Artikel-Schlagworte: „Erinnerung“

Neue Lesefrüchte

31.05.2011 sm

Es gibt die großartigen Erzähler(-innen), bei denen aber kein Satz in den Vordergrund tritt (meine Lieblingserzählerin Alice Munro gehört zu dieser Kategorie), und es gibt die Erzähler(-innnen), bei denen im Text Gedanken und aphoristische Sätze eingestreut sind, die man sich rausschreiben möchte. Zu dieser zweiten Gruppe zählt Lars Gustafsson, den ich schon immer gerne gelesen und bewundert habe.

Eine Lesefrucht (in der auch eine gute Prise Walter Benjamin aufblitzt und ein hier bereits zitierter Text von John Berger anklingt) aus seinem sehr intelligenten wie zarten Roman über Erinnerung, erste erotische Verzauberung, philosophische Erkundungen und religiöse Zweifel, “Frau Sorgedahls schöne weiße Arme”:

“Die Wohnungen abwesender Menschen, ging es mir durch den Kopf, können zu einer Art Negativabdrücken ihres Lebens werden. Ungefähr wie jene harten, innen mit Samt ausgeschlagenen Futterale, in denen man Flöten und Klarinetten verwahrt, oder gar Waldhörner.
Eine abwesende schöne Frau hinterlässt keinen Abdruck in der leeren Luft. Aber in ihrer Wohnung. Die meisten dieser Abdrücke sind sehr subtil. Aber es gibt sie.
Und sie schaffen die Voraussetzung für eine Art Triumph der Phantasie. Genauso, bin ich versucht hinzuzufügen, wie Gottes solide Abwesenheit in der Welt den Anlass für ein ganzes Bündel von Triumphen der Phantasie gibt.”

Lars Gustafsson – Frau Sorgedahls schöne weiße Arme, München (Hanser) 2008, S. 145 f.

Image of Frau Sorgedahls schöne weiße Arme


Der Nonsinn-Adventskalender

17.12.2010 sm

Das Fensterchen zum 17. Dezember:

Wo sollen nur meine alten Gedanken hin?

Foto: Petra Wittrock





Wir wollen, dass Sie unbeschwert in das neue Jahr starten können. Deswegen führt nonsinn.de vom 1. bis 14. Januar eine

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durch.

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Friedberg, den 16. Dezember 2010


Besuch in der „Wunderkammer“ von meinem Künstlerfreund Mathias Erbe, Teil 2

09.09.2010 sm

Jetzt hat es doch etwas länger gedauert, seit ich die Fortsetzung meines Berichts von der „Wunderkammer“ im Bahnhof Mainkur ankündigte.
Dies ist insofern ein Glücksfall, als man inzwischen ein zweiteiliges Video auf Youtube anschauen kann, das einen sehr viel besseren Einblick in die Rauminstallationen vermittelt, als es meine Beschreibungen je könnten:

Teil 1
Teil 2

An einer Stelle blitzt im Film kurz der Titel eines Videos auf, das man in einem Raum des Bahnhofs sehen kann: „Schauen und das Geschaute selbst sein“. Knapper lässt sich das Wahrnehmungsgeschehen nicht beschreiben, in das man beim Rundgang durch die verschiedenen Räume verwickelt wird, zumal wenn man die Zeit, aus der die meisten Utensilien stammen, selbst erlebt hat.

