Archiv für die Kategorie „Schelmuffskys wilde Welt“

Neue Lesefrüchte

27.09.2013 sm

Was liebst du an anderen? - Meine Hoffnungen.

aus: Friedrich Nietzsche – Die fröhliche Wissenschaft. Drittes Buch 272; in: Friedrich Nietzsche – Werke II, hrsg. von Karl Schlechta, München 1955 (Carl Hanser Verlag), S. 159


Neue Lesefrüchte

26.09.2013 sm

Nur noch wenige Tage und es jährt sich die Geburt eines der größten Schriftsteller zum zweihundersten Mal: Georg Büchner.
Am Ende von “Leonce und Lena” finden sich diese Zeilen, die die zukünftige Regierung in den Koalitionsvertrag aufnehmen sollte:
LEONCE. (…) wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monde nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren, und das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeer stecken.
VALERIO. Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, daß wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist; daß jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt erklärt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!

aus: Georg Büchner – Werke und Briefe, o. O. 1956, S. 141 f.


Nonsinn ist wieder da: Eine erste Zusammenkunft von IFALUG – Institut für angewandte Lebensfreude und Gebrauchszynismus (Schelmuffsky, Dr. Rainer Mumpitz, Carlo Pesetas, Dr. Sigurd Martin)

25.09.2013 sm

Schelmuffsky: Wenn ich das richtig sehe, versammeln wir uns heute zum ersten Mal seit beinahe zwei Jahren. Zunächst einmal herzlich willkommen. Es ist toll, dass das gesamte Institut sich nach so langer Zeit wieder gefunden hat.
Dr. Rainer Mumpitz: Jau, ey! Und ich hoffe natürlich, dass wir gleich zur Sache kommen, also z. B. …
Schelmuffsky: Nicht so schnell. Oder doch: Ein dreifach Hoch auf die Fünfprozenthürde, die segensreiche. Das hatte ja zum Schluss doch etwas leicht Widerwärtiges, wie dieser Politgreis, wie hieß er doch gleich?, beim FDP-Parteitag nur noch die reine Inhaltsleere rausrülpste und dann auch noch anfing, um Zweitstimmen zu betteln.
Dr. Rainer Mumpitz: Es gab ja noch so viele andere segensreiche Ereignisse. Wir waren Papst zum Beispiel. Wer hätte damals gedacht (Sie erinnern sich an unser legendäres Interview mit Gott!!, übrigens später von der „Zeit“ sehr schlecht abgekupfert), dass auch der Papst zurücktreten könnte. Bravo.
Schelmuffsky: Womit wollen wir uns eigentlich in nächster Zeit beschäftigen, wenn die FDP, der Guido, der Papst und noch so viele andere weg vom Fenster sind.
Dr. Rainer Mumpitz: Uns wird schon was einfallen. Es gibt ja auch ständig was zu beobachten. Haben Sie z. B. schon die neue C&A-Werbung zur Kenntnis genommen? Wo die Männer den Frauen am Bauch hängen und nur noch als Ballast hinterhergeschleift werden, während die Frauen telefonieren, sich gegenseitig kurz zunicken, die Preisschilder immer auf den Plakaten im Hintergrund. Und wie dämlich die Männer darob lächeln, dass sie endlich abserviert, wenngleich aber noch nicht ganz abgeschüttelt sind.
Schelmuffsky: Genau. Warum schweigen Sie eigentlich die ganze Zeit, Herr Dr. Martin? Langweilen wir Sie?
Dr. Martin: Nein überhaupt nicht. Ich freue mich ungemein, um nicht zu sagen: ganz besonders, dass wir wieder zusammen sind.
Schelmuffsky: Und? Gibt’s was Neues?
Dr. Martin: Ich gebe mal einen Aphorismus Marke Eigenbau zum Besten, der mich in den letzten zwei Jahren u. a. beschäftigt hat. Tatataaaaa und Tusch: „Wie sehr einem Nichts fehlt, merkt man erst, wenn man was hat.“
Schelmuffsky: Das klingt zunächst mal irgendwie oder auch interessant. Darauf kommen wir bestimmt noch öfter zurück.
Dr. Martin: Das will ich aber doch sehr hoffen. Ich bin, aber davon später, bis ins hinterste Tibet gereist, aber es hat sich gelohnt. Also: Ein so reines Nichts gibt’s hier in Europa gar nicht, ja, wahrscheinlich nirgends auf der Welt als a.a.O. Ich bin jetzt der Exklusivimporteur. Demnächst hier im Shop.
Dr. Rainer Mumpitz: Vielleicht darf ich mal ein wenig Nichts analysieren. Das könnte der Stoff sein, aus dem die Träume sind.
Schelmuffsky: Das ist doch für heute ein Schlusswort. Und jetzt den Sekt entkorkt und noch einmal ein dreifach Hoch auf das Ende der FDP.
Dr. Martin: Oder auch: Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Haben Sie’s gesehen? Na sehen Sie.


The Medium is the Massage: Ein Gespräch von Schelmuffsky mit Dr. Rainer Mumpitz über Medien

27.09.2011 sm

Schelmuffsky: Herr Dr. Mumpitz, „The Medium is the Massage“ von Marshall McLuhan ist eine der bahnbrechenden und meistzitierten Arbeiten in der Medienwissenschaft. Sie haben sich damit beschäftigt.

Dr. Rainer Mumpitz: Genau. Bzw. genauer im Zusammenhang mit dem Medium Fernsehen.

Schelmuffsky: Was haben Sie herausgefunden?

