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Die Buchkritik: Fido Marzipan „Deutschland rafft (sich) zusammen. Wie integrationsunwillige Banker den sozialen Frieden gefährden und unser Land und die Welt ruinieren“

24.09.2010 sm

Unser Wirtschaftsredakteur Carlo Pesetas konnte für nonsinn.de das neue Buch von Fido Marzipan vorab lesen. Hier seine Rezension:

Natürlich könnte man auf die Idee kommen, das Buch sei eine billige Replik auf Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ und schnell auf den Buchmarkt geworfen, um vielleicht auch noch ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Doch täte man Marzipan damit unrecht, auch wenn zumindest einige seiner Thesen ähnlich krude sind wie die Sarrazins. Doch zunächst einmal ein Überblick:

Kein Tag in den letzten Wochen, an dem nicht eine Nachricht publik wurde, die so manchen die Faust in der Tasche ballen ließ:
• Hypo Real Estate braucht weitere 41.000.000.000,- € Garantien vom Staat (und bekommt sie ohne mit der Wimper zu zucken).
• Hypo Real Estate zahlt 25.000.000,- € Boni an seine Manager, mit Zustimmung der Regierung wohlgemerkt, die allenfalls noch höhere Bonuszahlungen verhinderte.
Michael Kemmer soll Banken-Cheflobbyist werden, obwohl der Staatsanwalt gegen den Ex-BayernLB-Chef ermittelt (allerdings möchte man sagen: Er hat ja 10.000.000.000,- € vom bayrischen Staat eingetrieben, insofern scheint seine Wahl zum Vorstand des deutschen Bankenverbandes geradezu eine Idealbesetzung).

Dies und vieles mehr listet Marzipan auf, rekapituliert auch noch einmal die Finanzkrise, zeigt wie schnell die Regierung willfährig die Wünsche von Ackermann und Co. erfüllt habe, beschreibt detailliert, wie die Mittelschicht seit beinahe dreißig Jahren systematisch ausgenommen werde wie eine Weihnachtsgans. Begonnen habe alles mit dem einst von Kohl in den 80er Jahren verwendeten Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“, der bewusst irreführend gewesen sei, denn es sei, um bei diesem Beispiel zu bleiben, ja nicht gesagt worden, für wen sich die Leistung anderer wieder lohnen sollte (der FDP-Slogan „Mehr Netto vom Brutto“ verschwieg auch klammheimlich, um wen und wessen Gewinne es hier eigentlich ging). Insofern ist das Buch ein guter Überblick über dreißig Jahre Umverteilungspolitik von unten nach oben. Marzipan rekapituliert auch, wie der sogenannte Solidarpakt ruiniert worden sei und der Generationenvertrag gleich obendrein, wie die Sozialversicherungssysteme unter Kohl zweckentfremdet und ausgehöhlt und später von Schröder endgültig beerdigt wurden u. v. m. Das alles ist bekannt, aber in dieser Dichte doch erhellend. Gleichzeitig fragt Marzipan nicht ganz zu Unrecht, was sich das Volk in diesem Land alles völlig widerspruchslos gefallen lasse. Während in Frankreich die Rente mit 62 (statt mit 60) die Leute auf die Straßen treibe, um nur eines von vielen Beispielen zu nennen, werde in Deutschland jede neue Zumutung hingenommen mit einer Gleichmut, die einen an das Brecht-Zitat von den „allerdümmsten Kälbern“ denken lasse, die „ihren Schlächter selber wählten“. Selbst die Nachricht, dass Deutschland seit über zehn Jahren bei der Lohnentwicklung das Schlusslicht in Europa ist, verursache allenfalls eine Nachricht auf der dritten Seite der Zeitungen, erzürne aber niemand. Insofern scheint sogar das von Marzipan kolportierte Gerücht glaubhaft, in bestimmten Politikerkreisen spreche man von den Wählern nur noch als dem „Stimmvieh“ und den „nützlichen Idioten“.