Ein paar Anmerkungen aber vielleicht doch noch. Nur sehr unzureichend werden im Film die Ölbilder und Zeichnungen von Mathias sichtbar. Schon früh war Mathias fasziniert vom Wald als Motiv, was im wahrsten Sinne nahelag, als doch die weitläufigen, undurchdringlichen Wälder des Spessarts mit ihren Geschichten von Spessarträubern, dem Wirtshaus im Spessart, Julius Echter, dem Eselsweg usw. sich vor der Tür erstreckten. Sie überziehen die Bilder teilweise fast vollständig, öffnen nur stellenweise die Sicht auf sehr rätselhafte Geschehnisse, kräuseln sich manchmal in schamhaarartigem Gewirr.
Ein Bild verband ich immer mit jener Ansicht, in die man gleichsam hineinfährt, wenn man von Aschaffenburg kommend, auf der Autobahn den Anstieg in Richtung Weibers- und Rohrbrunn nimmt. In das Tal wird gerade eine zweite Autobahnbrücke gerammt, und dadurch gerät das Bild zu einem archivarischen Dokument eines Zustands, der unwiederbringlich zerstört wird. Ein Archiv aber ist die gesamte Installation und Konstellation der Tausenden von kleinen Mosaiksteinchen der Wunderkammer.

In einem der Waldbilder sieht man, auch wieder fast verborgen, Soldaten bei einer Schießübung. Von hier ist es nicht weit zur Einschreibung von menschlichen Gestalten in ornamentale Raster, die trotz oder gerade wegen ihrer teilweise surreal anmutenden Ausführung die (Zer-)Brechung des Individuellen und Subjektiven durch alle Formen der Fetischisierung deutlich machen. Die vermeintliche Enthüllung und Nacktheit der zahlreich vorhandenen Frauenkörper kippt um in die Verpanzerung des Menschlichen in Lack und Leder und Ausschluss alles Natürlich-Kreatürlichen, das Ausgangspunkt der Waldbilder war.

Wem dies jetzt zu abstrakt klingt, der sei eingeladen zur Finissage am Samstag, den 18. September 2010 um 18 Uhr im alten Bahnhof Mainkur.


Besuch in der „Wunderkammer“ von meinem Künstlerfreund Mathias Erbe

31.08.2010 sm

Es ist bereits dunkel, als wir am stillgelegten Bahnhof Mainkur ankommen. Außerdem schüttet es, und eine für den späten August unzeitgemäße Kälte fasst mich sofort an, als wir aus dem Auto steigen. Mathias will mir privatim seine „Wunderkammer“ zeigen. Ein wenig vermute ich, was diese enthalten könnte, kenne ich Mathias – wir sind ein Jahrgang – doch seit über vierzig Jahren, weiß um einige seiner Obsessionen (z. B. Wälder, Schallplatten und Spielzeug in jeder Form, Sammeln), kenne auch ein paar seiner künstlerischen Fixsterne (Max Ernst und vor allem Richard Oelze, aber auch Grünewald, Breughel, Dürer, Hans Memling). Für ein paar Jahre kreuzten sich in der späten Kindheit und frühen Jugend unsere Biographien. Mathias, ein grandioser Zeichner schon damals, visualisierte unsere verquersten Phantasien, stets grundiert von der gerade auf dem deutschen Markt auftauchenden Jugendzeitschrift „MAD“ und deren sarkastisch zynischen Satiren (insbesondere Don Martin und Spion & Spion erinnere ich noch lebhaft); „Bravo“ registrierten wir noch nicht einmal, und dies mag als frühes unbewusstes Bekenntnis zu Verrücktheit und Ablehnung jeder Form von affirmativem Beifall gedeutet werden.

Wir betreten den Bahnhof durch die Hintertür. Auch ein stillgelegter Bahnhof bleibt ein Bahnhof, nach und nach schaltet Mathias die Lichter an, erste Szenerien tauchen aus dem Dunkel auf. „Ich verstehe nur Bahnhof“: Immer mal wollte ich nachschlagen, woher diese Redewendung kommt. Zweiter Gedanke: Hier könnte man gut einen „Tatort“ drehen, oder nein, besser noch einen „Kommissar“ in schwarzweiß. Wir begehen auch die Räume, die gar nicht Teil der Installation sind und dies doch zu sein scheinen, Räume voller Gerümpel, Toiletten, seit Jahren nicht mehr betreten, ein Fahrkartenschalter (wie sich später herausstellt, gibt es unverständlicherweise auf der anderen Seite des Gebäudes noch einen zweiten). Dann schlendern wir durch die eigentlichen Wunderkammern: Ein grauer Spind, rundherum die Wände mit alten und neuen Zeitungen tapeziert, ein Puzzle von Neuschwanstein, auf den Kopf gestellt. Noch wollen sich keine Assoziationen einstellen, auch wenn mir dünkt, ich hätte selbst einmal vor zig Jahren genau dieses Neuschwanstein-Puzzle zusammengesetzt.



