Neue Lesefrüchte

Es gibt die großartigen Erzähler(-innen), bei denen aber kein Satz in den Vordergrund tritt (meine Lieblingserzählerin Alice Munro gehört zu dieser Kategorie), und es gibt die Erzähler(-innnen), bei denen im Text Gedanken und aphoristische Sätze eingestreut sind, die man sich rausschreiben möchte. Zu dieser zweiten Gruppe zählt Lars Gustafsson, den ich schon immer gerne gelesen und bewundert habe.

Eine Lesefrucht (in der auch eine gute Prise Walter Benjamin aufblitzt und ein hier bereits zitierter Text von John Berger anklingt) aus seinem sehr intelligenten wie zarten Roman über Erinnerung, erste erotische Verzauberung, philosophische Erkundungen und religiöse Zweifel, “Frau Sorgedahls schöne weiße Arme”:

“Die Wohnungen abwesender Menschen, ging es mir durch den Kopf, können zu einer Art Negativabdrücken ihres Lebens werden. Ungefähr wie jene harten, innen mit Samt ausgeschlagenen Futterale, in denen man Flöten und Klarinetten verwahrt, oder gar Waldhörner.
Eine abwesende schöne Frau hinterlässt keinen Abdruck in der leeren Luft. Aber in ihrer Wohnung. Die meisten dieser Abdrücke sind sehr subtil. Aber es gibt sie.
Und sie schaffen die Voraussetzung für eine Art Triumph der Phantasie. Genauso, bin ich versucht hinzuzufügen, wie Gottes solide Abwesenheit in der Welt den Anlass für ein ganzes Bündel von Triumphen der Phantasie gibt.”

Lars Gustafsson – Frau Sorgedahls schöne weiße Arme, München (Hanser) 2008, S. 145 f.

Image of Frau Sorgedahls schöne weiße Arme


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