Artikel-Schlagworte: „Albert Vigoleis Thelen“

Zuglektüre

13.11.2010 sm

Auf dem Weg nach Hamburg muss ich umsteigen in Kassel Wilhelmshöhe, anerkanntermaßen der schrecklichste Bahnhof der Republik, mit Sicherheit auch noch unter den Top Ten der architektonischen Großkatastrophen. In der Auslage einer dieser, wie sagt man auf Neudeutsch: Backstationen? fällt mein Blick auf Gebäck in länglicher Form: „Seele mit Speck“, „Seele mit Käse“, „Seele mit Oliven“. Gerne hätte ich mir eine Käseseele zugelegt, doch die Schlange der Wartenden ist lang und kommt nur schleppend voran. Dann doch eine Brezel in „Frankie’s Brezel Point“, wo es laut Tütenaufdruck nicht nur belegte Stangen gibt, sondern auch Latte.

Eingesessen im nächsten Zug, lese ich weiter in Vigoleis Thelens „Insel des zweiten Gesichts“, die mir in den letzten Wochen erneut soviel Vergnügen bereitet hat. Das Ende ist leider in Sicht, unzählige abstruseste Geschichten liegen hinter mir, gerade zum Beispiel die von der Erstbegegnung mit Harry Graf Keßler, dessen Sekretär Thelen trotz dieser Begegnung werden sollte. Thelen testete gerade eine seiner zahllosen Erfindungen, den Unkulunkulu, wie er die Erfindung nannte, einen Regenschirm mit bodenlangen Stoffbahnen.

„Durch ein Gewirre von Schnüren ließ er (der Schirm) sich so drapieren, daß ein Druck auf eine Feder genügte, und man stand bis an die Knöchel unter der schützenden Hülle. Mit drei Griffen an einem in den Stock eingearbeiteten Schieber war die Gardine wieder aufgezogen. Je feiner der Stoff, je kleiner die Wulst, die sich bei geschlossenem Unkulunkulu bildete. Das Modell war ungeschlacht, die feinden Stäbe trugen kaum die Last des schweren Lakens, aber – es klappte, und wie würde erst funktionieren, wenn der Vorhang aus hauchdünner Ballonseide hergestellt sein würde, mit eingetränkten Fensterchen – damals gab es noch keine Plastikstoffe – und einer kleinen Leselampe im Gestänge für nächtliche Regenwanderer.“

Wegen der ungeheuren Hitze probiert Thelen den Unkulunkulu gerade im Adamskostüm aus, als Harry Graf Keßler in der Wohnung erscheint und erst einmal verwirrt ist. Wie erwähnt, wird Thelen dennoch Keßlers Sekretär, und wir erfahren nicht nur etwas über die Arbeitsweise einer der kulturellen Größen der Weimarer Republik, sondern auch über das Leben der Exilanten auf Mallorca. Und wir lernen, wie Thelen sich mit einer Schwejk artigen List dem Nazi-Terror, der seine Fangarme bis auf die Insel ausstreckte, entziehen konnte und beiläufig noch Anderen das Leben rettete. Vor allem aber lesen wir alles in einer einzigartigen Sprache, die von Hans Werner Richter bei einem Treffen der Gruppe 47 in fataler Dummheit als „Emigrantendeutsch“ bezeichnet worden war. Man wird sich schwer damit tun, einen anderen Text von solcher Eleganz und Stilsicherheit in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zu finden.


Schelmuffsky im Gespräch mit Dr. Martin über Mallorca, vor allem aber über Albert Vigoleis Thelen

26.10.2010 sm

Schelmuffsky: Sie waren im Urlaub, heißt es.

Dr. Martin: Es heißt richtig, wenn es auch nicht ganz so heiß war, aber doch noch angenehm warm.

Schelmuffsky: Wo weilten Sie weiland, wenn ich fragen darf?

Dr. Martin: Auf der Insel des zweiten Gesichts.

Schelmuffsky: Aha, Vigoleis Thelen auf der Spur, nehme ich an.

Dr. Martin: Eher nicht, eher einfach so, aber dabei gehabt habe ich Thelen natürlich, und gelesen habe ich ihn auch wieder. Sowieso.