Dann die „Spielzeugkammer“, aus noch mehr Teilen in detailversessener Kleinarbeit zusammengestellt.



Spielzeug, oder Spielwaren, nein: Spielzeug, auch wenn der Fetischcharakter der Ware in der Ausstellung ebenfalls überall präsent ist. Zeug also, Kram, Sammelsurium. Zugleich die Wortspuren „zeugen“, „bezeugen“, „Zeugnis ablegen“. In meiner Kindheit musste ich nur zwei Häuser weitergehen, um in einem höhlenartigen Spielzeugladen mich mit Nachschub für die Märklin-Eisenbahn zu versorgen, auch mit einem eigens für die Dampfloks produzierten Öl, das in den Schlot geträufelt, nicht nur Rauch, sondern auch einen sehr spezifischen Geruch erzeugte, der mir neulich völlig unerwartet mal wieder in die Nase stieg und die mit der Eisenbahn verbrachten Stunden evozierte. Dann Matchbox-Autos, Schuco-Klassiker (mit der Reminiszenz an Hermann Burgers letzten Roman „Brenner“), allerlei andere Autos, Donald-Figuren, Überraschungseier-Inhalte (diese schon aus jüngeren Zeit), Batman, Mecki, Lurchi. Anders als in Stillleben des Barock scheinen die Gegenstände nicht mit zugeordneten Bedeutungen beladen, wenngleich doch auch als Zeichen verwendet. Die scheinbar flohmarktartigen Anordnungen entpuppen sich bei näherer Betrachtung als strenge Arrangements, mal symmetrisch,



mal setzkastenartig (und damit den Schriftzeichencharakter der Spielsachen betonend),



mal als Anspielung auf die krude, von Siegfried Kracauer in „Das Ornament der Masse“ beschriebene Einsperrung des Individuums in zweckrationale Raster, wie sie vor allem von Leni Riefenstahl für die NS-Propaganda konfektioniert wurden:



Von hier ist es nur einen Schritt zu einem anderen Aspekt des Schaffens von Mathias. Diesen aber werde ich morgen betrachten.


Hier, wo wir uns begegnen

01.07.2010 sm

Manchmal fällt einem das gerade passende Buch in die Hände, ohne dass man danach suchte: John Berger – Hier, wo wir uns begegnen. Berger beschreibt darin Orte, an denen es zu Begegnungen (mit verstorbenen Freunden / Verwandten) kommen kann. In der ersten Geschichte ist dies Lissabon, und Berger begegnet dort seiner toten Mutter, trifft immer wieder auf sie, kann mit ihr sprechen. An anderer Stelle (in: „Schritte zu einer kleinen Theorie der Sichtbarkeit“) bemerkt Berger:

„Was heißt Ähnlichkeit? Wenn jemand stirbt, hinterläßt er allen, die ihn kannten, eine Leere: ein fest umrissener Raum, der für jeden zu Betrauernden anders ausfällt. Die Konturen dieses Raumes umschreiben die Ähnlichkeit eines Menschen, und sie sucht der Künstler, wenn er ein lebendiges Portrait schaffen will. Eine Ähnlichkeit ist etwas, das man unsichtbar zurückläßt.“

Lissabon ist ein Ort, der so sehr von Ähnlichkeit strotzt, dass die Mutter lebendig wird. Die durch die Ähnlichkeitswahrnehmungen ausgelösten Assoziationsströme durchdringen die Mauer zwischen den Lebenden und den Toten. Fast hätte ich Lust, mich in einen „Nachtzug nach Lissabon“ zu setzen.

