Literaturkolumne

Neue Lesefrüchte

“(…) Auch scheint es mir, dass das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, noch honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten Charakter, – es verdirbt selbst den Magen.”
Friedrich Nietzsche

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Literaturkolumne

Neue Lesefrüchte

“Am Ende sagt
von zweien der eine noch:
Ich hab dich eingelebt in die Verlassenheit
Am Ende sagt
von zweien der andere noch:
Sieh, alles Nahe ist so weit, so weit.”

aus: Arnold Stadler, Einmal auf der Welt. Und dann so, Drittes Buch: Mein Hund, meine Sau, mein Leben, Frankfurt a. M. (S. Fischer Verlag), S. 367

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Schelmuffskys wilde Welt

Ägypten im Aufbruch

Alle Augen blicken in Richtung Lybien, was laut unserem Wirtschaftsexperten Carlo Pesetas vor allem daran liegt, dass es von allen nordafrikanischen Staaten, in denen das Volk aufbegehrt, der mit Abstand ölreichste ist. Unser Fotograf Walter Breitinger bereiste kürzlich Ägypten und fand ein Land im Aufbruch vor. Das Volk hat dafür gesorgt, dass die größten Verbrecher (Mubarak, der Innenminister Habib el Adli u. a.) inzwischen hinter Gittern sitzen und zum Teil auch schon verurteilt sind. Carlo Pesetas meint, die deutsche Bevölkerung könne davon sehr viel lernen und wie die ägyptische die Festnahme so mancher Politiker fordern. In Deutschland nenne man es zwar nicht Korruption (weswegen der ehemalige Innenminister Hadib el Adli gestern zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde), sondern Lobbyismus, der Effekt sei aber der gleiche. Dazu muss man anmerken, dass man hierzulande allenfalls am Karfreitag demonstriert, um gegen das Tanzverbot am höchsten Feiertag der evangelischen Kirche vorzugehen (mit tendenziell bescheuertem Blick, wie man im Fernsehen sehen konnte). In Ägypten jedenfalls räumt man auf, wie man auf dem folgenden Foto sofort sieht:

Kairo im April 2011

Foto: Walter Breitinger


Wie man eindeutig erkennt, wurden bislang keine neuen Führer auserkoren, deren Bilder die Wänden verunzieren würden. Statt dessen feiert man die Revolution mit einer Torte, und dazu hat man jeden Grund.
Befürchtungen des Westens, Ägypten könne in einen fundamentalistischen Islamismus abrutschen, haben sich bislang nicht bestätigt. Genauso wenig die Sorge, die Bevölkerung könne einer westlichen Dekadenz verfallen. Allenfalls probiert man z. B. an Lebewesen, die den aus den Medien bekannten westlichen Vorbildern ahnlich sehen, ein sehr dezentes Makeup aus, wovon das folgende Foto zeugt:

Foto: Walter Breitinger

Wir wünschen Ägypten viel Glück und hoffen, dass die Bevölkerung den bisher beschrittenen Weg weitergeht.


Aphorismus der Woche

Aphorismus der Woche

Die Leute, die niemals Zeit haben, tun am wenigsten.
Georg Christoph Lichtenberg


Schelmuffskys wilde Welt

Karriereziele

Karl-Theodor zu Guttenberg soll in China eine Professur für Plagiatorik angeboten bekommen haben, Guido Westerwelle steht hoch im Kurs als Nachfolger für Knut (oder von Rainer Langhans im Dschungelcamp) und Angie wird eine Zitronenpresse:

Angie Zitronenpresse


IFALUG

Schelmuffsky im Gespräch mit Dr. Rainer Mumpitz

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz, verfolgen Sie die Ereignisse in Japan?

Dr. Mumpitz: Aber selbstverständlich. Wer hätte gedacht, dass wir noch mal einem Supergau zu Lebzeiten beiwohnen können. Ehrlich gesagt, bestimmt doch nur irgendwelche Miesepeter von Greenpeace oder den Grünen.

Schelmuffsky: Wie beurteilen Sie die Lage in Fukushima?

Dr. Mumpitz: Zunächst einmal zolle ich der Firma Tepco Respekt für das Krisenmanagement.

Schelmuffsky: Warum?

