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Schelmuffsky im Gespräch mit Dr. Rainer Mumpitz

14.04.2011 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz, verfolgen Sie die Ereignisse in Japan?

Dr. Mumpitz: Aber selbstverständlich. Wer hätte gedacht, dass wir noch mal einem Supergau zu Lebzeiten beiwohnen können. Ehrlich gesagt, bestimmt doch nur irgendwelche Miesepeter von Greenpeace oder den Grünen.

Schelmuffsky: Wie beurteilen Sie die Lage in Fukushima?

Dr. Mumpitz: Zunächst einmal zolle ich der Firma Tepco Respekt für das Krisenmanagement.

Schelmuffsky: Warum?

Dr. Mumpitz: Für uns als Wissenschaftler war schon in den ersten Tagen klar, dass sich eine Katastrophe ersten Ranges anbahnt = Stufe 7. Und deutlich war auch sehr schnell, dass eigentlich nur ein totalitäres Regime wie die Sowjetunion zu Zeiten von Tschernobyl mit ernsthaften Kernkraftproblemen zurechtkommen würde. Denn so ein Regime kann ja genügend Menschen in das sichere Verderben schicken. Immerhin hat Tepco Panik vermieden, indem es bis vor ein paar Tagen am häufigsten zu Worten wie „keine Gefahr für die Bevölkerung“ oder „kontrolliert“ griff (als längst alles außer Kontrolle war). Gestern habe ich überhaupt erstmals gelesen, wie viele Menschen der Supergau in Fukushima betrifft, nämlich 70.000 bis 100.000, die jetzt umgesiedelt werden müssen und alles verlieren. Dann diese großartigen Gesten. Der Präsident von Tepco verbeugt sich im Fernsehen dreimal und entschuldigt sich mit warmen Worten.

Schelmuffsky: Das nennt man allgemein Salamitaktik.

Dr. Mumpitz: Oder auch angemessene Volksverdummung. Gestern sprach man davon, dass die Gegend (bislang ungefähr die Fläche von Berlin) langfristig unbewohnbar sein wird, und nannte 20 Jahre, als ob das im Zusammenhang mit atomarer Strahlung langfristig wäre. Nächste Woche wird man dann vielleicht sagen. Sorry, es waren nicht 20, sondern 2.000, ein kleiner Rechenfehler unseres Computers. Und ach ja, leider müssen wir 50 Kilometer räumen, und ob Tokyo nächstes Jahr noch bewohnbar ist, na ja, wir werden es schon noch erleben.

Schelmuffsky: usw., usw. Und wo landen wir dann?

Dr. Mumpitz: Keine Ahnung. Klar ist aber doch, dass sich Japan von dieser Kombination aus Natur- und Nuklearkatastrophe vermutlich nie wieder ganz erholen wird.

Schelmuffsky: Ist das nicht die deutsche Hysterie, von der jetzt überall die Rede ist?

Dr. Mumpitz: Also, in dieser Situation würde ich sagen: Lieber die sogenannten deutschen Wutbürger (ein polemisches Wort, das suggerieren soll, alle, die jetzt etwas kritisieren, hätten eine leichte Klatsche und seien nicht ganz ernst zu nehmen) als diese überall gelobte japanische Ruhe und Demut. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Haltung der Tsunami-Opfer finde ich selbst bewundernswert, aber wie sich die Japaner seit Wochen von einem Konzern und der Regierung ohne Widerrede verdummen lassen, dazu gehört schon eine selten naive Autoritätsfürchtig- und Technikgläubigkeit.

Schelmuffsky: Man hat den Eindruck, bei Ihnen kommt eine gewisse Endzeitstimmung auf.

Dr. Mumpitz: Bei Ihnen nicht? Kollege Carlo Pesetas ist ja leider nicht da, sonst könnten wir ihn mal fragen, wann die USA denn jetzt endlich pleite sind und mindestens die Hälfte der übrigen Industrienationen und wie es um die Bewältigung der Finanzkrise bestellt ist.

