Artikel-Schlagworte: „Finanzkrise“

Schelmuffsky im Gespräch mit Dr. Rainer Mumpitz

14.04.2011 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz, verfolgen Sie die Ereignisse in Japan?

Dr. Mumpitz: Aber selbstverständlich. Wer hätte gedacht, dass wir noch mal einem Supergau zu Lebzeiten beiwohnen können. Ehrlich gesagt, bestimmt doch nur irgendwelche Miesepeter von Greenpeace oder den Grünen.

Schelmuffsky: Wie beurteilen Sie die Lage in Fukushima?

Dr. Mumpitz: Zunächst einmal zolle ich der Firma Tepco Respekt für das Krisenmanagement.

Schelmuffsky: Warum?

Dr. Mumpitz: Für uns als Wissenschaftler war schon in den ersten Tagen klar, dass sich eine Katastrophe ersten Ranges anbahnt = Stufe 7. Und deutlich war auch sehr schnell, dass eigentlich nur ein totalitäres Regime wie die Sowjetunion zu Zeiten von Tschernobyl mit ernsthaften Kernkraftproblemen zurechtkommen würde. Denn so ein Regime kann ja genügend Menschen in das sichere Verderben schicken. Immerhin hat Tepco Panik vermieden, indem es bis vor ein paar Tagen am häufigsten zu Worten wie „keine Gefahr für die Bevölkerung“ oder „kontrolliert“ griff (als längst alles außer Kontrolle war). Gestern habe ich überhaupt erstmals gelesen, wie viele Menschen der Supergau in Fukushima betrifft, nämlich 70.000 bis 100.000, die jetzt umgesiedelt werden müssen und alles verlieren. Dann diese großartigen Gesten. Der Präsident von Tepco verbeugt sich im Fernsehen dreimal und entschuldigt sich mit warmen Worten.

Schelmuffsky: Das nennt man allgemein Salamitaktik.

Dr. Mumpitz: Oder auch angemessene Volksverdummung. Gestern sprach man davon, dass die Gegend (bislang ungefähr die Fläche von Berlin) langfristig unbewohnbar sein wird, und nannte 20 Jahre, als ob das im Zusammenhang mit atomarer Strahlung langfristig wäre. Nächste Woche wird man dann vielleicht sagen. Sorry, es waren nicht 20, sondern 2.000, ein kleiner Rechenfehler unseres Computers. Und ach ja, leider müssen wir 50 Kilometer räumen, und ob Tokyo nächstes Jahr noch bewohnbar ist, na ja, wir werden es schon noch erleben.

Schelmuffsky: usw., usw. Und wo landen wir dann?

Dr. Mumpitz: Keine Ahnung. Klar ist aber doch, dass sich Japan von dieser Kombination aus Natur- und Nuklearkatastrophe vermutlich nie wieder ganz erholen wird.

Schelmuffsky: Ist das nicht die deutsche Hysterie, von der jetzt überall die Rede ist?

Dr. Mumpitz: Also, in dieser Situation würde ich sagen: Lieber die sogenannten deutschen Wutbürger (ein polemisches Wort, das suggerieren soll, alle, die jetzt etwas kritisieren, hätten eine leichte Klatsche und seien nicht ganz ernst zu nehmen) als diese überall gelobte japanische Ruhe und Demut. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Haltung der Tsunami-Opfer finde ich selbst bewundernswert, aber wie sich die Japaner seit Wochen von einem Konzern und der Regierung ohne Widerrede verdummen lassen, dazu gehört schon eine selten naive Autoritätsfürchtig- und Technikgläubigkeit.

Schelmuffsky: Man hat den Eindruck, bei Ihnen kommt eine gewisse Endzeitstimmung auf.

Dr. Mumpitz: Bei Ihnen nicht? Kollege Carlo Pesetas ist ja leider nicht da, sonst könnten wir ihn mal fragen, wann die USA denn jetzt endlich pleite sind und mindestens die Hälfte der übrigen Industrienationen und wie es um die Bewältigung der Finanzkrise bestellt ist.

Carlo Pesetas: Sie sprachen von mir. Ich war gerade in der Nähe. Haben Sie gelesen: Ackermann gilt jetzt als „gefährlich“, was ich schon immer gesagt habe, die Deutsche Bank soll „wissentlich problematische Hypotheken zu verbrieften Schuldpapieren, sogenannten CDOs, gebündelt haben“ und damit wesentlich zur Finanzkrise beigetragen haben, eben „Leistung, die Leiden schafft“.