Dr. Mumpitz: Das Fernsehen hat sich ja enorm verändert, sowohl technisch, als auch was das Programm angeht. Wie McLuhan sagt, war das Medium Fernsehen früher eindeutig in seiner Botschaft. In der Zeit des Röhrenfernsehens sagte man: „Ich gucke / schaue in die Röhre“, und allen war klar, was gemeint ist, nämlich lt. Wikipedia: „Ich gehe leer aus.“ bzw. „Ich werde benachteiligt.“ Oder eben: The medium is the message.

Schelmuffsky: Und dann kamen das Privatfernsehen und der Flachbildschirm.

Dr. Mumpitz: Exakt. Die Leere wurde sozusagen flach. Die Technik passte sich der Programmtiefe an, und die ist ja heute von einer Plattheit, dass selbst die neuesten Flachbildschirme irgendwie noch zu tief sind.

Schelmuffsky: Und wie ging es weiter?

Dr. Mumpitz: Das ist doch bekannt. Irgendwann sollte die flache Leere zumindest scharf sein, also erfand man HDTV. Und jüngst will man sozusagen die Quadratur des Kreises: Jetzt soll die flache Leere plötzlich dreidimensional erscheinen nach dem Motto: Die Hohlköpfe, die davor sitzen, sind ja schließlich auch dreidimensional.

Schelmuffsky: Ich las da neulich einen lustigen Beitrag auf Spiegel Spam über die „dritte Dimension“.

Dr. Mumpitz: Den habe ich auch gesehen. Der hat sehr treffend darauf hingewiesen, dass die meisten Menschen schlicht nicht mehr wissen, dass es eine dreidimensionale Welt neben der Flachbildschirm-Welt gibt. Deswegen sieht man auch so viele Menschen, wie sie Flachbildschirme und Displays streicheln. Ihnen gefällt die Zweidimensionalität.

Schelmuffsky: Die Zweidimensionalität ist ja an sich nichts Neues.

Dr. Mumpitz: Stimmt. Ich habe hier im April ja schon einmal meine Erfindung einer Brille erwähnt, mit der man alles zweidimensional sieht. Das eindimensionale Sehen von Westerwelle nachzustellen, ist mir allerdings bis heute nicht gelungen. Aber apropos Zweidimensionalität: Kennen Sie das Buch „Flächenland. Ein mehrdimensionaler Romans, verfaßt von einem alten Quadrat (Edwin A. Abbott)“?

Schelmuffsky: Aber natürlich. Das ist für einen Roman aus dem 19. Jahrhundert wirklich ein außergewöhnlich weitsichtiger Text. Ich glaube, wir sind auf dem besten Wege dorthin. Nur dass im Roman von Abbott der Erzähler der Zweidimensionalität in Richtung mehrdimensionaler Räume entflieht, während heutzutage ja alles auf den Punkt, nämlich den Standpunkt, den man einnimmt, hinausläuft.


Aphorismus der Woche

03.07.2011 sm

“Wir Deutsche sind im Ertragen von Langeweile ungemein stark und äußerst abgehärtet gegen Humorlosigkeit.”

Bertolt Brecht, Weniger Gips


Aphorismus der Woche

01.07.2011 sm

“Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.”

Ödön von Horváth, Geschichten aus dem Wienerwald. Motto


Neue Lesefrüchte

25.06.2011 sm

“(…) Und die Philosophie,
hat man mir gesagt, sei eine Vorbereitung auf den Tod.

Ich bereite noch immer sorgfältig mein Leben vor,
in Erwartung des Tages, an dem es beginnt.

(…)”

aus: Lars Gustafsson “An der Oberfläche”, in: ders. Jahrhunderte und Minuten. Gedichte, ausgewählt von Michael Krüger, Frankfurt a. M. 2009, S. 16

Image of Jahrhunderte und Minuten


Neue Lesefrüchte

31.05.2011 sm

Es gibt die großartigen Erzähler(-innen), bei denen aber kein Satz in den Vordergrund tritt (meine Lieblingserzählerin Alice Munro gehört zu dieser Kategorie), und es gibt die Erzähler(-innnen), bei denen im Text Gedanken und aphoristische Sätze eingestreut sind, die man sich rausschreiben möchte. Zu dieser zweiten Gruppe zählt Lars Gustafsson, den ich schon immer gerne gelesen und bewundert habe.

Eine Lesefrucht (in der auch eine gute Prise Walter Benjamin aufblitzt und ein hier bereits zitierter Text von John Berger anklingt) aus seinem sehr intelligenten wie zarten Roman über Erinnerung, erste erotische Verzauberung, philosophische Erkundungen und religiöse Zweifel, “Frau Sorgedahls schöne weiße Arme”:

“Die Wohnungen abwesender Menschen, ging es mir durch den Kopf, können zu einer Art Negativabdrücken ihres Lebens werden. Ungefähr wie jene harten, innen mit Samt ausgeschlagenen Futterale, in denen man Flöten und Klarinetten verwahrt, oder gar Waldhörner.
Eine abwesende schöne Frau hinterlässt keinen Abdruck in der leeren Luft. Aber in ihrer Wohnung. Die meisten dieser Abdrücke sind sehr subtil. Aber es gibt sie.
Und sie schaffen die Voraussetzung für eine Art Triumph der Phantasie. Genauso, bin ich versucht hinzuzufügen, wie Gottes solide Abwesenheit in der Welt den Anlass für ein ganzes Bündel von Triumphen der Phantasie gibt.”

Lars Gustafsson – Frau Sorgedahls schöne weiße Arme, München (Hanser) 2008, S. 145 f.

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Spanische Gurken sind unschuldig, deutsche Gurken: Freispruch 2. Klasse

 sm

Spanische Gurken unschuldig


Neue Lesefrüchte

26.05.2011 sm

“(…) Auch scheint es mir, dass das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, noch honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten Charakter, – es verdirbt selbst den Magen.”
Friedrich Nietzsche

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