Schelmuffsky: Erzählen Sie mehr. Wie war Mallorca im Herbst?

Dr. Martin: Ich kannte es vorher nicht, bzw. eben nur aus dem erwähnten Roman von Vigoleis Thelen und aus George Sands „Ein Winter auf Mallorca“. Die Lektüre beider Bücher liegt schon Dezennien zurück. Von Thelen erinnerte ich immerhin noch die eine oder andere Episode, z. B. seine Monate im sogenannten ‘Turm der Uhr’, als er und seine Frau Beatrice aus purer Geldnot gezwungen waren, in der Zelle eines Bordells zu kampieren (und zu hungern), über sich keine Zimmerdecke, aber ein undichtes Dach, unter und über sich Scharen von Ratten, die alles anfraßen, was ihnen zwischen die Zähne kam, um sich herum 29 weitere Zellen, die aber der eigentlichen Bestimmung des Etablissements dienten, zumal zur Zeit der Corrida, wenn die Stierkämpfer in der Nacht vor ihrem womöglich letzten Auftritt zunächst im Flur des Bordells der heiligen Madonna opferten und dann in die Zellen zogen und für jene Geräuschkulisse sorgten, die umso hörbarer war, als es eben keine Decke über den Zellen gab. Das ist nur eine von wirklich zahllosen Geschichten. Unmöglich sich alle zu merken. Allerdings ist das Buch, obwohl Landschafts- oder Ortsbeschreibungen eher selten sind, ein guter Cicerone für die Insel.

Schelmuffsky: Wollen wir jetzt über Mallorca sprechen oder über Thelen?

Dr. Martin: Wenn Sie so direkt fragen, über Thelen, aber dabei sprechen wir dann beiläufig auch über Mallorca. „Die Insel des zweiten Gesichts“ war für mich wie für viel zu wenige andere eine der großen Entdeckungen in der deutschsprachigen Literatur. Sprachlich mindestens auf der Höhe des Puij Major, die Erzählungen ungefähr so verschlungen wie die Fahrt von Soller nach Sa Calobra, allerdings mit noch größeren Abgründen am Weg, auf jeder Seite Wörter eingestreut, die man noch nie gehört oder gelesen hat, dito Aphorismen wie bei den besten Aphoristikern, dazu noch Erörterungen über Philosophie, Literatur, die politische Situation in der Herankunft Hitlers und Francos, vor dem Thelen und seine Frau schließlich 1936 nach fünf bewegten und bewegenden Jahren auf der Insel fliehen mussten. Also ich kenne kein vielseitigeres Buch und zudem kaum eines, bei dessen Lektüre ich ähnlich oft gelacht hätte.

Schelmuffsky: Können Sie vielleicht Beispiele geben?

Dr. Martin: Z. B. Aphorismen:

„Jede Kirche, die Weltanspruch erhebt, muß über Leichen gehen, will sie sich nicht selber ins Grab schaufeln. Das ist eine bittere, aber grausame Wahrheit. Nur wen es trifft, muß weinen. Wir weinten damals auch.“ (S. 303)

Oder über die Probleme einer adäquaten Beschreibung:
„Die Schönheit des menschlichen Antlitzes ist unbegrenzt, mögen die Mittel noch so beschränkt sein, sie im Wort oder im Bilde darzustellen. Das Einmalige ist immer auf den Abklatsch angewiesen, wollen wir es vielen zugänglich machen.“ (S. 78)

Wobei man hier sagen muss: Die Art und Weise, wie Thelen beschreibt, ist selbst wieder ziemlich einmalig.

Oder:
„Sobald ein Mensch diese Uniform anlegt, hört er auf zu sein, was er ist.“ (S. 422)

Oder:
„Homo homini homo.“ (S. 406)
Das ist vielleicht der beste Aphorimus.

Schelmuffsky: Danke. Das reicht für ein bisschen Nachdenken. Ich schlage vor, wir sprechen morgen weiter.

Dr. Martin: Wie Sie wünschen. In der Zwischenzeit können Sie sich fortbilden auf http://www.vigoleis.de/


Aphorismus der Woche

23.10.2010 sm

Zu dumm und nicht dumm genug: ein ganzes Leben kann an dieser Klippe scheitern. Kann?