Schelmuffsky: Herr Pesetas, danke. Mit Ihnen spreche ich in den nächsten Tagen noch einmal. Herr Dr. Mumpitz, arbeiten Sie eigentlich gerade wieder an einer Erfindung?

Dr. Mumpitz: Allerdings. Ich habe gerade eine Spezialbrille entwickelt, die zweidimensionales Sehen ermöglicht. Sie sehen damit alles platt. Damit bin ich zumindest auf halbem Weg, das Sehen von Guido Westerwelle und anderen Politikern für jeden erlebbar zu machen. Mein Forschungsziel ist eine Brille, mit der man alles eindimensional sieht.


Schelmuffsky im Gespräch mit Carlo Pesetas über die Bilanzpressekonferenz der Deutschen Bank.

03.02.2011 sm

Schelmuffsky: Herr Pesetas, waren Sie bei der Bilanzpressekonferenz der Deutschen Bank dabei?

Carlo Pesetas: Nein, ich habe nur den Bericht in „Wirtschaft am Mittag“ im Deutschlandfunk gehört.

Schelmuffsky: Und, gibt es Neuigkeiten?

Carlo Pesetas: Ich habe nur so beiläufig zugehört. Im Prinzip alles beim Alten: Die Kosten der Finanzkrise werden vergesellschaftet, die Milliardengewinne eingestrichen. Der Bericht plätscherte so dahin, und da sagt Josef Ackermann plötzlich doch tatsächlich Folgendes: „Ganz klar! Die Botschaft für uns alle ist: execution!“ Das hat mich dann doch erstaunt, dass der Chef der Deutschen Bank plötzlich in den Jargon der Roten Armee Fraktion verfällt. Banker haben in den letzten Jahren Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Menschen ruiniert, das ist eh klar. Aber Exekution? Ich bin ja ganz gegen die Todesstrafe. Und irgendwelche Appelle, die falsch verstanden werden könnten: Das ist natürlich sehr heikel.

Schelmuffsky: Was dann?

Carlo Pesetas: Ackermann peilt für dieses Jahr einen Gewinn von zehn Milliarden an und fügt auch gleich hinzu, dass dieses Gewinnvolumen das „new normal“ für die nächsten Jahre werden soll, also jedes Jahr Gewinne in dieser Größenordnung. Da liegt es doch nahe zu sagen: Prima, da kann der Staat ja doch auch ein bisschen mehr abschöpfen.

Schelmuffsky: In der Tat. Herr Pesetas, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Bericht von der Bilanzpressekonferenz der Deutschen Bank in “Wirtschaft am Mittag”, Deutschlandfunk, 3. Februar 2011


Die Buchkritik: Fido Marzipan „Deutschland rafft (sich) zusammen. Wie integrationsunwillige Banker den sozialen Frieden gefährden und unser Land und die Welt ruinieren“

24.09.2010 sm

Unser Wirtschaftsredakteur Carlo Pesetas konnte für nonsinn.de das neue Buch von Fido Marzipan vorab lesen. Hier seine Rezension:

Natürlich könnte man auf die Idee kommen, das Buch sei eine billige Replik auf Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ und schnell auf den Buchmarkt geworfen, um vielleicht auch noch ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Doch täte man Marzipan damit unrecht, auch wenn zumindest einige seiner Thesen ähnlich krude sind wie die Sarrazins. Doch zunächst einmal ein Überblick:

Kein Tag in den letzten Wochen, an dem nicht eine Nachricht publik wurde, die so manchen die Faust in der Tasche ballen ließ:
• Hypo Real Estate braucht weitere 41.000.000.000,- € Garantien vom Staat (und bekommt sie ohne mit der Wimper zu zucken).
• Hypo Real Estate zahlt 25.000.000,- € Boni an seine Manager, mit Zustimmung der Regierung wohlgemerkt, die allenfalls noch höhere Bonuszahlungen verhinderte.
Michael Kemmer soll Banken-Cheflobbyist werden, obwohl der Staatsanwalt gegen den Ex-BayernLB-Chef ermittelt (allerdings möchte man sagen: Er hat ja 10.000.000.000,- € vom bayrischen Staat eingetrieben, insofern scheint seine Wahl zum Vorstand des deutschen Bankenverbandes geradezu eine Idealbesetzung).

