Archiv für die Kategorie „Literaturkolumne“

Neue Lesefrüchte

25.06.2011 sm

“(…) Und die Philosophie,
hat man mir gesagt, sei eine Vorbereitung auf den Tod.

Ich bereite noch immer sorgfältig mein Leben vor,
in Erwartung des Tages, an dem es beginnt.

(…)”

aus: Lars Gustafsson “An der Oberfläche”, in: ders. Jahrhunderte und Minuten. Gedichte, ausgewählt von Michael Krüger, Frankfurt a. M. 2009, S. 16

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Neue Lesefrüchte

31.05.2011 sm

Es gibt die großartigen Erzähler(-innen), bei denen aber kein Satz in den Vordergrund tritt (meine Lieblingserzählerin Alice Munro gehört zu dieser Kategorie), und es gibt die Erzähler(-innnen), bei denen im Text Gedanken und aphoristische Sätze eingestreut sind, die man sich rausschreiben möchte. Zu dieser zweiten Gruppe zählt Lars Gustafsson, den ich schon immer gerne gelesen und bewundert habe.

Eine Lesefrucht (in der auch eine gute Prise Walter Benjamin aufblitzt und ein hier bereits zitierter Text von John Berger anklingt) aus seinem sehr intelligenten wie zarten Roman über Erinnerung, erste erotische Verzauberung, philosophische Erkundungen und religiöse Zweifel, “Frau Sorgedahls schöne weiße Arme”:

“Die Wohnungen abwesender Menschen, ging es mir durch den Kopf, können zu einer Art Negativabdrücken ihres Lebens werden. Ungefähr wie jene harten, innen mit Samt ausgeschlagenen Futterale, in denen man Flöten und Klarinetten verwahrt, oder gar Waldhörner.
Eine abwesende schöne Frau hinterlässt keinen Abdruck in der leeren Luft. Aber in ihrer Wohnung. Die meisten dieser Abdrücke sind sehr subtil. Aber es gibt sie.
Und sie schaffen die Voraussetzung für eine Art Triumph der Phantasie. Genauso, bin ich versucht hinzuzufügen, wie Gottes solide Abwesenheit in der Welt den Anlass für ein ganzes Bündel von Triumphen der Phantasie gibt.”

Lars Gustafsson – Frau Sorgedahls schöne weiße Arme, München (Hanser) 2008, S. 145 f.

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Neue Lesefrüchte

26.05.2011 sm

“(…) Auch scheint es mir, dass das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, noch honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten Charakter, – es verdirbt selbst den Magen.”
Friedrich Nietzsche

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Neue Lesefrüchte

12.05.2011 sm

“Am Ende sagt
von zweien der eine noch:
Ich hab dich eingelebt in die Verlassenheit
Am Ende sagt
von zweien der andere noch:
Sieh, alles Nahe ist so weit, so weit.”

aus: Arnold Stadler, Einmal auf der Welt. Und dann so, Drittes Buch: Mein Hund, meine Sau, mein Leben, Frankfurt a. M. (S. Fischer Verlag), S. 367

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Neue Lesefrüchte

03.02.2011 sm

“(…) Ich will dich kennenlernen, ein für allemal, und dich mit mir bekannt machen. Und dann Abschied nehmen. Ich meine, daß man sich am besten vor einem Abschied kennenlernt. (…)”

aus: Fjodor Dostojewskij: Die Brüder Karamasow. Aus dem Russischen neu übersetzt von Swetlana Geier, zitiert nach: Vom Sinn des Lebens. Ein Lesebuch für alle Lebenslagen, hrsg. v. Philipp Erlach und Thomas Reisch; Frankfurt a. M. 2010, S. 15

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Ein Grund hierher zu kommen, ein Grund für nichts. Genuß, nicht vermißt, benannt, erinnert zu werden. Genuß einer Gegenwart ohne Wunsch und Täuschung, Bestimmung und Zufall. Ohne Hoffnung und Rückhalt außer mir selbst.

aus: Christoph Meckel: Einer bleibt übrig, damit er berichte, Frankfurt a. M. 2010, S. 32 f.