Es gibt Städte, da wird Ähnlichkeit beseitigt. In deutschen Städten fast überall, in Frankfurt besonders. Neulich hörte ich, dass jetzt die Gebäude des alten Uni-Campus abgerissen wurden und werden. Wahrscheinlich schreckt man noch nicht einmal davor zurück, das Mathematikum und andere Gebäude des Architekten Ferdinand Kramer zu beseitigen. Denkmalschutz war in Frankfurt noch nie ein Hindernis. Schlimmer die Auslöschung von Erinnerungsräumen. Im Winter war ich noch einmal dort gewesen. Im Schaufenster der letzten auf dem Campus verbliebenen Buchhandlung lagen zugestaubt Bücher aus meiner Studienzeit, erkennbar an ein paar Jahrbüchern aus den 80er Jahren. Das mutete so surreal an wie die Schaufensterszene, die der Erzähler in W. G. Sebalds Roman „Austerlitz“ in Terezin (Theresienstadt) erlebt. Wie Austerlitz versuchte ich vergeblich die rebusartige Auslage zu entschlüsseln. Die damals von mir aufgenommenen Schaufensterfotos sind für mich unerklärlicherweise auf meinem Notebook verschwunden, so als bewirke das Abreißen der Gebäude auch ein Auslöschen der Gedächtnisspuren bis in die Vergangenheit.

In Lissabon, wo die Grenzen (noch) verfließen, spricht Bergers Mutter ausgerechnet von Grenzziehungen.

„Alles im Leben, John, hängt davon ab, wo man die Grenze zieht, und das muß jeder für sich allein entscheiden. Das kannst du niemandem abnehmen. Man kann es natürlich versuchen, aber es wird nicht funktionieren. Wenn die Menschen nur noch den Regeln gehorchen, die andere für sie ausgedacht haben, achtet keiner mehr das Leben. Wenn du es aber achten willst, kommst du um eine Grenzziehung nicht herum.
Dann spielt Zeit keine Rolle, wohl aber der Ort? Fragte ich ein zweites Mal.
Dies ist nicht irgendein Ort, mein Junge, sondern der, an dem man sich begegnet.“

Früher versuchte ich eine Zeitlang jedes Jahr mindestens einmal nach Venedig zu fahren. Jedes Land, so dachte ich damals, müsste ein Venedig haben, damit die Menschen wissen, wie es ist, an einem Ort ohne Autos und auf dem Wasser zu leben. Vielleicht wäre es noch wichtiger, dass jedes Land mindestens einen Ort hätte, „an dem man sich begegnet.“


Schelmuffsky und Dr. Sigurd Martin im Gespräch über dies und das

19.04.2010 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, Sie hatten im Vorfeld gesagt: Diesmal kein Interview, sondern ausnahmsweise mal ein richtiges Gespräch. Wie meinten Sie das?

Dr. Martin: Über Günther Anders haben wir ja schon das eine oder andere Mal gesprochen. Er hat sinngemäß einmal gesagt, dass das Interview der Tod des Gesprächs sei, und daran glaube ich auch. Von Günther Anders gibt es auch eine Kindergeschichte, die ich immer wieder gerne zitiere, und die vielleicht illustriert, worauf ich heute hinaus will:

„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. ‘Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen’, waren seine Worte. ‘Nun darfst du es nicht mehr,’ war deren Sinn. ‘Nun kannst du es nicht mehr’, deren Wirkung.“

Schelmuffsky: Ehrlich gesagt: Ich verstehe nur Bahnhof.

Dr. Martin: Also, heutzutage werden die Kinder ja ständig mit dem Auto rumkutschiert. Das lasse ich jetzt mal beiseite. Ich würde mich gerne heute mal ein wenig querfeldein herumtreiben, wenn’s recht ist.