Dies und vieles mehr listet Marzipan auf, rekapituliert auch noch einmal die Finanzkrise, zeigt wie schnell die Regierung willfährig die Wünsche von Ackermann und Co. erfüllt habe, beschreibt detailliert, wie die Mittelschicht seit beinahe dreißig Jahren systematisch ausgenommen werde wie eine Weihnachtsgans. Begonnen habe alles mit dem einst von Kohl in den 80er Jahren verwendeten Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“, der bewusst irreführend gewesen sei, denn es sei, um bei diesem Beispiel zu bleiben, ja nicht gesagt worden, für wen sich die Leistung anderer wieder lohnen sollte (der FDP-Slogan „Mehr Netto vom Brutto“ verschwieg auch klammheimlich, um wen und wessen Gewinne es hier eigentlich ging). Insofern ist das Buch ein guter Überblick über dreißig Jahre Umverteilungspolitik von unten nach oben. Marzipan rekapituliert auch, wie der sogenannte Solidarpakt ruiniert worden sei und der Generationenvertrag gleich obendrein, wie die Sozialversicherungssysteme unter Kohl zweckentfremdet und ausgehöhlt und später von Schröder endgültig beerdigt wurden u. v. m. Das alles ist bekannt, aber in dieser Dichte doch erhellend. Gleichzeitig fragt Marzipan nicht ganz zu Unrecht, was sich das Volk in diesem Land alles völlig widerspruchslos gefallen lasse. Während in Frankreich die Rente mit 62 (statt mit 60) die Leute auf die Straßen treibe, um nur eines von vielen Beispielen zu nennen, werde in Deutschland jede neue Zumutung hingenommen mit einer Gleichmut, die einen an das Brecht-Zitat von den „allerdümmsten Kälbern“ denken lasse, die „ihren Schlächter selber wählten“. Selbst die Nachricht, dass Deutschland seit über zehn Jahren bei der Lohnentwicklung das Schlusslicht in Europa ist, verursache allenfalls eine Nachricht auf der dritten Seite der Zeitungen, erzürne aber niemand. Insofern scheint sogar das von Marzipan kolportierte Gerücht glaubhaft, in bestimmten Politikerkreisen spreche man von den Wählern nur noch als dem „Stimmvieh“ und den „nützlichen Idioten“.

Dies ist das Umfeld, in dem sich nach und nach eine asoziale Gruppe gebildet und systematisch auf Kosten anderer bereichert habe: die Bankmanager neuen Typs. Marzipan erzählt in diesem Zusammenhang auch ein paar Anekdoten am Rande. Nach dem „Schwarzen Freitag“ hätten die Architekten der Bankzentralen darauf geachtet, dass die Fenster nicht mehr geöffnet werden konnten, zum einen um zu verhindern, dass das Geld zum Fenster rausgeschmissen werden kann, zum anderen, um die Banker im Falle eines Bankrotts daran zu hindern, wie am und nach dem „Schwarzen Freitag“ reihenweise aus dem Fenster zu springen. Diese Maßnahme sei aus heutiger Sicht völlig absurd, denn die Banker schaufelten das Geld ja nicht zum Fenster raus, sondern in die eigenen Taschen und sprängen auch nicht mehr aus dem Fenster, nachdem sie Tausende ruiniert hätten, sondern klagten dann noch Millionenboni ein, die sie, weil ja alles rechtens sei, in aller Regel auch bekämen. Die Politik habe jahrelang zugelassen und (durch Deregulierung) gefördert, dass sich diese Randgruppe bilden konnte, die noch viel integrationsunwilliger sei als mancher Islamist und im Zweifel noch sehr viel ruinöser für die Gesellschaft. Auch spreche man in diesem Kreis nicht mehr Deutsch, sondern erfinde ständig neue Worthülsen, die dann Finanzprodukte genannt würden, aber nichts seien als Nebelkerzen, um die so genannten Kunden noch besser ausnehmen zu können. Wenn jetzt eines der führenden Geldinstitute ständig Werbung mache mit verunsicherten Kunden, die dieses Kauderwelsch nicht verstünden und deswegen noch mehr Rat von gut meinenden Bankberatern bräuchten, sei das schon bezeichnend.

Zweifelhaft wird Marzipan, wo er wie Sarrazin plötzlich biologistisch argumentiert, von einem rasch sich ausbreitenden aggressiven Gier-Gen spricht. Das ist natürlich mehr als fragwürdig, genauso wie die These, dass das Verschwinden der Haarfarbe Rot darauf schließen lasse, dass Rot insgesamt auf dem Rückzug sei.

Das Résumé von Marzipan lautet, dass die Politik dringend darauf bedacht sein müsse, die Mitglieder dieser Randgruppe in die Gesellschaft zu reintegrieren, notfalls mit Zwang. So sollten auffällig gewordene Banker in verantwortungsvollem Handeln geschult und behutsam wieder in ein normales Leben zurückgeführt werden (z. B. durch von Sozialarbeitern begleitete Einkäufe beim Discounter). Auch Sprachkurse seien im Einzelfall angebracht. Finanziert werden sollten diese Maßnahmen durch Einzug der Boni.