Dies ist das Umfeld, in dem sich nach und nach eine asoziale Gruppe gebildet und systematisch auf Kosten anderer bereichert habe: die Bankmanager neuen Typs. Marzipan erzählt in diesem Zusammenhang auch ein paar Anekdoten am Rande. Nach dem „Schwarzen Freitag“ hätten die Architekten der Bankzentralen darauf geachtet, dass die Fenster nicht mehr geöffnet werden konnten, zum einen um zu verhindern, dass das Geld zum Fenster rausgeschmissen werden kann, zum anderen, um die Banker im Falle eines Bankrotts daran zu hindern, wie am und nach dem „Schwarzen Freitag“ reihenweise aus dem Fenster zu springen. Diese Maßnahme sei aus heutiger Sicht völlig absurd, denn die Banker schaufelten das Geld ja nicht zum Fenster raus, sondern in die eigenen Taschen und sprängen auch nicht mehr aus dem Fenster, nachdem sie Tausende ruiniert hätten, sondern klagten dann noch Millionenboni ein, die sie, weil ja alles rechtens sei, in aller Regel auch bekämen. Die Politik habe jahrelang zugelassen und (durch Deregulierung) gefördert, dass sich diese Randgruppe bilden konnte, die noch viel integrationsunwilliger sei als mancher Islamist und im Zweifel noch sehr viel ruinöser für die Gesellschaft. Auch spreche man in diesem Kreis nicht mehr Deutsch, sondern erfinde ständig neue Worthülsen, die dann Finanzprodukte genannt würden, aber nichts seien als Nebelkerzen, um die so genannten Kunden noch besser ausnehmen zu können. Wenn jetzt eines der führenden Geldinstitute ständig Werbung mache mit verunsicherten Kunden, die dieses Kauderwelsch nicht verstünden und deswegen noch mehr Rat von gut meinenden Bankberatern bräuchten, sei das schon bezeichnend.

Zweifelhaft wird Marzipan, wo er wie Sarrazin plötzlich biologistisch argumentiert, von einem rasch sich ausbreitenden aggressiven Gier-Gen spricht. Das ist natürlich mehr als fragwürdig, genauso wie die These, dass das Verschwinden der Haarfarbe Rot darauf schließen lasse, dass Rot insgesamt auf dem Rückzug sei.

Das Résumé von Marzipan lautet, dass die Politik dringend darauf bedacht sein müsse, die Mitglieder dieser Randgruppe in die Gesellschaft zu reintegrieren, notfalls mit Zwang. So sollten auffällig gewordene Banker in verantwortungsvollem Handeln geschult und behutsam wieder in ein normales Leben zurückgeführt werden (z. B. durch von Sozialarbeitern begleitete Einkäufe beim Discounter). Auch Sprachkurse seien im Einzelfall angebracht. Finanziert werden sollten diese Maßnahmen durch Einzug der Boni.

So fragwürdig einzelne Argumentationen und Lösungsvorschläge sein mögen, so notwendig ist die von Marzipan angestoßene Debatte insgesamt. Man kann davon ausgehen, dass das Buch eines der meistdiskutierten dieses Herbstes sein wird.


Interview zum Thema „Die neue Ehrlichkeit“

14.02.2010 sm

Schelmuffsky sprach mit Dr. Sigurd Martin (Leiter von IFALUG, Institut für angewandte Lebensfreude und Gebrauchszynismus)

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, wir haben hier neulich eine Reihe zum Thema „Die neue Ehrlichkeit” begonnen. Wie sehen Sie das?

Dr. Martin: Die sieht man doch allenthalben. Nehmen wir z. B. Guido Westerwelle, der die „geistig-moralische Wende“ ankündigte, eine Millionenspende einer Hotelkette hin- oder mitnahm und dann das Gesetz zur Halbierung des Mehrwertsteuersatzes für Hotelübernachtungen forcierte. Da kann man vielleicht in Abwandlung von Adornos berühmtem Aphorismus sagen: Es gibt kein ehrliches Leben im verlogenen. Wie dreist die FDP dann aber auch noch behauptete, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun: Das spricht schon sehr für die neue Ehrlichkeit.
Schelmuffsky: Unser Plakat als Beispiel für eine neue Ehrlichkeit in der Werbung hat Sie also nicht überzeugt?

Dr. Martin: Doch, doch. Tendenziell haben die Menschen wahrscheinlich die Nase voll von dieser geleckten Welt, die uns da jahrelang als die schöne neue präsentiert wurde, während im Hintergrund einige wenige die Dinge so drehten, dass Milliarden von der Mittelschicht in ihre Taschen wanderten. Ich will jetzt nicht auf die Finanzwelt zu sprechen kommen, aber vielleicht beiläufig hier einen Buchtipp dazu loswerden: Wolfgang Eichborn / Dirk Sollte – Das Kartenhaus Weltfinanzsystem. Mit diesem Buch habe ich zum ersten Mal so richtig verstanden, was mit dem Satz gemeint ist: Der Laie raubt die Bank aus, der Profi gründet eine Bank.