Schelmuffsky: Gut ich mache mal einen Versuch. Heute vor fünf Jahren stieg in Rom weißer Rauch auf und es hieß – mein Latein ist zugegebenermaßen etwas eingerostet: Habemus Popanz.

Dr. Martin: Das ist jetzt nicht ihr Ernst! Also wir können über alles sprechen, über den Papst – es muss übrigens „papam“ heißen – spreche ich nicht, zumindest einstweilen nicht.

Schelmuffsky: Dann vielleicht lieber über den Mixa?

Dr. Martin: Schon eher. Der sagte ja dieser Tage: „Die eine oder andere Watsch’n kann ich nicht ausschließen. (…) Das war damals vollkommen normal.“ Also, das kann ich für meine Kindheit unbedingt bestätigen. Das liegt zwar noch länger zurück. Aber sanfte Heranführung an die christliche Nächstenliebe, das hat unser damaliger katholischer Pfarrer auch beherrscht. Später sprach man gerne von ihm als einem Original, und stimmt: Es gibt die eine oder andere witzige Anekdote von ihm zu berichten. Besonders originell war er allerdings auch darin, einem beizeiten beizubringen, die andere Wange auch noch hinzuhalten, also alles irgendwie eine geniale Mischung aus Altem und Neuem Testament.

Schelmuffsky: Können Sie das konkretisieren?

Dr. Martin: Ich erinnere, dass er mich in der – war es die erste Klasse der Volksschule? (so hieß das damals noch) ansprach, ob ich ihm nicht bis zur nächsten Stunde einen Rohrstock besorgen könne. Ich habe mich dann auch sehr, aber doch vergeblich bemüht, einen Stock zu besorgen. Irgendwie hat er auch ohne mich einen bekommen. Eine Spezialität waren die Kopfnüsse oder auch, dass er sich ab und an von hinten anschlich, die Backe (oder auch ein Ohr) zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und diese (s) dann so lange verdrehte, bis man die Englein gut singen hören konnte. Respekt. Das hat er damals auch ohne Ipod oder sonstiges Gerät super hingekriegt.

Schelmuffsky: Das ist ja nun zum Glück lange Geschichte.

Dr. Martin: Allerdings. So was macht heutzutage bestimmt niemand mehr. Mir fiel das ein, als ich jetzt den Mixa sprechen hörte. Diese Katholiken haben ja doch a. eine tolle Technik, alles zu verdrängen und b. das Verdrängte, wenn es dann doch rauskommt, schönzureden. Also da könnte selbst der Guido Westerwelle manchmal noch was lernen. Obwohl: Wenn ich’s recht bedenke. Der braucht da eigentlich nichts mehr dazuzulernen.

Schemuffsky: Querfeldein herumtreiben hatten Sie gesagt. Worüber wollen wir sprechen?

Dr. Martin: Es ist Frühling. Also, ich würde sagen. Sprechen wir mal über Vögel. Heute Mittag ging ich wieder in Frankfurt am Main spazieren. Da gibt es eine Gans, die hat ihre Eier Mitte Januar ausgebrütet. Das fand ich eine ziemliche abstruse Laune der Natur. Aber jetzt, wo die anderen Gänseküken kommen, sind die Januar-Küken schon fast erwachsen und werden bestimmt demnächst flügge. Die Gänsemutter kann jetzt den Frühling genießen. Das fand ich in den letzten Wochen spannend zu beobachten.
< Oder heute auf dem Heimweg: Da hörte ich zwei Vögel, gegensätzlicher geht es nicht. Die erste Nachtigall in diesem Jahr und den ersten Fasanenhahn. Während der Fasan nicht viel mehr zu Stande bringt als ein ziemlich schepperndes „Krööök“, ist der Gesang der Nachtigall, die ungleich unscheinbarer ist, für mich ungefähr das, was Bach unter den Komponisten, nämlich ziemlich großartig, was heißt ziemlich, nein: großartig. Schelmuffsky: Und die Nachtigall singt auch tagsüber?