So fragwürdig einzelne Argumentationen und Lösungsvorschläge sein mögen, so notwendig ist die von Marzipan angestoßene Debatte insgesamt. Man kann davon ausgehen, dass das Buch eines der meistdiskutierten dieses Herbstes sein wird.


Interview zum Thema „Die neue Ehrlichkeit“

14.02.2010 sm

Schelmuffsky sprach mit Dr. Sigurd Martin (Leiter von IFALUG, Institut für angewandte Lebensfreude und Gebrauchszynismus)

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, wir haben hier neulich eine Reihe zum Thema „Die neue Ehrlichkeit” begonnen. Wie sehen Sie das?

Dr. Martin: Die sieht man doch allenthalben. Nehmen wir z. B. Guido Westerwelle, der die „geistig-moralische Wende“ ankündigte, eine Millionenspende einer Hotelkette hin- oder mitnahm und dann das Gesetz zur Halbierung des Mehrwertsteuersatzes für Hotelübernachtungen forcierte. Da kann man vielleicht in Abwandlung von Adornos berühmtem Aphorismus sagen: Es gibt kein ehrliches Leben im verlogenen. Wie dreist die FDP dann aber auch noch behauptete, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun: Das spricht schon sehr für die neue Ehrlichkeit.
Schelmuffsky: Unser Plakat als Beispiel für eine neue Ehrlichkeit in der Werbung hat Sie also nicht überzeugt?

Dr. Martin: Doch, doch. Tendenziell haben die Menschen wahrscheinlich die Nase voll von dieser geleckten Welt, die uns da jahrelang als die schöne neue präsentiert wurde, während im Hintergrund einige wenige die Dinge so drehten, dass Milliarden von der Mittelschicht in ihre Taschen wanderten. Ich will jetzt nicht auf die Finanzwelt zu sprechen kommen, aber vielleicht beiläufig hier einen Buchtipp dazu loswerden: Wolfgang Eichborn / Dirk Sollte – Das Kartenhaus Weltfinanzsystem. Mit diesem Buch habe ich zum ersten Mal so richtig verstanden, was mit dem Satz gemeint ist: Der Laie raubt die Bank aus, der Profi gründet eine Bank.

Schelmuffsky: Kommen wir mal zurück zum Thema Ehrlichkeit. Haben Sie vielleicht ein Beispiel.

Dr. Martin: Neulich fuhr ich mit dem ICE nach München. Und da kam dann auch ein – wie heißt das heute? Das Wort Schaffner wurde ja in den letzten Jahren abgeschafft …

Schelmuffsky: Zugbegleiter.

Dr. Martin: Zugbegleiter genau, das ist natürlich alles schon Neusprech. Also der kam da sehr fröhlich durch den Wagen gelaufen, geradezu übermütig, und fragte nach den Fahrscheinen. Darauf mehrere Fahrgäste: Warum sind Sie denn so fröhlich? Worauf er: Ich bin ein serviceorientierter Mitarbeiter der Deutschen Bahn und mein Unternehmen erwartet von mir Freundlichkeit gegenüber den Kunden.
Das fand ich irgendwie sympathisch subversiv. Wie ich überhaupt gerne mal, so lange diese nicht auch durch Automaten ersetzt werden, eine Typologie der Schaffner / Zugbegleiter schreiben würde. Die werden wahrscheinlich alle von ihrem Unternehmen mit einem Sprachbaustein-Handbuch gepeinigt, das ihnen vorschreibt, was sie in welcher Situation sagen sollen, und doch spricht aus vielen noch irgendwie eine Authentizität, die man sonst nicht mehr zu hören bekommt.

Schelmuffsky: Schon gar nicht auf den Bahnsteigen, auf denen man ja fast nur noch diese Automatenstimmen hört.