Schelmuffsky: Kommen wir mal zurück zum Thema Ehrlichkeit. Haben Sie vielleicht ein Beispiel.

Dr. Martin: Neulich fuhr ich mit dem ICE nach München. Und da kam dann auch ein – wie heißt das heute? Das Wort Schaffner wurde ja in den letzten Jahren abgeschafft …

Schelmuffsky: Zugbegleiter.

Dr. Martin: Zugbegleiter genau, das ist natürlich alles schon Neusprech. Also der kam da sehr fröhlich durch den Wagen gelaufen, geradezu übermütig, und fragte nach den Fahrscheinen. Darauf mehrere Fahrgäste: Warum sind Sie denn so fröhlich? Worauf er: Ich bin ein serviceorientierter Mitarbeiter der Deutschen Bahn und mein Unternehmen erwartet von mir Freundlichkeit gegenüber den Kunden.
Das fand ich irgendwie sympathisch subversiv. Wie ich überhaupt gerne mal, so lange diese nicht auch durch Automaten ersetzt werden, eine Typologie der Schaffner / Zugbegleiter schreiben würde. Die werden wahrscheinlich alle von ihrem Unternehmen mit einem Sprachbaustein-Handbuch gepeinigt, das ihnen vorschreibt, was sie in welcher Situation sagen sollen, und doch spricht aus vielen noch irgendwie eine Authentizität, die man sonst nicht mehr zu hören bekommt.

Schelmuffsky: Schon gar nicht auf den Bahnsteigen, auf denen man ja fast nur noch diese Automatenstimmen hört.

Dr. Martin: Stimmt! Das ist natürlich grässlich, zumal, wenn ich überlege, welche Stimmen in den Lautsprecheransagen früher manchmal auf den Bahnsteigen zu hören waren. Da wurden z. B. im Frankfurter Hauptbahnhof selbst die sogenannten „Störungen im Betriebsablauf“ (Neusprech für „Wir sind mal wieder unfähig.“) zuweilen mit einem Schlafzimmertimbre hingehaucht, dass einem alles egal war. Ein vielstimmiger Chor aus dialektalen Färbungen und Charakteren, bei dem man noch wusste, dass die Stimmen nicht aus der Konserve kamen.
Ich lese gerade ein Buch von Martin Seel mit dem Titel „Theorien“. Ich bin da ganz unvoreingenommen drangegangen, vielleicht sogar eher positiv gestimmt, weil ich ein Faible für aphoristisches Schreiben habe. Aber dann las ich darin Sätze wie diese hier, die mir doch sehr gegen den Strich gehen:
„…Moral ist der Schutz der Teilnahme am menschlichen Leben, ganz egal, wie die, die unter diesem Schutz stehen, zu dieser Teilnahme stehen, ganz egal auch, aus welchem Stoff diese Teilnehmer gemacht sind. Sobald wir Roboter wie unseresgleichen behandeln, weil sie sich um ihre Existenz – sowohl untereinander als auch uns gegenüber – zu sorgen beginnen, gehören auch sie zum Kreis der Unsrigen hinzu. Von der DNA allein hängt hier nichts ab.“

Schelmuffsky: Was stört Sie daran?

