach. Die Technik passte sich der Programmtiefe an, und die ist ja heute von einer Plattheit, dass selbst die neuesten Flachbildschirme irgendwie noch zu tief sind.

Schelmuffsky: Und wie ging es weiter?

Dr. Mumpitz: Das ist doch bekannt. Irgendwann sollte die flache Leere zumindest scharf sein, also erfand man HDTV. Und jüngst will man sozusagen die Quadratur des Kreises: Jetzt soll die flache Leere plötzlich dreidimensional erscheinen nach dem Motto: Die Hohlköpfe, die davor sitzen, sind ja schließlich auch dreidimensional.

Schelmuffsky: Ich las da neulich einen lustigen Beitrag auf Spiegel Spam über die „dritte Dimension“.

Dr. Mumpitz: Den habe ich auch gesehen. Der hat sehr treffend darauf hingewiesen, dass die meisten Menschen schlicht nicht mehr wissen, dass es eine dreidimensionale Welt neben der Flachbildschirm-Welt gibt. Deswegen sieht man auch so viele Menschen, wie sie Flachbildschirme und Displays streicheln. Ihnen gefällt die Zweidimensionalität.

Schelmuffsky: Die Zweidimensionalität ist ja an sich nichts Neues.

Dr. Mumpitz: Stimmt. Ich habe hier im April ja schon einmal meine Erfindung einer Brille erwähnt, mit der man alles zweidimensional sieht. Das eindimensionale Sehen von Westerwelle nachzustellen, ist mir allerdings bis heute nicht gelungen. Aber apropos Zweidimensionalität: Kennen Sie das Buch „Flächenland. Ein mehrdimensionaler Romans, verfaßt von einem alten Quadrat (Edwin A. Abbott)“?

Schelmuffsky: Aber natürlich. Das ist für einen Roman aus dem 19. Jahrhundert wirklich ein außergewöhnlich weitsichtiger Text. Ich glaube, wir sind auf dem besten Wege dorthin. Nur dass im Roman von Abbott der Erzähler der Zweidimensionalität in Richtung mehrdimensionaler Räume entflieht, während heutzutage ja alles auf den Punkt, nämlich den Standpunkt, den man einnimmt, hinausläuft.


Schelmuffsky im Gespräch mit Dr. Martin über Mallorca, vor allem aber über Albert Vigoleis Thelen

26.10.2010 sm

Schelmuffsky: Sie waren im Urlaub, heißt es.

Dr. Martin: Es heißt richtig, wenn es auch nicht ganz so heiß war, aber doch noch angenehm warm.

Schelmuffsky: Wo weilten Sie weiland, wenn ich fragen darf?

Dr. Martin: Auf der Insel des zweiten Gesichts.

Schelmuffsky: Aha, Vigoleis Thelen auf der Spur, nehme ich an.

Dr. Martin: Eher nicht, eher einfach so, aber dabei gehabt habe ich Thelen natürlich, und gelesen habe ich ihn auch wieder. Sowieso.

Schelmuffsky: Erzählen Sie mehr. Wie war Mallorca im Herbst?

Dr. Martin: Ich kannte es vorher nicht, bzw. eben nur aus dem erwähnten Roman von Vigoleis Thelen und aus George Sands „Ein Winter auf Mallorca“. Die Lektüre beider Bücher liegt schon Dezennien zurück. Von Thelen erinnerte ich immerhin noch die eine oder andere Episode, z. B. seine Monate im sogenannten ‘Turm der Uhr’, als er und seine Frau Beatrice aus purer Geldnot gezwungen waren, in der Zelle eines Bordells zu kampieren (und zu hungern), über sich keine Zimmerdecke, aber ein undichtes Dach, unter und über sich Scharen von Ratten, die alles anfraßen, was ihnen zwischen die Zähne kam, um sich herum 29 weitere Zellen, die aber der eigentlichen Bestimmung des Etablissements dienten, zumal zur Zeit der Corrida, wenn die Stierkämpfer in der Nacht vor ihrem womöglich letzten Auftritt zunächst im Flur des Bordells der heiligen Madonna opferten und dann in die Zellen zogen und für jene Geräuschkulisse sorgten, die umso hörbarer war, als es eben keine Decke über den Zellen gab. Das ist nur eine von wirklich zahllosen Geschichten. Unmöglich sich alle zu merken. Allerdings ist das Buch, obwohl Landschafts- oder Ortsbeschreibungen eher selten sind, ein guter Cicerone für die Insel.