Dr. Martin: Stimmt! Das ist natürlich grässlich, zumal, wenn ich überlege, welche Stimmen in den Lautsprecheransagen früher manchmal auf den Bahnsteigen zu hören waren. Da wurden z. B. im Frankfurter Hauptbahnhof selbst die sogenannten „Störungen im Betriebsablauf“ (Neusprech für „Wir sind mal wieder unfähig.“) zuweilen mit einem Schlafzimmertimbre hingehaucht, dass einem alles egal war. Ein vielstimmiger Chor aus dialektalen Färbungen und Charakteren, bei dem man noch wusste, dass die Stimmen nicht aus der Konserve kamen.
Ich lese gerade ein Buch von Martin Seel mit dem Titel „Theorien“. Ich bin da ganz unvoreingenommen drangegangen, vielleicht sogar eher positiv gestimmt, weil ich ein Faible für aphoristisches Schreiben habe. Aber dann las ich darin Sätze wie diese hier, die mir doch sehr gegen den Strich gehen:
„…Moral ist der Schutz der Teilnahme am menschlichen Leben, ganz egal, wie die, die unter diesem Schutz stehen, zu dieser Teilnahme stehen, ganz egal auch, aus welchem Stoff diese Teilnehmer gemacht sind. Sobald wir Roboter wie unseresgleichen behandeln, weil sie sich um ihre Existenz – sowohl untereinander als auch uns gegenüber – zu sorgen beginnen, gehören auch sie zum Kreis der Unsrigen hinzu. Von der DNA allein hängt hier nichts ab.“

Schelmuffsky: Was stört Sie daran?

Dr. Martin: Abgesehen davon, dass man den Begriff „Moral“ eigentlich nicht mehr verwenden kann – mir war er schon immer suspekt – (aber vor allem heutzutage: siehe oben Westerwelle), werden hier völlig affirmativ Grenzen verwischt, auf deren Aufrechterhaltung ich unbedingt beharren würde, weil wir sonst die letzten Bastionen der Subjektivität schleifen und dadurch eigentlich jedes Unterscheidungskriterium für Wahrheit und Lüge wegfällt. Die Roboter beginnen sich untereinander und uns gegenüber zu sorgen und gehören deswegen zum Kreis der Unsrigen: Ich würde bei diesen Sätzen von einem Theoriesurrogat sprechen, wie es ja auch um Surrogate geht, Mensch gemachte Automaten, die überall an die Stelle von Menschen rücken. Das Ersetzen der Menschen durch Automaten (z. B. jüngst in der Altenpflege) aus zumeist rein wirtschaftlichen Überlegungen kann man vielleicht moralisch bewerten, auch wenn das natürlich nicht viel bringt, die Maschinen aber selbst der Sphäre der Moral zuzurechnen und ihnen die Fähigkeit zur Sorge zu unterstellen, halte ich für gewagt. Im Grunde muss man nur ein paar Male die Verzweiflung durchlebt haben, die sich sehr schnell einstellt, wenn man in den endlosen Schleifen eines sogenannten sprachgesteuerten Helpdesks alles bekommt (z. B. einen Wutanfall), nur nicht Hilfe. Das mit Sorge in Verbindung zu bringen, ist einfach abwegig. Wenn Sie mal ein gutes Buch zum Thema lesen wollen: Günther Anders – Die Antiquiertheit des Menschen. Das ist auch nach über 50 Jahren aktuell und vor allem sprachlich und begrifflich präzise.

Schelmuffsky: Noch mal zurück zum Thema Ehrlichkeit: Habe ich Sie richtig verstanden, Sie sehen da ziemlich schwarz.

Dr. Martin: Zur Zeit eher blau-gelb. Aber Spaß beiseite: Ich sehe schon, dass in weiten Kreisen der Gesellschaft das Gefühl vorherrscht, seit Jahrzehnten von den gewählten Repräsentanten und den Regierungen betrogen worden zu sein, im Zweifel auch vom Anlageberater der Bank. Insofern gibt es sicherlich heute ein größeres Bedürfnis nach Ehrlichkeit. Um diese zu erreichen, müssten allerdings berufene Kreise (Journalisten, Wissenschaftler, Intellektuelle allgemein) wieder eine Aufgabe ernst nehmen, die in Zeiten der Spaßkultur verpönt war. Ich meine die Aufgabe, Fragen und in Frage zu stellen und die, kritisch zu bewerten. Kritik, ein ähnlich ausgestorbenes Wort wie „Schaffner“, muss endlich wiederbelebt werden.