Dr. Mumpitz: Für uns als Wissenschaftler war schon in den ersten Tagen klar, dass sich eine Katastrophe ersten Ranges anbahnt = Stufe 7. Und deutlich war auch sehr schnell, dass eigentlich nur ein totalitäres Regime wie die Sowjetunion zu Zeiten von Tschernobyl mit ernsthaften Kernkraftproblemen zurechtkommen würde. Denn so ein Regime kann ja genügend Menschen in das sichere Verderben schicken. Immerhin hat Tepco Panik vermieden, indem es bis vor ein paar Tagen am häufigsten zu Worten wie „keine Gefahr für die Bevölkerung“ oder „kontrolliert“ griff (als längst alles außer Kontrolle war). Gestern habe ich überhaupt erstmals gelesen, wie viele Menschen der Supergau in Fukushima betrifft, nämlich 70.000 bis 100.000, die jetzt umgesiedelt werden müssen und alles verlieren. Dann diese großartigen Gesten. Der Präsident von Tepco verbeugt sich im Fernsehen dreimal und entschuldigt sich mit warmen Worten.

Schelmuffsky: Das nennt man allgemein Salamitaktik.

Dr. Mumpitz: Oder auch angemessene Volksverdummung. Gestern sprach man davon, dass die Gegend (bislang ungefähr die Fläche von Berlin) langfristig unbewohnbar sein wird, und nannte 20 Jahre, als ob das im Zusammenhang mit atomarer Strahlung langfristig wäre. Nächste Woche wird man dann vielleicht sagen. Sorry, es waren nicht 20, sondern 2.000, ein kleiner Rechenfehler unseres Computers. Und ach ja, leider müssen wir 50 Kilometer räumen, und ob Tokyo nächstes Jahr noch bewohnbar ist, na ja, wir werden es schon noch erleben.

Schelmuffsky: usw., usw. Und wo landen wir dann?

Dr. Mumpitz: Keine Ahnung. Klar ist aber doch, dass sich Japan von dieser Kombination aus Natur- und Nuklearkatastrophe vermutlich nie wieder ganz erholen wird.

Schelmuffsky: Ist das nicht die deutsche Hysterie, von der jetzt überall die Rede ist?

Dr. Mumpitz: Also, in dieser Situation würde ich sagen: Lieber die sogenannten deutschen Wutbürger (ein polemisches Wort, das suggerieren soll, alle, die jetzt etwas kritisieren, hätten eine leichte Klatsche und seien nicht ganz ernst zu nehmen) als diese überall gelobte japanische Ruhe und Demut. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Haltung der Tsunami-Opfer finde ich selbst bewundernswert, aber wie sich die Japaner seit Wochen von einem Konzern und der Regierung ohne Widerrede verdummen lassen, dazu gehört schon eine selten naive Autoritätsfürchtig- und Technikgläubigkeit.

Schelmuffsky: Man hat den Eindruck, bei Ihnen kommt eine gewisse Endzeitstimmung auf.

Dr. Mumpitz: Bei Ihnen nicht? Kollege Carlo Pesetas ist ja leider nicht da, sonst könnten wir ihn mal fragen, wann die USA denn jetzt endlich pleite sind und mindestens die Hälfte der übrigen Industrienationen und wie es um die Bewältigung der Finanzkrise bestellt ist.

Carlo Pesetas: Sie sprachen von mir. Ich war gerade in der Nähe. Haben Sie gelesen: Ackermann gilt jetzt als „gefährlich“, was ich schon immer gesagt habe, die Deutsche Bank soll „wissentlich problematische Hypotheken zu verbrieften Schuldpapieren, sogenannten CDOs, gebündelt haben“ und damit wesentlich zur Finanzkrise beigetragen haben, eben „Leistung, die Leiden schafft“.

Schelmuffsky: Herr Pesetas, danke. Mit Ihnen spreche ich in den nächsten Tagen noch einmal. Herr Dr. Mumpitz, arbeiten Sie eigentlich gerade wieder an einer Erfindung?

Dr. Mumpitz: Allerdings. Ich habe gerade eine Spezialbrille entwickelt, die zweidimensionales Sehen ermöglicht. Sie sehen damit alles platt. Damit bin ich zumindest auf halbem Weg, das Sehen von Guido Westerwelle und anderen Politikern für jeden erlebbar zu machen. Mein Forschungsziel ist eine Brille, mit der man alles eindimensional sieht.


