Artikel-Schlagworte: „Georg Büchner“

Neue Lesefrüchte

26.09.2013 sm

Nur noch wenige Tage und es jährt sich die Geburt eines der größten Schriftsteller zum zweihundersten Mal: Georg Büchner.
Am Ende von “Leonce und Lena” finden sich diese Zeilen, die die zukünftige Regierung in den Koalitionsvertrag aufnehmen sollte:
LEONCE. (…) wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monde nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren, und das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeer stecken.
VALERIO. Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, daß wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist; daß jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt erklärt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!

aus: Georg Büchner – Werke und Briefe, o. O. 1956, S. 141 f.


Lesefrüchte

25.08.2010 sm

“Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.”
Georg Büchner, Leonce und Lena, 1. Akt, 3. Szene / Leonce


Anfänge Ende Aus

04.07.2007 sm

In meinem letzten Interview wurde Franz Tumler angesprochen, der in der Tat einer der besten „Anfänger“ ist.

„Volterra“ z. B.:
„Die Sonne ist noch hoch am Himmel, aber man sieht sie nicht mehr, sie geht am Himmel schon unter in der Zone aus Staub, die sich über der winterlichen Erdhälfte nicht mehr löst;- gestern noch über dem Meer: auf seinem Horizont, der als Berg aufstieg, setzte die Sonne einen weichen Fuß auf und sank langsam ein; und das grüne Leuchtfeuer auf dem Vorgebirge war zu erkennen, und das rote Leuchtfeuer vor dem Hafen, das wegweisende und das hemmende Feuer, sie blitzen schon lange herüber; und jetzt male ich es dir auf die Scheibe: grün, rot, und dazwischen die Stadt, über die du gegangen bist, eine ebene Tafel: Ansedonia auf dem Hügel von Cosa; Mauerwerk, Pflaster, Rinnsal, die hochgehobene Stadt, verlassen, ausgegraben, der Stein an den Tag gelegt, von wem bewohnt -“

oder „Aufschreibung aus Trient“:
„Das Hotel klein, heiß, das heißt: unten geht es, auf dem Fußboden aus weißem Marmor. Aber wenn ich die Treppe in die Höhe gehe, die vier Stockwerke, schlägt mir die Hitze entgegen. Zuletzt aus dem Zimmer, in dem die Frau auf dem Bett liegt, mit Schweißperlen auf der Stirn und nackten Armen, und den Kopf nicht rührt. Nur die Augen rührt, die hin- und hergehen und sagen: Bitte Wasser. Und wenn ich sie stützte, trinkt sie, und das Wasser rinnt ihr über die Lippen auf die Haut, es ist eiskalt.-“

Die Bücher sind vergriffen, Tumler passt so recht nicht mehr in die heutige Zeit, für mich aber steht er gleichwertig neben Namen wie z. B. Ilse Aichinger. Atmosphärische Anfänge, so könnte man die eben zitierten bezeichnen. Auf „Volterra“ werde ich sicherlich immer wieder zu sprechen kommen.

Die Recherche nach guten Anfängen war vergnüglich und muss naturgemäß unvollständig bleiben, es wurde aber ja noch der beste Anfang versprochen, für mich ist es der Anfang von – und hier legen wir jetzt erst einmal die von „Deutschland sucht den Superstar“, „Lets dance“ und wie die Sendungen alle heißen, abgeschaute Kunstpause ein, und lassen erst noch ein paar andere gute „Anfänge(r)“ vortreten, Albert Drach zum Beispiel, das erste Kapitel von „Stirb ewig“ von Peter James ist auch nicht zu verachten, oder Bohumil Hrabals „Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene“, wirklich ein Superanfang, der zugleich Mitte und Schluss ist (das Buch besteht aus einem einzigen, grandiosen Satz), oder Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, mit dessen erstem Kapitel ich im Studium mal ein ganzes Semester zugebracht habe, oder „Sonne und Mond“ von Albert Paris Gütersloh, ein wirklich furioser Anfang (der schnell in eine Zeugung zu Pferde mündet), oder Carl Einsteins „Bebuquin“ („Die Scherben eines gläsernen, gelben Lampions klirrten auf die Stimme eines Frauenzimmers: ‚Wollen Sie den Geist Ihrer Mutter sehen?’“), and the winner is, und dieser mit dreiundzwanzig Jahren gestorbene Autor lässt bis heute die meisten Fräuleinwunder und Autorenjünglinge ziemlich alt aussehen, nämlich, also und auch die meisten Telefonanrufe kamen für

„Lenz“ von Georg Büchner, bei dessen „Leonce und Lena“ ich neulich wieder sehr gelacht habe.

„Den (20. Januar) ging Lenz durch’s Gebirg. Die Gipfel und oben Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war naßkalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber Alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte. Anfangs drängte es ihm in der Brust, wenn das Gestein so wegsprang, der graue Wald sich unter ihm schüttelte, und der Nebel die Formen verschlang, bald die gewaltigen Glieder halb enthüllte; es drängte ihm, er suchte nach etwas, wie nach verlornen Träumen, aber er fand nichts. Es war ihm alles so klein, so nahe, so naß, er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen, er begriff nicht, daß er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunter zu klimmen, einen fernen Punkt zu erreichen; er meinte, er müsse Alles mit ein paar Schritten ausmessen können. Nu r manchmal, wenn der Sturm das Gewölk in die Täler warf, und es den Wald herauf dampfte, und die Stimmen an den Felsen wach wurden, bald wie ein verhallende Donner, und dann gewaltig heran brausten, in Tönen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besingen, und die Wolken wie wilde wiehernde Rosse heransprengten, und der Sonnenschein dazwischen durchging und kam und sein blitzendes Schwert an den Schneeflächen zog, so daß ein helles, blendendes Licht über die Gipfel in die Täler schnitt; oder wenn der Sturm das Gewölt abwärts trieb und einen lichtblauen See hineinriß, und dann der Wind verhallte und tief unten aus den Schluchten, aus den Wipfeln der Tannen wie ein Wiegenlied und Glockengeläute heraufsummte, umd am tiefen Blau ein leises Rot hinaufklomm, und klein Wölkchen auf silbernen Flügeln durchzogen und alle Berggipfel scharf und fest, weit über das Land hin glänzten und blitzten, riß es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, Alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat; oder er stand still und legte das Haupt in’s Moos und schloß die Augen halb, und dann zog es weit von ihm, die Erde wich unter ihm, sie wurde klein wie ein wandelnder Stern und tauchte sich in einen brausenden Strom, der seine klare Flut unter ihm zog. (…)“