Carlo Pesetas: Sie sprachen von mir. Ich war gerade in der Nähe. Haben Sie gelesen: Ackermann gilt jetzt als „gefährlich“, was ich schon immer gesagt habe, die Deutsche Bank soll „wissentlich problematische Hypotheken zu verbrieften Schuldpapieren, sogenannten CDOs, gebündelt haben“ und damit wesentlich zur Finanzkrise beigetragen haben, eben „Leistung, die Leiden schafft“.

Schelmuffsky: Herr Pesetas, danke. Mit Ihnen spreche ich in den nächsten Tagen noch einmal. Herr Dr. Mumpitz, arbeiten Sie eigentlich gerade wieder an einer Erfindung?

Dr. Mumpitz: Allerdings. Ich habe gerade eine Spezialbrille entwickelt, die zweidimensionales Sehen ermöglicht. Sie sehen damit alles platt. Damit bin ich zumindest auf halbem Weg, das Sehen von Guido Westerwelle und anderen Politikern für jeden erlebbar zu machen. Mein Forschungsziel ist eine Brille, mit der man alles eindimensional sieht.


“Deutschland ist nicht Japan. Japan ist nicht Deutschland.”

25.03.2011 sm

Aus ganz unerwarteter Ecke vernahmen wir heute Zustimmung zu den Äußerungen unseres letzten Gesprächs. Auch der Saumagen-Liebhaber aus der Pfalz, von manchen auch Altkanzler genannt, scheint etwas gegen Tautologien zu haben und machte dies klar mit Sätzen, die er gegenüber seinem Lieblingsorgan mit den vier Buchstaben äußerte: “Die Wirklichkeit ist: Deutschland ist nicht Japan. Japan ist nicht Deutschland.”
In der Tat. Und weiter: “Die Lehre aus Japan darf jetzt nicht die berühmte Rolle rückwärts sein (…) Das Leben ist ohne Risiken nicht zu haben.” Risiken “gehören zum Alltag wie Wind, Wasser und Sonne”. Genau. Tagelang ist uns jetzt verkündet worden, dass Japan ja ein Hochtechnologieland sei. Die Versuche, die Reaktorkerne von Fukushima abzukühlen, muteten gleichwohl ungefähr so adäquat an, als versuchten Feuerwehrmänner bei einem Großfeuer, dieses auszupinkeln. Unser Wissenschaftsredakteur, Dr. Rainer Mumpitz, wird sich dazu in den nächsten Tagen bestimmt noch äußern.
Und wenn gar nichts mehr hilft, die Katastrophen längst nicht mehr beherrschbar sind, dann fällt mit gnadenloser Sicherheit ein Wort, dass dann immer bemüht wird: ein Stresstest muss her. Jetzt also sollen die europäischen Atomkraftwerke einem Stresstest unterzogen werden.
O Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!


Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke: Teil 2 des Gesprächs mit Dr. Rainer Mumpitz

23.08.2010 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz, Sie haben am Ende unseres letzten Gesprächs angedeutet, dass Sie eine Lösung für das Problem der Endlagerung von Atommüll haben.

Mumpitz: Genau. Zunächst aber würde ich gerne etwas von meinem Hobby erzählen, das jüngst bahnbrechende Erkenntnisse zeitigte.

Schelmuffsky: Wir hören.

Mumpitz: Ich interessiere mich seit meiner Kindheit für den Mond.

Schelmuffsky: Aha. „Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen, am Himmel hell und klar usw.“

Mumpitz: Das ist zwar eines der schönsten deutschen Lieder, aber nehmen Sie mich vielleicht nicht ganz ernst?

Schelmuffsky: Doch, doch, unbedingt. Erzählen Sie weiter.

Mumpitz: Ich beobachte und fotografiere also seit über 40 Jahren den Mond. Nach ungefähr 20 Jahren dachte ich zum ersten Mal: Hoppla, der schrumpft ja. Der Verdacht hat sich später immer mehr erhärtet, und Vermessungen meiner Fotos haben dann eindeutig ergeben, dass der Mond in den letzten 40 Jahren um genau 0,0004 mm geschrumpft ist.