Dr. Martin: Abgesehen davon, dass man den Begriff „Moral“ eigentlich nicht mehr verwenden kann – mir war er schon immer suspekt – (aber vor allem heutzutage: siehe oben Westerwelle), werden hier völlig affirmativ Grenzen verwischt, auf deren Aufrechterhaltung ich unbedingt beharren würde, weil wir sonst die letzten Bastionen der Subjektivität schleifen und dadurch eigentlich jedes Unterscheidungskriterium für Wahrheit und Lüge wegfällt. Die Roboter beginnen sich untereinander und uns gegenüber zu sorgen und gehören deswegen zum Kreis der Unsrigen: Ich würde bei diesen Sätzen von einem Theoriesurrogat sprechen, wie es ja auch um Surrogate geht, Mensch gemachte Automaten, die überall an die Stelle von Menschen rücken. Das Ersetzen der Menschen durch Automaten (z. B. jüngst in der Altenpflege) aus zumeist rein wirtschaftlichen Überlegungen kann man vielleicht moralisch bewerten, auch wenn das natürlich nicht viel bringt, die Maschinen aber selbst der Sphäre der Moral zuzurechnen und ihnen die Fähigkeit zur Sorge zu unterstellen, halte ich für gewagt. Im Grunde muss man nur ein paar Male die Verzweiflung durchlebt haben, die sich sehr schnell einstellt, wenn man in den endlosen Schleifen eines sogenannten sprachgesteuerten Helpdesks alles bekommt (z. B. einen Wutanfall), nur nicht Hilfe. Das mit Sorge in Verbindung zu bringen, ist einfach abwegig. Wenn Sie mal ein gutes Buch zum Thema lesen wollen: Günther Anders – Die Antiquiertheit des Menschen. Das ist auch nach über 50 Jahren aktuell und vor allem sprachlich und begrifflich präzise.

Schelmuffsky: Noch mal zurück zum Thema Ehrlichkeit: Habe ich Sie richtig verstanden, Sie sehen da ziemlich schwarz.

Dr. Martin: Zur Zeit eher blau-gelb. Aber Spaß beiseite: Ich sehe schon, dass in weiten Kreisen der Gesellschaft das Gefühl vorherrscht, seit Jahrzehnten von den gewählten Repräsentanten und den Regierungen betrogen worden zu sein, im Zweifel auch vom Anlageberater der Bank. Insofern gibt es sicherlich heute ein größeres Bedürfnis nach Ehrlichkeit. Um diese zu erreichen, müssten allerdings berufene Kreise (Journalisten, Wissenschaftler, Intellektuelle allgemein) wieder eine Aufgabe ernst nehmen, die in Zeiten der Spaßkultur verpönt war. Ich meine die Aufgabe, Fragen und in Frage zu stellen und die, kritisch zu bewerten. Kritik, ein ähnlich ausgestorbenes Wort wie „Schaffner“, muss endlich wiederbelebt werden.

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Die neue Ehrlichkeit: Beobachtungen aus dem Alltag

10.02.2010 sm

Das neue Jahr begann bei der Frauenzeitschrift Brigitte so: “Ohne Models – eine neue Epoche beginnt”. Naturlich gab es gleich böse Zungen, die behaupteten, die Initiative sei allein dem Zwang zum Sparen geschuldet. Eher ist aber doch eine gewisse Tendenz zu mehr Normalität und Ehrlichkeit in der Werbung zu konstatieren. Hierfür spricht nicht nur die “Ich bin doch blöd”-Kampagne der Mediamarkt-Kette mit Mario Barth, sondern auch ein Plakat wie dieses:

Menorca klein

Freu Dich auf Menorca: Dein Häuschen ist wirklich so grauenvoll wie auf dem Plakat abgebildet. Du siehst aber vermutlich auch nicht sehr viel anders aus als der Herr auf dem Bild links, also alles andere als Waschbrettbauch-bewehrt.

Dass es noch anders geht, also nach dem Motto: Sexismus stört eh keinen und Lügen sowieso nicht, zeigt ein Plakat, das nur ein paar Meter entfernt und unweit des “Nackt und braungebrannt sind Sie mir am liebsten”-Grillwagens in Frankfurt Sachsenhausen zu sehen war:

Punktewerbung klein

Die schönsten Punkte sind die, so wird suggeriert, die dir heimgezahlt werden von Payback. Gar zu dämlich, weil tautologisch hoch 3 ist hier allerdings die (horizontalge-)werbliche  Nutzung der literarischen Kunstform des Emblems, bei der uns die Punkte nur so in die Augen gerammt werden (in der Inscriptio, der Pictura und der Subscriptio), auf dass auch noch der Letzte daran glaube, dass ihm (denn nur um ihn geht es hier) im Urlaub ein kopfloser Hintern geboten wird und das sogar mit 35 % Frühbucherrabatt und Payback-Punkten (vielleicht eine Geschäftsidee für’s Bahnhofsviertel).

Ob diese Form der Dummheit allmählich von der neuen Ehrlichkeit verdrängt wird, das werden wir in nächster Zeit beobachten.