Artikel-Schlagworte: „Adventskalender“

Der Nonsinn-Adventskalender

04.12.2010 sm

Das Türchen vom 4. Dezember:

Strategien gegen die Kälte

“Vor Winterende ist unsere Festung dann doch noch gefallen. Da hieß es zurückmaschieren in die eisigen Weiten unsres Zimmers.
Von jetzt an schliefen Jessenin und ich zusammen in einem Bett, begraben unter einem Wust Decken und Jacken. Jeder war abwechselnd dazu verdonnert, sich als erster auf dem eisigen Laken zusammenzukugeln, das Bett anzuwärmen mit Atem und Körper, ich an den graden Tagen des Monats, Jessenin an den ungraden.
Eine Lyrikerin bat Jessenin, ihr behilflich zu sein, eine Stelle zu bekommen. Sie hatte rote Wänglein, runde Hüften und üppige Schultern.
Jessenin bot der Lyrikerin das Gehalt einer sowjetischen Stenotypistin, sofern sie jede Nacht um eins käme, sich auszöge, sich unter die Decke legte und das Bett angewärmt sei („Viertelstunde Arbeit“), wieder aufstünde, sich wieder anzöge und nach Hause ginge.
Er versprach, daß wir ihr während des ganzen Zeremoniells den Rücken zukehren und die Nasen ins Manuskript stecken würden.
Drei Tage hintereinander stiegen wir unter strenger Einhaltung der Bedingungen in ein warmes Bett.
Am vierten Tag empfahl sich die Lyrikerin wieder, erklärte, sie denke nicht daran, ihren Dienst weiterzutun. Ihre Stimme zitterte, überschlug sich, und die Wut weitete ihre Pupillen derart, daß ihre himmelblauen Augen kohlrabenschwarz wurden wie die Knöpfe ihrer Lackstiefeletten.
Wir wunderten uns:
„Aber wieso? Unsere Rücken und Nasen haben die Bedingungen doch heilig eingehalten.“
„Eben! Aber ich habe mich nicht einstellen lassen, Heiligen die Laken zu wärmen.“
„So““
Aber zu spät: Vor meiner Stirn krachte die Tür zu, daß alle sechs Schrauben des englischen Schlosses aus ihren Löchern fielen.”
S. 68 f.

An anderer Stelle des Romans findet sich noch eines der kürzesten Liebespoeme, das hier nicht unerwähnt bleiben soll:

Geliebte,
Sei meiner Zärtlichkeit
Heute der Sündenbock.
S. 9

Aus: Anatoli Marienhof – Roman ohne Lüge, Berlin (Ost) 1984


Der Nonsinn Adventskalender

03.12.2010 sm

Das Fensterchen vom 3. Dezember:

Alexander – Der Winter

Helmut hört zur Weihnachtszeit
Kinder alle = seid bereit =
und wollen wir auch einsam sein.
und läßt das liebe Englein rein.
so weiß wie auch die Flüglein
sind.“
ist auch der Schnee du liebes Kind.

Aus: Alexanders poetische Texte, herausgegeben Leo Navratil, München 1977, S. 58
(Alexander ist das Pseudonym von Ernst Herbeck)


Der Nonsinn-Adventskalender

01.12.2010 sm

Das Fensterchen vom 2. Dezember:

Im Buchhandel ist der schöne Pressen-Druck der Friedenauer Presse längst vergriffen, der Text des Stückes aber ist online verfügbar und wunderbar geeignet zur frivol-vergnüglichen Paar-Lektüre an langen Winterabenden:

Aleksandr Vvedenskij – Kuprijanov und Nataša

Und hier geht es zum Text


Der Nonsinn Adventskalender

30.11.2010 sm

Zugegeben: ein Adventskalender ist nicht besonders originell, ja jetzt überall zu finden. Nun also auch noch ein Nonsinn-Adventskalender. Versuchen wir es.

Das Fenster vom 1. Dezember:

Die letzten Tage Schnee, viel Schnee. Und Kälte.
Robert Walser starb am ersten Weihnachtsfeiertag 1956 an einem Herzschlag bei einer Wanderung durch ein Schneefeld.

Robert Walser hat mehrere Schnee-Geschichten geschrieben, darunter die vielleicht schönste über Schnee überhaupt: „Schneien“
Am Ende dieser Erzählung nimmt Walser gleichsam seinen eigenen Tod vorweg. Davor aber hat er Schnee mit einer Sensibilität in Sprache verwandelt, wie es vergleichsweise sonst nur Francis Ponge gelungen ist, Gegenständlichkeit in Worte zu übertragen:

„(…) Wohin man schaut, ist alles schneeweiß; wohin du blickst, ist alles schneeweiß. Und still ist es, warm ist, weich ist es, sauber ist es. (…) Das Schneien hat alles Geräusch, allen Lärm, alle Töne und Schälle eingeschneit. Man hört nur Stille, die Lautlosigkeit, und die tönt wahrhaftig nicht laut. Und warm ist es in all dem dichten weichen Schnee, so warm wie in einem heimeligen Wohnzimmer, wo friedfertige Menschen zu irgendeinem feinen lieben Vergnügen versammelt sind. Und rund ist es, alles ist rundherum abgerundet, abgeglättet. Schärfen, Ecken und Spitzen sind zugeschneit. Was kantig und spitzig war, besitzt jetzt eine weiße Kappe und ist somit abgerundet. Alles Harte, Grobe, Holperige ist mit Gefälligkeit, freundlicher Verbindlichkeit, mit Schnee, zugedeckt. Wo du gehst, triffst du nur auf Weiches, Weißes, und was du anrührst, ist sanft, naß und weich. Verschleiert, ausgeglichen, abgeschwächt ist alles. Wo ein Vielerlei und Mancherlei war, ist nur noch eines, nämlich Schnee; und wo Gegensätze waren, ist ein Einziges und Einiges, nämlich Schnee. Wie süß, wie friedlich sind alle mannigfaltigen Erscheinungen, Gestalten zu einem einzigen Gesicht, zu einem einzigen sinnenden Ganzen verbunden. Ein einziges Gebilde herrscht. Was stark hervortrat, ist gedämpft, und was sich aus der Gemeinsamkeit emporhob, dient im schönsten Sinne dem schönen, guten, erhabenen Gesamten. (…)“

Wer wünschte sich da nicht, dass auch manch menschliche Verhältnisse eingeschneit werden.

Der Text wurde entnommen aus:
Robert Walser, Das Gesamtwerk Bd. 2, Kleine Prosa, herausgegeben von Jochen Greven, Verlag Helmut Kossodo, Genf und Hamburg 1972, S. 254 f.