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Michael Moores neuer Film “Kapitalismus – Eine Liebesgeschichte”, oder: Was Wirtschaft und Politik von der Literatur lernen und noch lernen können

19.11.2009 sm

Dieser Tage kam Michael Moores neuer Film „Kapitalismus – Eine Liebesgeschichte“ in die Kinos und, so kann man schon jetzt konstatieren: Das deutsche Feuilleton findet keinen Gefallen daran. Zwar resümiert Verena Lueken in der FAZ, dass der Film schon jede Menge Informationsdetails zur Finanzkrise und zum Wirtschaftssystem der USA biete, aber man brauche den Film dennoch nicht. „Denn unser Wissen bleibt so folgenlos wie seine Filme.“ Du meine Güte, möchte man sagen, dann braucht man das Feuilleton der FAZ noch viel weniger. Man kann sich sehr leicht über Michael Moore erheben, denn Schwachpunkte bietet der Film zuhauf und auch ein paar überflüssige Mätzchen, wie z. B. dieses, das Gebäude der New Yorker Börse mit dem aus Krimis einschlägig bekannten Absperrband als Tatort zu kennzeichnen. Aber die von Lueken runter gespielten Details sind doch aufschlussreicher als so mancher Beitrag der deutschen Hochintelligenz, z. B. Karl-Heinz Bohrers verquere bis mindestens wirklichkeitsferne Antwort auf Axel Honneth und Christoph Menke in der in den letzten Wochen hoch gekochten Sloterdijk-Debatte. Dachten wir z. B. bislang, dass es Arbeitgebern in den USA und sonst wo, die von Blut- und Gentests bis ich weiß nicht was von ihren Stellenbewerbern verlangen, darum gehen würde, das beste „Menschenmaterial“ für den ausgeschriebenen Job zu bekommen, so ist die Sachlage nach Betrachtung des Films von Moore in vielen Fällen vermutlich doch eine Nummer zynischer. Zahlreiche Unternehmen haben schlicht und ergreifend von der Literatur gelernt, präziser: von Nicolai Gogols Roman „Die toten Seelen“, dass ein toter Angestellter (bei Gogol noch „Leibeigener“) im Zweifel mehr wert sein kann als ein lebender. Man muss nur eine einträgliche Lebensversicherung auf ihn (oder noch einträglicher: eine möglichst junge Sie) abschließen. Und wenn man dann weiß, dass der / die Angestellte eine das Leben verkürzende Disposition hat, na umso besser. Die hoffentlich bald Toten könnte man vielleicht auf neuökonomisch als wahre „Futures“ bezeichnen.

In diesem Zusammenhang möchte das „Institut für angewandte Lebensfreude und Gebrauchszynismus“ die Aufmerksamkeit auf einen Text lenken, der zumindest für Leute wie Thilo Sarrazin noch den einen oder anderen Denkanstoß bereit hält. Gemeint ist jener Essay von Jonathan Swift, der den zeitgemäß umständlichen Titel trägt: „Ein bescheidener Vorschlag,  wie man die Kinder der Armen hindern kann, ihren Eltern oder dem Lande zur Last fallen, und wie sie vielmehr eine Wohltat für die Öffentlichkeit werden können“.  Gar nicht auszudenken, welche Inspiration dieser Text auch für die diversen Kochsendungen im Fernsehen bietet (man stelle sich beispielsweise folgende Programmankündigung vor: „Lanz kocht“, heute: „Säugling im Brotteig“). Warten wir’s ab: Es gibt, so muss man nach der Betrachtung von Michael Moores Film konstatieren, keinen Zynismus, der nicht von der Wirklichkeit des Spätkapitalismus über kurz oder lang deutlich überboten würde.

Ach ja: IFALUG empfiehlt einen Besuch des Films.


Große Zahlen

20.07.2009 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, seit unserem letzten Interview (Bingo!) ist mehr als ein Jahr vergangen, und ich muss zugeben: Rückblickend betrachtet waren ihre Ausführungen ziemlich visionär.

Dr. Martin: Nur dass alles um den Faktor 50 bis 100 schlimmer gekommen ist. Wie viele Billionen der Finanzcrash bislang weltweit gekostet hat, darüber deckt man ja genauso das Pelzmäntelchen des Schweigens wie über etwaig zu benennende Schuldige. Man munkelt aber von 50 bis 100 Billionen Euro. Um bei den 50,- € Scheinen in unserem Gespräch vor einem Jahr zu bleiben: Gewichtsmäßig sind einige Eifeltürme (je 10.000 Tonnen) durch den Schornstein gejagt worden. Es soll angeblich noch Menschen geben, denen bei diesen Zahlen schwindlig wird.