Schelmuffsky: Wollen wir jetzt über Mallorca sprechen oder über Thelen?

Dr. Martin: Wenn Sie so direkt fragen, über Thelen, aber dabei sprechen wir dann beiläufig auch über Mallorca. „Die Insel des zweiten Gesichts“ war für mich wie für viel zu wenige andere eine der großen Entdeckungen in der deutschsprachigen Literatur. Sprachlich mindestens auf der Höhe des Puij Major, die Erzählungen ungefähr so verschlungen wie die Fahrt von Soller nach Sa Calobra, allerdings mit noch größeren Abgründen am Weg, auf jeder Seite Wörter eingestreut, die man noch nie gehört oder gelesen hat, dito Aphorismen wie bei den besten Aphoristikern, dazu noch Erörterungen über Philosophie, Literatur, die politische Situation in der Herankunft Hitlers und Francos, vor dem Thelen und seine Frau schließlich 1936 nach fünf bewegten und bewegenden Jahren auf der Insel fliehen mussten. Also ich kenne kein vielseitigeres Buch und zudem kaum eines, bei dessen Lektüre ich ähnlich oft gelacht hätte.

Schelmuffsky: Können Sie vielleicht Beispiele geben?

Dr. Martin: Z. B. Aphorismen:

„Jede Kirche, die Weltanspruch erhebt, muß über Leichen gehen, will sie sich nicht selber ins Grab schaufeln. Das ist eine bittere, aber grausame Wahrheit. Nur wen es trifft, muß weinen. Wir weinten damals auch.“ (S. 303)

Oder über die Probleme einer adäquaten Beschreibung:
„Die Schönheit des menschlichen Antlitzes ist unbegrenzt, mögen die Mittel noch so beschränkt sein, sie im Wort oder im Bilde darzustellen. Das Einmalige ist immer auf den Abklatsch angewiesen, wollen wir es vielen zugänglich machen.“ (S. 78)

Wobei man hier sagen muss: Die Art und Weise, wie Thelen beschreibt, ist selbst wieder ziemlich einmalig.

Oder:
„Sobald ein Mensch diese Uniform anlegt, hört er auf zu sein, was er ist.“ (S. 422)

Oder:
„Homo homini homo.“ (S. 406)
Das ist vielleicht der beste Aphorimus.

Schelmuffsky: Danke. Das reicht für ein bisschen Nachdenken. Ich schlage vor, wir sprechen morgen weiter.

Dr. Martin: Wie Sie wünschen. In der Zwischenzeit können Sie sich fortbilden auf http://www.vigoleis.de/


Schelmuffsky spricht mit Gott

05.08.2010 sm

Schelmuffsky: Guten Tag. Es ist mir peinlich, aber ich habe weder bei Knigge noch sonst wo einen Hinweis gefunden, wie man Sie angemessen anspricht.

Gott: Nur keine Umstände. Sagen Sie einfach Gott und „Sie“.

Schelmuffsky: Gut Gott. Ich freue mich sehr, dass Sie ausgerechnet mich für ein letztes Gespräch ausgesucht haben.

Gott: Ich hatte natürlich ein sehr lukratives Angebot von der „Vier-Buchstaben-Zeitung“, aber was glauben die eigentlich: Dass ich auf Geld scharf wäre? So sehr Mensch bin ich dann doch nie geworden. Außerdem werde ich einem Blatt, das dauernd gegen meine Gebote verstößt, allen voran gegen das das achte, einem Blatt, das zudem 2. Mose 20.4 schon im Titel negiert, also so einem Organ werde ich fernbleiben. Sollen andere Prominente es beliefern, ich nicht. Außerdem wollte ich ja möglichst wenig Aufhebens um meinen Rückzug aus der Öffentlichkeit machen. Und da nonsinn.de ja so gut wie keine Leser hat, schien mir dies der geeignete Ort für einen letzten Auftritt.

Schelmuffsky: Sie sind zurückgetreten. Da kommt natürlich sofort der Verdacht auf, dass Sie amtsmüde sind.

Gott: Ach, überdrüssig bin ich schon ein paar Tausend Jahre. Ich wollte mir ja eigentlich eine Freude bereiten mit der Schöpfung, so ähnlich wie ein Kind, das spielt. Was dabei rausgekommen ist, wissen Sie.