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Neue Lesefrüchte: Fjodor Dostojewskij – Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

14.01.2011 sm

Neulich sah ich mir zum wiederholten Male den Film “Die Frau mit den 5 Elefanten” von Vadim Jendreyko an, der das Leben von Swetlana Geier erzählt, der Übersetzerin von Fjodor Dostojewskij. Ich kenne kaum einen anderen Film, in dem so feinsinnig der Zusammenhang von Sprache und Wirklichkeit gezeigt wird, auch die Unvereinbarkeiten der beiden Sphären, auch die Inkompatibität der russischen und der deutschen Sprache. Wenn man an die Holzhammer-Bildmetaphern denkt, mit denen ständig in der “Tagesschau” und anderen Erzeugnissen des sogenannten öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf einen eingedroschen wird, weiß man die unglaublich subtile Verbildlichung selbst sehr komplexer Aussagen in diesem Film zu schätzen. “Die Frau mit den 5 Elefanten” ist als DVD verfügbar. Also: Ansehen. Punkt und Ausrufezeichen.

Inspiriert durch Swetlana Geier habe ich Dostojewskij hervorgeholt. Ein kleineres Werk von ihm: “Aufzeichnungen aus dem Kellerloch”. Friedrich Nietzsche soll dieses Buch, wie der Klappentext verkündet, “für einen Geniestreich der Psychologie” gehalten haben. Genau das ist es, und eine große Vernunftkritik auch und vieles mehr. Und jetzt ein paar Zeilen daraus:

“(..) Ich glaube sogar, die beste Definition des Menschen wäre die folgende: ein zweibeiniges undankbares Wesen. Aber das ist noch nicht alles; das ist noch nicht sein Hauptfehler; sein Hauptfehler ist seine beständige Unmanierlichkeit (…) Unmanierlichkeit, folglich auch Unvernunft; denn es ist längst bekannt, daß Unvernunft nicht anders entsteht als durch Unmanierlichkeit. Versuchen Sie es, werfen Sie einen Blick auf die Geschichte der Menschheit: nun, und was sehen Sie? (…) Man kann alles über die Weltgeschichte behaupten, alles, was dem krausesten Hirn einfallen mag. Nur eines kann man nicht behaupten, nämlich: daß sie vernünftig sei. (…) Jetzt frage ich Sie: Was kann man nun von dem Menschen erwarten, von einem Wesen, das mit solch sonderbaren Eigenschaften ausgestattet ist? Überschütten Sie ihn mit allen Erdengütern, ertränken ihn in Glück bis über beide Ohren, so daß an der Oberfläche des Glücks nur noch Bläschen aufsteigen, wie im Wasser, verschaffen Sie ihm einen solchen Wohlstand, daß ihm nichts anderes zu tun übrigbleibt, als zu schlafen, Pfefferkuchen zu knabbern und für den Fortgang der Weltgeschichte zu sorgen – so wird er Ihnen auch hier, dieser selbe Mensch, auch hier aus bloßer Undankbarkeit, aus Mutwillen einen Streich spielen. Er wird sogar die Pfefferkuchen aufs Spiel setzen und den verhängnisvollsten Unsinn wünschen, die unökonomischste Sinnlosigkeit, einzig, um in diese positive Vernünftigkeit sein eigenes, verhängnisvolles, phantastisches Element einfließen zu lassen.”

aus: Fjodor Dostojewskij – Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, übersetzt von Swetlana Geier, Frankfurt a. M. 2008 (Fischer Klassik), S. 34 ff.

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Beiläufig sei noch erwähnt, dass dieses Gedankengut auch in “Eduards Traum” von Wilhelm Busch aufblitzt.


Der Nonsinn-Adventskalender

21.12.2010 sm

Das Fensterchen zum 21. Dezember:

Zwei Anagramme von Unica Zürn:

Die Nuetzlichkeit ist aller Laster Anfang

Zart sang ein Leichenkleid aus Flitter alt:
Neuland, Angst, ich friere kalt. Alle Zeit ist
aller Anfang. Die Nuetzlichkeit ist Laster.