Schelmuffsky: Neulich habe ich in einem Café beiläufig gehört, wie ein Mann einem anderen erzählte, seine Tochter habe aus einem Urlaub in Afrika einen Geldschein mitgebracht mit dem Wert 100 Trillionen Simbabwe Dollar. Wiedeking von Porsche soll, so wird kolportiert, 100 Millionen Euro (100.000.000,-) Abfindung bekommen im Falle, dass er gehen muss. Aber was ist das schon im Vergleich zu 100 Trillionen Dollar (100.000.000.000.000.000.000 ,-)

Dr. Martin: Seit unserem Gespräch vor einem Jahr beschäftige ich mich mit „großen Zahlen“ und da bin ich auch über das Geld in Zimbabwe gestolpert. Im Wikipedia-Artikel dazu fand ich auch meine bislang größte Zahl überhaupt. Zur Inflationsrate heißt es: „Am 21. Januar 2009 erreichte die Inflation nach Forbes Asia angeblich eine Rate von 6,5 Oktodezillionen (6,5 * 10 hoch 108) Prozent.“ Oktodezillionen, ich vermute mal, so viele Sandkörner gibt es nicht auf der Welt.

Schelmuffsky: Was fasziniert Sie denn so an großen Zahlen?

Dr. Martin: Ihre Abstraktheit. Schaut man sich z. B. die Bonuszahlungen und Gehälter der sogenannten Spitzenkräfte unserer Wirtschaft an, dann erreichen die heute Dimensionen, wo es auf ein paar Nullen mehr nicht mehr anzukommen scheint, nach dem Motto: Nullen können auch einen Haufen Nullen bekommen, aber im Ernst: Pervers wird es natürlich, wenn die Abgreifer dieser Multimillionen glauben, eine Abfindung / Bonuszahlung / ein Gehalt in Höhe von mehreren Hundert bis Tausend Jahresgehältern eines mittleren Angestellten sei wirklich verdient.

Schelmuffsky: Haben Sie denn eine Idee, was man tun könnte, um diese Inflation einzudämmen?

Dr. Martin: In Simbabwe streicht die Reserve Bank of Zimbabwe einfach alle paar Monate ein paar Nullen von der Währung weg, am 1. August 2008 laut Wikipedia gleich 10 Nullen auf einen Streich. Das könnte man ja vielleicht auch bei Bonuszahlungen und Abfindungen tun, sagen wir mal: alle fünf bis acht Jahre eine Null, das ist ja sehr zurückhaltend und würde doch die Verhältnisse wieder ein wenig ins Lot bringen.

Schelmuffsky: Ich lese gerade ein Buch, das mir in diesem Zusammenhang interessant scheint: Der Ich-Effekt des Geldes von Fritz Breithaupt. Das beginnt mit einer Anekdote: „Man erzählt sich, dass die Autoren eines deutsch-chinesichen Wörterbuchs auf ein Problem stießen, als sie das Wort ‚Individualität’ ins Chinesische übertragen wollten. Ein direktes Äquivalent ließ sich nicht finden. Die deutschen Autoren verfielen darauf, ihren chinesischen Kollegen eine Liste mit zwanzig Wörtern vorzulegen, die das Wortfeld ‚Individualität’ im Deutschen ausmachen. Als die Chinesen diese Liste begutachteten, hellte sich ihre Miene auf, denn sie glaubten, den alle Wörter verbindenden Begriff zu erraten. Ohne zu zögern, setzten sie das chinesische Wort für ‚Gier’ als Übertragung in das Wörterbuch.“

Dr. Martin: Bingo. Genau das ist es.

Schelmuffsky: Vielen Dank für das Gespräch.


Bingo!

03.06.2008 sm

Schelmuffsky: Seit unserem letzten Gespräch sind mehrere Monate vergangen. Was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht?

Dr. Martin: Zunächst müssen wir beide uns wohl bei den Lesern entschuldigen, dass wir uns solange nicht gemeldet haben. Aber zum einen war mein Rechner kaputt – nebenbei: ich habe ihn meistens nicht vermisst, und zum anderen gab es viel Arbeit für IFALUG (Institut für angewandte Lebensfreude und Gebrauchszynismus), aber darüber reden wir vielleicht gleich noch. Ich habe vorhin gesehen, dass Sie gerade Kurt Vonnegut – Zeitbeben lesen. Gefällt es Ihnen?

Schelmuffsky: Sehr. Es gibt ja Bücher, die sind so absurd, da fühlt man sich gleich wie in der sogenannten Wirklichkeit. Ja und dann, dann ist das so, als hätte man plötzlich eine andere Brille auf der Nase und sähe alles irgendwie völlig verdreht, also endlich richtig.

Dr. Martin: Geht Ihnen das auch so? Beim Zappen durch die Programme stolperte ich vor ein paar Tagen über jene Bauern, die mit Jauchewagen über die Äcker fahren und damit Milch verspritzen. Auch wenn „Jauche“ im Wörterbuch direkt neben „jauchzen“ steht, finde ich das irgendwie unappetitlich.