Schelmuffsky: Auf den Fotos.

Mumpitz: Nein, der Mond selbst. Die Ergebnisse wurden jüngst publiziert. Berechnungen haben ergeben, dass der Mond in der letzten Milliarde Jahre um 100 m geschrumpft ist.

Schelmuffsky: Das Thema „Große Zahlen“ hatten wir zwar schon einmal, aber worauf wollen Sie hinaus?

Mumpitz: Der Mann im Mond hat durch die Schrumpfung Falten bekommen, die man auf Fotos sogar erkennen kann. Deswegen sieht er heute so vergrämt aus, dass kein Romantiker mehr auf die Idee käme, ihn zu besingen.

Schelmuffsky: Können wir vielleicht langsam mal zum Thema kommen.

Mumpitz: Wir sind schon mitten drin. Sie kennen die Redewendung: Ich könnte Dich zum Mond schießen. Dich, nämlich den Atommüll. Ich plädiere schon lange dafür, die Raumfahrt endlich einem sinnvollen Zweck zuzuführen und habe auch schon oftmals gefordert, den Müll, den man auf Erden nicht loswird, einfach ins All zu schießen.

Schelmuffsky: Das klingt sehr vernünftig.

Mumpitz: Ist es auch. Keine Sitzblockaden mehr, kein Ärger mit irgendwelchen Anwohnern. Den Atommüll einfach in Raketen und dann ab dafür in Richtung Sonne oder am besten raus aus unserem Sonnensystem. So mein Gedanke früher. Jetzt denke ich, warum nicht auf den Mond damit, die Falten mit dem Müll füllen, bis der Mann im Mond wieder in alter jugendlicher Frische strahlt. Da schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Und wenn das Problem der Endlagerung gelöst hat, spricht natürlich nichts mehr dagegen, neue AKWs zu bauen. Es spricht sogar einiges dafür.

Schelmuffsky:Was zum Beispiel?

Mumpitz: Die Sicherung des Weltfriedens. Wenn die Industrienationen das ganze Uran friedlich verbrauchen, bleibt natürlich nichts mehr übrig für den Iran, Nordkorea und andere zwielichtige Staaten

Schelmuffsky: Ich sehe schon. Sie haben wirklich wegweisende Ideen. Worüber wollen wir demnächst sprechen?

Mumpitz: Keine Ahnung. Ich überlege mir was.

Schelmuffsky: Gut, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke: ja oder doch?

20.08.2010 sm

Schelmuffsky im Gespräch mit dem neuen Leiter der Wissenschaftsredaktion von nonsinn.de, Dr. Rainer Mumpitz:

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz, wir sind natürlich froh, dass wir Sie für nonsinn.de gewinnen konnten.

Mumpitz: Da ich weiterhin wie viele andere Wissenschaftler nebenher unabhängige Gutachten für alle schreiben darf, die gut zahlen, übernehme ich die neue Aufgabe gerne.

Schelmuffsky: Sie waren an der renommierten Universität von Schelmerode. In ihrer Dissertation „Die Unsinkbarkeit der Titanic“ entwickeln Sie einen völlig neuen wissenschaftlichen Ansatz, der Ihnen jetzt bei der Beurteilung der Debatte zur Laufzeitverlängerung der AKWs zu Gute kommt. Vielleicht sagen Sie dazu ein paar Worte.

Mumpitz: Man muss, so meine Theorie, alle Beteiligten eines Prozesses in den Blick nehmen. Die Titanic war unsinkbar, nur: Der Eisberg wusste das nicht. Hätte die Titanic kenntlich gemacht, dass sie unsinkbar ist, hätte sich der Eisberg anders verhalten und es wäre nicht zur Katastrophe gekommen.

Schelmuffsky: Das klingt absolut einleuchtend. Aber was hat das mit AKWs zu tun? Vielleicht erklären Sie das unseren Lesern.