Dr. Martin: Ja. Aber komischerweise ist die Wirkung nachts ungleich frappierender. Da singt so ein Vogel in hundert Meter Entfernung, und man denkt, er sitzt direkt neben dem Fenster.
Apropos Nacht: Der Himmel ist ja dieser Tage sehr speziell. Tagsüber fragt man sich schon: Wo sind denn all die Kondensstreifen geblieben. Aber der Nachthimmel: Ich bin dieser Nächte richtig ins Schwärmen geraten.

Schelmuffsky: Wiewohl einige sagen: Erst haben uns die Isländer bei der Bankenkrise reingeritten, und jetzt lassen sie auch noch einen Vulkan ausbrechen. Ich bin sicher, demnächst werden Stimmen laut, die Schadensersatz fordern.
Dr. Martin: Von mir aus kann der Eyjafjallajökull – toller Name, oder? – ruhig wie beim letzten Ausbruch noch ein paar Monate Asche spucken. Wenn ich an den Nachthimmel am Samstag denke: Das war phantastisch.

Schelmuffsky: Warum?

Dr. Martin: Zum einen: keine Blinklichter überall, sondern nur Naturhimmelskörper. Und dann eine sehr spezielle Mondsichel. Das kommt manchmal auch bei einer Mondfinsternis vor, dass der Mond selbst schwarz ist (der Mann im Mond ist verschwunden), aber eben doch nicht ganz, sondern fast wie eine nach innen strahlende Aura aussieht. So war das am Samstag. Da musste ich wieder über meine Arbeiten über Sprache und Bedeutungsauren nachdenken. Der späte Wittgenstein meint ja so ungefähr: Das Wort selbst habe gar keine Substanz im Sinne einer festen Bedeutung, sondern das Wort nehme die jeweilige Bedeutung in der jeweiligen Verwendung an, also im Sprachgebrauch.

Schelmuffsky: Wieder Bahnhof.

Dr. Martin: Das Wort ist nur eine leere Hülle, die ihre Füllung im Gebrauch bekommt. Und das ist dann die schillernde Aura. Daran dachte ich am Samstag.
Aber sprechen wir noch ein wenig von Vögeln. Gestern sind wir mit den Fahrrädern zu den Störchen hier in der Nähe gefahren. Ich finde das sehr schön, dass es hier Störche gibt. Und wie der Bischoff Mixa haben mich auch die Störche an was erinnert.

Schelmuffsky: Woran?

Dr. Martin: Ich muss mich erst noch ein wenig im Gelände rumtreiben. Neulich las ich Siri Hustvedt „Die zitternde Frau“, ein sehr lesenswertes Buch. Darin kommt sie auf ein Buch des Künstlers Jo Brainard mit dem Titel „I Remember“ zu sprechen, das aus Episoden bestehe, die alle mit dem Eintrag „Ich erinnere mich“ beginnen. Da dachte ich an eine Aussage der Übersetzerin Swetlana Geier (im Film „Die Frau mit den fünf Elefanten“) über die Problematik zu übersetzen. Sie illustriert das mit dem Fehlen von Akkusativobjekten im Russischen. Im Russischen könne man nicht sagen: Ich habe eine Tasse. Sondern: Die Tasse ist bei mir. Ich stehe unter dem Einfluss der Tasse. So ungefähr. „I remember“ mit „Ich erinnere mich“ zu übersetzen ist natürlich heikel, denn eigentlich müsste man ja übersetzen: Ich erinnere das und das… Das geht ja im Deutschen auch. Aber besser ist natürlich noch: Ich werde erinnert.

Schelmuffsky: Worauf wollen Sie hinaus?