Schelmuffsky: Da kann ich nur beipflichten. Aber da ja heutzutage alles nur noch registriert wird, wenn man ökonomisch argumentiert, wie z. B. gerade in der Artenschutzdebatte, da reden ja alle nur noch darüber, dass man Arten vor allem deswegen schützen soll, weil alles andere ökonomisch blödsinnig ist, da kann ich nur sagen: Milch auf die Äcker zu spritzen, ist natürlich auch ökonomisch völlig daneben.

Dr. Martin: Was würden Sie denn tun?

Schelmuffsky: Die Bauern haben doch bestimmt Kollegen im Allgäu, die im Winter Skilifte betreiben. Ich vermute, es würde sich lohnen, die Pisten mit Milchpulverschnee zu präparieren. Das wäre doch mal ein Akt der Solidarität.

Dr. Martin: Na, na, na, wenn da bloß nicht die Bauern in Kolumbien, Bolivien und Afghanistan auf dumme Gedanken gebracht werden: einmal mit der Nase im Tiefschnee landen.

Schelmuffsky: Was haben denn Sie so gelesen in letzter Zeit?

Dr. Martin: Wenig, wenig. Momentan überschlagen sich ja die Ereignisse. Wer braucht schon Orwell, wenn es die Telekom gibt. Ich bin sicher, der Schäuble ist jetzt stinksauer, dass die das in Eigenregie so gut hingekriegt haben. Ja und dann die Hypothekenkrise in den USA. Ich muss zugeben, dass ich da mal wieder zum Taschenrechner gegriffen und sofort bereut habe, dass ich nur so ein Mittelschichtmodell habe, bei dem bei acht Stellen Schluss ist. Für die Steuerklärung reicht das, aber wie wollen Sie sich damit einen Überblick über eine solche Krise verschaffen.

Schelmuffsky: Was wollten Sie denn ausrechnen?

Dr. Martin: In den Nachrichten hieß es ja, da seien eine Billion Dollar verbrannt worden, wohlgemerkt eine Billion auf Deutsch, also 12 Nullen, das interessiert einen doch, was das heißt, und da bin ich dann in die Küche gegangen, blöderweise waren nur vier 50 Euro-Scheine im Haus, was eine Durchschnittsbildung erschwert, aber auf ein paar Tonnen kommt’s ja am Schluss nicht an, also die habe ich auf die Küchenwaage gelegt und festgestellt: vier 50 Euro-Scheine = zwei Gramm, 1.000,- € also zehn Gramm, 1.000.000,- € also 10 kg, 1.000.000.000, – € = 10 t, 640.000.000.000,- € = 6.400 t Geld in 50,- € Scheinen. Sehen Sie, das fand ich interessant. Wenn man eine Billion Dollar verbrennt, kann man wahrscheinlich eine ganze Kleinstadt einen Winter beheizen, und wenn man kleine Scheine nimmt, vielleicht sogar mehrere Kleinstädte. Das ist bei der gegenwärtigen Energiedebatte überhaupt noch nicht diskutiert worden. Verständlich aber, dass die, die das ausprobiert haben, gleich ein paar Zentner Prämien kriegen.

Schelmuffsky: Ich sehe schon, die Ergebnisse Ihres Instituts sind frappant. Aber reden wir doch jetzt noch ein wenig über Bücher.

Dr. Martin: So richtig vom Hocker gerissen hat mich in letzter Zeit nur wenig. Tschechow, das geht ja immer. Dann Bassani – Die Gärten der Finzi Contini, das kann ich auch empfehlen. Und Michael Lentz – Pazific Exil, da gibt es auch die eine andere ziemlich gute Geschichte, z. B. die von Arnold Schönberg und seinem Ärger, nachdem er Thomas Mann seinen Sessel ausgeliehen hat. Das fand ich ziemlich komisch und menschlich zugleich. Wer hätte sich noch nicht darüber geärgert, dass er jemand was geliehen hat.

Schelmuffsky: Sie erwähnten anfangs Vonnegut. Das lese ich ja gerade. Und ich muss zugeben: Ich habe jetzt, das heißt auf ca. S. 100, schon ziemlich oft laut gelacht. Wann passiert einem das heutzutage noch. Beispielsweise die Geschichte „Bunker-Bingo-Party“ des fiktiven Science Fiction-Autors Kilgore Trout, da vergeht einem alles, sogar das Lachen, aber erst nachdem man ziemlich ausgiebig gelacht hat.

Dr. Martin: Das ging mir genauso. Solche Bücher gibt es leider heute kaum noch.

Schelmuffsky: Vielen Dank für das Gespräch. Und hoffentlich auf bald.