Albert Vigoleis Thelen – Die Insel des zweiten Gesichts, Amsterdam 1953, S. 306


Dies und Das

04.12.2007 sm

Inzwischen habe ich auch den Blick über die Regale schweifen lassen. Gesucht wurden ja witzige Bücher. Besonders systematisch habe ich zugegebenermaßen nicht geschaut, aber ein paar Bücher sind mir doch ins Auge gesprungen. Hier eine sehr unvollständige Liste:

Das witzigste Tierbuch:
Eckhard Henscheid – Welche Tiere und warum das Himmelreich erlangen können. Neue theologische Studien

Ein witziges Buch über Architektur:
Tom Wolfe – Mit dem Bauhaus leben

Ein witziges Buch über Kunst:
Tom Wolfe – Wörter in Farbe

Immer wieder gut:
Wilhelm Busch – Sämtliche Werke

Einer der witzigsten Romane mit der gutmütigsten Gestalt der Weltliteratur (= Alfred Leobold):
Eckhard Henscheid – Geht in Ordnung – sowieso – - genau – - -

Bereits häufig erwähnt, aber auch in diesem Zusammenhang sowieso zu nennen:
Albert Vigoleis Thelen – Die Insel des zweiten Gesichts

Ein witziges Tagebuch:
Samuel Pepys – Tagebuch

Nicht nur, aber auch witzig:
Christian Morgenstern – Sämtliche Galgenlieder

Zu Thelen fällt mir eine Begebenheit ein, die mir neulich zufiel. Ich war in Hamburg, das ist eine Stadt an der Elbe im hohen Norden unweit von Lüneburg. Dort betrat ich ein Antiquariat wiederum unweit eines Denkmals, das ich, als ich es sah, für eine Fata Morgana hielt, handelte es sich doch um ein lupenreines Nazi-Denkmal, das bis heute nicht weggesprengt wurde. Ich kam vom alten botanischen Garten und sah deswegen die neuzeitliche Brechung durch eine beigefügte Skulptur von Hrdlicka erst, nachdem ich einigermaßen konsterniert vor den Soldaten im Stechschritt gestanden hatte, darüber der in Stein gemeißelte Nazi-Wahnsinn: “Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen”.

Wenig später also betrat ich das Antiquariat und suchte unter ‚T’ und, da ich dort nichts fand, unter ‚V’, und da ich dort auch keinen Vigoleis Thelen fand, wollte ich schon gehen und ging um die Ecke und sah im Augenwinkel einen kleinen Hausaltar für wen?, nämlich für Albert Vigoleis Thelen. So Du also nach Hamburg kommst, so wende Deine Schritte in das Antiquariat Wiedebusch in der Dammtorstraße 20, denn da ist so manches von Thelen zu finden.

Im letzten Eintrag hatte ich geschrieben, dass ich Eichendorffs Taugenichts lese, und inzwischen habe ich ihn gelesen, aber im Gegensatz zu so vielen älteren Büchern wollte mir die Lektüre bei diesem partout nicht als notwendige erscheinen.

Zum Schluss noch ein Gedicht, mit dem ich dann das Thema einläuten will, das natürlich nicht fehlen darf, wenn man von der Literatur spricht. Ich will hier nicht den auf Millionen von Hochzeiten ausgedroschenen Vers aus Paulus 1, Korinther 13,13 zitieren. Also hier jetzt einfach das Gedicht:

„Stapfen“ von Conrad Ferninand Meyer

In jungen Jahren war’s. Ich brachte dich
Zurück ins Nachbarhaus, wo du zu Gast,
durch das Gehölz. Der Nebel rieselte,
Du zogst des Reisekleids Kapuze vor
Und blicktest traulich mit verhüllter Stirn.
Naß war der Pfad. Die Sohlen prägten sich
Dem feuchten Waldesboden deutlich ein,
Die wandernden. Du schrittest auf dem Bord,
Von deiner Reise sprechend. Eine noch,
Die längre, folge drauf, so sagtest du.
Dann scherzten wir, der nahen Trennung klug
Das Angesicht verhüllend, und du schiedst,
Dort wo der First sich über Ulmen hebt.
Ich ging denselben Pfad gemach zurück,
Leis schwelgend noch in deiner Lieblichkeit,
In deiner wilden Scheu, und wohlgemut
Vertrauend auf ein baldig Wiedersehn.
Vergnüglich schlendernd, sah ich auf dem Rain
Den Umriß deiner Sohlen deutlich noch
Dem feuchten Waldesboden eingeprägt,
Die kleinste Spur von dir, die flüchtigste,
Und doch dein Wesen: wandernd, reisehaft,
Schlank, rein, walddunkel, aber o wie süß!
Die Stapfen schritten jetzt entgegen dem
Zurück dieselbe Strecke Wandernden:
Aus deinen Stapfen hobst du dich empor
Vor meinem innern Auge. Deinen Wuchs
Erblickt ich mit des Busens zartem Bug.
Vorüber gingst du, eine Traumgestalt.
Die Stapfen wurden jetzt undeutlicher,
Vom Regen halb gelöscht, der stärker fiel.
Da überschlich mich eine Traurigkeit:
Fast unter meinen Blick verwischten sich
Die Spuren deines letzten Gangs mit mir.


Sind Bücher zu dick?

12.06.2007 sm

Vor dem G8-Gipfel trat die Bundesregierung mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit, etwas gegen das Übergewicht im Lande zu tun. Mal abgesehen davon, dass bei Politikern das Wort „Diäten“ immer noch nicht die landläufige Bedeutung hat und die Initiative viel zu halbherzig ist (wenn, sollte man gleich ein Gesetz einführen, dass besagt: Zucker- oder Fettgehalt bei Lebensmitteln in Prozent = Mehrwertsteuersatz), das Thema „Übergewicht“ liegt in der Luft und so drängt sich auch die Frage auf: Sind auch unsere Bücher zu dick?
Zu dieser Frage sprach ich mit meinem Alter Ego, Dr. Sigurd Martin, Leiter von IFALUG (Institut für angewandte Lebensfreude und Gebrauchszynismus):

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, „Dick“ ist als Thema dick im kommen, zumindest wenn man in die Medien schaut.

Martin: Just letzte Woche sah ich das Plakat der „Bild“-Zeitung: „Ja, dein Hintern ist zu dick“ in der Kampagne „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“ (bei “Bild” eigentlich ein Widerspruch in sich). Das ist natürlich in hohem Maße gebrauchszynisch (wie die TV-Nieren-Show in Holland), wird aber nicht zufällig gleichzeitig mit den Vorschlägen der Bundesregierung geschaltet. Auch dass in der gleichen Woche von einem elfjährigen (übergewichtigen?) Jungen in den USA das dickste Wildschwein aller Zeiten geschossen wird (477 kg) und es immer mehr „dicke Freundschaften“ in der deutschen Wirtschaft gibt (Beispiel VW und Siemens) zeigt: Das Thema „dick“ ist en vogue.

Schelmuffsky: In der Literatur wird Übergewicht aber kaum thematisiert?

Martin: Ich erinnere mich an einen irischen Roman, in dem das dickste Schwein der Literatur vorkommt. Es ist so dick, dass es nicht mehr durch die Haustür getrieben werden kann Das ist insofern tragisch, als es wegen einer Krankheit infernalisch stinkt. Der Roman wurde in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts publiziert. Das ist schon eine Weile her. Wenn Sie mich so direkt fragen, fällt mir aber kein neuerer Roman ein, in dem das Gewicht der Hauptfiguren eine Rolle spielte.

Schelmuffsky: Woran liegt das?