Schelmuffskys wilde Welt

Neue Lesefrüchte

“Wir denken, wir leben in einer einzigen Welt. Dabei bewegt sich jeder in seinem eigenen Stollensystem, sieht nicht nach rechts und links und baut sein Leben ab und versperrt sich mit dem Schutt den Rückweg.”

aus: Peter Stamm, Agnes, Frankfurt 2010 (Fischer Taschenbuch Verlag), S. 127

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IFALUG, Schelmuffskys wilde Welt

“Deutschland ist nicht Japan. Japan ist nicht Deutschland.”

Aus ganz unerwarteter Ecke vernahmen wir heute Zustimmung zu den Äußerungen unseres letzten Gesprächs. Auch der Saumagen-Liebhaber aus der Pfalz, von manchen auch Altkanzler genannt, scheint etwas gegen Tautologien zu haben und machte dies klar mit Sätzen, die er gegenüber seinem Lieblingsorgan mit den vier Buchstaben äußerte: “Die Wirklichkeit ist: Deutschland ist nicht Japan. Japan ist nicht Deutschland.”
In der Tat. Und weiter: “Die Lehre aus Japan darf jetzt nicht die berühmte Rolle rückwärts sein (…) Das Leben ist ohne Risiken nicht zu haben.” Risiken “gehören zum Alltag wie Wind, Wasser und Sonne”. Genau. Tagelang ist uns jetzt verkündet worden, dass Japan ja ein Hochtechnologieland sei. Die Versuche, die Reaktorkerne von Fukushima abzukühlen, muteten gleichwohl ungefähr so adäquat an, als versuchten Feuerwehrmänner bei einem Großfeuer, dieses auszupinkeln. Unser Wissenschaftsredakteur, Dr. Rainer Mumpitz, wird sich dazu in den nächsten Tagen bestimmt noch äußern.
Und wenn gar nichts mehr hilft, die Katastrophen längst nicht mehr beherrschbar sind, dann fällt mit gnadenloser Sicherheit ein Wort, dass dann immer bemüht wird: ein Stresstest muss her. Jetzt also sollen die europäischen Atomkraftwerke einem Stresstest unterzogen werden.
O Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!


Schelmuffskys wilde Welt

Schelmuffsky im Gespräch mit Dr. Martin über Tautologien

Schelmuffsky: Herr Dr. Martin, “Geil ist geil”: Diesem Slogan begegnet man dieser Tage häufiger als einem lieb ist.

Dr. Martin: Richtig. Vorher hieß es mal “Geiz ist geil”, eine Kombination aus Avaritia = Geiz (Habgier) und Luxuria = Wollust (Ausschweifung, Genusssucht), also der zweiten und der dritten der sieben Todsünden. Sie erinnern vielleicht noch den Thriller “Sieben”.

Schelmuffsky: Jetzt also eine Tautologie. Bei Tautologien soll man ja vorsichtig sein.

Dr. Martin: Ich gebe Ihnen ein einfaches Beispiel, das schlagend die Verlogenheit von Tautologien zeigt: Eine Dissertation ist eine Dissertation.

Schelmuffsky: Heißt: Eine Dissertation ist eine Dissertation ist keine Dissertation.

Dr. Martin: Als heute im Radio gefragt wurde, was der Freiherr zu Guttenberg jetzt wohl machen werde, meinte meine Tochter: “Der hat ja jetzt Zeit, um seine Doktorarbeit zu verbessern.”

Schelmuffsky: Richtig. Aber noch mal zurück: Tautologien sind also immer eine Lüge.

Dr. Martin: Nein. Von Gertrude Stein stammt die oft zitierte Tautologie: “Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose”.

Schelmuffsky: “Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose”. Das ist ein guter Schluss. Ich danke Ihnen für das Gespräch.


Aphorismus der Woche

Aphorismus der Woche

“Toleranz ist eine Geisteshaltung, die die anderen erreichen müssen, damit sie endlich so denken wie ich.”

Erwin Pelzig (d. i. Frank-Markus Barwasser)