Wunderbare Listen

Bunter Wanderseil
wilde Narrenstube
Rabenwein der Lust.

Aus: Unica Zürn – Im Staub dieses Lebens. Dreiundreißig Anagramme, Berlin 1980 (Alpheus Verlag), S. 17 u. 19 (das Buch ist vergriffen)


Der Nonsinn-Adventskalender

19.12.2010 sm

Das Fensterchen zum 19. Dezember:

Vor dem Fest der Liebe ein Brief aus einem der schönsten Liebesbriefwechseln (zwischen Viktor Sklovskij und Elsa (“Alia”) Triolet, der späteren Frau von Louis Aragon):

Siebenter Brief

Er dankt für die mit dem Brief geschickten Blumen. Es ist Alias dritter Brief

Und ich schreibe dir einen Brief. Mein kleiner Tatare, vielen Dank für die Blumen.
Das ganze Zimmer duftet danach, ich bin wach geblieben, denn ich wollte mich nicht von ihnen trennen.
In diesem unsinnigen Zimmer mit Säulen, Waffen und Eule fühle ich mich zu Hause.
Mir gehört darin die Wärme, der Geruch und die Stille.
Ich werde sie forttragen, wie ein Spiegelbild: ich gehe weg – und sie sind nicht mehr da, ich kehre heim, schau hin – sie befinden sich wieder an Ort und Stelle.
Kaum zu glauben, daß sie nur durch mich allein im Spiegel leben.
Am sehnlichsten wünsche ich mir jetzt den Sommer herbei – und daß alles, was war, nicht gewesen sei.
Daß ich jung und kräftig wäre.
Von der Mischung aus Krokodil und Kind bliebe dann nur das Kind zurück, und ich wäre glücklich.
Ich bin keine femme fatale, ich bin die rosige und runde Alia.
Das wars.
Ich küsse dich, ich schlafe.
Alia

Alias Briefe sind eindeutig die besseren. In zwei weiteren ihrer Briefe habe ich mir folgende Sätze angestrichen:
„Sei leicht, sonst mißlingt dir die Liebe. Und du wirst von Tag zu Tag trauriger.“
Und:
„Du schreibst über mich – für dich, ich schreibe über mich – für dich.“

Aus: Viktor Sklovskij – Zoo oder Briefe nicht über die Liebe, Frankfurt a. M. 1965 (Suhrkamp Verlag), S. 39; auch dieses Buch ist lange vergriffen

Literatur dazu:
Thomas Urban – Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre, Berlin 2003 (nicolai), S. 100 – 111

Image of Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre


Der Nonsinn-Adventskalender

15.12.2010 sm

Das Fensterchen zum 15. Dezember:

Aus dem Wörterbuch der Gemeinplätze von Gustave Flaubert:

Weihnacht. Ohne Gans keine Weihnacht.

Winter. Immer “außergewöhnlich” (vgl. Sommer). – Ist gesünder als die anderen Jahreszeiten.
Sommer. Immer “außergewöhnlich” sei er nun heiß oder kalt, trocken oder feucht.

Frostbeule. Zeichen von Gesundheit. Kommt davon, daß man sich wärmt, wenn man friert.

Schornsteinfeger. Die Schwalbe des Winters.

Und schon damals gab es folgende Gemeinplätze:
Bankiers. Alle reich. Halsabschneider, Blutsauger.

Börsianer. Alles Diebe

Zitiert nach Gustave Flaubert – Das Wörterbuch der übernommenen Ideen, Zürich 1987 (Haffmans Verlag)

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Der Nonsinn-Adventskalender

13.12.2010 sm

Das Fensterchen zum 14. Dezember:

On the fourteenth of December and to remember it as such.
Am vierzehnten Dezember und ihn als solchen zu erinnern.

aus: Gertrude Stein – Ein Geburtstagsbuch, aus dem Amerikanischen von Sylvia Lichtenberg, Berlin 1984 (Lilith Verlag); und auch dieses Buch ist, wie sollte es anders sein, vergriffen (das darf eigentlich nicht wahr sein).