Martin: Gottfried Ephraim Lessing schrieb 1766 in seiner Schrift „Laokoon: oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie“ – ich verkürze das jetzt mal sehr stark -, dass das Feld der Literatur das Nach- und Nebeneinander sei, also vor allem auch Handlungsstränge und zeitliche Abfolgen. Das Feld der Malerei und der Plastik dagegen sei die Darstellung der räumlichen Ausdehnung von Körpern. Insofern ist es natürlich, dass gerade die Plastik und die Malerei des 20. Jahrhunderts Übergewicht (Niki de Saint Phalle, Fernando Botero), aber auch Magersucht (Alberto Giacometti; übrigens lange bevor dies in den Medien besprochen wurde) ins Zentrum rückt. In der Literatur dagegen spielt zwar die Beschreibung von Körpern keine Rolle, es besteht aber die Gefahr, dass die Bücher zu dick werden, da zuviel Handlung, also zuviel Nacheinander von Körpern zwischen zwei Buchdeckel gepackt wird.

Schelmuffsky: Ist das ein neues Phänomen, oder bestand die Gefahr schon immer?

Martin: Die Tendenz zum dicken Buch gibt es von Anbeginn der Literatur. Denken Sie nur an die „Illias“ oder die „Bibel“, aber natürlich auch an die Romane von Dostojewskij.

Schelmuffsky: Sind diese Bücher „zu“ dick?

Martin: Meiner Ansicht nein, aber es gab immer wieder Versuche, Bücher zu verschlanken, mir fällt da Readers Digest ein oder eine neue Initiative des Orion Verlags in London, der Klassiker abspecken will, „Moby Dick“ z. B. um 40 %. Scherzt: Wahrscheinlich meinen die, der Titel des Buches sage bereits: hier ist ein Buch zu „dick“. Aber klar: Gute Bücher auf Diät zu setzen ist natürlich Mumpitz.

Schelmuffsky: Können Sie uns einen Roman nennen, der Ihrer Ansicht zu dick ist?

Martin: Also, diese Frage sollten Sie vielleicht besser den Mitgliedern von lovelybooks stellen. Ich will mich da nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Aber natürlich kennt das jeder, dieses Gefühl, hier hätte der Autor das Buch lieber noch einmal ein paar Runden laufen lassen, damit überflüssige Pfunde abgeschmolzen werden. Das gilt sogar für meine Lieblingsbücher, die oftmals gerade gegen Ende etwas schwammig werden, z. B. geht mir das so bei Tom Wolfes „Ein ganzer Kerl“, dessen letzte 250 Seiten ziemlich zerfransen. Und dann gibt es noch die Mammuts der Literatur (z. B. Marcel Proust – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit), bei denen man wenig weglassen könnte.

Schelmuffsky: Wie geht es weiter? Werden Leser angesichts der immer größeren Zerstreuung durch die Medienvielfalt überhaupt noch die Muße finden, einen dicken Wälzer zu lesen? Im Fernsehen geht ja die Tendenz jetzt schon sehr zur Häppchen-Kultur, Spielfilme alten Zuschnitts haben kaum noch eine Chance und auch Popsongs sind selten länger als 2 Minuten 55.

Martin: Gute Frage. Ich sehe das an mir selbst. Wenn ein Text mich nicht sehr schnell fesselt, dann breche ich heute Bücher regelmäßig ab. Deswegen lese ich auch immer mehr Erzählungen wie z. B. die von Alice Munro, Arthur Schnitzler oder Anton Tschechow. Das sind durchtrainierte, karge Texte, bei denen meist kein Wort zuviel ist. Im Übrigen halte ich aber an der Regel fest, pro Jahr mindestens zwei bis drei richtig dicke Bücher zu lesen. Das kann ich jedem nur empfehlen, taucht man dabei doch wirklich tief in andere Universen ein.

Schelmuffksy: Ich danke für das Gespräch. Können Sie den Besuchern zum Abschluss noch drei dieser richtig dicken Bücher empfehlen?

Martin: Gerne. Ich würde folgende Bücher lesen:
Albert Vigoleis-Thelen – Die Insel des zweiten Gesichts (knapp 1.000 z. T. extrem komische Seiten)
Heimito von Doderer – Die Strudlhofstiege (dito knapp 1.000 Seiten, als Doderer-Einsteiger kann man vielleicht „Die erleuchteten Fenster“ bzw. „Ein Mord, den jeder begeht“ vorweg lesen)
Italo Svevo – Zeno Cosini (das ist mit knapp 600 Seiten bereits ein Buch der Mittelgewichtsklasse, aber trotzdem).