Dr. Martin: Auch wenn Siri Hustvedt recht hat, dass alleine das Hinschreiben von „Ich erinnere“ (das „mich“ würde ich weglassen) schon Erinnerungen evoziert, so ist es doch häufiger so, dass die Umwelt uns erinnert (oder Prousts Madelaine). Also die Störche erinnerten mich an meine Kindheit, als es in meiner Heimatstadt bis in die Mitte der 60er Jahre Störche gab, die dann aber plötzlich wegblieben. Damals gab es sofort Gerüchte, irgendwelche jugendlichen Rowdys hätten mit Pfeil und Bogen auf die Störche geschossen. Als ich die Störche gestern sah, evozierten sie viel Vergessenes.

Schelmuffsky: Was?

Dr. Martin: Statt einer Antwort schweife ich wieder ab. Vorletzten Freitag kam im Ersten Programm ein sehenswerter, wenn auch furchtbarer Film. Ich meine die Dokumentation über den Genozid an den Armeniern. In meiner Kindheit konnte man durchaus noch oft die Redewendung „bis zur Vergasung“ hören. Das war nach Freud die Art, wie sich das Verdrängte Bahn brach. Als ich den Film sah, dachte ich, wie sehr die Redewendung „in die Wüste schicken“ wohl in der Türkei von heute verbreitet sein muss.
Ich rekapituliere kurz: Das Volk der Armenier wurde von Türken solange umhergetrieben und zum Schluss in die Wüste, bis es nahezu vollständig ausgerottet war. An einer Stelle im Film werden armenische Frauen – ihre Männer sind zu diesem Zeitpunkt längst alle tot und auch alle alten Leute und sehr viele Kinder – zitiert, dass sie zu den Helfern des Roten Kreuzes, die ihnen Brot geben wollten, gesagt haben sollen: Was sollen wir mit Brot (das die Kinder nicht essen konnten)? Gebt uns Gift, damit wir uns und unsere Kinder erlösen können. Das fand ich zutiefst erschütternd, weil es für mich der Inbegriff der Hoffnungslosigkeit ist. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ ist ein Satz, der nur allzu gerne mit einer gewissen Häme gebraucht wird. Hier starb die Hoffnung vorher.

Schelmuffsky: Ich assoziiere hier das Hörspiel „Das Schiff Esperanza“ von Fred von Hoerschelmann.

Dr. Martin: Und ich „Festianus Märtyrer“ von Günter Eich. Darüber aber sollten wir morgen sprechen. Und dann können wir auch gerne auf den Papst zurückkommen.

Schelmuffsky: Gut. Und gute Nacht.


Aktuelles Interview zu den Theme Valentinstag, Erinnerung,Sinnlichkeit

11.02.2008 sm

Schelmuffsky: Wo haben Sie denn die ganze Zeit gesteckt? Wir sind uns ja schon ewig nicht mehr über den Weg gelaufen.

Dr. Martin: Ja stimmt, Weihnachten, Neujahr, Fasching…

Schelmuffsky: …und jetzt Valentinstag. Was halten Sie eigentlich davon?

Dr. Martin: Valentinstag? Großartig. Sie wissen, dass ich sonst nicht soviel von Jubiläen halte, aber dass wir nach dem 125. Geburtstag letztes Jahr jetzt vor zwei Tagen den 60.Todestag von Karl Valentin gefeiert haben, also den zweiten Valentinstag in Folge, da kann ich nur sagen, man sollte jedes Jahr einen Valentinstag haben. Wenn ich nur an den Dialog über „Die Fremden“ denke, ja und ach, na ja, Sie wissen schon.

Schelmuffsky: Sie missverstehen mich. Ich meinte den Valentinstag, da wo die Liebenden sich Blumen usw.

Dr. Martin: Ach so, verstehe. Das ist ja hier gerade Thema bei Lovelybooks. Las ich da nicht sogar „Ein Buch sagt mehr als 1000 Worte“. Da kann ich nur sagen: Wir wollen es hoffen, denn pro Zeile acht Worte, pro Seite Phi mal Daumen dreißig Zeilen, pro Buch im Durchschnitt 200 Seiten, das macht dann 48.000 Worte, wäre also schlimm, wenn das Buch ein bisschen mehr als 1000 Worte sagen würde.