Schelmuffsky: Bereuen Sie also Ihre Schöpfung?

Gott: Nur der Papst ist unfehlbar und braucht ergo nichts zu bereuen. Bei mir ist das anders. Dass ich den sechsten Tag der Schöpfung bereue, steht ja schon in der Bibel (1. Mose 6,6).

Schelmuffsky: Sonst noch was?

Gott: Viel. Die Sintflut bzw. dass ich da meinte, jemand überleben lassen zu müssen. Am meisten vielleicht diese komische Wette mit dem Teufel. Der Teufel ist ja verglichen mit vielen Menschen ein ziemlich armseliges Würstchen. Dass ich ausgerechnet wegen einer Wette mit ihm einen der wenigen Aufrechten versucht und ruiniert habe – ich meine Noah –, werde ich mir nie verzeihen. Dann das eine oder andere der im Neuen Testament beschriebenen Wunder, das waren ja nur – heute würde man sagen: Marketingmaßnahmen. Schließlich, das haben Sie oder Herr Martin gesprächsweise auch schon ab und an als fragwürdig bezeichnet Matthäus 8, 22: “Lasset die Toten die Toten begraben.” Wenn die Menschheit sich in etwas bemerkenswert von den meisten Tieren unterscheidet, dann in den früher gültigen Begräbniskulten (heute ist ja auch das eine Frage des Geldes). Dass ich das einfach negiert habe, ist natürlich heikel.

Schelmuffsky: Von Marie von Ebner-Eschenbach stammt der Aphorismus: „Es würde sehr wenig Böses auf Erden getan werden, wenn das Böse niemals im Namen des Guten getan werden könnte.“ Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber könnte hier nicht genauso gut „im Namen Gottes“ stehen?

Gott: Doch, unbedingt. Ich habe das ja schon in der Rücktrittserklärung gesagt. Das größte Ärgernis für mich ist, wer sich heutzutage, aber auch schon früher, auf mich beruft, vermeintlich in meinem Namen handelt. Damit es diese Rechtfertigung ein für alle mal nicht mehr gibt, das war für mich ein wichtiger Beweggrund, der Erde den Rücken zu kehren.

Schelmuffsky: Was wollen Sie jetzt tun?

Gott: Ehrlich gesagt: Ich weiß es noch nicht. Vielleicht erst einmal ein paar Tausend Jahre ruhen und meditieren. Die Menschheit ist auch für Gott anstrengend.

Schelmuffsky: Gibt es auch etwas, das Sie vermissen werden?

Gott: Ich habe ja alle schönen Dinge in mir aufgenommen, die Musik von Bach z. B., insofern brauche ich nichts missen.

Schelmuffsky: Was wird aus dem Erlösungsversprechen und einigen anderen Ankündigungen, die die Zukunft betreffen?

Gott: Keine Ahnung. Momentan hat mich eine große Gleichgültigkeit erfasst. Die Menschheit soll jetzt erst einmal sich und die Schöpfung ruinieren, und dann sehen wir weiter.

Schelmuffsky: Das klingt pessimistisch.

Gott: Haben Sie auch nur die geringste Hoffnung, dass die Menschheit irgendwann nicht eigennützig, sondern vernünftig handeln könnte?

Schelmuffsky: Zugegeben, nein.

Gott: Also! Dieser verbreitete Zweckoptimismus hat die Misere ja zum größten Teil mitverursacht.

Schelmuffsky: Was raten Sie denen, die ehrlich an Sie geglaubt und in Ihrem Sinne gehandelt haben?

Gott: So sehr viele sind das ja nicht. Aber wenn Sie wirklich in meinem Sinne handeln, dann tun sie es ja ohne Hintergedanken und auch ohne Hoffnung, und dann ändert sich für sie nicht viel.

Schelmuffsky: Werden Sie eine Autobiographie schreiben?

Gott: Es gab da ja schon einmal eine vermeintliche Autobiographie, geschrieben von einem gewissen Franco Ferrucci. Aber zurück zu Ihrer Frage: Definitiv nein, das habe ich nicht vor.

Schelmuffsky: Sind Sie dann „mal weg“ oder für immer?

Gott: Das weiß ich noch nicht.

Schelmuffsky: Gott, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Anmerkung: Es wurde hier nur ein winziger Auszug eines sehr umfangreichen Gesprächs veröffentlicht. Nonsinn.de behält sich vor, demnächst weitere Ausschnitte zu publizieren.