Mumpitz: In einem unabhängigen Gutachten, das ich gerade für die großen Stromkonzerne schreibe, komme ich zu dem Ergebnis, dass die AKWs genau solange absolut, um nicht zu sagen, todsicher sind, wie sich ihr Betrieb wirtschaftlich lohnt.

Schelmuffsky: Aha.

Mumpitz: AKWs sind ja, anders als die philosophierende Bombe in John Carpenters Dark Star – das ist nebenbei einer meiner Lieblingsfilme – , ziemlich dumme Technik. Sage einem AKW, dass es gar nicht explodieren kann, und es wird dies glauben und nicht lange rumargumentieren.

Schelmuffsky: Aber es gibt doch immer wieder mal Zwischenfälle und Probleme.

Mumpitz: Ja nun. AKWs sind auch ziemlich betagte Bauwerke mit einer noch betagteren Technik. In meiner Jugend fotografierte ich mit einer Kodak Instamatic mit Blitzwürfeln, sah fern an einem Schwarz-Weiß- Röhrenfernseher, hatte einen Kassettenrekorder mit Schiebereglern, schrieb auf einer mechanischen Schreibmaschine, fuhr später mit einer Ente. Genau in diesem Umfeld wurden die meisten AKW gebaut. Beschaffen Sie mal Ersatzteile für eine Ente.

Schelmuffsky: Also daher rühren die Probleme.

Mumpitz: Schauen Sie mal: Allein die Glühbirnenverordnung ist natürlich ein Schuss ins Knie der Atomindustrie, denn bald wird es keine roten und grünen Glühbirnchen für die Kontrollzentralen mehr geben.

Schelmuffsky: Was kann man da machen?

Mumpitz: Man kann entweder, wie bei den ersten Käfern, wieder Winker statt Blinker einbauen, die mit ihrem Winken warnen: Achtung, Kernschmelze im Gange. Oder man kann, und diesem Rat ist die Atomindustrie gefolgt, alle Restbestände der weißen Glühbirnchen aufkaufen und diese dann rot und grün anmalen.

Schelmuffsky: Das klingt ein wenig improvisiert, aber effektiv.

Mumpitz: Die Besatzung des Raumschiffs in Dark Star muss ja nach jahrzehntelangem Flug auch ein wenig improvisieren. Besinnen wir uns auf unsere Tugenden. Wegschmeißen kann jeder.

Schelmuffsky: Die AKWs sind also sicher.

Mumpitz: Was wir jetzt brauchen, ist ein verantwortungsvoller Politiker wie Norbert Blüm, der klipp und klar sagt: Die Atomkraftwerke sind sicher.

Schelmuffsky: War das nicht bei den Renten, auf die Sie anspielen, auch eine Lüge?

Mumpitz: Blüm hat getreu einem Aphorismus von Adorno* aber seine eigene Lüge geglaubt und war gerade deswegen so überzeugend.

Schelmuffsky: Sie sprechen sich also für eine unbegrenzte Laufzeitverlängerung aus?

Mumpitz: Unbedingt. Neulich war ich im Technikmuseum in Berlin. Da sah ich dann wieder mal diese sinnliche Technik von früher, mit Knöpfen, Schaltern und Schiebereglern usw. Das kann man wahrscheinlich sonst nur noch in AKWs finden. Stellen Sie sich vor: Tag der offenen Tür. Die Kinder dürfen mal ein wenig an den Reglern drehen, und erfahren dann ganz sinnlich, wie die Temperatur steigt usw. Das ist doch toll in einer Zeit, wo selbst die Stellwerke an Bahnhöfen computergesteuert sind.

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz. Danke für diese erhellenden Ausführungen. Vielleicht sollten wir in den nächsten Tagen über das entscheidende Thema der Endlagerung der Atomabfälle sprechen.

Mumpitz: Sehr gerne. Auch dafür habe ich ein Konzept.

* “Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.”
Theodor W. Adorno – Minima Moralia