Schelmuffsky: Wenn es also schlecht ist, wenn ein Buch weniger sagt, als es Worte hat, kann es denn auch mehr sagen.

Dr. Martin: Alles andere wäre keine Literatur, oder? Also, ich würde sagen, ein Buch mit 48.000 gedruckten Worten sollte mindestens soviel sagen wie 240.000 bis 480.000 Tausend Worte der Alltagssprache, sonst ist es als Buch irgendwie überflüssig. Bei Krimis reichen vielleicht auch 144.000 Worte.

Schelmuffsky: Welches Buch hat denn das beste Verhältnis von gedruckten Worten und möglichen Worten?

Dr. Martin: Günter Eichs „Maulwürfe“ haben ein ziemlich unerreichtes Verhältnis, da geht dann der Faktor deutlich über 100 bzw. ist nach oben offen. Samuel Beckett – „Gesellschaft“ hat auch ein ziemlich gutes Verhältnis. Das ist ein weites Feld, das können wir ein andermal abernten.

Schelmuffksy: Ich las dieser Tage J. Hellmut Freund – Vor dem Zitronenbaum, eine ziemlich bis sehr interessante Autobiographie. Darin war – und das hat mich fasziniert – vom Verlust der Gerüche in der Alltagswelt die Rede, dass früher jedes Geschäft seinen Geruch gehabt habe und heute alles bestenfalls nach gar nichts mehr riecht.

Dr. Martin: Klar, weil heute alles verpackt ist. Ich könnte jetzt gleich eine Tirade auf die Idiotie der Verpackungen anstimmen, welche Demütigungen einem täglich bereitet werden, weil ein Aufreißfaden zwar vorhanden ist, aber nur noch als Symbol dafür, dass man früher damit die Verpackung auch aufreißen konnte, oder diese transparenten Hartplastikverpackungen, die man eigentlich nur mit der Axt oder einer Säge aufkriegt. Da denke ich immer an ältere Leute, die angesichts solchen Schwachsinns bestimmt ständig scheitern. Aber Sie wollten ja auf was anderes hinaus, oder?

Schelmuffsky: Richtig. Bei Proust und vielen anderen großen Meistern der Erinnerung kann man nachlesen, dass Erinnerung etwas mit Geschmack und Gerüchen zu tun hat. Und da kann man eigentlich vermuten: Weniger Gerüche = weniger Erinnerung. Wie sehen Sie das?

Dr. Martin: Völlig einer Meinung. Ich habe das Buch von Hellmut Freund auch gelesen. Und auch bei mir ist es so (wahrscheinlich bei den meisten), dass bestimmte Gerüche oder Geschmackserlebnisse am besten Kindheitserinnerungen evozieren. Das Problem ist nur, wenn es diese Gerüche gar nicht mehr gibt, z. B. von frischer Milch in der Milchkanne oder von Äpfeln, die noch nach Äpfeln rochen usw., dann hat die Erinnerung gar keinen Anlass mehr, an dem sie gleichsam plötzlich aufleuchten kann. Und noch schlimmer: Wenn man in einer weitgehend geruchsfreien und sehr geschmacksreduzierten Umgebung aufwächst, dann fehlt schon der Ursprungsreiz, mit dem Erinnerung sich verbinden könnte, ergo: Vergessen ist vorprogrammiert. Mit der plastikverpackten Dingwelt korrespondiert meiner Ansicht auch die von Uwe Pörksen konstatierte Sprache aus Plastikwörtern, die nicht nur sinnfrei ist, sondern auch vor allem total entsinnlicht, aber das zu erläutern würde jetzt zu weit führen.

Schelmuffsky: Vielen Dank für das Gespräch