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Über das Sortieren von Büchern 2

13.07.2007 sm

Ich weiß noch nicht einmal, nach was ich gesucht habe, jedenfalls habe ich gefunden, einen Text nämlich, der die Problematik des Sortierens von Büchern sehr treffend beschreibt. Geschrieben hat ihn Hans Erich Nossack, und der Essay ist komplett im Internet nachzulesen („Das Alltagsleben von Büchern. Eine Plauderei“). Er beginnt so:

„Wer Bücher besitzt und Bücher liebt, mag seine Bibliothek groß oder klein sein, wird die Erfahrung gemacht haben, daß es keine befriedigende und allgemein gültige Lösung gibt, wie man sie ordnen soll, und daß es ohne Kompromisse dabei nicht abgeht. Es zeigt sich stets über kurz oder lang, und zwar oft zur Überraschung des gutgläubigen Besitzers, daß Bücher nicht einfach Sammelobjekte sind, die sich wie Briefmarken in einem Album an vorbestimmten Plätzen unterbringen oder wie Schmetterlinge nach einem System ordnen lassen, sondern daß man es mit höchst lebendigen Individuen zu tun hat, die nie aufhören, Rücksicht und Teilnahme zu verlangen, und die es fertig bringen, denjenigen zu blamieren, der ihren Ansprüchen nicht gebührend Rechnung trägt.“

Damit hat Nossack sofort einen wesentlichen Aspekt benannt: Bücher sind lebendig und sind Individuen, und weil sie dies sind, lassen sie sich nur schwerlich einem System unterwerfen. Deswegen tendieren sie auch zuweilen dazu, sich unsichtbar zu machen.

Eines meiner Lieblingskapitel in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist das hundertste des ersten Buches: „General Stumm dringt in die Staatsbibliothek ein und sammelt Erfahrungen über Bibliothekare, Bibliotheksdiener und geistige Ordnung“. Stumm von Bordwehr, einer der wenigen Generäle in der Literatur, für die man eine gewisse Sympathie entwickeln kann, will den Zivilverstand kennen lernen und betritt deswegen, erstmals wie man meinen könnte, eine Bibliothek und dringt bis ins Innerste der Bibliothek vor, das Katalogzimmer: „Da war ich dann also wirklich im Allerheiligsten der Bibliothek. Ich kann dir sagen, ich habe die Empfindung gehabt, in das Innere eines Schädels eingetreten zu sein; rings herum (…) nichts wie Kataloge und Bibliographien, so der ganze Succus des Wissens, und nirgends ein vernünftiges Buch zum Lesen, sondern nur Bücher über Bücher: es hat ordentlich nach Gehirnphosphor gerochen. (…) Er (der Bibliothekar) fährt wie ein Affe eine Leiter hinauf und auf einen Band los, förmlich von unten gezielt, gerade auf diesen einen, holt ihn mir herunter und sagt: ‚Herr General, hier habe ich für Sie eine Bibliographie der Bibliographien’ – du weißt, was das ist? – also das alphabetische Verzeichnis der alphabetischen Verzeichnisse (…).“

Das alles ist sehr befremdlich für den General, noch irritierter ist er aber, als der Bibliothekar auf die Frage, wie er sich in diesem „Tollhaus von Büchern“ zurechtfinde, antwortet: „‚Herr General,’ sagt er ‚Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen nun allerdings sagen: Weil ich keines lese!’“ In diesem Umfeld der alphabetischen Verzeichnisse von den alphabetischen Verzeichnissen hat Stumm dann plötzlich eine Eingebung, die den Unterschied der öffentlichen Bibliothek, in der alle Bücher auffindbar sein müssen, zur oben benannten relativen Ordnung der Privatbibliothek dingfest macht: „Stell dir Ordnung vor. Oder stell dir lieber zuerst einen großen Gedanken vor, dann einen noch größeren, dann einen, der noch größer ist, und dann immer einen noch größeren; und nach diesem Muster stell dir auch immer mehr Ordnung in deinem Kopf vor. Zuerst ist das so nett wie das Zimmer eines alten Fräuleins und so sauber wie ein ätarischer Pferdestall; dann großartig wie eine Brigade in entwickelter Linie; dann toll, wie wenn man nachts aus dem Kasino kommt und zu den Sternen ‚Ganze Welt, habt acht; rechts schaut!’ hinauf kommandiert. Oder sagen wir, im Anfang ist Ordnung so, wie wenn ein Rekrut mit den Beinen stottert und du bringst ihm das Gehen bei; dann so, wie wenn du im Traum außer der Tour zum Kriegsminister avancierst; aber jetzt stell dir bloß eine ganze, universale, eine Menschheitsordnung, mit einem Wort eine vollkommene zivilistische Ordnung vor: so behaupte ich, das ist der Kältetod, die Leichenstarre, eine Mondlandschaft, eine geometrische Epidemie.“

Und so kann man nur resümieren: Jede Ordnung der eigenen Bibliothek wird in der einen oder anderen Weise unbefriedigend sein, sie ist es zum Glück, zum Glück zum Beispiel eines zufälligen Findens von Büchern, die man lange nicht mehr in der Hand hatte, und die dann sofort all jene Erinnerungen preisgeben, die man mit ihrem Erwerb, mit ihrer Lektüre und mit den Begleitumständen dieser Lektüre verbindet.


Über das Sortieren von Büchern

10.07.2007 sm
Kater Murrs Ururusw.-Enkel
Kater Murrs Ururusw.-Enkel

Einem ungeheuren Zufall ist es zu verdanken, dass ich in einem Tierheim der Umgebung ausgerechnet einen Ururur-und-noch-viele-weitere-Male-ur-Enkel jenes legendären Kater Murr entdeckte, der in seinen Lebensbeschreibungen so auffällig auf den Spuren von Goethes “Wilhelm Meister” wandelt. Allein der Kater war, einmal zu uns nach Hause gebracht, nicht bereit zu einem Gespräch. Wie man auf dem Foto sieht, ist er auch ein wenig indisponiert, da der Versuch, eine der Inszenierungen von William Wegmans Weimaraner nachzustellen (ja: auch er möchte unbedingt einen Weimar-(an)-er imitieren), kläglich scheiterte. Ich hoffe, ich kann das Interview demnächst nachholen.
In der Zwischenzeit stelle ich die Frage in den Raum, oder besser in die Bibliothek, wie eine Bibliothek wohl am besten zu ordnen sei. Eine Kollegin meinte heute, sie sortiere ihre Bücher nach Farben, ein großartiger Ansatz, der bestimmt interessante Nachbarschaften zu Tage fördert. Man könnte die Bücher auch nach Seitenzahl ordnen oder vielleicht nach Größe oder nach dem Erscheinungsjahr oder alphabetisch nach den Vornamen der Autoren oder nach Gewicht.